Die Kunst eines viatorischen Lebensstils

Abstract / DOI

Vocation and the Art of a «homo viator» lifestyle. Regarding decicive turning points in life in view of the «homo viator» lifestyle implies a lifelong way of personal vocation. The spiritual way of the believer is precious and unique in its «mystagogic» and dynamic dimensions. A «homo viator» lifestyle prevents a stagnating and «bourgeois» spiritual attitude. More than the mere exercise of spiritual duties and practices the inner way of belief means a «viatoric» existence of the individual believer as well as the whole church.

In der Heiligen Schrift ist immer wieder davon die Rede, dass und wie Gott seinen Willen kundtut und beruft. Solche Berufungsberichte können den Eindruck entstehen lassen, Gottes Ruf würde den Menschen allein von außen, gleichsam «vom Himmel herab» treffen. Die folgenden Überlegungen gehen von einer anderen Erfahrung aus, denn Gott beruft ebenso – sogar meistens – «von unten» her, nämlich durch die Ereignisse und Dinge eines Lebensweges. Darin zeigt sich ein spezifisches Verständnis von Berufung, nämlich dass der Mensch in der Gesamtheit seiner Bestimmungen als ein Ruf Gottes verstanden werden darf: Er bekommt nicht den Ruf Gottes, er ist Ruf Gottes!1

Das Finden des Willens Gottes ist eng mit dem Sich-Einlassen auf den eigenen Lebensweg verbunden; dies setzt aber bestimmte Teil- und Vorfragen voraus: Wer bin ich? Wo liegen meine Fähigkeiten und Stärken, meine Grenzen und Schwierigkeiten? Welche Aufgaben und Verpflichtungen habe ich? Nur wer sich selbst genau kennt und weiß, was er will, wird auch wissen, was Gott von ihm will. Die Kunst eines gläubigen Lebensstils besteht darin, auf diese Weise immer eindeutiger und klarer den eigenen Lebensweg vom Formgesetz des Glaubens durchdringen zu lassen.

1. Viatorische Lebenspädagogik

Die Suche nach dem eigenen Lebensweg ist keine Sache von Rezepten und einfachen Ratschlägen, auch klärt sie sich nicht allein durch den äußeren Vollzug von Gebetsübungen. Es bedarf vielmehr des Charismas einer «genialen Heiligkeit». Im Dekalog heißt es: «Du sollst...» und: «Du sollst nicht...», doch die Seligpreisungen des Evangeliums entwerfen eine schöpferische und phantasievolle Gestaltung des Lebens mit Gott: «Wenn jemand zu mir kommt und mir nachfolgen will...» Wie einer sein Leben erfährt bzw. bewusst annimmt und gestaltet, ist unmittelbarer Ausdruck dessen, was er als seine Berufung erkannt hat.

Im Zueinander von eigener Aktivität und offener Erwartung des Wirkens Gottes, von aktiver Lebensgestaltung und kontemplativer Aufmerksamkeit für Gott und seinen Willen bedarf es eines intensiven Mühens, ohne das kein Mensch zur Vollreife gelangt. Manchmal will es scheinen, es genüge eine faszinierende Sache, meist «Beruf» oder sogar «Berufung» genannt, oder es genüge eine angesehene Stellung in der Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit, um das erstrebte Ziel eines Lebens im Glauben zu erreichen. All dies wird letztlich nicht reichen, es bedarf eines Engagements ganz anderer Art: Ein gläubiger Mensch wird sich bei seiner Lebensgestaltung nicht allein von den sogenannten «Fakten» und «Zufälligkeiten», sondern vor allem von innen her lenken lassen.

Weder Veranlagung noch Ausbildung oder Umwelteinfluss genügen, um einen Menschen so zu formen, dass er – auch in seinem Glauben – «erwachsen» wird; dass er wirklich zur Reife kommt, entscheidet sich daran, ob er zum Eigentlichen seines Wesens vordringt und innerlich wächst. Dieser Reifungsprozess geht meist auf eine eher unmerkliche Weise vor sich; doch bedarf es einer durch nichts zu ersetzenden Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit: Das Leben mit Gott kann nicht nachgeahmt oder von einem anderen kopiert werden, es erwächst aus der unmittelbaren Begegnung mit dem, was hier und heute vom Willen Gottes erkannt und konkret erfüllt wird.

Damit ein geistlicher Reifungsprozess der Berufung gelingt, muss das eigene Dasein ernst genommen werden. Ein Kind braucht dies noch nicht tun, es kann in den Tag hineinleben und sich dem Augenblick hingeben. Aber einmal muss sich ein Wandel vollziehen, ohne den keiner erwachsen wird. Der Jugendliche kann die Aufforderung, das eigene und ihm aufgetragene Leben ernst zu nehmen, zunächst als das übliche Gerede der Erwachsenen abtun und sich davon emanzipieren. Doch eines Tages hat er sich zum Weg der eigenen Reifung zu entscheiden. In dieser Entscheidung ist er unvertretbar. Auch ist es nicht möglich, ihn darin anzuleiten, wie er sein Leben ernst zu nehmen hat, vielmehr muss jeder für sich selbst den Schritt zu einem Leben aus der eigenen Mitte heraus tun. Dabei wird er seine Andersartigkeit und Einmaligkeit annehmen lernen und sie in eine konkrete Lebensgestalt bringen. Die Herausforderung, die mit der ihm aufgetragenen Einmaligkeit gegeben ist, erfährt er besonders an den Knotenpunkten der einzelnen Entwicklungsstufen seines eigenen Lebens.

Für Außenstehende mag es zuweilen scheinen, dass das äußere Leben eines Anderen in disparate Richtungen geht und in sehr unterschiedlichen Einzelperioden verläuft, die sich kaum in eine einheitliche Richtung bringen lassen. Der äußere Verlauf eines Lebens wird letztlich – trotz seiner tiefgreifenden Wirkung – noch keinen entscheidenden Einfluss darauf nehmen, ob ein Mensch die einheitliche Richtung seines Lebens findet. Die vielen Ereignisse, die von außen auf ihn eindringen, machen nicht die Grundsubstanz eines Lebens aus, wie sie allein diese auch nicht fundamental verändern werden. Eine einheitliche Grundlinie erhält das Leben eines Menschen erst, sobald er die Fähigkeit entwickelt, sich immer weniger von den äußeren Bedingungen leiten zu lassen, bzw. wenn er lernt, sie in sein eigenes Wesen zu integrieren.

Entscheidend für einen Lebens- und Berufungsweg sind also kaum allein die vielen Geschehnisse oder physischen und psychischen Vorgänge, auch nicht die verschiedenen Zwänge, denen sich der Einzelne ausgeliefert sieht: Mit all dem hat er auszukommen, da all dies zu seinem Werdegang gehört; entscheidend wird sein, was er aus all dem meist «Zufälligen» macht. Gerade durch die Art und Weise, wie einer auf das, was von außen auf ihn eindringt, reagiert und wie er es schließlich aufgreift oder verwirft, wird sich zunehmend jenes herauskristallisieren, was sein Eigenstes ist.

Meist entdeckt der Mensch den wahren Sinn seines Lebens erst recht spät, und zwar sobald es ihm möglich ist, den Großteil seines Lebens zu überschauen. Dennoch wird er bis dahin nicht abwarten, sondern in einem schöpferischen Handeln sich dem nähern, was er schon anfanghaft als das wahre Wesen seiner selbst erkannt oder zumindest geahnt hat. Dabei scheint es, dass der Mensch sich bei hinreichender Verinnerlichung, Selbsterkenntnis und Treue meist intuitiv zu dem hingezogen fühlt, was ihm als zukünftige Lebensaufgabe bevorsteht. Diese Intuition und dieses Hingezogensein sind wie eine Ankündigung und ein «Vorzeichen» für eine Verpflichtung, nämlich mit dem Einsatz der im eigenen Leben – vielleicht auch nur bruchstückhaft – erkannten Wahrheit eine authentische Entscheidung im Glauben zu treffen.

2. Viatorische Lebensentscheidung

Eine Lebensentscheidung im Glauben darf als Höhepunkt und Ernstfall personaler Selbstbestimmung gelten,2 denn mit einer solchen Entscheidung erhält der Mensch die Möglichkeit, in und mit ihr sich selbst zu verwirklichen. Ohne eine solche fundamentale Entscheidung über das eigene Leben gibt es keine Selbstverwirklichung.

Der Anspruch jedoch, der mit einer solchen Lebensentscheidung gegeben ist, scheint kaum durchzuhalten sein. Dem Menschen von heute fällt es nicht leicht, Entscheidungen zu fällen und ihnen treu zu bleiben. Zu gut sind die zahlreichen psychologischen und soziologischen Gegebenheiten bekannt, die für viele Zeitgenossen den umfassenden Anspruch einer Lebensentscheidung kaum noch glaubwürdig erscheinen lassen. Die Tatsache, dass immer häufiger Lebensgeschichten scheitern, legt sich eher schwächend und verletzend auf die Entscheidungskraft des Einzelnen. Er fragt sich ängstlich, ob er die eingegangene Bindung durchzutragen vermag, denn er könnte sich ja in eine Richtung entwickeln, die ihn schließlich so verändert, dass er die einmal getroffene Lebensentscheidung nicht mehr aufrechterhalten wird: Wer kann schon auf Dauer mit einem «Irrtum» leben! Diese und viele andere Aspekte lassen fragen, ob ein viatorisches Verständnis der Lebensentscheidung überhaupt sinnvoll und vertretbar ist.

Solange der Einzelne sich und dem eigenen Leben mit Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit begegnet, wird er ermessen, was bei der zu treffenden Lebensentscheidung «auf dem Spiel steht». Hier gilt der Rat: Wähle das, was nur du selber tun kannst und von dem du siehst, dass niemand sonst es tun kann und tun würde! Zu wählen ist also nicht, was sich einem einfach anbietet und was man ohne weiteres bewältigt, vielmehr gilt es, die «je größere Wahl» zu treffen, welche nämlich mit der Eigenheit des eigenen Lebens und Wesens übereinstimmt. Eine derartige Lebensentscheidung befreit aus kleinlich verrechneten Wahlmöglichkeiten, die man nur für sich und seine eigenen Interessen wählt, und fordert dazu auf, der Herausforderung des eigenen Lebens zu antworten durch einen «je größeren» Dienst. So wird sich der Einzelne zu fragen haben, wofür er leben und sterben will, um dem in seiner «Wahl» einen Ausdruck zu geben. Demnach hat die Verbindlichkeit, die mit einer derart getroffenen Lebensentscheidung gegeben ist, ihren Grund in der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der Person.

Jede Lebensentscheidung enthält den Anspruch, die Wirklichkeit des eigenen Ichs vollkommen und exemplarisch zu bündeln. Mit der konkreten Entscheidung über das eigene Leben und in der Bereitschaft, aktiv die eigene Zeit und Geschichte zu gestalten, festigt sich der Selbststand eines Menschen in seiner Einmaligkeit. Wie jede menschliche Existenz einmalig ist, so auch die zu treffende Lebensentscheidung. Demnach wird der Mensch wohl nur einmal auf unwiederholbare Weise sich und sein Leben in einer solchen Lebensentscheidung als seiner Berufung zusammenfassen. Demnach ist eine Lebensentscheidung unmittelbarer Ausdruck der Identität eines Menschen und seines ihm eigenen Lebens- und Selbstverständnisses. Wohl kann es vorkommen, dass der Mensch seinen Beruf wechselt; bricht aber eine Berufungsgeschichte zusammen, die in einer Lebensentscheidung ihren Ausdruck gefunden hat, kommt es nicht nur zum Zusammenbruch einer Lebensgeschichte, sondern vermutlich auch der Identität eines Menschen, der sich und sein Selbstverständnis in seiner Lebensentscheidung zusammengefasst hat. Kurz gesagt: Personalität und Lebensentscheidung bedingen sich gegenseitig.

3. Andauernde «Krisis»

Die Bündelung des eigenen Lebens, die mit einer Lebensentscheidung gegeben ist, hat ihre Nachgeschichte. Der Mensch wird nämlich nach der getroffenen Lebensentscheidung erkennen, wie unfertig und unvollkommen diese ist, so dass sie der Nachreifung bedarf. Keine Lebensentscheidung ist schon in sich vollkommen richtig, rundum reif und geläutert; vielmehr erweist sich jede Lebenswahl als ein Rahmen, der über die noch offene Lebensgeschichte gelegt wird und als solcher in ständiger Selbstkorrektur neu ausgefüllt werden muss. Eine Lebensentscheidung will geläutert, gereinigt, vertieft und kultiviert werden. In diesem Sinn zieht jede Lebensentscheidung eine permanente Selbstkorrektur nach sich, sie beinhaltet eine dauernde Wachstums- und Reifungsgeschichte. Wächst und reift der Mensch nicht mit seiner Lebensentscheidung, wird er sie schließlich verspielen und unterhöhlen.

Die konkrete Ausgestaltung einer Lebensentscheidung in der ihr folgenden Nachgeschichte ist nicht leicht und bedeutet auch für einen Glaubenden eine große Herausforderung. Denn der Christ lebt nicht nach einer positivistisch-objektivistisch verstandenen Lehre, sondern in Treue zu der ganz persönlichen und unwiederholbaren Berufung; deshalb sucht er im Verlauf seines Reifungsprozesses immer mehr das im Glauben Erkannte umzusetzen und konkret Gestalt werden zu lassen. Auf diese Weise eröffnet die Nachgeschichte einer Lebensentscheidung einen schöpferischen Prozess, bei dem sich der Einzelne auf keine Durchschnittsleistungen beschränken wird, die bloß beim Normalmaß bleiben bzw. die von allen anderen erfüllt werden können, er wird vielmehr den Anspruch der zu treffenden Lebensentscheidung im Bewusstsein der Einmaligkeit und Einzigartigkeit des eigenen Lebens und in Treue gegenüber dem Gewissen unmittelbar einzuholen suchen. Der schöpferische Prozess der Nachreifung einer Lebensentscheidung übersteigt dabei jede zu bringende Leistung: Das Handeln folgt auch hier dem Sein. Ein äußeres Gesetz fordert eine sachgemäße Erfüllung, während eine personale Begegnung, um die es ja im Leben wie auch Glauben letztlich geht, nie abgeschlossen und abgeleistet ist, sondern unausschöpfbar bleibt und zu einem je neuen Aufbruch fordert. Diesem Gesetz personaler Einsicht und Reifung folgt das Wachsen in der Konsequenz der eigenen Lebens- und der darin enthaltenen Glaubensentscheidung.

Zur konkreten Nachreifungsgeschichte einer Lebensentscheidung bedarf es sodann einer Ökonomie der Kräfte, ohne die sie niemals gelingen wird. Es gilt, Peripheres und Nebensächliches auszusondern, damit die entscheidenden Brennpunkte des eigenen Lebens und Handelns immer klarer aufleuchten. Dies gelingt nur unter Verzicht und «Askese». Will der Mensch seiner getroffenen Lebensentscheidung treu bleiben, wird er ständig unterscheiden und entscheiden müssen, was zum Kern seiner Berufung gehört und was diesen eher verdeckt oder schwächt. Auf diese Weise führt die Nachreifung einer getroffenen Lebensentscheidung zu einer – manchmal sehr notvollen – tieferen Selbsterkenntnis und Selbstfindung.

Die viatorische Nachreifung der Lebensentscheidung bringt demnach eine permanente «Krisis» mit sich, in der das Unangemessene der eigenen Lebensentscheidung progressiv ausgeschieden wird, worüber der Mensch angesichts seiner eigenen Grenzen und Schwächen auch dem Geheimnis seines persönlichen Lebensprozesses begegnet. Askese als Einübung in die Wahrheit des eigenen Lebens kommt hier aus keinem selbstgesetzten Maß an Überwindung, sondern bedeutet das treue und hoffnungsvolle Aushalten des Unvorhersehbaren und Undurchschaubaren. Askese in diesem Sinn meint die fortschreitende Integrierung des geheimnisvollen «Restes», nämlich des Leidens und des Kreuzes, vor dem selbst der Glaube nicht bewahrt. Solange der Mensch seiner einmal getroffenen Lebensentscheidung aber treu bleibt, selbst wenn sie nicht unmittelbar und verrechenbar gleich zum «Erfolg» führt, wird er tiefer in die geheimnisvolle Wahrheit seines Lebens hineinwachsen.

Es gehört zum viatorischen Spezifikum der Lebensentscheidung, dass am Anfang ihr tieferer Sinn noch nicht definitiv entschieden ist, vielmehr vollendet sie sich meist erst im Reifungsprozess ihrer Nachgeschichte. Entscheidend ist also nicht allein, welche Lebensentscheidung in der Vergangenheit getroffen wurde, sondern wie man künftig mit der getroffenen Entscheidung lebt, ob man sich also der moralischen Aufgabe stellt, die mit der einmal getroffenen Lebensentscheidung auferlegt ist. Mit jeder Lebensentscheidung bleibt die andere – teils notvolle – Erfahrung verbunden, dass personales Leben, wenn es gelingen will, auf Kontinuität und Stetigkeit – in ständiger Korrektur und aufmerksamem Warten – angewiesen ist. Die volle Wahrheit einer Lebensentscheidung und damit des eigenen Lebens wird meist erst am Ende eines längeren Weges geahnt. Deshalb lässt sich mit Recht von der Lebensentscheidung als einem «Lebensprojekt» bzw. auch vom «Lebensprojekt Berufung» sprechen.

Die viatorischen Dimensionen einer Lebensentscheidung im Glauben, wie wir sie bisher erarbeitet haben, lassen sich wie folgt zusammenfassen: Jede Berufung ist mehr als ein einmaliger Augenblick auf dem Weg der Erkenntnis dessen, was Gott von einem will, vielmehr ist Gottes Ruf in einem lebenslangen Prozess immer tiefer zu verstehen und in der alltäglichen Praxis auszubuchstabieren; nur so wird der Mensch seiner Berufung treu bleiben. Wohl hat der Einzelne kaum objektive Kriterien zu Händen, die in den Augen der Anderen oder nach eigenem Ermessen jene Besonderheit seiner selbst rechtfertigen, aus der heraus er seine Lebensentscheidung erklären und leben muss; auch wird er von keinem Anderen gesagt bekommen, was das Wesentliche seines Lebens ausmacht, vielmehr muss dies jeder bei sich selbst entdecken; es wird sich ihm durch eine scheinbar ungeordnete Folge von kaum wahrnehmbaren Initiativen enthüllen, die in das Gesamtverständnis seines Lebensweges zu integrieren sind. Damit der Einzelne schließlich das ihm Eigene in der Ausgestaltung seines eigenen Lebensstils ergründet und zum Ziel seines Lebens- und Berufungsweges im Einklang mit dem Willen Gottes gelangt, müssen noch weitere Kriterien erfüllt sein, die es nun darzustellen gilt.

4. Unterscheidung in Freiheit

Der Mensch gelangt im viatorischen Fortschreiten seines Lebens zur inneren Vollendung, indem er die vorhergehenden Stadien des Lebenswegs integriert und diese in sich aufnimmt. Dies lässt sich gerade an jenen Heiligen verdeutlichen, die in ihrem Leben erstaunlich «jung» geblieben sind. Was sie gedacht und gelebt haben, kommt aus einem jugendlichen Herzen, das nicht vorzeitig angesichts der Schicksalsfälle des Lebens resigniert, sondern den ersten Schwung im Lauf des Lebens behalten hat. Es ist in der Tat traurig, zu sehen, wie junge Menschen am Anfang ihres Weges in einem Priesterseminar oder einem Noviziat mit Eifer und Begeisterung beginnen, aber sich nach wenigen Jahren von ihren früheren Idealen und Vorsätzen verabschieden; sie etablieren sich und nehmen die Dinge, die sie sich einmal vorgenommen hatten, nicht mehr so genau. Und wie schwer kann es sein, vor Mitbrüdern oder geistlichen Insidern, die längst schon alles «wissen», eine Predigt oder einen geistlichen Vortrag zu halten! Doch eine Art «technischer» Bewältigung des Wortes Gottes, das man erkannt zu haben scheint, gibt es nicht. Es gilt also, und darin besteht die Kunst eines viatorischen Lebensstils, aus dem Geschenk der göttlichen Berufung immer neu zu den Ursprüngen und Quellen des eigenen Daseins zurückzukehren und auf diese Weise in geistlicher Hinsicht «jung» zu bleiben.

Um auf dem Berufungsweg die ursprüngliche Frische zu bewahren, muss von dem geistlichen Grundgesetz ausgegangen werden: Nicht jede Bewegung Gottes ist Wille Gottes! Vielmehr muss immer neu aus der Fülle dessen, was möglich und gottgemäß ist, jeweils das eine ausgewählt werden, was Gott jetzt vom Einzelnen will. Um die Gnadengabe dieser Unterscheidung hat sich jeder zu bemühen, wie es im 1. Johannesbrief heißt: «Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind» (1 Joh 4, 1); nur so lässt sich das Gute behalten (1 Thess 5, 21). Bei einem solchen Prozess der Unterscheidung geht es um den Erwerb eines «geistlichen Sinnes», wie es in der altchristlichen Mönchssprache heißt. Das geistliche Sensorium des Unterscheidens entwickelt sich in der täglichen Praxis gläubigen Lebens und führt dazu, dass der Mensch auf seinem Berufungsweg klarer erkennt, woher die verschiedenen Regungen stammen, die er in sich wahrnimmt.

Die zunehmende Erkenntnis des Willens Gottes ist aufs engste mit dem tieferen Verständnis des eigenen Lebens verbunden. Gott achtet die Freiheit des Menschen, deshalb handelt er – normalerweise – nie direkt und unmittelbar, sondern durch die Ereignisse, Situationen und Fähigkeiten des Menschen hindurch; sie alle müssen vom Glaubenden in ihrem Zeichencharakter erkannt und daraufhin befragt werden, wo und wie sich in ihnen die Stimme Gottes hören lässt. Die Erkenntnis des konkreten Willens Gottes für den eigenen Lebensweg ergibt sich, wie dargelegt, für den Glaubenden aus der Konvergenz zwischen Anruf und Ereignis «von außen» und deren Deutung «von innen». Diese Deutung kann als «Kontemplation» verstanden werden, gilt es doch, die Dinge des Alltags «zusammenzusehen» und zu «sammeln», um sie durchzuerleben bis zu dem Punkt, wo sie von Gott kommen.3 Da nicht wir Ihn erwählen, sondern Er uns erwählt hat ( Joh 15, 16), lautet die Grundweisung für das Lebensprojekt Berufung: Unsere Sache ist die Unterscheidung, Gottes Sache hingegen die Entscheidung.

Ein solcher Unterscheidungs- und Entscheidungsweg im Glauben trägt ebenfalls seine viatorischen Merkmale. Was immer nämlich vom Willen Gottes bisher erkannt wurde, ist hier und heute einzuholen und zu erfüllen; eine Unterscheidung, die auf diese Weise nicht unmittelbar heute zu einer konkreten Entscheidung wird, bleibt ziellos: Unterscheidung drängt zur Entscheidung! Nur im täglichen Nachfolgen weiß der Christ, auf wen er sich einlässt; wer hingegen das Evangelium nicht täglich ernst nimmt, darf nicht erwarten, plötzlich von Gott erleuchtet und zur Klarheit der Erkenntnis geführt zu werden. Wer im Alltäglichen hingegen weiß, was er will, wird zunehmend auch wissen, was Gott von ihm will.

Eine weitere Grundhaltung eines viatorischen Verständnisses der Berufungsgeschichte als Lebensentscheidung im Glauben lässt sich aus dem Wesen der Sehnsucht erkennen. Ist eine Sehnsucht nach Gott echt, wird sie selbst bei einem Aufschub wachsen; nimmt sie durch den Aufschub ab, war es vielleicht kein Ruf Gottes bzw. ist dieser noch nicht recht erkannt. Stellt sich also ein bestimmter Wunsch nur für eine kurze Zeit ein und verfliegt dann bei Nicht-Erfüllung bzw. Aufschub, war er vermutlich nicht gottgewollt. Was diese Unterscheidungsregel meint, lässt sich einer Predigt von Papst Gregor dem Großen4 entnehmen; er spricht über die Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen. Wie sie zum Grab kam und dort den Leib nicht fand, meinte sie, man habe ihn weggebracht, und meldete es den Jüngern. Als diese nachgesehen hatten und «nach Hause zurückgekehrt waren», heißt es: «Maria aber stand draußen vor dem Grabe und weinte» ( Joh 20, 11). Papst Gregor sagt nun: «Sie suchte den, den sie nicht gefunden hatte, und weinte beim Suchen. Vom Feuer der Liebe entzündet, glühte sie in Sehnsucht nach ihm, weil sie meinte, man habe ihn weggebracht. So kam es, dass sie allein ihn dort sah, weil sie geblieben war, um ihn zu suchen. Beharrlichkeit ist die Kraft guter Tat, und die Stimme der Wahrheit spricht: ‹Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet› (Mt 10, 22). Sie eben begann zu suchen und konnte ihn nicht finden. Sie suchte beharrlich weiter, und sie fand. Durch den Aufschub wuchs die Sehnsucht, und im Wachsen ergriff sie, was sie gefunden hatte: Heilige Sehnsucht wächst durch den Aufschub. Nimmt sie durch den Aufschub ab, so war es keine Sehnsucht. Von dieser Liebe glühte ein jeder, der zur Wahrheit gelangt ist.»

5. Wachsende Reifung

Der Weg der inneren Reifung in der eigenen Berufungsgeschichte hat auch seine psychologischen Seiten und Gegebenheiten, die im Verlauf der Lebensgeschichte des Menschen je andere und neue, tiefere Zugänge zur eigenen Berufung ermöglichen. Voraussetzung ist, dass der Einzelne in jedem Lebensalter so gegenwärtig lebt, dass er die vorhergehenden Stadien seines Lebenswegs für die Entfaltung in den weiteren Jahren seines Lebens offen hält. Gewiss, die einzelnen Lebensalter haben Eigenschaften, die sich gegenseitig ausschließen, und doch wird sich der reife Mensch beispielsweise immer auch nach dem zurücksehnen, was er als Jugendlicher in seinem Glaubensleben einmal gewesen ist und was er inzwischen vielleicht verloren hat oder was ihm so jetzt nicht mehr zugänglich ist. Die Lebensalter stehen ja nicht unverbunden nebeneinander, sondern entfalten sich kontinuierlich von einem Lebensjahr zum nächsten; es gibt im Leben des Menschen einen unumkehrbaren Fort-Schritt. Nur wenigen gelingt es jedoch, ihre Jugendzeit in das Erwachsensein und dieses in das Alter mitzunehmen.

Darin zeigt sich ein weiteres viatorisches Gesetz in der Berufungsgeschichte des Glaubens: Der Mensch findet im Fortschreiten seines Lebens nur insofern zur inneren Vollendung, als er die vorhergehenden Stadien des Lebenswegs integriert und in sich aufnimmt. Somit stellt sich die Frage, wie die einzelnen Lebensphasen für das Lebensprojekt Berufung fruchtbar werden können.

Jedes Lebensalter, jede Stufe ist eines Tages zu verlassen und zu übersteigen, aber jede für sich bedeutet ein nie wiederkehrendes Geschenk, denn sie enthält eine einzigartige Verheißung. Doch diese Verheißung wird mit zunehmendem Alter, auffälligerweise, nur selten gesehen und kaum aufgegriffen. Meist gibt es einen deutlich aufsteigenden Trend in der gläubigen Urteilsfindung, der sich bei höherem Alter stabilisiert; danach fällt bei den Älteren das Niveau nicht selten signifikant ab. Dieses Phänomen einer Umkehrung des Entwicklungstrends im höheren Alter ist theoretisch noch ungeklärt, zumal es der den kognitiv-strukturellen Ansätzen gemeinsamen These einer Unumkehrbarkeit struktureller Entwicklungen widerspricht.5 Es gilt, noch genauer darüber nachzudenken, wie es kommt, dass der Mensch mit zunehmendem Alter in seinem Glaubensleben und gerade in der letzten Ausgestaltung seines Berufungsweges nur selten die wahre Reife erlangt und stattdessen eher retardiert oder in einem verbürgerlichten Spießertum – auch in geistlicher Hinsicht – scheitert.

6. Das christologische Vorzeichen eines viatorischen Ansatzes

Wenigstens kurz sei darauf hingewiesen, dass ein viatorisches Verständnis der Lebensentscheidung und Berufung seine Begründung im Leben Jesu hat. Von den verborgenen Jahren, die Jesus in der Zeit von seinem zwölften bis zu seinem dreißigsten6 Lebensjahr in Nazareth verbrachte, lesen wir in Lk 2, 51f: «Dann kehrte er mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen gehorsam. [...] Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.» Dass Jesus an Weisheit und Gnade zunahm, verstehen die Kirchenväter – bis hin zu Thomas von Aquin – als einen Hinweis auf das wahre Menschsein Jesu.7

Ein wichtiger Schlüssel, um die zitierten Verse des Evangelisten Lukas in rechter Weise zu bedenken, ergibt sich aus dem theologischen Grundsatz, dass die Erlösungsordnung die Schöpfungsordnung nicht aufhebt, sondern sie erfüllt und vollendet. So entspricht auch der Heilssinn der verborgenen Jahre im Leben Jesu dem Schöpfungsplan Gottes und gibt eine tiefere Einsicht in ihn.8

Das «Wachsen» Jesu als Kind in Nazareth bestimmen Lk 1, 80 und 2, 40 mit demselben Begriff, den die Septuaginta in Gen 1, 22 mit αὐξύνεσθε wiedergibt. Wie Johannes im Geist erstarkte, wächst auch Jesus in den Jahren vor seiner Pilgerreise nach Jerusalem; er wächst, wie Gott es in seiner Schöpfungsordnung vorgesehen hat. Für das Wachsen in Weisheit während der verborgenen Jahre in Nazareth verwendet Lk 2, 52 hingegen das Wort προέκοπτεν; es bezeichnet kein Wachsen «ohne Mühen», sondern gerade unter Mühen. In diesem Sinn heißt es in der Vulgata «proficiebat» (vorwärtskommen, etwas erreichen, nutzen). Mit der Begriffswahl ist ein bewusster Hinweis auf das wahre Menschsein Jesu und seine viatorische Existenz angedeutet.

Die dreißig Jahre verborgenen Lebens gehören in gleicher Weise zur Offenbarung Gottes und zu den Mysterien des Lebens Jesu wie die drei Jahre seiner öffentlichen Wirksamkeit: Gerade in der verborgenen Zeit von Nazareth macht Gottes Sohn «Fortschritte» (προέκοπτεν) und wächst zum «Vollalter» (ἡλικία) heran. Die Verborgenheit und das Schweigen der ersten drei Jahrzehnte lassen ein viatorisches Grundgesetz erkennen, das für die ganze Geschichte der Offenbarung gültig bleibt: Es bedurfte einer «unendlich großen Zeit», bis Gott beschloss, die Welt zu erschaffen und bis der Mensch sie zu erkennen und konkret wahrzunehmen vermochte: «Das Wesentliche im Ereignis des Kommens Christi ist nicht die Botschaft, die er bringt. Die christliche Botschaft hat keine Lehre zum Inhalt, sondern eine Person. Und im Unterschied zu einer Lehre gelangt eine Person durch einen nicht erzwingbaren Wachstumsprozess nur schrittweise zu dem, was sie ist. Wenn das Christentum eine ‹Botschaft›, die Lehre einer ‹großen sittlichen Gestalt› wäre, so wäre alles, was nicht diese Botschaft ist, im Grunde unnütz. Es würde genügen, mit den ersten Worten Jesu zu beginnen. Das Christentum ist nicht die Übermittlung einer Botschaft und auch nicht die Offenbarung von Wahrheiten über die göttlichen Dinge. Es ist Gottes Selbstoffenbarung in einer menschlichen Gestalt. Darum muss der, der so geoffenbart wird, die Person Christi, als eine menschliche Person zu dem werden, was sie ist, auf dem Weg, der durch die Dichte einer Geschichte hindurchführt, der persönlichen Geschichte eines Reifens zum Erwachsenenalter. Und auch der kollektiven Geschichte von allem, was die Person ausmacht, indem sie diese in ein Erbe stellt, das sie sich durch Erziehung und Reflexion aneignen muss: eine Sprache, die Sitten und den Glauben eines Volkes. Und hierzu braucht es Zeit, braucht es diese Jahre, die somit nicht verloren sind, sondern im Gegenteil unerlässlich für das Reifen, das ein fundiertes und beachtetes Sich-Äußern ermöglicht.»9 Die Zeit der Verborgenheit in Nazareth enthält eine Grundaussage göttlicher Offenbarung, denn die ersten dreißig Jahre des Lebens Jesu gehören zu seinem Erwachsenwerden, insofern er wie jeder Mensch eine viatorische Existenz lebte und mit seiner eigenen Lebens- und Berufungsgeschichte zu wachsen vermochte.10

Sobald das viatorische Konzept der Lebensentscheidung als einer lebenslangen Berufungsgeschichte in ihren mystagogischen wie auch dynamischen Dimensionen erfasst wird, erkennt der Einzelne auch die Kostbarkeit und Unvertretbarkeit auf seinem Lebensweg und bleibt so vor Stagnation und Verbürgerlichung auf dem geistlichen Weg bewahrt. Der innere Weg des Glaubens erfordert also mehr als das Absolvieren von geistlichen Pflichten und Übungen, er verlangt vom Einzelnen wie auch von der ganzen Kirche eine viatorische Existenzialität.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen