Abstract / DOI
Pilgrim Church. The Church in the History of Salvation According to the Second Vatican Council. Beginning with the New Testament (2 Cor. 5, 6) «pilgrimage» is an image for the life of Christians in this world. However, the metaphor «pilgrim church» was rarely used in the past. From early medieval times on, theologians called the earthly church «militant», and the heavenly church «triumphant». The Second Vatican Council chose the term «pilgrim church» or «wandering people of God» for describing the path and the goal of the church, thus alluding to the difficult relationship with the Jewish people at the same time. By referring to the church as a «sacrament» as well as «pilgrim church», the Council made clear that the church does not have her aim in herself, but that her mission is to serve for the world’s salvation through testimony, worship, charity, and communion.
Als ich vor genau fünfzig Jahren mit dem Theologiestudium begann, war die Metapher von der pilgernden Kirche bzw. vom pilgernden Volk Gottes gängige Münze. Allenthalben herrschte Aufbruchsstimmung, und so wurde dieses Bild auch verstanden. Aber was es darüber hinaus bedeutet, war wenig klar. Es wurde, wenn ich mich recht erinnere, weil man um den ekklesiologischen Gebrauch der Pilgermetaphorik in den Texten des 2. Vaticanums wusste, durchaus auch als modisch und schwammig kritisiert, und das Konzil gleich mit. Aus der Rückschau soll im Folgenden nach dem Ursprung und dem Gebrauch der Metapher in den Texten des letzten Konzils und nach ihrer Leistungsfähigkeit für heute gefragt werden.
Zur Vorgeschichte
Die Wortverbindung «ecclesia peregrinans», die genaugenommen eine Personifikation darstellt, begegnet, wie eine Recherche mithilfe der Digital Library of Latin Texts Series A and B ergibt, in theologischen Texten vor dem 2. Vaticanum nur selten. Eine gewisse Häufung ist bei dem frühmittelalterlichen Benediktiner Beda Venerabilis (672/73–735) festzustellen, der entsprechend der Tradition seines Ordens zwar ortsfest lebte, aber mit dem Wirken der iro-schottischen Wandermissionare vertraut war.1 Bildkräftig ist der Vergleich, den der Fuldaer Abt und spätere Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (780–856) in seinem Kommentar zum Buch Jesus Sirach macht: Wegen seines zunehmenden und abnehmenden Lichts sei der Mond ein Bild für die Pilgerschaft der Kirche in der gegenwärtigen Zeit des sterblichen Lebens.2 Erzbischof Anselm von Canterbury (1033/4–1109) nennt in einem Brief den Papst «Vater der auf Erden pilgernden Kirche».3 Bei den großen Scholastikern des Hochmittelalters ist ein völliger Ausfall festzustellen. Lediglich der Oxforder Theologe John Wyclif (um 1330–1384), der als Kirchenkritiker hervorgetreten und deshalb als Häretiker verurteilt worden ist, scheint eine gewisse Vorliebe für das Bild gehabt zu haben. Aber auch bei ihm begegnet die Metapher im strengen Sinn nur einmal, wenn er in seinem Werk über die Kirche die im Himmel herrschende von der auf Erden pilgernden Kirche unterscheidet und davon spricht, Jesus Christus habe bei der Menschwerdung aus der Jungfrau Maria hypostatisch die Person der pilgernden Kirche angenommen.4 In der frühen Neuzeit taucht die Metapher bei dem Kapuziner Laurentius von Brindisi (1559–1619) auf, wenn er die oben genannte Stelle aus Anselm von Canterbury zitiert.5 Dieser Befund erstaunt, denn der für die westliche Theologie maßgebliche Stichwortgeber Augustinus (354–430) gebraucht die Pilgermetaphorik geradezu inflationär, um den Weg des irdischen Teils der «ciuitas Dei» zu beschreiben.6 Aber diese selbst, die für ihn auch nicht einfach mit der Kirche identisch ist, oder die Kirche versieht er nicht mit dem Adjektiv «peregrinans».
Ganz anders verhält es sich, was stehende Wendungen angeht, mit den Bezeichnungen «ecclesia militans» (streitende Kirche) für die irdische und «ecclesia triumphans» (triumphierende Kirche) für die himmlische Kirche. Die Vorkommen sind unüberschaubar, wobei häufiger von ersterer als von letzterer die Rede ist. Etwa zeitgleich stellen der französische Theologe Alain de Lille (um 1125/30–1203) und der englische Augustiner Alexander von Ashby (1148/54–1208/14) beide Kirchen erstmals einander gegenüber. Alain kennt drei hierarchische Gebilde unter dem Himmel, die Synagoge, die streitende und die triumphierende Kirche, wobei offen bleibt, was mit der letzteren gemeint ist.7 Alexander unterscheidet das materielle Haus Gottes, d.h. jedes beliebige Gebetshaus, von dem geistlichen Haus Gottes, der «ecclesia militans», und vom himmlischen, der «ecclesia triumphans».8 Die scholastischen Theologen des 13. Jahrhunderts wie etwa Alexander von Hales, Albertus Magnus, Thomas von Aquin oder Bonaventura, aber auch ganz besonders John Wyclif gebrauchen die Begrifflichkeit häufig. Es passt zum Charakter des Jesuitenordens, dass die Approbationsbulle Papst Pauls III. vom 27. September 1540 mit den Worten beginnt «Regimini militantis ecclesiae»,9 auch wenn sich diese nicht auf die Societas Iesu, sondern auf den Papst als den «Vorsitzenden der Regierung der streitenden Kirche» beziehen. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491–1556), der sich in autobiographischen Skizzen als Pilger vorstellte,10 hat in seinem Exerzitienbüchlein zur Genüge deutlich gemacht, dass es ihm «um die rechte Gesinnung für den Dienst in der streitenden Kirche» geht, für den er am Ende 18 Regeln aufstellt.11
Im Mittelalter, in dem das Pilgern zu nahen und fernen Zielen, zumal als Bußleistung, eine große Rolle spielte, kam anscheinend niemand auf die Idee, die Kirche selber als pilgernde zu bezeichnen. Wohl gerade deswegen, weil Pilgerschaft mit Entfremdung gleichgesetzt wurde. Im klassischen Latein ist der «peregrinus» nicht einfach ein Fremder, sondern der Nichtbürger, auch der Unwissende.12 Noch das Konzil von Trient spricht 1551 in seinem Eucharistiedekret vom irdischen Leben als einer «elenden Pilgerschaft», auf der die Eucharistie Stärkung bietet.13 Das 1. Vaticanum charakterisiert mit einer Passage aus dem 2. Korintherbrief, in deren lateinischer Übersetzung das Verb «peregrinari» begegnet, die Dunkelheit, mit der in diesem irdischen Leben die göttlichen Geheimnisse umgeben sind. Diese bleiben «mit dem Schleier des Glaubens selbst bedeckt und gleichsam von einem gewissen Dunkel umhüllt […], solange wir in diesem sterblichen Leben ‹ferne vom Herrn pilgern [peregrinamur a Domino]: im Glauben nämlich wandeln wir und nicht im Schauen›.»14 Papst Pius XII. verwendet in seiner für die Fortentwicklung der jüngeren römisch-katholischen Ekklesiologie wichtigen Enzyklika «Mystici corporis» (1943) das Substantiv «peregrinatio» an der Stelle, an der er von der bedauerlichen Tatsache spricht, dass der Leib der Kirche nicht nur aus Heiligen bestehe.15 In dieser ekklesiologischen Verwendung des Pilgerschaftsgedankens kann man durchaus eine Brücke zum 2. Vaticanum erkennen.
Die pilgernde Kirche in den Texten des 2. Vaticanums
In den Dokumenten des 2. Vaticanum begegnet das Bild des Pilgerns durchgängig, nicht nur in der für diesen Beitrag titelgebenden Wortverbindung. Bereits im ersten, vom Konzil verabschiedeten und veröffentlichten Text, der Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium vom 4. Dezember 1963, gebraucht das Konzil sowohl das Adjektiv als auch das Substantiv, um den Geheimnischarakter der Kirche und ihr Unterwegssein zum Ausdruck zu bringen, an dem die Liturgie Anteil hat. Das Mysterium wird in Gegensatzpaaren beschrieben, zu denen auch die Gegenwart in der Welt und zugleich die Fremdheit gehören («[Ecclesiam] in mundo praesentem et tamen peregrinam» [SC 2, in der deutschen Übersetzung blass mit «unterwegs» wiedergegeben]).16 An der zweiten Stelle wird die irdische Liturgie als Vorwegnahme der himmlischen charakterisiert, auf die hin die Christen als Pilger unterwegs sind (SC 8).
Dass in den beiden ersten Kapiteln der Kirchenkonstitution Lumen gentium vom 21. November 1964, in denen die heilsgeschichtliche Sicht der Kirche breit entfaltet wird, auch von deren Pilgerschaft die Rede ist, kann nicht wundernehmen. Diese Redeweise steht jedoch keineswegs im Vordergrund, sondern begegnet eher am Rande. Beim heutigen Blick auf die heilsgeschichtlichen Aussagen des Konzils fällt auf, dass dieses selber noch «unterwegs» ist. Zwar beginnt die Heilsgeschichte, wie sie im ersten Kapitel von Lumen gentium beschrieben wird, nicht erst mit Jesus Christus und der Kirche, aber die vorhergehende Geschichte Gottes mit den Menschen, insbesondere diejenige Israels und der Alte Bund, wird, dem traditionellen Schema von Verheißung und Erfüllung entsprechend, als Präfiguration und Vorbereitung der Kirche eingeordnet (LG 2). Eine Aussage über die bleibende Bedeutung des Alten Bundes taucht erst später auf (LG 16, s.u.). Auch wenn die Kirche nicht einfach mit dem Reich Gottes identifiziert wird, beginnt dieses nach den Aussagen des Konzils doch erst mit der Verkündigung Jesu und breitet sich mittels der Kirche, die «Keim und Anfang dieses Reiches auf Erden» darstellt, unter den Völkern aus (LG 5). In diesem Zusammenhang wird unter Rückgriff auf 2 Kor 5, 6 auch die Pilgerschaft der Kirche thematisiert und in der deutschen Übersetzung als «fern vom Herrn» charakterisiert. Die Kirche, so heißt es weiter, wisse sich «als fremde [exsulem], so dass sie nach dem sucht und sinnt, was oben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt, wo das Leben der Kirche mit Christus in Gott verborgen ist, bis sie mit ihrem Bräutigam in Herrlichkeit erscheint» (LG 6 mit Bezug auf Kol 3, 1–4). Das Bild von der Pilgerschaft wird treffenderweise aufgegriffen, wenn von Bedrängnis und Verfolgung der Kirche die Rede ist (LG 7). Nach einem am Ende des ersten Kapitels der Kirchenkonstitution zitierten Wort Augustins schreitet die Kirche «zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin» (LG 8).
Auch im zweiten Kapitel von Lumen gentium, in dem der für die Ekklesiologie des Konzils grundlegende Begriff des Volkes Gottes eingeführt und erklärt wird, erscheint Israel wiederum als «Vorbereitung und […] Vorbild jenes neuen und vollkommenen Bundes» in Jesus Christus (LG 9). Die Kirche wird gar als «das neue Volk Gottes», «das neue Israel» und mehrfach als «dieses messianische Volk» apostrophiert (ebd.). Dem französischen Konzilstheologen Yves Congar (1904–1995), der sich für die Einfügung von «populus messianicus» in den Text stark machte, um die heilsgeschichtliche Sendung der Kirche zu unterstreichen,17 darf gewiss kein antijüdischer Affekt unterstellt werden, auch wenn diese Bezeichnung als eine Enteignung Israels missverstanden werden kann. Übrigens wird in diesem Zusammenhang auch die Wüstenwanderung des Israel «dem Fleische nach» mit dem Verb «peregrinari» beschrieben (ebd.). Im weiteren Verlauf des zweiten Kapitels begegnet dann auch erstmals die Metapher «ecclesia peregrinans» (LG 14), und zwar dort, wo das Konzil die «Heilsnotwendigkeit» der Kirche beschreibt und zugleich relativiert, indem es die Menschen gleichsam in konzentrischen Kreisen auf Jesus Christus und die Kirche hin ausgerichtet sieht. Im Hinblick auf die Christen unterscheidet es zwischen der vollständigen Eingliederung in die Kirche der römisch-katholischen und der unvollständigen Eingliederung der übrigen Christen (LG 15). Diejenigen, die das Evangelium noch nicht angenommen haben, werden auf unterschiedliche Weise auf das «Volk Gottes», hier im Sinne der römisch-katholischen Kirche verstanden, hingeordnet betrachtet. Unter diesen werden aufgrund ihres heilsgeschichtlichen Vorrangs als erstes die Juden genannt, und es klingt so etwas wie die bleibende Bedeutung des Volkes Israel an, wenn gesagt wird, dass diesem die Bundesschlüsse und Verheißungen gegeben worden und die Gaben und die Berufung Gottes «ohne Reue» (LG 16) seien. Man kann diese Aussagen rein rückwärtsgewandt lesen und darin nichts anderes sehen als die im christlichen Selbstverständnis vielfach aufscheinende «Substitution» Israels als Volk Gottes durch die Kirche, man kann sie aber auch nach vorne offen betrachten im Hinblick auf die bleibende heilsgeschichtliche Bedeutung Israels neben und mit der Kirche.18 Da Israels «Berufung fortdauert, schließt die Kategorie der Erwählung Israel und die christliche Kirche unlösbar zusammen, so daß beide das eine Volk Gottes bilden.»19 Angesichts dieser durch das Konzil angestoßenen Einsichten erscheint es geradezu als ein Fauxpas, dass in der nachkonziliaren lateinischen Fassung des Stundenbuchs in dem altkirchlichen Hymnus «Mediae noctis tempore» der Vers, der die geistliche Deutung des Exodusgeschehens auf die Kirche in der Formulierung «Nos vero Israel sumus» (Wir aber sind Israel) zum Ausdruck bringt, umformuliert wurde zu der nicht anders als im Sinne einer Substitution zu deutenden Behauptung «Nos verus Israel sumus» (Wir sind das wahre Israel).20 In der Reihe der um die christlichen Kirchen angelagerten Kreise folgen auf die Juden die Muslime, deren Glaube an den Gott Abrahams als den einzigen Gott hervorgehoben wird, und die Anhänger der übrigen Religionen, schließlich diejenigen, «die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gelangt sind und nicht ohne göttliche Gnade ein rechtes Leben zu führen sich bemühen» (ebd.). Die folgenden Erwähnungen der Pilgerschaft der Kirche bringen demgegenüber nichts Neues, etwa wenn im dritten Kapitel von Lumen gentium von den Bischöfen die Rede ist, die «durch ihre Weisheit und Klugheit das Volk des Neuen Bundes auf seiner Pilgerschaft zur ewigen Seligkeit» leiten sollen (LG 21).
Bei der Beschreibung des eschatologischen Charakters der Kirche im siebten Kapitel wird diese bereits im Titel «pilgernde» genannt. Die Kirche wird hier im Rückgriff auf den Beginn der Kirchenkonstitution, wo sie als «Sakrament des Heiles» (LG 1) beschrieben wurde, als «allgemeines Sakrament des Heiles» bezeichnet, um die Einladung Gottes an alle Menschen zum Ausdruck zu bringen (LG 48). Das Heil ist definitiv und unwiderruflich in Jesus Christus angebrochen. Dem «Schon» steht jedoch das «Noch nicht» gegenüber. Bis zur endgültigen Vollendung «trägt die pilgernde Kirche in ihren Sakramenten und Einrichtungen, die zu dieser Zeit gehören, die Gestalt dieser Welt, die vergeht, und weilt selbst unter den Geschöpfen, die seufzen und bis jetzt noch in Wehen liegen und die Offenbarung der Kinder Gottes erwarten (vgl. Röm 8, 19–22)» (LG 48). In diesem Zusammenhang wird dann auch ausdrücklich in einer Zitatenkollage aus den Paulusbriefen 2 Kor 5, 6 zitiert: «‹Solange wir› deshalb ‹im Leibe sind, pilgern wir fern vom Herrn› (2 Kor 5, 6), und obwohl wir die Erstlinge des Geistes haben, seufzen wir in unserem Inneren (vgl. Röm 8, 23) und wünschen, mit Christus zu sein (vgl. Phil 1, 23)» (ebd.). Wenn das Konzil den Blick auf die endgültige Vollendung richtet und die dort bereits Angekommenen mit den noch auf Erden Lebenden parallelisiert, dann fällt auf, dass an dieser Stelle die früher in diesem Zusammenhang gebrauchte Unterscheidung von «ecclesia militans» und «triumphans» nicht mehr aufscheint. Die noch auf Erden Lebenden werden als «Pilger» beziehungsweise als «die auf der Wanderschaft (viatores)» bezeichnet. Von den Verstorbenen nennt das Konzil nur zwei Kategorien, diejenigen, die der Reinigung bedürfen und diejenigen, die verherrlicht werden. Von Verdammten ist nicht die Rede (LG 49). In diesem Zusammenhang spricht das Konzil von der irdischen Kirche als der «Ecclesia viatorum», auf Deutsch wiedergegeben mit «Kirche der Pilger» (LG 50). Diesen Pilgern steht, wie es im achten Kapitel heißt, Maria bei (LG 62), die in einer Unterüberschrift zugleich als «Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes für das pilgernde Volk Gottes» vorgestellt wird (LG 68).
Eine der wesentlichen Funktionen des Pilgerns in Geschichte und Gegenwart, das Buße Tun für im Bußsakrament vergebene Sünden, klingt ausgerechnet in dem am selben Tag wie die Kirchenkonstitution verabschiedeten Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio an, wenn von den sündigen Gliedern des pilgernden Volkes Gottes die Rede ist. Aber diese Tatsache wird im Gesamtduktus des Satzes als adversative Nebenbemerkung eher heruntergespielt: «Obwohl dieses Volk, solange seine irdische Pilgerschaft andauert, in seinen Gliedern der Sünde verhaftet bleibt, wächst es in Christus und wird von Gott nach seinen verborgenen Ratschlüssen sanft geführt, bis es freudig zur ganzen Fülle der ewigen Herrlichkeit im himmlischen Jerusalem gelangt» (UR 3). Von einer sündigen Kirche, wie sie die evangelische Theologie durchaus thematisiert, um den Vorrang des Heilshandelns Gottes zu unterstreichen,21 ist hier weniger die Rede als in der Kirchenkonstitution. Dort wird am Ende des grundlegenden ersten Kapitels der sündlose Erlöser, der für die Sünden des Volkes starb, der Kirche gegenübergestellt, die «in ihrem Schoß Sünder» umfasse, die «zugleich heilig und stets reinigungsbedürftig» sei und «immerfort den Weg der Buße und Erneuerung» gehe (LG 8).22 Immerhin zitiert der lutherische Theologe Ulrich Kühn (1932–2012) diese Worte aus Lumen gentium im Zusammenhang seiner Erörterung über die Sündigkeit der Kirche!23 Im zweiten Kapitel der Kirchenkonstitution wird gesagt, dass Gott es ist, der seine Kirche vor dem Abfall bewahrt. «Auf ihrem Weg durch Versuchungen und Trübsale aber wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt, damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht von der vollkommenen Treue abfalle, sondern eine ihres Herrn würdige Braut bleibe und unter dem Wirken des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das keinen Untergang kennt» (LG 9). Auch wenn hier das Verb «peregrinari» nicht auftaucht, sondern nur das neutrale «procedere», was im Deutschen mit «auf dem Weg» wiedergegeben wird, ist hier durchaus von Pilgerschaft die Rede. Es entspricht dem Duktus der Aussagen über die von der Sünde gefährdete Kirche, dass im Ökumenismusdekret die Aufgabe der «perenn[is] reformatio[]» (UR 6, auf Deutsch mit «ständige[r] Reform» übersetzt) als eine der «Ecclesia in via peregrinans» (Kirche auf dem Pilgerweg) beschrieben wird.
In der am 7. Dezember 1965 verabschiedeten Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt dieser Zeit Gaudium et spes, die den krönenden Abschluss der vom 2. Vaticanum vorgelegten Texte bildet, begegnet das Motiv der Pilgerschaft zum einen im ersten Satz des Vorwortes und zum andern im letzten Abschnitt des ersten, der Grundlegung gewidmeten Teils und bildet so eine Art Inklusion. Weil die Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi, wie die Kirche zu Beginn genannt wird, «auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters» vom Heiligen Geist geleitet wird, hat sie Teil an der «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art» (GS 1). In der Aussage, dass die Jüngergemeinschaft «sich mit dem Menschengeschlecht und seiner Geschichte wirklich innigst verbunden» erfährt (ebd.), kommt klar zum Ausdruck, dass die Heilsgeschichte, wie das 2. Vaticanum sie versteht, keine Geschichte einer Sondergruppe neben der allgemeinen Geschichte meint, sondern dass es um das Heil der Welt geht, an dem mitzuwirken die Jünger gesandt sind. Im letzten Abschnitt des ersten Teiles greift das Konzil sowohl den Gedanken der Kirche als des universalen Heilssakramentes aus der Kirchenkonstitution (LG 48) nochmals auf als auch das Bild der Pilgerschaft. Der Gedankengang mündet in die biblisch grundierte Aussage: «In seinem Geist belebt und geeint, pilgern wir der Vollendung der menschlichen Geschichte entgegen, die mit dem Ratschluss seiner Liebe voll übereinstimmt: ‹Alles in Christus zu erneuern, was in den Himmeln und was auf der Erde ist› (Eph 1, 10)» (GS 45).
Auch das an demselben Tag wie die Pastoralkonstitution verabschiedete Missionsdekret Ad gentes beginnt mit einem Bekenntnis zum dreieinen Gott, wenn es den missionarischen Charakter der pilgernden Kirche trinitarisch begründet: «Die pilgernde Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch, da sie selbst aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes ihren Ursprung herleitet gemäß dem Ratschluss Gottes, des Vaters» (AG 2).
Ausblick
Mit der Metapher von der pilgernden Kirche lässt das 2. Vaticanum die missverständlichen Bilder von der streitenden und triumphierenden Kirche hinter sich, die einen zu überwindenden Gegner oder gar Feind voraussetzen, zumindest evozieren, gegen den gestritten und über den triumphiert wird. Dabei bleiben die mit diesen Bildern verbundene dynamische Sicht der Kirche und deren eschatologische Ausrichtung durchaus erhalten. Sie werden sogar noch enger zusammengeführt, insofern die Pilgerschaft den Weg und das Ziel beschreibt, während diese in der Rede von der streitenden und der triumphierenden Kirche in ein zeitliches Nacheinander gebracht werden. Die in der Kirchenkonstitution grundlegende Rede von der Kirche als Sakrament wie deren Bezeichnung als pilgernde machen deutlich, dass die Kirche nicht für sich selber da ist, sondern zum Dienst am Heil der Welt, der sich in den Grundvollzügen der Kirche, Martyria (Zeugnis), Leiturgia (Gottesdienst), Diakonia (Dienst am Nächsten) und Koinonia (Gemeinschaft) entfaltet.24 Pilgerschaft ist etwas Vorläufiges, ein mit Strapazen und Entsagung verbundenes Unterwegssein für eine bestimmte Zeit. Solches auf Dauer zu stellen, wie es in der Metapher von der pilgernden Kirche geschieht, erscheint nicht unproblematisch. Um nicht mutlos zu werden, bedarf es des Erreichens von Etappenzielen und des Vorausblicks auf das endgültige Ankommen. Diese eschatologische Perspektive, der Lumen gentium ein eigenes Kapitel gewidmet hat, vermag die traditionelle, eher die leidvollen Seiten in den Vordergrund stellende Sicht der irdischen Pilgerschaft um positive, in die Zukunft weisende Aspekte zu erweitern. Insofern der eschatologische Ausblick gerade in der Liturgie seinen Ausdruck findet, sind Kirchenbauten, die in der Nachkriegszeit, bereits vor dem 2. Vaticanum und konfessionsübergreifend, das biblische Bild vom Zelt aufnahmen, gelungene architektonische Umsetzungen der Metapher von der pilgernden Kirche.25 Man kann nur hoffen, dass diese oft in Neubaugebieten errichteten Kirchen nicht der Abrissbirne zum Opfer fallen; denn welches Symbol eignet sich besser für die gegenwärtige Situation der christlichen Kirchen als das Zelt?