1. Theologie und Anthropologie der Hoffnung
Die Hoffnung ist – neben dem Glauben und der Liebe – eine der theologischen Tugenden, über die Paulus schrieb: «Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe» (1 Kor 13, 13). Es handelt sich also um eine Haltung, die nur unter der Voraussetzung oder Annahme, dass Gott existiert, recht verstanden und vollzogen werden kann. Als jenes existenzielle, das gesamte Leben betreffende und verwandelnde Vertrauen darauf, dass Gott es mit dem Menschen gut meint und dass er, auch wenn momentan Leid erfahren wird oder am Ende des Lebens der Tod steht, den Menschen zum verheißenen Heil führen werde, steht sie im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie ist wie die beiden anderen theologischen oder christlichen Tugenden zutiefst auf den jüdisch-christlichen Gottesbegriff bezogen oder – besser – auf die Erfahrungen, die Menschen in der Geschichte mit Gott gemacht haben und machen. Dieser Gott der Offenbarung, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und Jesu Christi, ist ein Gott der Hoffnung. Weil Gott den Menschen liebt und selbst die Liebe ist, darf man hoffen.
Von dieser großen Hoffnung spricht die Theologie. Es ist nicht die rein immanent bleibende Hoffnung säkularer Utopien oder die berechnende Erwartung empirisch orientierter Zukunftsvorhersagen, keine Hoffnung, die sich in Wünschen für die eigene weltliche Zukunft erschöpfte oder auf das bezöge, was Gegenstand technischer oder kalkulierender Planung sein könnte. Es ist auch keine Hoffnung, die sich auf einen bloßen Zufall richtete – so wie jemand hoffen mag, einmal im Lotto zu gewinnen. Es ist eine Hoffnung, die, indem sie auf Gottes Zuspruch zum Menschen antwortet, aufs Ganze und Letzte setzt, darauf, dass am Ende aller Tage nicht der Tod, sondern das Leben, nicht der Hass, sondern die Liebe, nicht die Dunkelheit, sondern das Licht herrschen werde. Und es ist eine Hoffnung, die, ohne abschließend begründbar zu sein, dennoch Gründe zu nennen vermag, über die, wer von ihr getragen wird, Rechenschaft abgeben kann und soll. Wer in ihr lebt, führt ein anderes Leben als jene Menschen, die diese Hoffnung nicht kennen. Der «Gegenstand» dieser Hoffnung ist nicht von dieser Welt, doch ändert die Transzendenz dieser Hoffnung gerade auch das Weltverhältnis der Christen. Denn wer so, im Anspruch und Angesicht Gottes, hofft, lebt anders, in einer Haltung nämlich, in der alles, was er tut – selbst die einfachste und alltäglichste Verrichtung, die Mühen des Alltags oder auch die Leiden menschlicher Existenz – anders vollzogen wird, also nicht einfach in einem anderen Lichte erscheint oder gedeutet wird, sondern von innen heraus, in ihrem «Wie» anders gestimmt ist.
Diese Hoffnung der Christen soll in den folgenden Überlegungen nicht im Vordergrund stehen, auch wenn es immer wieder wichtig ist, an sie zu erinnern und ihren Kern herauszuarbeiten. Gerade das christliche Leben kann nämlich allzu oft im Zeichen von Angst und Verzweiflung seine Kraft verlieren oder auch falschen Hoffnungen erliegen. Es soll hier von einer anderen Hoffnung die Rede sein, die, so verschieden sie von der christlichen Hoffnung ist, doch von dieser nicht zu trennen ist. Oder anders formuliert: Trotz aller Differenzen ist auch die Hoffnung, die in der Mitte der christlichen Botschaft steht, auf eine andere Hoffnung bezogen, insofern sie diese voraussetzt und auf eine höhere Stufe hebt. Denn es gibt auch die Hoffnung als Grundvollzug eines jeden Menschen. Man kann sie als «weltliche» Hoffnung bezeichnen.
Jedes menschliche Handeln steht nämlich zunächst und zumeist im Horizont von Hoffnung, ohne dass dies oft ausdrücklich bewusst oder beabsichtigt wäre. Man kann schwerlich aus Freiheit heraus handeln, ohne nicht irgendwie auch zu hoffen. Es gibt Handlungen oder Vollzüge, in denen dies besonders deutlich wird. Wer einem Kind das Leben schenkt, verleiht damit auch seiner Hoffnung auf eine gute gemeinsame Zukunft Ausdruck. Wenn man zu Silvester mit der Familie oder Freunden feiert, schaut man nicht nur auf das vergangene Jahr zurück, sondern auch nach vorne, in eine offene Zukunft, ein neues, noch unbekanntes Jahr. Man wünscht sich und anderen, dass das neue Jahr Gutes bringen möge. Man kann dies nie wissen; man kann das Gute, das geschehen soll, nur in begrenzter Weise planen. Menschen sind eben nicht ihres Glückes Schmied. Man kann – und darf – nur hoffen, dass es gut weitergehen möge oder man ein glückliches Jahr erleben werde. Ähnliches geschieht, wenn zu Geburtstagen oder vielen anderen Festlichkeiten Wünsche überbracht werden. In jedem Wunsch drückt sich Hoffnung aus. Daher ist jeder Gruß, der immer die Form des Wunsches hat, ein Zeichen der Hoffnung: auf einen guten Morgen, einen schönen Tag, einen erholsamen Abend, ein gelungenes Leben oder auch ein gesundes Wiedersehen.
Hoffnung ist auf Zukunft bezogen. Sie ist keine mit Wahrscheinlichkeiten operierende Erwartung, dass etwas eintrete oder geschehe. Das Wetter kann durchaus ein möglicher Gegenstand der Hoffnung sein. Doch spielt in einer meteorologisch begründeten Wettervorhersage Hoffnung keine Rolle, sondern wissenschaftlich ausgewiesene Erwartungen. Wenn etwas erhofft wird, ist das Welt- und auch das Selbstverhältnis nämlich ein anderes als in jenen Situationen, in denen etwas erwartet wird und auch erwartet werden kann. So sehr auch die weltliche Hoffnung Gründe zu nennen vermag und nicht in Willkür verankert sein darf, vollzieht sie sich doch im Horizont einer nie auszuräumenden Ungewissheit, der Unsicherheit und des Wagnisses konkreter menschlicher Existenz – Hoffnung ist immer meine je eigene Hoffnung. Die Perspektive des Erwartens vollzieht sich dagegen in einem anderen Horizont. Sie versucht, das Ungewisse und den Vollzug der je eigenen Existenz auszuräumen, und richtet sich auf allgemeine Zusammenhänge. Was man erhofft, muss dabei prinzipiell möglich sein. Man hofft, dass das Mögliche zu einem Wirklichen wird und dass jenes, was sein könnte, wirklich sein wird. Was im strengen Sinne unmöglich ist, kann man nicht erhoffen. Doch kann man auch jenes erhoffen, was nahezu unmöglich erscheint – und das zu erwarten es keinerlei Grund gäbe. Und während die Erwartung sich auf sehr verschiedene Szenarien beziehen kann, richtet man die Hoffnung auf etwas Gutes, auf etwas, das sein soll.
Das Gegenteil der Hoffnung ist die Angst, die das Leben unfrei macht und beschränkt – nicht allein die Angst, dass das Gute nicht eintrete, sondern die Angst, dass etwas Schlechtes geschehe oder überhaupt alles unter negativen Vorzeichen stehe. Wie die Hoffnung kann auch die Angst das Leben des Menschen so sehr prägen, dass sie sich nicht auf ein bestimmtes Ereignis richtet, sondern zu einer Haltung oder Stimmung wird, die das gesamte Leben durchzieht und prägt. Was auch immer man dann erfährt, wird in der Perspektive der Angst gesehen. Wer in einer solchen Sichtweise gefangen ist, bedarf nicht einfach bestimmter Argumente, um seine Angst zu überwinden. Es ist ein oft schwieriger, manchmal unmöglich erscheinender Wandel, eine Konversion notwendig: aus dem Horizont der Angst in jenen der Hoffnung. Doch nicht immer gelingt diese Umkehr. Die Macht der Angst kann sich als zu stark erweisen und Menschen so sehr lähmen, dass ihnen keinerlei Hoffnung mehr möglich ist.
Manchmal verfängt man sich auch in einer dritten Grundperspektive im Verhältnis zur Welt und zur Zukunft, in jener der Gleichgültigkeit oder der Indifferenz. Doch ist dieser Blick in die Welt längst nicht so gleichgültig, wie ihr Name nahe zu legen scheint. Gerade die Gleichgültigkeit verhindert nämlich das mögliche Gelingen des Leben, und zwar noch viel mehr als die Angst, die zumindest, wenn sie den Menschen nicht völlig erschöpft und lethargisch sein lässt, überwunden oder besiegt werden will. Wer unter Angst leidet, möchte nämlich zumeist keine Angst haben. Er weiß um die Anziehungskraft eines Lebens aus Hoffnung. Wer gleichgültig dem Leben und der Welt (und somit auch seiner eigenen Gleichgültigkeit) gegenübersteht, steht auch dem Anspruch der Hoffnung gleichgültig gegenüber.
Wenn man von einem Menschen sagt, er habe alle Hoffnung verloren oder seine Situation erscheine ihm hoffnungslos, bringt man eine tiefe Verzweiflung am Leben zum Ausdruck. Und wenn man von einem Menschen hört, es gebe für ihn keine Hoffnung mehr, scheint sein Leben, vielleicht aufgrund einer schweren Krankheit, bald zu enden. Leben und Hoffnung sind eng aufeinander bezogen. Solange der Mensch atmet, macht er Pläne und blickt voller Hoffnung nach vorne. Erst im Tod verklingt die Hoffnung. Selbst der Sterbende wird sich, wenn er nicht in einer tiefen Depression gefangen ist, hoffend auf eine immer kleiner werdende Zukunft hin orientieren, auf letzte Gedanken, Begegnungen und Erfahrungen. Denn nur aus der Vergangenheit heraus oder nur in der reinen Gegenwart kann man nicht leben.
Es mag zwar Menschen geben, die rein vergangenheitsbezogen oder gegenwartsversunken leben. Doch fehlt diesen Menschen mit der Orientierung auf Zukunft hin etwas Wesentliches. Zumindest ohne dass ihnen dies bewusst wäre, so kann man annehmen, leben auch sie oft auf Zukunft hin und hoffen etwas, so wenig dies auch sein mag. Denn diese Orientierung ist selbst den kleinen, vermeintlich so bedeutungslosen oder bedeutungsarmen Handlungen eingeschrieben.
Die klassische Philosophie hat zwar wenig von Hoffnung gesprochen, aber davon, dass der Mensch in seinem Handeln auf Glück, auf ein gelingendes Leben hin orientiert sei. Implizit spricht sie damit doch von Hoffnung – als einer weltlichen Tugend, die allen Menschen möglich und die darüber hinaus für menschliches Leben charakteristisch ist. Sie ist dem Leben so sehr eingeschrieben, dass man, wenn man für einen Augenblick das moderne wissenschaftliche Naturverständnis außer Acht lässt, auch in der belebten Natur immer wieder – im Frühjahr oder in manchen Verhaltensweisen von Tieren – Spuren einer sich selbst noch völlig unbewusst und dunkel bleibenden Hoffnung finden kann.
2. Exzesse und Krisen der Hoffnung
Zu hoffen ist zutiefst menschlich. Gerade deshalb kann es auch eine Perversion der Hoffnung in ihrer weltlichen Gestalt geben. Man kann zu viel hoffen und falsche Hoffnungen hegen und dadurch in eine Distanz zur Wirklichkeit und Menschlichkeit geraten. So gab es bis vor nicht allzu langer Zeit einen Exzess der Hoffnung. Man hat voller Überschwang alles auf die Karte der Hoffnung gesetzt, darauf, dass es immer weiter voran und aufwärts gehe und dabei unaufhörlich besser werde, nicht nur das Leben einzelner Menschen, sondern die Geschichte der gesamten Menschheit. In weiter, aber doch erreichbarer Ferne zeigte sich die Möglichkeit eines Lebens in vollkommen gerechten sozialen und politischen Strukturen und Institutionen. Man glaubte zu wissen, wie man die Möglichkeit eines guten und von den Mühen der Existenz befreiten Lebens und eines dauerhaften Friedens verwirklichen könne. Wissenschaft, Technik und die strategische Vernunft spielten dabei eine maßgebliche Rolle. Und man scheute sich nicht, ganze Nationen und Erdteile gewagten gesellschaftlichen Experimenten zu unterziehen – in der vermeintlichen Sicherheit, dass dies der Weg in eine humane Zukunft sei. Dieser hoffnungsvolle Optimismus, das Verständnis von Fortschritt im Singular, so, als könne man die komplexen geschichtlichen Bewegungen des Menschen auf eine einzige Tendenz reduzieren, hat die Moderne maßgeblich bestimmt
Ohne Zweifel ist dieses säkulare Geschichtsdenken zutiefst im Christentum verankert. Man kann ideengeschichtlich sehr genau nachweisen, wie aus der christlichen Geschichtstheologie, die nie die prinzipielle Differenz zwischen der säkularen Geschichte und der Heilsgeschichte, zwischen den beiden Civitates, der Stadt Gottes und der irdischen Stadt, leugnete, eine säkulare Geschichtsphilosophie wurde, in welcher der Unterschied zwischen den beiden «Geschichten», in denen aus christlicher Sicht der Mensch steht, eingeebnet wurde. Nun wurden Heil und Erlösung zu immanenten Gütern, zu Ergebnissen eines zwar langwierigen, aber letztendlich auf Erfolg angelegten geschichtlichen Prozesses, den es zunächst zu verstehen und dann zu gestalten und vielleicht sogar zu beschleunigen galt. Hoffnung wurde so in vielerlei Gestalt zu einem Grundverhältnis des modernen Menschen zu sich selbst und zu seiner Geschichte: sei es in marxistischer Gestalt, in faschistischer oder nationalsozialistischer Form oder auch im Gewande der liberalen These von einem Ende der Geschichte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten oder des neuzeitlichen Szientismus, für den – bis in die Gegenwart – die Wissenschaften Garanten der menschlichen Sehnsucht nach Glück sind.
Allerdings haben sich gerade im 20. Jahrhundert viele Anfragen an ein so hoffnungsfrohes Verständnis zur Geschichte ergeben. Die Idee eines universalen, alle menschlichen Bereiche betreffenden Fortschritts zeigte sich mehr und mehr in ihrem illusionären, ja in ihrem ideologischen Charakter. Neben allem, was positiv zu nennen ist und Gutes mit sich brachte, durchzieht die Jahrhunderte und Jahrzehnte der Moderne auch eine Spur der Verwüstung, die, so ist leider festzustellen, eng mit den Exzessen der Hoffnung verbunden ist. Unzählig sind die Menschen, die den gewalttätigen Phantasien der Hoffnung zum Opfer gebracht wurden. Ohne Namen die Massen, die dort, wo man dem Gang der Geschichte nachhelfen wollte, auf der Strecke geblieben sind. War der Preis für «den» Fortschritt nicht zu hoch? Konnte oder durfte er überhaupt bezahlt werden? Gab es überhaupt «einen» Fortschritt? Lässt die leidvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht eher an Rückschritt als an Fortschritt und eher an Verzweiflung über den Menschen und sein Handeln als an Hoffnung auf seine gewaltigen Potentiale denken?
War lange Zeit – auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg – die Idee stetigen Wachstums beschworen worden, so wurden seit den 1970er Jahren vermehrt die Schattenseiten und die vielbeschworenen «Grenzen des Wachstums» deutlich. An die Stelle hoffnungsvoller Zuversicht trat, wenn keine existenzialistische Verzweiflung, so oft melancholische Skepsis, eine romantische Weltflucht oder ein Hedonismus, für den unmittelbare Triebbefriedigung und unbegrenzter Lustgewinn im Zentrum standen. Den Platz der großen Visionen nahm das kleine, oft oberflächliche Glück ein, eine bescheidene Demut, die allzu hoffnungstrunkener Spekulationen entsagte, und während lange die Gesellschaft und ihr unbeirrbares Fortkommen beschworen wurden, beschränkt sich seit einigen Jahrzehnten der Blick auf ein isoliertes Selbst, das nunmehr wenig hofft und stattdessen sehr viel plant, um immer perfektionierter eine sich manchmal zeigende Leere nicht mehr spüren zu müssen. Denn nach dem Exzess der Hoffnung geriet diese doch zutiefst menschliche Haltung so sehr in Misskredit, dass die Frage nach Orientierung und Sinn nicht nur offen bleiben musste, sondern oft gar nicht mehr gestellt wurde Daher gibt es – vornehmlich in den Ländern des Westens – eine Krise der Hoffnung als einer Grundhaltung des Menschen zu sich selbst und zur Welt.
Die Hintergründe für diese Krise sind vielfältiger, als die bisherige Skizze vermuten lässt. Denn die weltliche Hoffnung hat, so sehr sie von der christlichen Hoffnung zu unterscheiden ist, seit der ersten Kunde dieser Hoffnung immer auch von ihr gelebt. In ihrem Schatten, im Schatten des Kreuzes und seiner Hoffnungsbotschaft, konnte sie gedeihen, so dass in jedem hoffnungsvollen Wort, so weltlich es sich auch geben mochte, immer noch ein Nachklang von der Hoffnung sub specie Dei zu vernehmen war. Im 19. Jahrhundert wurde jedoch, nach ersten Anläufen in früheren Jahrhunderten, wirkmächtig der Tod Gottes verkündet. Weder die Idee Gottes noch seine Gegenwart in der Geschichte, geschweige denn die Hoffnung als eine theologische Tugend schienen noch eine Rolle zu spielen. Während Feuerbach und Marx dies als Hoffnungsbotschaft deuteten, so, also dürfe der Mensch nun endlich zu sich kommen und an die Stelle Gottes treten, haben Denker wie Nietzsche schon früh verstanden, dass mit dem Tod Gottes auch der Tod der Hoffnung verbunden sein werde. Denn welche Orientierung könnte es noch ohne Gott geben? Wie könnte man das Gute benennen, auf das man seine Hoffnung setzen könnte? Worauf sollte man überhaupt noch hoffen? Wie ließe sich ohne die auch in den einfachsten menschlichen Grundvollzügen unthematisch vorausgesetzte Idee Gottes überhaupt Hoffnung verstehen? An die Stelle der Hoffnung auf Zukunft – auf eine neue, nie dagewesene, alles ändernde und in neues Licht stellende Zukunft – setzte Nietzsche daher die Botschaft von der ewigen Wiederkehr. Und statt von hoffnungsvoller Liebe sprach er lakonisch vom amor fati, der Liebe zum Schicksal, zu dem also, was gerade geschieht, ohne dass sich darin irgendein Sinn, sei er rein weltlich oder religiös zu verstehen, finden ließe.
So radikal Nietzsche, der Mensch und Denker, war, so sehr lässt er vieles, was die Gegenwart bestimmt, verstehen. Der amor fati ist zu einer verbreiteten Haltung, wenn nicht zum Gebot der Stunde geworden, die dem Schicksal alles, der Freiheit Gottes oder auch des Menschen nur noch wenig zutraut. Und auch das zyklische Denken, die Vorstellung, dass es nichts radikal Neues unter der Sonne – und zwar niemals –, sondern nur Wiederholungen des Altbekannten gab, gibt und geben werde, ist auch verbreiteter, als man denkt. Was auch immer geschieht, scheint eine bloße Erscheinung in einem großen Lebensfluss zu sein, der sich mal so, mal anders bewegt, aber nie neue Wirklichkeiten, sondern nur Variationen des bereits Bestehenden mit sich bringt. Der Mensch ist dann nicht anderes als eine Welle in einem ewigen Ozean, die sich aufbäumt und dann wieder vergeht. Die an Nietzsche anschließende, im Anti-Humanismus des 20. Jahrhunderts geäußerte These vom Tode des Menschen war daher nur konsequent. Mit Gott starb auch die weltliche, so menschliche Hoffnung und mit ihm und ihr der Mensch.
Die Krise der Hoffnung als einer theologischen, auf die Existenz Gottes bezogenen Tugend führte also nicht zu einer Stärkung der weltlichen Hoffnung, wie einige Religionskritiker angenommen haben. Sie hat im Gegenteil auch die weltliche Hoffnung vertrocknen und erstarren lassen. Der Blick in die ferne Zukunft ist durch einen Blick aufs unmittelbar Bevorstehende, die nächste Wiederholung von längst Vertrautem, ersetzt worden, und das hoffnungsvolle Wirken, das nie alles regeln und bestimmen konnte, sondern von einer letzten, für die menschliche Lebenserfahrung zentralen Unsicherheit getragen war, durch Planung und Kontrolle. Das Ungewisse wurde tabuisiert oder in Gewissheit aufgehoben. Das Wagnis der Existenz wurde zum beherrschbaren Risiko. Das Kalkül der Versicherung – der vermeintlichen Absicherung gegen jede mögliche «Eventualität» – ist an die Stelle der Logik der Hoffnung getreten. Es bleibt die Kälte berechnender, verwaltender, absichernder Vernunft. Weh dem, der etwas anderes, gar etwas gänzlich Neues zu erhoffen wagt!
Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, warum verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens so hoffnungslos erscheinen, ja, warum den Menschen der Gegenwart eine tiefe Hoffnungslosigkeit zu kennzeichnen scheint. Menschen führen unter dem Vorzeichen dieses Hoffnungsverlustes kein Leben mehr, in dem sie sich gerade auch den Unwägbarkeiten der Existenz stellen, sondern planen einen Lebenslauf, der, weil sie nie in wirklicher Freiheit Entscheidungen treffen, mit vielen anderen Lebensläufen nicht nur parallel läuft, sondern nahezu identisch ist. Die Politik wird, wo Hoffnung zu einem Fremdwort geworden ist, immer stärker durch bloße Verwaltung oder die Macht vermeintlich alternativloser Entscheidungen ersetzt. Gewiss, die Politik bedarf nicht unbegründeter Visionen oder weltferner Utopien. Aber sie bedarf hoffnungsvoller Vorstellungen eines bessern oder glücklicheren Lebens. Die hoffnungsvolle Frage, wie wir, heute als globale Gemeinschaft, als Menschheitsfamilie, gerade angesichts der Herausforderungen der Gegenwart gemeinsam leben wollen und sollen und wozu, ist zutiefst politisch. Doch hört man sie nur noch selten. Wo sie sich doch einmal meldet, erzeugt dies Befremden, wenn nicht sogar Scham.
Doch wird eine Gesellschaft, die von keiner wirklichen Hoffnung mehr weiß, die nach den Exzessen der Hoffnung nur noch die Krise der weltlichen Hoffnung kennt, erstarren und steril werden und ihre Zukunftsfähigkeit verlieren – schlicht und einfach, weil sie nicht mehr an ihre Zukunft zu glauben wagt. Sie wird, wenn ihre Angst sie nicht gänzlich blockiert, nicht nur immer stärker in der unmittelbaren Gegenwart leben. Sie wird sich auch immer mehr in ihrer eigenen Vergangenheit verlieren. Ihre Identität bildet sich nämlich nicht mehr aus ihren Hoffnungen, sondern aus dem, was hinter ihr liegt. Sie wird Zeugnisse der Vergangenheit sammeln, Dokumente und Monumente systematisieren und analysieren, doch zugleich wird sie richtungslos erscheinen. Denn sie kann die einfachen und so elementaren, immer von Hoffnung geprägten Fragen nicht mehr beantworten und irgendwann auch gar nicht mehr stellen, wozu sie sich zu ihrer eigenen Vergangenheit verhält, wozu sie überhaupt etwas tut und wozu es sie gibt. Weil, wo die Hoffnung in der Krise ist, diese Frage immer weniger verständlich ist oder auf die «Warum?»-Frage nach Gründen, die wissenschaftlich fassbar sind, reduziert wird, erscheint die Welt, so viele gute Gründe es für alles Mögliche geben mag, zunehmend sinnentleert. Ohne Haltung der Hoffnung kein Worumwillen, und ohne Worumwillen kein Sinn. Was fehlt, ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft: auf die Möglichkeit des Guten, das Wirklichkeit werden kann und soll.
Was notwendig scheint, um die weltliche Hoffnung wieder mit neuem Leben zu füllen, ist eine Kultur der Hoffnung, die Räume eröffnet, in denen hoffnungsvolles Menschsein erfahrbar wird. Mehr als je zuvor werden heute solche Laboratorien der Hoffnung benötigt, in denen Vorbilder tätig sind, die nicht der Verzweiflung, sondern dem Mut, nicht der Skepsis, sondern der Zuversicht Ausdruck verleihen. So gewaltig die Probleme und Herausforderungen sind, mit denen die Menschheit konfrontiert wird, so viele Möglichkeiten gibt es, nicht zu verzagen und – nicht übermütig, aber auch nicht schüchtern oder verzagt – Neues zu wagen. Dies geschieht häufiger, als man oft vermutet, insbesondere dort, wo man sich bemüht, gut zu handeln, oder wo schöpferisch gehandelt wird. Hoffnung ist, wenn man einmal von ihrer ausdrücklich religiösen Dimension absieht, nämlich kein «Gegenstand» der Technik oder der Wissenschaft, sondern in besonderer Weise eine Haltung der Moral und der Kunst. Das moralische Verhalten und der künstlerische Akt erschließen Dimensionen weltlicher Hoffnung. Man muss dies nicht religiös deuten. Das theologische Nachdenken kann aber seinerseits von diesen Phänomenen her seine Hoffnungsbotschaft deuten, wie sie umgekehrt auch die bloß weltliche Hoffnung in einer tieferen Hoffnung zu verankern vermag.
3. Moral und Kunst der Hoffnung
In jedem Akt der Hoffnung zeigt sich das Licht des Guten. Und umgekehrt zeigt sich dort, wo die Möglichkeit des Guten erfahrbar wird, Hoffnung. Daher gibt es eine tiefe Verbindung zwischen Moral und Hoffnung, zwischen dem, was sein oder getan werden soll, und dem, was man erhoffen darf. Die Haltung der Hoffnung erschließt sich daher auch weniger aufgrund theoretischer Überlegungen über die Zukunft oder das Wesen des Menschen, sondern im Horizont einer bestimmten Praxis. Wer auch immer gut zu handeln versucht – um mehr kann es ja zunächst nicht gehen –, vollzieht sein Handeln in der Perspektive der Hoffnung, dass sein Handeln wirklich gut ist. Damit ist keinem moralischen Relativismus das Wort gesprochen, sondern einer Grunderfahrung der Sittlichkeit: dass nämlich auch jener, der nach bestem Wissen und Gewissen gut handelt, sich nie sicher sein kann, dass sein Handeln wirklich im Horizont der Güte steht. Wer sich darum bemüht, gut zu handeln, bleibt auf Hoffnung angewiesen.
Insbesondere das Handeln für einen anderen Menschen geschieht im Horizont der Hoffnung. Wo jemand aus Sorge einem anderen Menschen hilft, soll dies ja nicht, so hilfreich es im Einzelfall auch sein mag, im Modus einer bloß äußerlichen Pflichterfüllung geschehen, sondern in der innerlichen Hoffnung, dass es dem anderen Menschen, der der Fürsorge bedarf, besser gehen werde und sich ihm eine gute Zukunft eröffne. Manchmal hofft man auch, dass diese Zukunft eine gute geteilte Zukunft sei, dass es gut nicht nur mit diesem anderen Menschen, sondern mit jenem anderen Menschen und einem selbst weitergehen möge. Daher können Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ohne Hoffnung nicht verstanden werden. Wer gerecht oder barmherzig handelt, ist zumindest ein «anonymer Hoffender». Denn jenen, die aus Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit für einen anderen Menschen handeln, ist die Hoffnungsdimension ihres Handelns oft gar nicht bewusst. Ihnen geht es darum, dass z. B. ein konkreter Mensch nicht mehr leidet. Aber dieses Anliegen ist auf eine gute Zukunft hin orientiert, und zwar letztlich nicht nur für einen selbst oder den anderen Menschen, dem man gerade geholfen hat, sondern für alle Menschen. Jedem guten Handeln wohnt nämlich der Bezug auf alle Menschen inne, der konkreten Handlung das Interesse an universaler Güte, dem einzelnen moralischen Akt das allgemeine Gebot. Wer in einer bestimmten Situation sich für einen anderen leidenden Menschen sorgt, darf auch dem Leid anderer Menschen gegenüber nicht gleichgültig sein. Im Partikulären – in dieser besonderen Situation – eröffnet sich das Universale als Möglichkeit, also die Hoffnung darauf, dass kein Mensch mehr leide. Der Gerechtigkeit ist in besonderer Weise diese Transzendenz auf alle Menschen, auf möglichst umfassende Gerechtigkeit zueigen. Wo auch immer gerecht gehandelt wird, und erscheine diese Handlung ganz unbedeutend, geschieht dies im Blick auf die universale Geltung von Gerechtigkeit, auf Gerechtigkeit für alle. Aber auch der Barmherzigkeit, der liebenden Zuwendung zum anderen Menschen, ist gerade in ihrer Konkretheit diese hoffnungsvolle Universalität zueigen.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kann dies illustrieren. Auf der einen Seite zeigt das Gleichnis eine zeitlich beschränkte Begegnung. Der Samariter sagt zwar dem Herbergswirt, er komme zurück, um, sollte dies notwendig sein, zusätzlich anfallende Kosten zu übernehmen. Es ist kein Wort davon, dass er noch einmal zurückkehren wolle, um nach dem Wohl des Opfers zu schauen oder um diesen überhaupt wiederzusehen. Und dennoch bricht im Akt der Barmherzigkeit – der liebenden Sorge für einen anderen Menschen – die Hoffnung durch, dass es mit diesem anderen Menschen gut weitergehen möge – und implizit auch die Hoffnung, dass auch allen anderen Menschen, die der Hilfe bedürfen, diese zukomme und es gut mit ihnen weitergehe. Denn der barmherzige Samariter ist für Jesus ja ein Vorbild der Nächstenliebe, die für alle Menschen gilt. Ein jeder Mensch kann einem nämlich zum Nächsten werden. Man kann dieses Gleichnis religiös – etwa auch in christologischer Deutung als Verweis auf die Liebe und Hingabe Christi – lesen; man kann es, wie seine Rezeptionsgeschichte zeigt, aber auch «weltlich» lesen: als Zeugnis vorbildlicher, von Hoffnung getragener Menschlichkeit.
Andere Vorbilder der Hoffnung gibt es in der Kunst. Wer wirklich schöpferisch tätig ist und Wirklichkeit gestaltet, Mögliches also zur Erscheinung zu bringen versucht, jenes, was nicht war, aber sein soll, in die Form treten lässt, handelt voller Hoffnung, dass ihm dies gelingt und Schönheit in die Welt tritt. Gerade dadurch ist auch der Künstler ein Vorbild der Hoffnung. Wer hoffnungsvoll zu leben versucht, verhält sich zu seinem eigenen Leben nämlich nicht im Modus der heute vorherrschenden technischen oder instrumentellen Vernunft, die alles zu planen und zu beherrschen versucht. Denn man kann, so viel tatsächlich geplant werden muss, gerade das, was eine besondere Bedeutung für das menschliche Leben hat, nicht planen. Im Horizont der Hoffnung steht man zu seinem eigenen Leben weit eher in einem künstlerischen Verhältnis. Das Leben ist nämlich kein Produkt, nichts Hergestelltes, sondern ein Vollzug, der selbst schöpferisch ist, eine Kunst voller Hoffnung darauf, dass in ihm in Erscheinung tritt, was sein soll.
Diese Zeugnisse und Vorbilder der Hoffnung sind notwendig. Denn so wenig die Hoffnung sich zufällig einstellt oder man sie theoretisch lernen kann, so, als sei sie eine erwerbbare Kompetenz, so wenig kann man – in einem bloßen Willensakt – hoffen wollen. Hoffnung, die Haltung der Offenheit für eine gute Zukunft und das ihr entsprechende Handeln, ist auf Zeugnisse und damit auf Zeugen oder Vorbilder der Hoffnung angewiesen, die hoffnungsvolles Leben zeigen und die Möglichkeit eines Nach- und Mitvollzuges der Hoffnung eröffnen. Solche Vorbilder der Hoffnung lassen erfahren, wie menschlich ein Leben ist, das nicht desinteressiert, gleichgültig oder voller Angst in die Zukunft schaut, sondern hoffnungsvoll und das, in anderen Worten, um die Tiefe und Abgründigkeit des so unscheinbaren Wortes «hoffentlich» weiß. Denn wer hofft, stößt nie auf einen letzten, alles absichernden Grund, sondern bleibt, bei aller Zuversicht, immer im Wagnis des Ungewissen.