Luther als Sprachereignis

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On the language of Martin Luther. In this lecture Sibylle Lewitscharoff, distinguished Berlin novelist, speaks about Martin Luther, his language and its specific power. The writer reveals her views about the Bible and the art of reading it. What is remarkable about Luther is that his eccentric character connects with a poetic potency that is still unsettling today.

Für Jan-Heiner Tück, im Oktober 2016.

Das Streben nach Wahrheit leitete Martin Luther, zugleich besaß er eine Wahrheitsgewißheit und dadurch ein starkes Selbstvertrauen, welches immer die Gefahr birgt, an Selbstüberschätzung und Sturheit zu leiden. Und wahrlich, stur war der Kerl. Kein Kompromißkandidat. Er brüstete sich gern damit, niemals geheuchelt zu haben. Die Heuchelei war damals ein charakterbezeichnendes Wort stärkster Prägung, das höher im Negativkurs stand als heutigentags. Der Heuchler war ein Kandidat für die Hölle. Doch ein bißchen heucheln muß letztendlich jeder, wehe, wer von sich glaubt, er könne sich immer nur an die Wahrheit halten, und an nichts als an sie. Sigmund Freud hätte sinngemäß über so jemanden gesagt, er habe keinen blassen Schimmer, was sein Unbewußtes so alles mit ihm treibt.

Ein Hartredner war Luther, ein Dickkopf, ein Mann der Wucht, der mit Worten kräftig dreinhauen konnte, dessen eher grober Körper jedoch auch ein zartsinniges Herz besaß – davon zeugen die sanftmütigen und leisen Wörter, über die er ebenfalls in großer Zahl verfügte. Sie können sachte in die Ohren des Hörers und ins Gemüt des Lesers dringen. Vielleicht ist gerade dieses Hin und Her aus ungestümer Sprachkraft und feinhörigem Lauschen auf die innersten Seelenregungen, was es diesem Mann erlaubt hat, zu einem deutschen Zyklopen, einer Art Gewitterdämon des Geistes, zu werden, ohne als böser Poltergeist zu enden.

Man sehe sich genauer die Portraits an, die es von ihm gibt. In jüngeren Jahren wirkt der Mann noch zart. Später blickt uns ein Starkzehrer an – mit etwas grobem Gesicht, breit sich hinziehendem Mund und schon in mittleren Jahren der Bildung eines Doppelkinns, ein Antlitz, das die feineren Züge erst bei längerem Anschauen preisgibt. Da er gern aß und trank, schwitzte er sicher viel. Sein Gefährte Philipp Melanchthon wirkt daneben auch im vorgerückten Alter wie ein jünglingshafter Spargel. Ihn stellt man sich trockener vor, seine Stimme leise. Luthers Stimme dagegen laut. Nach seinen Portraits zu urteilen, hätte er auch der Bürgermeister einer kleineren Stadt sein können oder ein Tuchhändler, ein Bierbrauer, Büchsenmacher oder Metzger.

Wir müssen uns einen Mann vorstellen, der es sich bei Tisch wohl sein läßt und dort auch so manche Rede schwingt. Kurios ist nur, daß sein feuriger Redeeifer bisweilen erlosch, er ganz in sich gekehrt dasaß und kein Wörtlein redete. Ob er dabei in sich hineinhorchte und seine Sünden bebrütete, wissen wir nicht. Beide Haltungen charakterisieren Luther sehr gut. Zwei Naturen steckten in einer Haut. Der Schwadroneur und der innige Mensch zugleich, eine sehr besondere Mischung, die auch damals vermutlich nicht alltäglich war. Außerdem stellt man sich die Tafel, an der Luther präsidierte, gern als einen langen, üppig beladenen Tisch vor. Er war aber klein. Der Theologe Christian Lehnert schreibt in seinem Nachwort zu den gerade neu aufgelegten Tischreden Luthers sehr schön, die frühe Lutherverehrung habe sich nicht nur in einem Tisch, sondern auch in einem Bierhumpen aus Luthers Tischgeschirr verdinglicht, versehen mit der Aufschrift: «Gottes Wort: Luthers Lehr / vergehet nun und nimmermehr.»

Nun, wir wissen, daß zwar ein starker Esser, aber kein Büchsenmacher oder Metzger aus ihm geworden ist, sondern ein Mann, der die deutsche Geistes- und Religionsgeschichte wesentlich beeinflußt und darüber hinaus auch in anderen Ländern mächtig Wurzeln geschlagen hat. Diplomatie war leider nicht seine Stärke. Und das führte letztlich auch zum großen Dissens mit der katholischen Kirche. Was ich sehr bedaure, denn mir kommt die Zwiegespaltenheit der westlichen christlichen Religion wie ein Mißgeschick vor, rechnet man die östlichen Ländern hinzu, gibt es das Christentum sogar in dreifacher Form. Zwar bin ich evangelisch und werde es auch bleiben, aber die Risse, die sich durch die verschiedenen christlichen Konfessionen und deren Unterabteilungen ziehen, sind dennoch für mich schmerzhaft.

Als der Reformator auf den Plan trat, ging es in den Kirchen recht bunt zu. Gelächter, Zornausbrüche, Kommerz, ein geselliges Drunter und Drüber waren oft an der Tagesordnung. Gepredigt wurde vorwiegend auf Latein, was die Priester natürlich nicht davon abhielt, dazwischen saftige Wörter aus der Volkssprache zu benutzen. Allseits präsent war der Tod. Man starb früh, Krankheiten, gegen die kein Heilmittel aufkam, grassierten immer wieder, die Sterblichkeitsrate der Kinder war ohnehin sehr hoch. Sich vom Tod einschüchtern zu lassen, indem der Priester die Höllenqualen heraufbeschwor, war eine Sache, ihm mit karnevalesken Umzügen und Gelächter die Stirn zu bieten, die andere. Strenge und über die Stränge schlagen, waren gleichzeitig an der Tagesordnung.

Martin Luther waren solch wilde Umtriebe zuwider, obwohl er im häuslichen Umfeld durchaus zu Späßen neigte, die an Vulgarität nichts zu wünschen übrig ließen. Vor allem aber war er ein Wortmensch, oder besser gesagt: Wortfex. Gott hatte sich in Wort und Schrift offenbart. Luther nahm es damit sehr ernst. Daß Gottes Wort dem einfachen Volk in dessen Sprache verkündet werden müsse, und denen, die lesen konnten, das große Buch in deutscher Sprache zugänglich sein sollte, diesem Unterfangen, dem er sich mit aller Kraft widmen sollte, war ihm ein brennendes Anliegen. Zweifellos war er der richtige Mann dafür, obwohl er bei weitem nicht der einzige war, der dazu aufforderte, die Liturgie auf Deutsch zu sprechen. Freiere Formen des Gottesdienstes, in denen Gebete und Erklärungen von den Priestern in deutscher Sprache ausgefolgt wurden, gab es im Spätmittelalter durchaus.

Für seine Übersetzung klaubte sich Luther aus den zersplitterten deutsche Sprachregionen die passenden Wörter zusammen, trieb Studien, die man zwar nicht in einem modernen Sinn als philologisch bezeichnen kann, denn ein Gelehrter, der bestrebt ist, aus kühlem Abstand auf Texte zu blicken und sie damit auf prüfbare Distanz zu halten, so ein Mann war er ganz gewiß nicht, aber ein Textexeget, der verschiedene theologische und sprachgeschichtliche Auffassungen zu Rate zog, das war er sehr wohl. Das Herz loderte, der Kopf sprühte, die Haut schwitzte. Martin Luther stand nicht nur als Redner unter Dampf. Den Kommentaren, mit denen er seine Übersetzung der beiden Testamente umzirkte, merkt man an, wie sehr ihn dabei etwas Gewaltiges umtrieb und ihm keine Ruhe ließ.

Daß er kein diplomatisches Geschick besaß, spürt man nicht nur bei seinen Reden, mit denen er die kirchliche Obrigkeit herausforderte, auch die Annäherung an das Judentum, die er in jüngeren Jahren durchaus mit Eifer betrieb, kehrte sich rasch in ein enttäuschtes Gegenteil um. Als entgegen seiner Hoffnung das ältere Bibelvolk sich nicht in Scharen um ihn als neuen Religionsverkünder sammelte, und es sich – nach Luthers Lesart – darin verbiß, auf der eigenen Tradition zu beharren, wurde er gehässig. Seine fatalen Sprüche über die Juden sind bekannt und werfen ein böses Schlaglicht auf den Reformator. Persönlich kannte er so gut wie keine Juden, in privaten Begegnungen kam er mit keiner einzigen jüdischen Familie zusammen, disputiert hat er, soweit mir bekannt, nur mit zwei Juden. Da er gleichzeitig den jüdischen Teil der Bibel enorm aufwertete, die damals bei den Predigten eine untergeordnete Rolle spielte, kann man die verpaßte Chance nur betrauern, daß Martin Luther keine versöhnliche Haltung entwickeln und vertiefen konnte – wer weiß, vielleicht hätte es sogar in seiner Macht gelegen, das Schwert zu begraben und das Feuer zu ersticken, mit denen die Christen den Juden nach dem Leben trachteten. Martin Luther hatte viel in der Hand, gleichsam eine aufgetummelte Potenz von hoher Wirkmacht, die sich leider nicht als sänftigend erwies, erst recht nicht gegenüber den Juden, aber auch nicht in bezug auf die Katholiken, so daß sich der Haß im Dreißigjährigen Krieg in einer Verheerung riesiger Landstriche in Europa entlud, und der Haß auf die Juden fortdauerte. Natürlich waren während des langen Krieges auch ganz andere Machtinteressen im Spiel, die mit den Auslegungsarten der Bibel nicht das Geringste zu tun hatten.

Für die Geschichtskatastrophen nach seinem Tod kann man Luther allerdings nicht in volle Verantwortungshaft nehmen. Die Greuel gingen später weit über das hinaus, was sich Martin Luther vorstellen konnte – der kriegerische Haß mit den abertausend Toten, der halb Europa in den Jahren 1616 bis 1648 verwüstete, übertraf in seinem Ausmaß alles, was in den bisherigen Kriegen zerstört worden war. Einen klaren Blick auf die Greuel, welche die Kriege anrichteten, die er kannte, den besaß er gleichwohl:

Buchsen und das Geschütz ist ein grausam, schädlich Instrument, zusprengt Mauren und Felse, und führt die Leute in die Luft. Ich gläube, daß des Teufels in der Hölle eigen Werk sey, der es erfunden hat, als der nicht streiten kann sonst mit leiblichen Waffen und Fäusten. Gegen Büchsen hilft keine Stärke noch Mannheit, er ist todt, ehe man ihn siehet. Wenn Adam das Instrument gesehen hätte, das seine Kinder hätten gemacht, er wäre fur Leide gestorben.

Die Vernichtung des europäischen Judentums in den Gaskammern der Nationalsozialisten ist ohnehin eine beispiellose Katastrophe. Obwohl einige Wortführer des sogenannten Dritten Reichs, das tausend Jahre hätte währen sollen, aber nach zwölf Jahren als bösester Rohrkrepierer aller Zeiten endete, ihre Hetze gegen die Juden hin und wieder mit Luthersprüchen spickten, ist es schwierig, den Reformator dafür in Haft zu nehmen. Derartige Greuel konnte der Mann sich nicht im entferntesten vorstellen. Trotzdem legt sich damit ein schwerer Schatten auf ihn. Und man darf spekulieren: hätte Martin Luther an seiner anfänglich versöhnlichen Sicht auf das Judentum festgehalten, wer weiß, ob sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden nicht dauerhaft friedlicher hätte gestalten können.

Hätte er gewollt, hätte er gesagt, hätte er geschrieben – letztlich sind solche Spekulationen unnütz, und so bleibt es dabei, daß die Vernichtung des europäischen Judentums im 20. Jahrhundert nicht nur die folgende Zeit beschwert, sondern auch als böser Schatten über die vergangenen Jahrhunderte hinwegstreicht und ein Ausläufer davon über dem Kopf des Reformators hängen bleibt. Christian Lehnert spricht mir deshalb aus dem Herzen, wenn er sagt, Luther sei ihm «lange suspekt gewesen, nicht von wirklichem Interesse, nur eine merkwürdig verformte Mnemoplastik, in der deutsches Nationalgefühl, antimoderne Ressentiments und Konfessionsstrenge, dazu poltende Sinnesart und derbes Eiferertum sich ungut vermischten.»

Bevor wir etwas genauer auf Luthers grandiose Leistung bei der Übersetzung der Bibel eingehen, seien noch zwei Aspekte erwähnt, die den Reformator von der katholischen Lehre trennten. Vom großen Lehrer Augustinus übernahm er einen wichtigen Ausgangspunkt der Theologie, und zwar den, daß es allein von der Gnade Gottes abhänge, ob ein sündiger Mensch zum Himmel auffahren dürfe oder in die Hölle hinabgestoßen werde. Die dritte Möglichkeit, die Seele im Fegefeuer purifizieren zu können, lehnte er ab. Diese Ablehnung geschah natürlich auf komplizierten Wegen, sie bildete sich erst mit der Zeit heraus und wurde schließlich zur Gewißheit.

Alle Menschen sind ausnahmslos Sünder, haben Teil an der Erbsünde und können sich zu Lebzeiten davon nicht aus eigener Kraft befreien. Deshalb hängt von ihrem Bestreben, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, auch sehr wenig ab. Die Radikalität der Sündhaftigkeit so zu betonen, war schon zu Augustinus’ Zeit einem Pessimismus geschuldet, der mit den kriegerischen Wirren der historischen Umstände zusammenhing, unter denen der Kirchenlehrer litt. In ihnen galt das einzelne Leben eines Menschen wenig. Wo der Tod immerfort schreckliche Beute macht, sinkt der Wert des menschlichen Lebens gegen Null, und damit auch die Bedeutung, die dem Streben des Einzelnen zukommt.

Es ist eine zutiefst pessimistische Auffassung in bezug auf die Möglichkeit des Menschen, Freiheit von der Schwere seiner Sündenlast schon zu seinen Lebzeiten zu gewinnen. Martin Luther schloß sich dem vorbehaltlos an und bekämpfte darum auch die Vorstellung, daß es ein Fegefeuer geben könne. Eine dritte, vermittelnde Möglichkeit ist damit ausgeschlossen. Bereits darin zeigt sich eine scharfe Trennung zwischen Gottes Ja und Gottes Nein, und damit eine Äußerstes an Verwerfung der Bedeutung des Lebens, das ein Mensch vor seinem Tod zu führen imstande ist. Mir ist diese Auffassung eher unsympathisch. Salopp gesagt, mir kommt es auf die Zwischentöne an, weil sie zur schwankenden Verfaßtheit eines Menschen ungleich besser passen. Ein zu Güte und Liebenswürdigkeit neigender Mensch kann dennoch eine böse Handlung begehen. Ein böser Mensch kann in seltenen Augenblicken seines Lebens etwas Gutes tun. Fast alle Menschen, die ich kenne, sind diesbezüglich Mischwesen. Eine bedeutende Schrift des Professors Klaus Heinrich, bei dem ich Religionswissenschaften in Berlin studiert habe, heißt nicht umsonst: «Tertium datur». Wenn wir eine dritte Möglichkeit, modern gesagt: wenn wir den Kompromiß ausschließen, dann gnade uns Gott, weil dann fast jeder größere Konflikt in der Starre des Todes endet.

Ein anderer trennender Aspekt von Luthers Religiosität war die Rolle, die der Jungfrau Maria im Heilsgeschehen zukam. Die immense Bedeutung, die ihr damals landauf landab zugesprochen wurde, stufte er herab. Der Marienkult war schwelgerisch im Gange, sie war die Hauptfigur, an die sich die um Fürbitte mühenden Gläubigen wandten. Bereits Erasmus von Rotterdam hatte an dieser alles beherrschenden Fürbittefigur gekratzt, indem er Marias Bedeutung minderte und damit einen wichtigen Aspekt der Volksfrömmigkeit in Frage stellte.

Ich zitiere Ihnen hierzu eine Passage aus Diarmaid MacCulloch’s üppigem Buch Die Reformation:

In der 1519 überarbeiteten Auflage des Neuen Testaments korrigierte Erasmus die lateinische Übersetzung des Grußes, mit dem der Erzengel Gabriel Maria ihre heilige Bestimmung offenbart und der Teil des Ave-Maria war. Seine Jungfrau war jetzt nicht mehr gratia plena («voll der Gnade», mit anderen Worten reich an Verdiensten vor Gott) sondern gratiosa («begnadet»). Von Stund an konnte die Theologie der Verdienste und guten Taten als Teil des göttlichen Erlösungsplans Maria nicht mehr so eindeutig für ihre Zwecke vereinnahmen. ... Auf den ersten Blick mag es belanglos erscheinen, daß der gesunde Menschenverstand Erasmus hier zu einer spitzen Bemerkung veranlasste. Tatsächlich war seine Kritik jedoch von immenser Bedeutung, denn sie brachte das ganze Konstrukt der Fürbitte Marias bei ihrem Sohn zum Einsturz, das in der Volksfrömmigkeit des Westens damals eine alles durchdringende Bedeutung hatte. ... Somit war plötzlich ein Prinzip der Frömmigkeit in der Westkirche bedroht, nämlich dass man sich Gott durch die Heiligen im Himmel nähern könnte und sollte.

Die Ablehnung Marias als hochbedeutsamer Mittlerfigur, mit deren Hilfe man sich von der Sündenlast befreien kann, eine Ablehnung, die bei Martin Luther zu voller Ausprägung kam, ist natürlich eng mit der Negierung des Purgatoriums verbunden.

Blicken wir jetzt aber auf Luthers Übersetzung der Bibel, seine eigentliche Leistung, die bis heute Bestand hat. Bei diesem Thema darf man durchaus ins Schwärmen geraten, denn sein wortbewimmeltes Hirn, seine eifrigen Studien, immer mehr Wörter aus den verschiedenen deutschsprachigen Teilen des Landes in sein großes Werk zu inkorporieren, erfüllt mich mit heller Begeisterung. Der Mann war fleißig, war voller Tatkraft und hat in relativ kurzer Zeit ein monumentales Werk erschaffen. An seiner Bibelübersetzung, die ich in den siebziger Jahren zum ersten Mal im Original las, habe ich einen regelrechten Narren gefressen. Sie ist würzig, ist manchmal derb, das haut rein, ist zuweilen auch zart, und steht einem heutigen Leser auch deshalb als Faszinosum vor Augen, weil die Bibel in dem nicht mehr ganz und gar geläufigen Deutsch als eine etwas befremdliche Schönheit wie neu ersteht, mit deren Sinn er sich ganz frisch befassen muß, eben weil die Sprache nicht in der gewohnten Geläufigkeit dahergaloppiert.

Hinzu kommt, daß Martin Luther sich noch einen Sinn für die schwarzen Löcher bewahrt hat, die in der Bibel zwischen den einzelnen, knapp gehaltenen Sätzen gähnen, wiewohl er des öfteren durchaus zu Füllseln griff, die den Sinn etwas geschmeidiger daherlaufen lassen als es in den originären Schriften der Fall ist. Leider kann ich kein Hebräisch, aber die, die es können, haben mir immer wieder versichert, daß es in der jüdischen Bibel diesen Schwarzlocheffekt viel stärker gibt, der natürlich immer neue Generationen dazu verlockt hat, sich mit Kommentaren darin zu versenken, um mit neuen glanzvollen Schätzen der Interpretation wieder daraus emporzutauchen. Wehe, alles ist ausformuliert und gemeinverständlich, dann läßt sich ein bedeutender Text gar nicht tradieren, weil er bereits nach ein, zwei Generationen erloschen ist und kein Arkanum mehr birgt, das frische, auch umstürzlerische Kommentare hervorlocken kann.

Ich weiß, daß ein solches Argument bei einem Prediger, der sich um Interpretation auf verständliche Weise müht, nicht ganz verfangen kann. Bei einem Philologen erst recht nicht. Zumal dabei auch das Faszinosum des Althergebrachten mitschwingt, und dabei gerät man leicht in tümelndes Fahrwasser. Gerade weil die Bibel in Luthers originaler Verschriftung heute nicht so mühelos heruntergelesen werden kann, erhält sie den patinierten Glanz des Althergebrachten, das aus einem geheimnisvollen Dunkel als entborgenes Juwel hervorleuchtet, und damit diesem sehr alten Schriftwerk eine große Würde verleiht. Das ist natürlich Stuß, eine Vergangenheitsromantik, die fragwürdig ist, denn zu Luthers Zeit war diese Sprache ja hochmodern. Trotzdem: Luthers von weit her mir zuwinkende Originalsprache ist mir so lieb und teuer wie der edle bräunlich, moosgrün, schwärzlich schimmernde Lack eines hinreißenden chinesischen Apothekerschränkchens, das in meinem Arbeitszimmer steht und immer wieder den Blick auf sich zieht. Ein unziemlicher Zusammenhang, blödsinniger Quatsch, ich weiß. Aber die Liebe greift nun mal gern zu den absurdesten Vergleichen.

Auch wenn das gerade Vorgetragene Unsinn ist, enthielt dieser doch ein Körnchen Wahrheit. Wenn sich die Bibelübersetzungen ganz und gar dem modernen Sprachgebrauch ausliefern und damit auf überaus kommode Weise verständlich werden, gehen sie der Möglichkeit der Interpretation mehr und mehr verlustig, was sich an den Reden der Priester unserer beider Konfessionen landauf landab zeigt. So lange der Schatten einer dunkleren Wortwahl aufhorchen läßt, der nicht sogleich bis aufs letzte Fitzelchen ausgedeutet werden kann, bewahrt die Bibel auch etwas von ihrem Offenbarungsgeheimnis. Liegt alles in planer, alltäglicher Sprache vor uns, latschen wir in den biblischen Texten herum wie schlecht erzogene Badegäste. Ich bin immer froh, wenn ich in der Bibel lese und nicht alles verstehe, weil sich genau solche Passagen zu einem seelischen Weckruf verdichten können, der mich geistig aufzwickt und damit auch dem in der Bibel enthaltenen Tremendum näherbringt. Es muß nicht alles verstanden werden, wenn ein überschüssiger Rest bleibt, der mich die Ohren spitzen läßt, ist das nur gut.

Trotz des sprachlichen Brückenbaus über so manches schwarze Loch hinweg läßt Martin Luthers Übersetzung die Gewalt des parataktischen Nebeneinander der Sätze noch spüren, wo es kein kommodes Geländer gibt, an dem man sich festhalten könnte. Wer die Bibel ausstopft mit allzu gemütlichem Gemeinsinn und gut ausgeschilderten Wanderwegen, bereitet ihrer Wirkmacht ein Ende. Das Buch der Bücher ist ein von starken Gefahren und seelischen Gefährdungen umwitterter Text, immer wieder von blitzhaft einschlagender Hoffnung erleuchtet. Martin Luther war ein Mann extremer Wetterlagen, bewimmelt von stürmischem Wortgebraus, schwarzgallig verbissen in die Verzweiflung, hoch auffahrend in der Sehnsucht nach Erlösung, und darin liegt die zündende Stärke seiner Übersetzung.

So, nun aber endlich zu einigen Passagen aus Luthers Übersetzungswerk, und zwar konkret. Vorneweg sei noch erwähnt, daß Martin Luther seine Übersetzung des Alten Testaments mit zahlreichen Anmerkungen versah, die nach seiner Auffassung auf das Kommen von Jesus Christus im Voraus deuten. Das Zusammenschweißen der jüdischen Bibel mit dem Neuen Testament war ohnehin im Gange, es galt, den Zusammenhang zu wahren und für die Beglaubigung des Messias, der für die Christen kein anderer als Jesus Christus ist, vorausweisende Belege in den älteren Schriften zu finden. Bereits die Stammlinien, die im Matthäus- und im Lukasevangelium aufgeführt werden, befestigen den Versuch, Jesus von Nazareth in die bedeutende Verzweigung berühmter alttestamentarischer Vorfahren einzugliedern. Und Martin Luther war eifrig bestrebt, die älteren biblischen Schriften zu durchkämmen, um ihnen entsprechende Hinweise auf Jesu Erscheinen zu entnehmen.

Stammbaumfragen waren damals wichtiger, als sie es für die meisten modernen Menschen sind. Einen nachweisbaren Stammbaum über mehrere Generationen vorzeigen zu können, ist heutzutage nur noch für den Adel wesentlich – und für eine Handvoll Spinner, die sich dem Herkunftsmystizismus ergeben. Für die Verfolgten im Dritten Reich wurde es ernst. Es konnte über Leben oder Tod entscheiden, wenn sie den sogenannten Ariernachweis nicht erbringen konnten. Sowohl in den mythischen Erzählungen als auch in den biblischen Schriften sind solche Linien in ganz anderer Hinsicht entscheidend. Sie tragen ein hohes Gewicht, denn in ihnen sind gleichsam vor- und nachbedeutend die Generationen miteinander verbunden, die entweder teilhaben am chaotischen Götterlos des mythischen Himmels und der mythischen Unterwelt oder aber an der von dem einen Gott in Gang gesetzten Schicksalsgebundenheit des Menschen.

Wenn die Erbsünde von Adam und Eva eine bedeutende Rolle für ihre Nachfahren spielt, tragen auch die späteren Generationen, so entfernt sie auch immer sein mögen, an diesem fatalen Erbe und können es ganz auf sich allein gestellt nicht loswerden. Man darf bei der akribischen Auflistung der Generationsfolgen im Falle Jesu nicht vergessen, daß es dabei auch um die Reinigung von dieser Ursünde geht, denn ein vollkommen unschuldiger Mann wird hier ans Kreuz geschlagen, dem es obliegt, die versammelte Anhäufung der Sündenlast als Erbfolge zu tragen.

Bei Martin Luther heißt es in einer Anmerkung zu seiner Vorrede zum Psalter: «Jm Psalter findet man was Christus vnd alle Heiligen gethan haben.» Und: «Der Psalter redet klerlich von Christus sterben vnd aufferstehen / von seinem Reich vnd der Christenheit stand vnd wesen.» Es findet sich im Vorspann auch eine Lobrede auf die Gabe der Rede, indirekt natürlich auch ein Lob auf sich selbst, denn die Gabe der Rede besaß der Reformator zweifellos:

ES ist ja ein stummer Mensch gegen einen redenden / schier als ein halb todter Mensch zu achten. Vnd kein krefftiger noch edler werck am Menschen ist / denn reden / Sintemal der Mensch durchs reden von andern Thieren am meisten gescheiden wird / mehr denn durch die gestalt oder ander werck.

Und nun übersetzt er Psalter II, Vers 7 bis 9:

Jch will von einer solchen weise predigen / Das der HERR zu mir gesagt hat / Du bist mein Son / heute hab ich dich gezeuget. Heissche von mir / So will ich dir die Heiden zum Erbe geben / Vnd der Welt Ende zum Eigenthum. Du solt sie mit einem eisern Scepter zuschlahen / Wie Töpffen soltu sie zerschmeissen.

Und in seiner Anmerkung schreibt er dazu: «Von einer newen weise / Das ist die newe Lehre des Euangelij von Christo Gottes Son.»

In der Übersetzung vom Martin Buber und Franz Rosenzweig klingt das zwar ähnlich, aber doch auch ein wenig anders:

Berichten will ichs zum Gesetz, / ER hat zu mir gesprochen: / Mein Sohn bist du, / selber habe ich heut dich gezeugt. / Heische von mir und ich gebe / die Weltstämme als Eigentum dir, / als Hufe dir die Ränder der Erde, – / du magst mit eisernem Stab sie zerschellen, / sie zerschmeißen wie Töpfergerät.

Dazu nun die ganz neue Übersetzung der Deutschen Bibelgesellschaft:

Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN. Er hat zu mir gesagt: / Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. / Bitte mich, so will ich dir Völker zum Erbe geben / und der Welt Enden zum Eigentum. / Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, / wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.

Um es gleich vorwegzunehmen, ich halte diese neue Übersetzung für gelungen, weil sie in größerer Spannweite operiert, in einer etwas älter klingenden Tonart, die zugleich moderne Sprachformen mühelos integriert, ohne dabei modisch zu klingen.

Knöpfen wir uns nun andere Passagen vor, einige Verse aus dem Buch Hiob XXXVIII bis XXXIX, verschiedene Stellen, in der Gott in einer grandiosen Selbstbezeugungsrede auf Hiob rhetorisch eindonnert – meine fromme schwäbische Großmutter hätte dazu gesagt: den Kerle Mores lehrt. Bei Luther klingen diese Stellen so:

Vnd der HERR antwortet Hiob aus einem wetter / vnd sprach / Wer der ist / der so feilet an der weisheit / vnd redet so mit vnverstand? / Gürte deine lenden wie ein Man / Jch wil dich fragen / Lere mich. Wo warestu / da ich die Erden gründet? sage mirs / bistu so klug. Weissestu / wer jr das mas gesetzt hat? oder wer vber sie ein Richtschnur gezogen hat? Oder wor auff stehen jre Füsse versencket? oder wer hat ihr ein Eckstein gelegt? ... Wer hat das Meer mit seinen thüren verschlossen / da es eraus brach wie aus mutterleibe. Da ichs mit Wolcken kleidet / vnd in tunckel einwickelt wie in windeln. Da ich jm den laufft brach mit meinem Tham / vnd setzet jm riegel vnd thür / vnd sprach / Bis hier her soltu komen vnd nicht weiter / Hie sollen sich legen deine stolzen wellen. ... Bjstu gewesen da der Schnee her kompt? oder hastu gesehen / wo der Hagel her kompt? Die ich habe verhalten bis auff die zeit der trübsal / und auff den tag des streits vnd des kriegs. Durch welchen weg teilet sich das Liecht? vnd aufferet der Ostwind auff erden? Wer hat dem Platzregen seinen laufft ausgeteilet? vnd den weg dem Blitzen vnd Donner. ... Wer ist des Regens vater? wer hat die tropffen des Tawes gezeuget? Aus wes Leib ist das Eys gegangen? vnd wer hat den Reiffen vnter dem Himel gezeuget? ... Kanstu deinen Donner in der wolcken hoch her führen / Oder wird dich die menge des Wassers verdecken? Kanstu die Blitzen auslassen / das sie hin fahren / vnd sprechen / Hie sind wir? Wer gibt die Weisheit ins verborgen? Wer gibt verstendige gedancken? Wer ist so weise / der die Wolcken erzelen könde? Wer kann die Wasserschleuche am Himel verstopffen? Wenn der staub begossen wird / das er zu hauff leufft / vnd die Klösse an einander kleben.

Bitte verzeihen Sie, daß ich hier so ausgiebig zitiere – ich finde den Text einfach hinreißend. Auch ein religionsferner Mensch müßte hierbei zugestehen, daß es sich um einen hochsinnigen und kraftvollen poetischen Geistrausch handelt, der seinesgleichen sucht. Und weil’s gar zu schön ist, erlauben Sie mir bitte noch, die Passage über die Pferde zu zitieren – ein Spötter wird natürlich behaupten, daß es mehr als unwahrscheinlich ist, daß Gott sich über mehrere Sätze hinweg ausgerechnet über Streitrösser ausläßt. Weil sich’s einfach hinreißend anhört, frißt das sprach- und wundergläubige Kind, das in mir steckt, auch diese Passage mühelos und hofft inständig, Gott möge bei meiner nachmaligen Ankunft im Jenseits eine herrliche Rede über den geliebten Rauhaardackel meiner Kindertage halten, so wie er es vermochte, Hiob gegenüber in eine Hymne über das Ross auszubrechen.

Und diese phantastische Stelle klingt nun so:

Kanstu dem Ross kreft geben / Oder seinen hals zieren mit seinem geschirr? Kanstu es schrecken wie die Heuschrecken ... Es strampffet auff den boden / vnd ist freidig mit krafft / vnd zeucht aus den Geharnischten entgegen. Es spottet der furcht und erschrickt nicht / vnd fleucht fur dem schwert nicht ... Es zittert und tobet und scharret in die erde / vnd achtet nicht der drometen halle. Wenn die dromete fast klingt / spricht es / Hui / vnd reucht den streit von ferne / das schreien der Fürsten und jauchzen.

Wir wollen uns aber bitte hier nicht kleinlich benehmen und einwenden, daß Gott von der Psychologie des Pferdes wohl weniger verstand als Ulrich Raulff. Erschrickt nicht, fleucht nicht ... geschenkt! Kleinlich dürfen wir auch nicht werden, wenn Martin Luther in der folgenden Gottesrede übersetzt:

Meinstu das Einhorn werde dir dienen / vnd werde bleiben an deiner krippen? Kanstu jm dein joch anknüpffen die furchen zu machen / das es hinder dir broche in gründen? Magstu dich auff es verlassen / das es so starck ist? Vnd wirst es dir lassen erbeiten? Magstu jm trawen das es deinen samen dir widerbringe / vnd in deine Scheune sammle?

Schwerlich wird man ein Einhorn als Ackergaul vor den Pflug spannen können. Daß in der Gottesrede an Hiob überhaupt vom Einhorn die Rede gewesen sein soll, ist mehr als zweifelhaft, denn das Einhorn als Wundertier kreuzt erst im frühen Mittelalter auf, Hiob dürfte es noch unbekannt geblieben sein. Das Einhorn gehört auf manchen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bildnissen zwar in den Hortus Conclusus, wo es bisweilen ehrerbietig sein Horn in Marias Schoß senkt, was ich jetzt nicht im Sinne Sigmund Freuds ausdeuten möchte, aber in Verbindung mit Hiob wirkt es gewiß mehr als nur ein bißchen bizarr.

Martin Buber und Franz Rosenzweig sprechen in ihrer Übersetzung an dieser Stelle denn auch vom kräftigen Wisent und nicht vom Einhorn:

Wird der Wisent willig sein dir zu dienen, wird er nächtigen an deiner Krippe? knüpfst den Wisent du an die Furche seines Seils oder reißt er Täler hinter dir auf? bist du sein sicher, daß sein Kraftgewinn groß ist, überlässest du ihm deine Mühe, vertraust du ihm, daß er deine Saat wiederbringt und heimst sie dir in die Tenne?

Einhorn oder Wisent, es sei, wie’s sei, die mächtige Lobrede Gottes auf sich selbst besitzt jedenfalls eine enorme poetische Kraft. Es ist geradezu schwindelerregend, wie sie sich aus dem Detaillierten herauswindet und in höchste Machthöhe schraubt. Bei dieser Rede kann man tatsächlich von geballter Poesie sprechen. Man kann es auch bei der Apokalypse des Johannes und im Falle der Psalmen, die bisweilen herzinnig gehalten sind, dann wiederum hochgradig rachlüstern ins Toben geraten.

Ansonsten lehne ich den Begriff Poesiein bezug auf die Bibel ab, weil man sie damit zur reinen Dichtung erklärt. Oder genauer gesagt: sie falsch verklärt. Der Poesie haftet nun mal nichts Verbindliches an. Sie mag das Herz betören und den Geist erfrischen, sein Leben nach ihr ausrichten kann man jedoch nicht. Der große Homer, der mitreißende Vergil, das Konstruktionsgenie Dante, sie haben fraglos hochmögende Poesie erschaffen. Schwelgerisch schwingen ihre Texte einher, sie sind im Üppigen behaust, sprühen vor Energie und Phantasie und preisen die Natur. Maximen für das eigene Leben wird man ihnen allerdings schwerlich entnehmen können, nicht einmal der Divina Commedia, die sich zu weiten Teilen an das uns bis heute vertraute Sündenregister hält.

Der Begriff Poesie paßt auch nicht zur Kargheit, die viele biblische Stellen auszeichnet, in denen mit knappem Sparmund ein Licht auf ein Geschehen ins Wort gezogen ist, das sich sogleich wieder ins Rätselhafte oder – wenn man so will – ins Statuarische eines Berichts zurückzieht, der mit wenigen Worten auskommt oder mit einer schlagartigen Verkündigung aufwartet, die ebenfalls knapp gehalten ist. Dazu paßt, daß die Bibel nur an wenigen Stellen in ein Lob der üppigen Natur ausbricht. Zedern und Weinberge hin oder her, ihre Herkunft aus dem Wüstenhaften läßt sich nicht verleugnen. Im Vergleich mit den durch und durch poetisch gewässerten Schriften aus Griechenland und Italien wirkt sie trocken und karg.

Martin Luther ist in seiner Übersetzung bisweilen etwas vom Gebot der Kargheit abgewichen, weil alle Übersetzer dazu neigen, in der eigenen Sprache eine etwas ausführlichere Verbindlichkeit zu stiften, zumal das Deutsche eine Sprache ist, in der bis auf das stimmlose H alle Buchstaben ausgesprochen werden und die Fülle der Zeichen das Sprechen möglichst genau vorzeichnet. Vergessen wir dabei nicht, daß der Reformator als Übersetzer auch erzieherisch wirken wollte, indem er mit seiner deutschen Bibel einer größeren Schar von Menschen diese verständlich und damit zugänglich machte. Zweifellos ist ihm das geglückt.

Die Zündkraft der Bibel besteht jedoch in ihrer Fähigkeit, sich kurz zu fassen. Mitunter gehen die Sätze wie Schlaghämmer nieder. Auf poetischen Firlefanz wird in aller Regel verzichtet. Du mußt dein Leben ändern! Das ist der Befehl, der aus ihr hervorgeht. Er ist knapp, er ist präzis, dennoch kostet es unendliche Kraft, ihm im Sinne der Bibel Folge zu leisten. Martin Luther hat daran gezweifelt, daß es einem Sterblichen vergönnt sei, dem Befehl nachzukommen. Ich zweifle daran auch, aber nicht so vehement wie der Reformator. Denn es gibt sie, die Menschen, die sich dem Guten zuneigen, und es umweht sie ein Hauch des Glücks und des Lebensmutes, der es vermag, andere Menschen weichherziger und tapferer zu stimmen.

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