Die Gegenwart ist entscheidendEine Meditation

Abstract / DOI

The Presence is Decicive: a Meditation. This article reflects the interdependence of past, presence and future in human consciousness. There is an ontological difference between a fixed and unchangeable past on the one hand and the open possibilities of future on the other. Therefore it is the presence that makes the decisions, willing or unwilling. Meeting God here and now through Christ, who is the measure of all time, opens a perspective for the ethical and social dimension of time.

Jeder Mensch hat seine eigene Zeit. Er hat seine Erinnerungen, die niemand so haben kann wie er. Er ist geworden in und aus einer Vergangenheit, die ihn geprägt hat, in ihm ihre geistigen und körperlichen Spuren hinterließ. Man muss geradezu sagen: Jeder Mensch ist seine Vergangenheit, unverwechselbar, unwiederholbar. Diese Vergangenheit haben viele andere Menschen und vielfältige Ereignisse mitgeprägt und mitgestaltet: In erster Linie Eltern, Geschwister, Lehrer, Kollegen und schließlich, mehr oder weniger einschneidend, das ganze Gewebe der Zeitgeschichte. Alle diese haben und hatten je wieder ihre eigene Vergangenheit. Diese Verflochtenheit vieler, letztlich aller Einzelzeiten bildet das, was wir «die Zeit» nennen. Um diese einigermaßen fassbar zu machen, haben die Menschen eine gemeinsame Zeitmessung erfunden, gestützt auf objektive Zeitstrukturen.

I

Doch so objektiv und nachprüfbar diese Zeitstrukturen sind: der Lauf der Gestirne, der Wechsel der Jahreszeiten, der Zerfall der Atome… – erst in der Betrachtung durch den Menschen werden sie formell zur Zeit. Nur der Mensch kann mit seinem geistigen Vermögen, Gedächtnis und Erinnerung, etwas als Vergangenheit festhalten, obwohl es nicht mehr da ist. Nur der Mensch kann den Lauf der Gestirne «zählen» und ihn so zum Zeitmaß machen, wie schon Aristoteles bemerkt hat.1 Augustinus schließt daraus, verallgemeinernd, aber zu Recht, dass es Zeit im Vollsinn nur in einem Bewusstsein gibt: «tempora sunt in anima»2, weil nur ein Bewusstsein die Vergangenheit, die nicht mehr ist, und die Zukunft, die es noch gar nicht gibt, in einer zerfließenden Gegenwart zusammenhalten kann, sodass sie zur Zeit, genauer gesagt zum Zeitfluss wird. Es muss sich noch zeigen, ob wir Augustinus auch dann noch folgen sollen, wenn er die Zeit auf verschiedene Intentionen des Bewusstseins (Erinnerung, Erwartung, Aufmerksamkeit) reduziert.

Zumindest für die Zukunft wird man ihm recht geben müssen. Alles Zukünftige ist dadurch gekennzeichnet, dass es (noch) nicht ist, dass es nur sein oder eintreffen kann oder könnte, oder dann eben gerade nicht eintrifft. So sehr die verschiedenen Zunkunftsmöglichkeiten durch das, was schon ist und was war, vorgezeichnet oder ausgeschlossen sein mögen; sie bleiben dennoch wesenhaft unbestimmt und vielfältig, nicht nur bezüglich ihres Eintreffens oder nicht Eintreffens, sondern ebenso sehr, ja noch mehr, bezüglich ihrer Ausgestaltung. Unter den objektiven Gegebenheiten, den «Seienden», lässt sich nichts Derartiges finden; nur ein kreativer Geist kann es, wenigstens in Frageform, entwerfen.

Bezüglich meiner persönlichen Zeit – und das heißt hier: bezüglich meiner eigenen Zukunft – zeigt sich das an dem einzigen absolut Sicheren, das ich über meine Zukunft sagen kann: «Ich werde einmal sterben». An dieser Gewissheit hat Sokrates seine Philosophie festgemacht, und sie ist zum Urbeispiel für den aristotelischen Syllogismus geworden. Doch darüber, wann, wo und wie dieses höchst Gewisse eintreten wird, kann ich und können auch andere nichts Gewisses aussagen; wir können davon höchstens eine mehr oder weniger begründete Vorahnung haben. Nur das Eine weiß ich: Alle anderen nur erdenklichen Zukunftsmöglichkeiten gibt es für mich nur, sofern diese eine, die einzig gewisse Möglichkeit sich nicht verwirklicht. Ich habe eine Zukunft, wenn und insofern ich nicht sterbe. Dass heute nicht wenige durch bewusstes Sterbenwollen (Selbsttötung, aktive Sterbehilfe) dieser Zukunft zu entkommen suchen – wie im ausgehenden Altertum die Stoiker – gehört zum anthropologisch Bedenklichsten unserer Zeit; gerade das gewiss-ungewisse Wissen um sein eigenes Sterben zeichnet ja den Menschen vor dem Tier aus.

Anders steht es mit meiner Vergangenheit. So sehr ich sie jetzt bedauern oder bereuen mag, ich kann sie nicht im Geringsten abändern oder ungeschehen machen. Mit eiserner Notwendigkeit lastet sie auf mir; sie bestimmt mich und grenzt auch meine Zukunftsmöglichkeiten ein oder weitet sie aus. In philosophischer Sprache lässt sich der Unterschied zwischen Zukunft und Vergangenheit dadurch kennzeichnen, dass bezüglich der Vergangenheit das Kontradiktionsprinzip in der von Bernhard von Clairvaux und Descartes festgestellten Form gilt: «Quod factum est, infectum fieri nequit»3 – Was einmal geschehen ist, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ergänzend wäre hinzuzufügen: Auch was einmal versäumt wurde, kann so nicht mehr nachgeholt werden. Das Eine schließt sein Anderes endgültig und unwiderruflich aus.

Bezüglich des Zukünftigen, des bloß Möglichen gilt das Kontradiktionsprinzip nicht. Wer dennoch kontradiktorische Aussagen davon macht: «Wenn A, dann unmöglich nicht-A», der projiziert das Zukünftige, bewusst oder unbewusst, in eine Vergangenheit. Die Zukunft als solche kennt nichts Unabänderliches; sie kennt nur entgegensetzte Möglichkeiten, die sich erst dann ausschließen, wenn eine der beiden verwirklicht, das heißt Vergangenheit wird. Derartige Möglichkeiten bilden, philosophisch gesprochen, konträre Gegensatzpaare, die zwar nicht beide gleichzeitig verwirklicht werden können, die aber beide zugleich bloße Möglichkeit bleiben oder gar unmöglich werden können. Diese nennen wir dann «verpasste Möglichkeiten». Jedes Menschenleben besteht, realistisch gesehen, aus viel mehr verpassten Möglichkeiten als aus tatsächlich Verwirklichtem.

Jedes Menschenleben hat so seine eigene Zeit. Im Jetzt scheint es dahinzugleiten zwischen Verpasstem und Verwirklichtem. Wenn unser Leben nur ein Dahingleiten wäre, müssten wir das so sehen. Doch je erwachsener ein Mensch wird, umso weniger lässt er sich einfach dahingleiten. Das beginnt schon mit dem ersten und zweiten Trotzalter, und es bleibt ein Kennzeichen des Menschen, dass er Nein sagen kann. Wer Nein sagen kann, kann auch auswählen. In jedem Augenblick eröffnet sich ihm die Zukunft als eine, wenn auch eingegrenzte, Vielfalt von Möglichkeiten. Verwirklichen aber kann er immer nur eine davon. Ich kann nicht zugleich weiterlesen und das Buch weglegen. Indem ich die eine Möglichkeit ergreife (und wäre das auch nur das Fortfahren mit dem gleichen Tun), sage ich, bewusst oder meist völlig unbewusst, Nein zu allen andern Möglichkeiten. Ob ich es will oder nicht, ob ich es weiß oder nicht, ich treffe in jedem Augenblick meines Lebens eine nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung: Ich schaffe Vergangenheit. Sie wird meine Zukunft mitbestimmen.

II

Wir wollten über die Zeit nachdenken und mussten deshalb über Vergangenheit und Zukunft nachdenken. Ohne sie gäbe es keine Zeit. Doch das Wichtigste an der Zeit ist die Gegenwart, die Zeit, in der ich jetzt lebe, deren Dahinfließen ich erlebe, und wo ich wirklich «in der Zeit bin». In diesem «Augenblick», der psychologisch gesehen durchaus eine gewisse Erstreckung aufweisen kann4, treffe ich notgedrungen je und je eine Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, die sich mir jetzt, in diesem Augenblick stellen. Es ist sogar mehr als eine bloße Auswahl; es handelt sich um eine echte Entscheidung, weil das, was ich wähle, unwiderruflich zu meiner Vergangenheit wird. Sie ist nie wieder rückgängig zu machen und wird auch meine ganze Zukunft mitbestimmen. In gleicher Weise wird das, was ich jetzt nicht wähle, ebenso unwiderruflich etwas von mir Verpasstes sein.

Um das besser verstehen, weshalb so eine Art von Zwang, etwas Unentrinnbares auf mir lastet, müssen wir das ins Auge fassen, was wir bisher nur am Rande, sozusagen aus den Augenwinkeln betrachtet haben: mein Tun, mein Tätigsein. Zeit gibt es nur, wo etwas geschieht – dem stimmen wohl alle zu. Im Anschluss an Aristoteles und Augustinus haben wir jedoch gesehen, dass es Zeit in Vollsinn nur in einem Bewusstsein gibt, das von seiner Gegenwart aus auch Vergangenheit und Zukunft umgreift. Gegenwärtiges Geschehen in einem Bewusstsein aber ist Tätigkeit – selbst wenn diese nur im Beobachten eines Geschehens besteht oder im sich Sammeln in Untätigkeit. Wenn und weil ich in der Zeit bin, bin ich immer irgendwie tätig – wobei dieses «irgendwie» darauf hinweisen will, dass mein Körper auch dann tätig bleibt, wenn ich mich scheinbar der Untätigkeit hingebe, wenn ich schlafe oder schlummere. Zumindest vorher habe ich mich mehr oder weniger ausdrücklich dafür entschieden und diesen meinen Entscheid nicht widerrufen. Mein Jetzt ist, ob ich es will oder nicht, immer ein Tätigsein auf Grund einer Entscheidung.

Daraus ergibt sich eine nicht unbedeutende Folgerung. Es heißt, dass mein Leben grundsätzlich je und je ethisch bewertbar ist. Ethisch bewertbar ist jede menschliche Entscheidung, da und wo und in dem Maße, als sie frei und bewusst erfolgt. Bei meinen Jetzt-Entscheidungen wird das nur selten im Vollsinn der Fall sein; doch diese Entscheidungen ergeben sich nicht zuletzt auch aus meiner ebenfalls entscheidungsbedingten Vergangenheit. So kann sich nach und nach eine Lebenslinie abzeichnen, die ethisch bewertbar wird. Ein wichtiges Kriterium für eine solche Bewertung wird sein, ob das, wofür ich mich jetzt entscheide, mit meiner ganzen Lebenslinie übereinstimmt, und ob diese Lebenslinie auf etwas Besseres oder etwas Schlechteres abzielt, als es die jetzt vorliegende, aber nicht ergriffene Möglichkeit wäre. Daraus ergibt sich eine Wertethik, genauer gesagt eine Haltungsethik, die mein ganzes jeweiliges Tun betrifft. Gebote und Verbote sind für sie nicht mehr, aber auch nicht weniger als orientierende Marksteine.5

Bin ich für meine jeweiligen Entscheidungen oder gar für meine ganze Lebenslinie verantwortlich? Das Frage sagt es schon: Sie bringt eine oder mehrere andere Personen ins Spiel, der oder denen ich Rede und Antwort zu stehen habe. Und das führt zur Entdeckung einer weiteren Dimension des Jetzt, die wir bisher vernachlässigt haben. Schon das Wort Gegenwart hätte darauf hinweisen können. Die Gegenwart ist die Zeit der Begegnung, in der das Sein-mit-andern aktuell wird. In der Vergangenheit bin ich zwar vielen andern Menschen begegnet, in der Zukunft werde ich vielleicht noch viel mehr Menschen begegnen; doch wirklich begegnen kann ich ihnen immer nur «jetzt». Was wir über das Verpasste oder Verwirklichte und über das Erwartete gesagt haben, das wäre jetzt noch einmal bezüglich möglicher, erfolgter oder verpasster Begegnungen zu wiederholen. Vorerst nur das Eine: Wenn sich die Möglichkeit meines Sterbens verwirklicht, schließt das auch jede weitere Möglichkeit einer Begegnung aus. Dieser Abbruch jeder möglichen Begegnung ist zweifellos das anthropologisch wichtigste Merkmal des Todes.6

«Jetzt» stehe ich somit immer vor einer Entscheidung, und diese geschieht oft in Begegnung mit einer oder mehreren Personen, die sich «jetzt» ebenfalls vor eine Entscheidung gestellt sehen. Gleich wie meine Vergangenheit geprägt ist von gelungenen oder verpassten Begegnungen, so erschließt mir jede Begegnung, gerade jetzt, neue Zukunftsmöglichkeiten. Wenn ich mich dagegen entscheide, eine anstehende Begegnung zu verpassen, verschließe ich mir auch eine Reihe von weiteren Zukunftsmöglichkeiten.

III

Das mag genügen als wenigstens annähernde Beschreibung des menschlichen In-der-Zeit-Seins. Für einen religiösen und erst recht für einen christlich gläubigen Menschen kommt jedoch noch eine weitere, alles entscheidende Dimension hinzu. Das «Jetzt» ist immer und unabdingbar Entscheidung in Begegnung mit dem immer gegenwärtigen Gott. Es ist, ob ich es weiß oder nicht, ob ich es will oder nicht, immer auch Begegnung mit Gott und folglich Entscheidung (auch) Ihm gegenüber. «Jetzt», und immer nur «jetzt», kann ich Gott wirklich begegnen; doch «jetzt» ist diese Begegnung auch unausweichlich. Je nach Gottesverständnis kann das eine fast unerträgliche Last oder eine große Befreiung sein.

Auf dem Hintergrund solcher Überlegungen hat Kierkegaard seine Lehre vom «Augenblick» als der Begegnung mit Gott im Je-Jetzt entworfen. Er wollte damit den Unterschied aufheben zwischen den Aposteln, den «Jüngern erster Hand», die Jesus aus ihrem täglichen Umgang mit Ihm kannten, und uns Nachgeborenen, den «Jüngern zweiter Hand», die Ihn nur vom Hörensagen kennen. Um diesen Unterschied aufzuheben, weist er darauf hin, dass die Apostel im Glauben an die Gottheit Jesu ihm ebenso nahe (und ebenso fern) waren, wie wir ihm heute in diesem gleichen Glauben ebenso nahe (und ebenso fern) sind. Dieser Versuch Kierkegaards, den Zeitabstand zwischen Jesus und ihm (die «1844 Jahre») zu zernichten, lässt sich mit dem Versuch mancher Mystiker vergleichen, in ihrer Beschauung dem Zeitfluss zu entkommen.

Der christliche Glaube lehrt uns jedoch etwas anderes. Wirklich fassbar wird die (immer gegenwärtige) Gottesbegegnung für uns Menschen erst dort, wo Gott sich uns offenbart, wo Er uns zeigt, dass Er seinerseits uns Menschen begegnen will. Diese Offenbarung aber geschah in der Zeit und im höchst möglichem Maß im Leben Jesu Christi. So wird die Zeit Jesu Christi zum sinngebenden Maßstab für unser eigenes In-der-Zeit-sein.

Die Menschwerdung des Gottessohnes brachte es mit sich, dass auch Er sein In-der-Zeit-Sein bekam. Als Jesus von Nazareth hatte auch Er eine Vergangenheit hinter sich: nicht nur und in erster Linie seine (unzeitliche) Präexistenz beim Vater, sondern vor allem die ganze Heilsgeschichte und in ihr aufgehoben das ganze Schöpfungsgeschehen. Sein gott-menschliches Personsein fasste diese ganze Vergangenheit in einer Weise zusammen, wie nur Er sie zusammenzufassen vermag. Zugleich aber hatte Er mehr Zukunft vor sich als je ein Mensch sie vor sich haben kann: menschlich-geschichtlich gesehen seine «Stunde», auf die Er in göttlichem Vorauswissen zuging, und darüber hinaus die ganze künftige Weltzeit bis zu seiner Wiederkunft am «Jüngsten Tag». In diesem gott-menschlichen Horizont nahm auch sein Entscheiden und sein Begegnen in seinem «Je-Jetzt» eine neue, menschlich nicht zu erahnende Dimension an. Was Er entscheidet und wo Er begegnet, das wird entscheidend für die ganze Menschheit und bedingt als «absolute Vergangenheit» jedes weitere menschliche Entscheiden und Begegnen, indem es sie zugleich in den Horizont einer «absoluten Zukunft» stellt.

Die «Zeit nach Christus», in der ich lebe, ist nicht nur chronologisch, sondern qualitativ zu verstehen. Jedes «Jetzt» ist ein Jetzt «nach Christus», mitbedingt vom Leben Jesu Christi, und nicht nur ein Entscheiden Aug in Aug zum immer gegenwärtigen («ewigen») Gott. Zugleich aber eröffnet mir die Zukunft Jesu Christi eine ungeahnt weite Zukunft. Meine eigenen Möglichkeiten sind mitbedingt von der Zukunft Jesu Christi, von seiner schon verwirklichten Zukunft in Tod und Auferstehung (was für mich immer noch Zukunft bleibt) und von der für alle noch ausstehenden Zukunft seiner Wiederkunft.

Das bringt weitreichende Folgen mit sich. Das einzig Gewisse in meiner Zukunft, mein Sterben, bedeutet jetzt nicht mehr nur den Ausschluss aller anderen weltlich-geschichtlichen Möglichkeiten; es bedeutet auch den Aufbruch zu einer neuen, menschlich höchstens ersehnbaren, geradezu unendlichen Möglichkeit. Über diese neu eröffnete Zukunft kann ich, wie über jede Zukunft, nichts Sicheres wissen; doch ich kann mit meinem Entscheiden entschlossen auf sie als Möglichkeit zugehen, genauer gesagt, sie stets in den Horizont meiner Möglichkeiten mit einbeziehen. Dieses Einbeziehen nennen wir «Hoffnung»; sie kann das ganze Leben beflügeln. Etwas Ähnliches ist vom weiteren Zukunftshorizont der Wiederkunft Christi zu sagen. Auch davon kann es kein Wissen geben; aber es gibt ein Hoffen. Und dieses Hoffen erlaubt mir, mein kleines Entscheiden im «Jetzt» in den Horizont der ganzen Menschheit und der ganzen Menschheitsgeschichte hineinzustellen.

So viel über die Vergangenheit und die Zukunft Jesu Christi, die mein christliches Entscheiden als Vorgabe und Voraussicht mitbestimmen (können und sollen). Wie aber steht es mit der Begegnung im «Jetzt»? Begegne ich da nur dem ewigen Gott und dem überzeitlich gewordenen «Kyrios»? Oder kann ich auch dem menschgewordenen, zeitlichen Jesus begegnen? Augustinus sehnte sich, aus der Flüchtigkeit des Zeitlichen in die Beständigkeit des Ewigen zu gelangen: «Stabo et solidabor in te».7 Kierkegaard meinte: Begegnen kann ich nur dem ewigen Christus, dem paulinischen «Kyrios», so sehr ihm der zeitliche Jesus am Herzen lag.

Vielleicht dürfen wir eine andere Hypothese wagen. Zweifellos ist der Auferstandene und der beim Vater Thronende, der «Kyrios», allen Zeiten gegenwärtig, nicht zuletzt durch seinen Geist. Doch er ist gegenwärtig als der geschichtlich Gewordene, mit seinem zwar verklärten Menschenleib, der jedoch immer noch die Wundmale an sich trägt: das «Lamm, das aussah wie geschlachtet» (Offb 5, 6). Die Gegenwart dieses geschichtlich gewordenen «Kyrios» drückt sich deshalb je und je auch in zeitlicher Form aus. Das ist das Mysterium der Kirche, seines «mystischen», d.h. sakramentalen Leibes,8 der mit der Zeit und in der Zeit wächst und sich entfaltet. Er wächst und entfaltet sich in der Verkündigung Jesu und in den «Mysterien»: der Liturgie und der Sakramente. Im Vollzug des kirchlichen Lebens begegnen wir Jesus mit seiner Vergangenheit und mit seiner Zukunft; das will die Liturgie mit ihrem scheinbar so unzeitlichen «Heute» ausdrücken. Das Wort des Evangeliums lässt uns «heute» dem begegnen, was «in jener Zeit» geschah, und was mich gerade heute zur Stellungnahme und Entscheidung auffordert – zumindest zu der Entscheidung, ob ich hinhören und hinschauen und Ihm so begegnen will oder nicht.

In den Sakramenten wirkt Christus durch den Priester heute an mir, was er damals gewirkt hat. Am deutlichsten zeigt sich das in der Eucharistie: In ihr wird zweifellos der verklärte Leib des Auferstandenen gegenwärtig (sonst wäre diese vervielfachte Gegenwart gar nicht möglich); doch es ist ein «Memoriale Passionis» nicht nur in der Trennung von Leib und Blut, sondern vor allem, weil es das (damals) vergossene Blut und der (damals) hingegebene Leib ist, der immer noch die Wundmale an sich trägt. Die Mitfeier der Eucharistie und vor allem die Kommunion lässt mich so an der Vergangenheit Jesu Christi teilhaben, aber zugleich auch an seiner Zukunft, wie die Akklamation nach den Einsetzungsworten deutlich macht. Ich werde damit in ein neues, bedeutungsvolleres «Jetzt» hineingestellt, das meinen Entscheidungen und Begegnungen größere Tragweite verleiht.9 Etwas Ähnliches lässt sich von den andern Sakramenten sagen, von der Taufe («Christus tauft»: Augustinus!), von der Buße, vom Weihesakrament. Es ist zwar immer der verklärte Auferstandene, der Kyrios, der wirkt; doch Er wirkt nicht dadurch, dass Er uns in seine Ewigkeit emporhebt, sondern indem sich in unserer Zeit immer neu gegenwärtig macht.

Nicht zuletzt ist der zeitliche Jesus nicht erst in Wort und Sakrament, sondern schon in der in der Zeit (und nicht in der Ewigkeit) feiernden Gemeinde gegenwärtig10, namentlich wenn diese im Kirchenjahr immer wieder die Lebensgeschichte Jesu nachvollzieht – bis in der Vollendung, am Jüngsten Tag, auch die Zeit aufgehoben wird. Die Zeit der Kirche, die «1844 Jahre», sind deshalb keineswegs so belanglos, wie Kierkegaard es haben wollte.

Der Blick auf Jesus Christus kann so die Paradoxe unseres oben dargestellten In-der-Zeit-Seins erhellen. Das eine Paradox bestand darin, dass das «Jetzt», die Gegenwart, der verfliegende Augenblick, gerade er, entscheidend sein soll. Wer jedoch bedenkt, dass das «Jetzt» auch, und nur es, der Augenblick der möglichen und der möglicherweise verpassten Begegnung mit Jesus Christus, dem in die Zeit gekommenen Gott ist, dem wird es nicht allzu schwer fallen, den Augenblick, das «Jetzt», die Gegenwart wirklich ernst zu nehmen, zusammen mit der darin unvermeidlich geschehenden Entscheidung.

Das andere Paradox betrifft den Anfang der Zeit. Der Anfang meiner eigenen Zeit bleibt mir immer unerreichbar. Ich finde mich immer schon vor mitten in der Zeit; es bleibt mir verwehrt, an meinen ersten Anfang zurückzugehen – außer in belanglosen Phantasievorstellungen. Dass mein Dasein einmal angefangen hat, ist mir klar, aber wo und wie das war, können mir nicht einmal meine Eltern genau sagen. So liegt für mich der «Anfang» meiner Zeit immer irgendwie in der Mitte; erst von dieser Mitte aus gibt es für mich Zeit. Für die Geschichtszeit und für die Weltzeit gilt das Gleiche. Auch diese Zeit schlechthin ist letztlich festgemacht in ihrer Mitte. Erst von dieser Mitte aus, in der wir uns befinden, können wir an einen Anfang zurückzudenken versuchen oder, besser gesagt, ihn für uns konstruieren, wie den «Big Bang». Was war denn vor dem Big Bang? Auf dieses Paradox, dass der Anfang der Zeit für uns immer irgendwie in ihrer Mitte ist, kann die Zeit Jesu Christi einiges Licht bringen. Es war die Zeit des fleischgewordenen göttlichen Logos, durch den die Welt (und die Geschichte) allererst geworden ist. Doch diese alles begründende Zeit begann irgendwo in der Mitte der Zeit, «zur Zeit des Kaisers Augustus». So hat es seinen tiefen und guten Sinn, wenn wir alle unsere Zeit einteilen als Zeit «vor» und «nach Christus». Zeit gibt es, theologisch gesehen, nur von dieser Mitte der Zeit her. Erst diese alles entscheidenden Gegenwart, die Gegenwart Gottes in der Zeit, hat alles Frühere endgültig zu Vergangenheit gemacht und tritt in jedes Spätere als Vergangenheit ein. Und erst von ihr aus wurde eine Zukunft entworfen, die allen offensteht und die jede andere Zukunft mitbedingt. Alles andere wären nur sich wiederholende, und deshalb letztlich zeitlose Kreisläufe. Auch meine Zeit, als entscheidendes «Jetzt» zwischen Vergangenheit und Zukunft, beruht letztlich auf dieser alle Zeit begründenden Mitte der Zeit. Ob ich es will oder nicht, ich lebe in der Zeit nach Christus; auch Er gehört zu meiner Vergangenheit, die meine Gegenwart stets mitbestimmt. Und zusammen mit der ganzen Menschheit lebe ich ebenso stets auf die Wiederkunft Christi hin, die «absolute Zukunft», wie Karl Rahner sagte.

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