So lautet das erste der vier sozialethischen Prinzipien, die Papst Franziskus in seinem Schreiben Evangelii gaudium für den «Aufbau eines Volkes in Frieden, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit» (Nr. 221) aufstellt. Es führe dazu, eher «Prozesse in Gang zu bringen anstatt Räume zu besetzen» (Nr. 223). Das Prinzip ist dem Papst so wichtig, dass er es auch in seinen anderen großen Schreiben, Laudato si’ (Nr. 178) und Amoris laetitia (Nr. 261) ausdrücklich erwähnt.
Worauf beruht die Höherwertigkeit der Zeit gegenüber dem Raum? Der Papst begründet sie kurz und bündig: Wir leben in der Spannung zwischen Fülle und Beschränkung. Die Fülle weckt den Wunsch nach vollem Besitz; die Beschränkung stellt uns vor eine Wand. Die Zeit gewährt Fülle; sie öffnet einen weiten Horizont. Dagegen lebt jener, der nur das Jetzt kennt, eingeschränkt in einem engen Raum. So ergibt sich die Spannung zwischen dem engen Raum des Jetzt «und dem Licht der Zeit, dem weiten Horizont, der Utopie, die uns für die Zukunft öffnet, die uns als letztes Ziel anzieht» (vgl. Nr. 222).
Das lässt sich denkerisch und biblisch noch weiter erklären. Im Raum befinden wir uns mit unserer notwendig begrenzten Körperlichkeit, Zeit dagegen gibt es nur für den Geist. Schon Augustinus hat das gesehen: «Tempora sunt in anima», modern übersetzt: Die Zeitdimensionen (Vergangenheit und Zukunft) existieren nur in einem Bewusstsein, als Erinnerung und als Erwartung. Nur ein zeitübergreifender Geist, der auch das nicht mehr Seiende gegenwärtig halten und auf das noch nicht Seiende vorausblicken kann, vermag die Zeit als Zeit zu erfassen. Zwischen diesen beiden Erstreckungen des Geistes gewinnt die Gegenwart als Übergang und Umwandlung von Zukunft in Vergangenheit neues Gewicht.
Biblisch gesehen hat das Erste Testament vor allem das Bewusstsein für die Vergangenheit und damit für Geschichte geprägt. Der Gott der Bibel ist «der Gott der Väter», der die Vorväter und das Volk geführt hat, und dessen früherer Großtaten man sich dankbar erinnert. Er hat den Kosmos in zeitlich messbarer, geschichtlicher Vergangenheit geschaffen. Kraft dieser gottgeprägten Vergangenheit darf man auch für die Zukunft Neues von Gott erwarten, zunehmend ausgeprägt als Erwartung des Messias. Der marxistische Messianismus hat diese Erwartung in unsere Zeit weitergetragen.
Im Neuen Testament wandelt sich das Bild. Mit Jesus Christus ist Gott selbst in die Zeit eingetreten, zeitlich geworden, und von da an wird die Zeit von ihm geprägt. Das Leben der Christen wird weniger vom erfüllten Messianismus bestimmt als von der Erwartung der Wiederkehr Christi. Ganz im Sinne des päpstlichen Prinzips ist das Christentum wesentlich zukunftsgerichtet. Die nach und nach entstehenden christlichen Feste sind zwar wie die jüdischen Feste zunächst Erinnerungsfeste; doch sie betonen immer das «Heute», das Heute des beim Vater thronenden geschichtlich-ewigen Kyrios, dessen Wiederkehr erwartet wird. Die Erinnerung an Christi Tod und Auferstehung in jeder Eucharistiefeier setzt diese «heute» für uns gegenwärtig und eröffnet so den weiten Horizont der Zukunft: «Deinen Tod, o Herr verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.» Deshalb endet jede Eucharistiefeier mit einer Aussendung ins Offene: «Ite, missa est.»
In dieser Perspektive ist das vorliegende Heft zu lesen. Knut Backhaus eröffnet es mit einem apokalyptischen Paukenschlag: Der Christ lebt stets am Ende der Zeit, weil er in ständiger Naherwartung lebt, die existentiell und nicht chronologisch zu verstehen ist. Als Erwartung des gnädigen Richters und nicht eines schrecklichen Untergangs eröffnet die Naherwartung einen weiten Horizont. Jan-Heiner Tück schließt sich an mit dem Hinweis auf christologische Begründung der Zeit bei Balthasar: Christus hat Zeit, weil er im Gehorsam je-jetzt auf den Willen des Vaters ausgerichtet ist. In ihm «hat Gott Zeit für die Welt», und in diese Zeit treten wir in der Eucharistiefeier ein. Aus der Menschwerdung, dem In-der-Zeit-Sein des Gottessohnes ergibt sich, wie Helmut Hoping zeigt, ein neues, nicht zeitenthobenes Verständnis der Ewigkeit Gottes. Christian Stoll untersucht die Ursprünge des dialektischen Zeitkonzepts des ‹eschatologischen Vorbehalts›. Das Gesagte versucht Peter Henrici im Blick auf das persönliche In-der-Zeit-Sein zusammenzufassen, indem er auf die ethische und gemeinschaftsbezogene Bedeutung der Gegenwart als je neue Entscheidung zwischen verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten hinweist. Anschließend erörtert Hans Maier die Vorteile und die Zukunftsaussichten der jetzt weltweit verbreiteten christlichen Zeitrechnung, die sich an einer Mitte der Zeit festmacht. Abschließend stellt Tobias Mayer den jüngst erschienenen Roman von Christoph Ransmayr vor, der um zeitphilosophische Fragen kreist.
In den Perspektiven erörtert die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff aus aktuellem Anlass die Sprachgewalt Martin Luthers. Konrad Schmid gibt einen Überblick über die in den letzten Jahren erneut geführte Debatte, ob das Alte Testament wesentlich zum Christentum gehört und entwickelt eine Antwort in sieben Thesen. Thomas Söding wagt aus der Perspektive des Neutestamentlers eine Annäherung an die Lyrik Ulla Hahns und Jan-Heiner Tück kommentiert die ökumenische Relevanz der Teilnahme von Papst Franziskus am Reformationsgedenken in Lund.