Christentum ohne Altes Testament?

Abstract / DOI

Christianity without Old Testament? Ever since Marcion, Schleiermacher and Harnack, the canonical status of the Old Testament has occasionally been disputed in Christian theology. A new debate started in 2015, following an article by Notker Slenczka, who claimed that the Old Testament should not have a normative weight equal to that of the New Testament. This article shares neither this thesis nor its academic scandalization, but rather seeks to clarify why the church has an Old Testament and what it is good for.

Christentum ohne Altes Testament? Das ist eine Frage, die etwas Verwegenes, ja Abseitiges hat, aber offenbar doch nicht so absurd ist, als dass sie nicht gestellt werden könnte oder – das möchte ich hier gleich zu Beginn betonen – nicht gestellt werden dürfte. Das Christentum hat sich seit dem 2. Jh. n.Chr. auf die Philosophie, auf die Wissenschaft eingelassen und es hat wie keine andere Religion Theologie ausgebildet, die dem kritischen Denken und auch dem Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten verpflichtet ist. Deshalb kann, soll und muss das Christentum auch grundsätzliche Fragen stellen und thematisieren – natürlich mit offenem Ausgang.

Gestellt hat die Frage nach der Notwendigkeit bzw. der Entbehrlichkeit des Alten Testaments im Christentum der Berliner Theologe Notger Slenczka, der in einem im Jahr 2013 erschienenen Aufsatz die Forderung vertrat, das Alte Testament sei im Christentum nicht gleichrangig wie das Neue Testament zu behandeln, sondern es solle vielmehr denselben Status wie die sogenannten apokryphen Schriften der Bibel bekommen, die – mit Martin Luther gesprochen «gut und nützlich zu lesen, aber nicht den anderen Schriften gleichzuhalten» seien.1 Weder entspringe das Alte Testament dem christlichen Bewusstsein, das das Neue Testament hervorgebracht habe, noch weissage es auf Christus hin, wie es die historisch-kritische Forschung zum Alten Testament der letzten 200 Jahre hinreichend deutlich aufgezeigt habe. Das Alte Testament sei deshalb dem Judentum zurückzugeben. ­Slenczka betonte dabei explizit, dass er seine Position nicht als einen Affront im jüdisch-christlichen Dialog sehe. Im Gegenteil: Im Unterschied zu anderen Christen vereinnahme er das Alte Testament nicht, sondern respektiere es als vor- und außerchristlichen Textbestand.

Slenczkas Aufsatz blieb zunächst ohne großen Widerhall, man nahm ihn in Akademikerkreisen zumeist verwundert und/oder distanziert zur Kenntnis, doch niemand sprach von einem Skandal. Ganz neu war seine Idee auch nicht, es gibt eine lange Linie von dem kleinasiatischen Reeder Marcion über Friedrich Schleiermacher bis zu Adolf von Harnack, die letzten beiden wie Slenczka aus Berlin, die dem Alten Testament die Kanonizität im Rahmen des christlichen Glaubens in unterschiedlicher Form bestritten.2

Zu einer causa wurde Slenczkas Positionsbezug erst im Frühjahr 2015. Der Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Pfarrer Friedhelm Pieper, bekam Kenntnis von dem Aufsatz und empörte sich in einer Pressemitteilung des Koordinierungsrates vom 7.4.2015 darüber, dass ein Aufsatz wie derjenige von Slenczka über zwei Jahre hinweg in einer Publikation vorliegen könne, ohne dass dagegen Stellung ergriffen werde.

Dies nahmen fünf Professoren aus dem Berliner Kollegium zum Anlass, auf den sozialen Medien eine Stellungnahme zu publizieren, die sich von ­Slenczkas Position deutlich distanzierte: Sie lautet – leicht gekürzt – wie folgt:3

Als Mitglieder der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin distanzieren wir uns von den Auffassungen, die Herr Kollege Slenczka in mehreren Beiträgen zum Alten Testament publiziert hat [...]. Wir halten seine Äußerungen zur Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Theologie, zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament sowie zur Kanonizität des Alten Testaments für historisch nicht zutreffend und theologisch inakzeptabel. Sie beruhen u.a. auf einer enggeführten Interpretation paulinischer Texte, ignorieren den Forschungsstand im Blick auf die Entstehungsgeschichte der Hebräischen Bibel und sind einer forschungsgeschichtlich hochproblematischen, längst überwundenen Perspektive auf das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum in der Antike verpflichtet. Die Behauptung, das Alte Testament habe in christlicher Theologie und Kirche faktisch den gleichen Status wie die Apokryphen der Lutherbibel, ist aus unserer Sicht in historischer Perspektive ebenso unhaltbar wie im Blick auf Theologie und Kirche der Gegenwart unzutreffend.

Damit war einerseits der Streit eskaliert, andererseits wurde durch die Plattform der sozialen Medien aber auch eine große Aufmerksamkeit dazu hergestellt, und alsbald fand die Auseinandersetzung auch ihren Weg in die Presse, so etwa in die Frankfurter Allgemeine vom 21. Mai 2015 unter dem wenig ansprechenden, aber in diesem Zusammenhang doppeldeutigen Titel «Der Gott des Gemetzels».

Das ist nun eineinhalb Jahre her und mittlerweile sind die Töne etwas moderater geworden, auch wenn sich die Positionen nicht wirklich angenähert haben. Immerhin aber – das muss man bei allen Unerquicklichkeiten doch sagen – hat die Theologie wie seit langem nicht mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu einer theologischen Sachfrage bekommen und nicht zu personalpolitischen Auseinandersetzungen oder Skandalen.

Und die Klärung dieser Sachfrage ist in der Tat wichtig: Ist ein Christentum ohne Altes Testament undenkbar? Der Berliner Streit zeigt empirisch, dass es zumindest prinzipiell nicht undenkbar ist, ein Christentum ohne Altes Testament zu fordern. Ein Christentum ohne Altes Testament wäre allerdings nicht mehr dasselbe Christentum, es wäre wohl auch nicht mehr unser Christentum. Es wäre ein anderes Christentum. Vielleicht aber würde es tatsächlich sogar nicht mehr als Christentum wahrgenommen werden.

Wie ein Christentum oder Nichtchristentum ohne Altes Testament denn aussehen könnte, ist gar nicht so leicht vorstellbar, denn selbst wenn man sich auf den Gedanken eines Christentums ohne Altes Testament einlassen würde, so wäre er de facto wohl gar nicht implementierbar. Der Grund dafür lässt sich einfach benennen: Das Christentum ist eine durch Tradition gewachsene und bestimmte Größe. 2000 Jahre Geschichte Christentum mit dem Alten Testament lassen sich nicht einfach zurückdrehen. Das Christentum ist nun einmal mit dem Alten Testament zu dem geworden, was es ist – und zwar in allen seinen gegenwärtig bestehenden konfessionellen Differenzierungen – und es ist nicht abzusehen, dass sich ein weitgreifender Konsens von Gläubigen und/oder Kirchenleitenden ergeben könnte, der dies ändern wollte und könnte, selbst wenn er auf theologisch schlüssigen und überzeugenden Argumenten beruhen würde.

Gleichwohl und trotz all diesen gegenläufigen Argumenten gilt: Man darf das Gedankenexperiment anstellen, man darf ergebnisoffen nach einem Christentum ohne Altem Testament fragen. Das ist gegen alle Skandalisierung der Position von Norbert Slenczka in Berlin festzuhalten. Festzuhalten ist auch, dass der gegen ihn erhobene Antisemitismusvorwurf nicht wirklich verfängt. Seine Aussagen zum Alten Testament sind nicht gegen das Judentum gerichtet, im Gegenteil, sie sind binnenchristlich orientiert. Anstößig sind bei Slenczka allein bestimmte Wahrnehmungen und Charakterisierungen des Alten Testaments in der sachlichen Verlängerung Schleiermachers und Harnacks, wenn dieses etwa als «Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularem Anspruch»4 bezeichnet wird.

Im Folgenden wird also weder vorgeschlagen werden, die Degradierung oder gar Abschaffung des Alten Testaments – die Slenczka selber wohlgemerkt gar nicht gefordert hat, er möchte es nur auf die Ebene der Apokryphen herabstufen – weiter zu verfolgen oder zu betreiben, noch soll die Empörung über solche Vorschläge geschürt werden, sondern es soll schlicht danach gefragt werden, welche Selbstklärungen sich für das Christentum ergeben, wenn man sich einmal mit dem Gedanken «Christentum ohne Altes Testament» auseinandersetzt. Weshalb und wozu eigentlich haben wir das Alte Testament? Diese Frage soll im Folgenden in historischer und theologischer Hinsicht behandelt werden, und da es sich um keine einfache Frage handelt, werde ich sie nicht in einem Satz, sondern in sieben Punkten beantworten.

1. Das Alte Testament, nicht das Neue Testament, war die Bibel der ersten Christinnen und Christen.

Ostern im Jahr 30 oder 31 n.Chr. war die Geburtsstunde des Christentums. Mit dem Tod Jesu am Kreuz und dem Glauben an seine Auferstehung entstand das Christentum. Umgekehrt bedeutet das: Vor Ostern und Karfreitag gab es noch kein Christentum. Der historische Jesus war kein Christ, der historische Jesus war ein Jude und er kannte und las deshalb selbstredend nur das Alte Testament: Das weiß auch das Neue Testament, das etwa ausdrücklich im Lukasevangelium 4, 16f festhält: «Und Jesus kam nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie er es gewohnt war, am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen. Und man reichte ihm das Buch des Propheten Jesaja.» Jesus las also das Alte, nicht das Neue Testament. Das wäre auch nicht möglich gewesen, denn die ersten Schriften des späteren Neuen Testaments, die Paulusbriefe, entstanden erst zwei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu am Kreuz und die Fertigstellung des Neuen Testaments nahm dann noch einmal gut 100 Jahre in Anspruch.5

Dieser Umstand, dass Jesus und Neues Testament nicht zeitgleich sein, ja sich historisch nicht einmal überlappen, ist in theologischer Hinsicht von grundlegender Bedeutung. Das Christentum in nahezu all seinen unterschiedlichen Ausprägungen hat daran festgehalten, dass sein eigentlicher Urgrund nicht das Neue Testament ist, sondern Jesus Christus. Anders gesagt: Letztlich normativ ist im Christentum nicht ein Aggregat von Buchstaben, sondern die Gestalt Jesus Christi, von dem das Neue Testament zeugt. Das Neue Testament ist in erster Linie Zeugnis, also auf etwas außerhalb seiner selbst ausgerichtet, von dem es berichtet, und nicht eine offenbarungstheologisch in sich selbst abgeschlossene Größe. Diese Grundstruktur des Neuen Testaments ist aus dem Alten Testament übernommen. Auch das Alte Testament ist in erster Linie Zeugnis, es zeugt von Gottes Handeln an seinem Volk Israel, und so ist auch das Alte Testament nicht einfach kodifizierte Offenbarung, sondern es bezeugt diese.

2. In historischer Hinsicht ist nicht das Alte Testament als Heilige Schrift des Christentums erklärungsbedürftig, sondern das Neue Testament.

Bemerkenswerterweise bildeten die neutestamentlichen Schriften keinen vierten Kanonsteil, der zu den drei bisherigen Kanonsteilen der Hebräischen Bibel «Tora», «Propheten» und «Schriften»6 hinzugetreten wäre, sondern sie wurden der Kern einer eigenen Sammlung normativer Schriften, des «Neuen Testaments». Eigentlich ist nicht der Umstand erklärungsbedürftig, dass das Christentum ein Altes Testament hat, sondern dass es ein Neues Testament hat.

Heilige Schrift des Urchristentums der ersten drei Generationen war das Alte Testament, das man auf Christus hin auslegte. Ja, der Begriff «Urchristentum» ist nachgerade dadurch definiert, dass dieses Urchristentum noch kein Neues Testament hatte, denn man lässt das «Urchristentum» definitorisch üblicherweise von der ersten Generation nach Jesus bis zur Abfassung der letzten neutestamentlichen Schriften reichen, die damals, als sie geschrieben wurden, noch nicht kanonisch waren. Im Urchristentum entstanden zwar die urchristlichen Schriften und sie gewannen schrittweise an Normativität. Die Heilige Schrift des Urchristentums war aber das Alte Testament.

Eine Notwendigkeit, dass neben das Alte Testament noch weitere Schriften hinzutreten müssten, bestand für das Urchristentum zunächst nicht. Vielmehr wurden die Paulusbriefe, später auch die Evangelien sowie die weiteren Schriften des Neuen Testaments in den ersten christlichen Gemeinden mehr und mehr gottesdienstlich verwendet und konnten so zu einem Kanonsteil neben dem Alten Testament werden. Das Christentum schuf so im 2. Jh. n.Chr. eine religionsgeschichtliche Singularität, einen Doppelkanon heiliger Schriften, dessen Teile in einem dialogischen Verhältnis zueinander wahrgenommen wurden.7

3. Das Christentum hat sich nie dafür entschieden, einen Kanonsteil seiner Bibel höher als den anderen zu bewerten. Altes und Neues Testament sind einander zugeordnet, nicht über- oder untergeordnet.

Der Doppelkanon des Christentums, bestehend aus Altem und Neuem Testament ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil er eine komplette Innovation in der mediterranen Religionsgeschichte darstellt, sondern auch deshalb, weil er nie in einer hierarchischen Stufung wahrgenommen wurde. Das Neue Testament wurde neben das Alte Testament gestellt, nicht über das Alte Testament, nicht unter das Alte Testament. Diese Entscheidung der Nebeneinanderordnung lag wohl auch deshalb nahe, weil die neutestamentlichen Schriften auf Griechisch und nicht auf Hebräisch verfasst waren. Gleichwohl bleibt es höchst bemerkenswert, dass das Alte Testament nicht christlich redigiert oder glossiert wurde: Es gibt in den hebräischen Schriften des Alten Testaments keinen einzigen Vers, der von christlicher Hand nachgetragen worden wäre. Offenbar war man der Auffassung, das Alte Testament sei, so wie es überliefert worden war, christlich les- und verstehbar.

Natürlich entstanden neben den Schriften des Neuen Testaments im antiken Judentum und Christentum noch weitere Bücher, doch konnten sie sich im gottesdienstlichen Gebrauch offenbar nicht durchsetzen und dementsprechend blieben sie «apokryph».

Es ist bezeichnend, dass sich die Konzilien der Alten Kirche zwar eingehend mit der Christologie und der Trinitätslehre beschäftigt haben, nicht aber mit der Kanonsfrage – dies hat erst das Tridentinum im Jahr 1545 getan, vor allem in der Absicht, das größere lateinische Alte Testament gegenüber dem kleineren hebräischen Alten Testament, auf das sich die Reformatoren beschränken wollten, als Heilige Schrift der katholischen Kirche zu sichern.

Zwar war die Frage, welche Schriften zur Bibel zählen, noch bis in das 4. Jahrhundert hinein ungeklärt, ja im Blick auf die konfessionellen Differenzen ist sie es im Grunde genommen bis heute. Doch scheint der Umstand, dass der Kernbestand der biblischen Schriften unstrittig war, eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Ränder des Schriftenkanons ohne Weiteres erlaubt zu haben. Damit wird noch einmal deutlich: Die christliche Bibel ist nicht als exklusive und unmittelbare Kodifikation von Offenbarung anzusprechen. Sie ist Zeugnis, nicht Kodex. Und deshalb konnten es sich die christlichen Kirchen erlauben, über lange Jahrhunderte hinweg mit einem nicht abschließend festgelegten Kanon zu leben, sondern mit einem Kanon biblischer Schriften, der sich in seinem Kernbestand durch den entsprechenden Gebrauch in der Kirche im Wesentlichen selbst durchsetzen konnte.

4. Das Christentum ist keine Buchreligion.

Natürlich gründet das Christentum in der Bibel und die Bibellektüre, die Predigt über die Bibel und der Unterricht mit der Bibel spielt eine ganz zentrale Rolle im Christentum. Wie kann man dann sagen, das Christentum sei keine Buchreligion? Gehört das Christentum nicht mit Judentum und Islam in diese Kategorie?8

Tatsächlich ist die Bibel ein konstitutives Element des Christentums, doch verdankt sich ihr Status als Heiliger Schrift nicht direkter göttlicher Provenienz, selbst gemäß dem Selbstzeugnis der Bibel nicht. Die Bibel ist gemäß christlichem Verständnis in erster Linie Zeugnis von Gottes Handeln und nicht unmittelbar, immer und in jedem Fall ungebrochen selbst Gottes Wort. Zwei Beispiele mögen diese These erläutern. Das erste findet sich im ersten Satzes der Bibel: «Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde». Die Bibel hätte diesen Satz auch anders formulieren können. Sie hätte ihn als Selbstaussage Gottes formulieren können: «Am Anfang schuf ich Himmel und Erde.» Das hat sie aber nicht getan und zeigt mit ihrer Rede über Gott in der 3. Person statt in der 1. Person so an: Die Bibel thematisiert Gott, sie spricht über Gott, sie verdichtet Erfahrungen mit Gott in ihren Texten, aber sie stilisiert sich nicht als Gottes eigenes Buch, das dieser eigenhändig verfasst hätte.9

Dies lässt sich anhand des zweiten Beispiels aus der Bibel noch deutlicher erklären. Gemäß der Bibel gab es genau ein Dokument, dass Gott selber aufgeschrieben hatte, das sind gemäß dem Buch Exodus, Kapitel 31 und 32, die beiden Tafeln, die Mose auf dem Berg Sinai empfangen hatte. Von ihnen heißt es in Exodus 32, 16:10 «Und die Tafeln waren Gottes Werk, und die Schrift war Gottes Schrift, eingegraben in die Tafeln.» Wo aber sind diese Tafeln nun, die von Gott selber beschrieben worden waren? Nun, die Bibel weiß davon zu erzählen, dass Moses sie zertrümmert hatte, als er vom Berg hinunterstieg und das Volk beim Tanz um das goldene Kalb vorfand. Was immer man von dieser Erzählung halten will, sie steht jedenfalls für die Überzeugung der Bibel, dass es keinen «Theographen» gibt, und wenn es einen je gegeben hat, dann war dieser nicht von langem Bestand.

Natürlich gibt es in vielen biblischen Büchern direkte Gottesrede, etwa wenn die Propheten sagen: «So spricht Gott, der Herr» oder ähnlich. Doch diese Gottesreden sind durchgängig in Prophetenbücher eingebaut, und es sind die Propheten, die sagen: «Gott spricht», die Bibel kennt nur ein Jesajabuch und ein Jeremiabuch, aber kein Buch Gottes.

Entsprechend diesem biblischen Befund macht das Christentum einen grundlegenden Unterschied zwischen Heiliger Schrift und Wort Gottes. Die Bibel ist Heilige Schrift, aber nicht einfach mit dem Wort Gottes identisch. Vielmehr bezeugt sie das Wort Gottes, und sie kann je und je selber zum Wort Gottes werden, wenn sie entsprechend ausgelegt und gepredigt wird. Der Katechismus der katholischen Kirche formuliert es so: «Das Christentum ist die Religion des ‹Wortes› Gottes, ‹nicht eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes›. Christus, das ewige Wort des lebendigen Gottes, muß durch den heiligen Geist unseren Geist ‹für das Verständnis der Schrift› öffnen (Lk 24, 45), damit sie nicht toter Buchstabe bleibe.»11

Im Blick auf unser Thema des Alten Testaments ist jedenfalls festzuhalten, dass die Unterscheidung zwischen Heiliger Schrift und Wort Gottes nicht der Testamentsgrenze entlang verläuft, sondern Altes und Neues Testament gleichermaßen prägt. Das Neue Testament ist wie das Alte Testament Zeugnis von Gottes Wort und es ist ebenso wenig wie das Alte Testament ein unmittelbarer «Theograph». Jesus selber hat nach dem Neuen Testament selbst nichts aufgeschrieben, jedenfalls nichts Schriftliches hinterlassen, gemäß Johannes 8, 6 hat er einmal etwas mit dem Finger in den Sand geschrieben. Aus dieser Eigenschaft der Bibel ergibt sich in der Konsequenz, dass die biblischen Schriften der Auslegung fähig und bedürftig sind. Die biblischen Schriften sind zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten entstanden, ihre Entstehungsbedingungen sind in Rechnung zu stellen, wenn man sie angemessen verstehen will.

Deshalb muss heute kein Christ und keine Christin zur Auffassung gezwungen werden, die Welt sei nur 6000 Jahre alt und in sieben Tagen erschaffen worden. Das ist zwar die Position der Bibel, die auch nicht einfach eine Phantasie darstellt, sondern durchaus wissenschaftlich geprägt ist, aber die Bibel spiegelt eben die Wissenschaft ihrer Zeit wieder, nicht diejenige der unsrigen Zeit.12 Deshalb wird die Bibel im Christentum auch nicht einfach nur verlesen, sondern studiert, ausgelegt und gepredigt.

Das Bewusstsein um die Auslegungsbedürftigkeit und Auslegungsfähigkeit der Bibel hat dann auch – und das ist vor allem im Kontext der Universität zu betonen – die Freigabe der Naturwissenschaft nach sich gezogen. Natürlich war dies ein langer und schmerzhafter Prozess, der vom Christentum keineswegs immer proaktiv vorangetrieben worden ist, doch er hat sich letztlich folgerichtig durchgesetzt – und zwar auch aus theologischer Perspektive: In dem Moment, in dem man die weltbildhaften Aussagen der Bibel als Aussagen ihrer und nicht unserer Zeit auffassen kann und muss, ist der Weg frei zur Akzeptanz eines naturwissenschaftlichen Zugangs zur Erforschung der Welt. Man sollte allerdings dabei auch nicht vergessen, dass die Wissenschaft unserer Zeit auch bald wieder der Vergangenheit angehören wird.

Wenn man den von Slenczka vorgeschlagenen Weg gehen wollte und den Rang des Alten Testaments von «kanonisch» auf «apokryph» herabstufen wollte, dann wäre – wenn man keinem Schriftdoketismus verfallen will – streng genommen dieselbe Konsequenz auch für das Neue Testament zu ziehen. Denn wenn «kanonisch» heißen sollte: unmittelbar und auslegungsfrei maßgeblich, so trifft das auch auf die recht verstandene Normativitität des Neuen Testaments nicht zu.

5. Im Alten Testament gibt es «Neues», und im Neuen Testament gibt es «Altes». Der theologische Wert einer biblischen Aussage hängt nicht von ihrer Positionierung im Alten oder im Neuen Testament ab.

Was ist mit «Altem» im Neuen Testament und mit «Neuem» im Alten Testament gemeint? Das «Alte» und das «Neue» sind hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da leicht das Missverständnis entstehen könnte, dass diese Terminologie das problematische Vorverständnis von Altem und Neuem Testament als Gegenüberstellung zweier Zeugnisse eines strafenden und rächenden Gottes gegenüber einem liebenden Gott statt korrigiere nun schlicht reproduziere.13 Das Gegenteil ist der Fall, die folgenden Überlegungen benutzen den Antagonismus von «alt» und «neu» in metaphorischer Weise.

Auch das Neue Testament enthält Texte, die nicht vom bedingungslosen Geist der Liebe durchwaltet sind. Im Johannesevangelium etwa sagt Jesus zu den Juden in Joh 8, 42–44: «[…] Wäre Gott euer Vater, würdet ihr mich lieben. […]. Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt tun, was er begehrt.» Nun kann man sich leichtfertig aus einer Warte des 21. Jahrhunderts über diesen Text aufschwingen und ihn wegen seiner Verachtung für das Judentum kritisieren. Das wäre nicht einmal falsch, aber wohl etwas selbstgerecht und auch anachronistisch. Texte wie Joh 8 spiegeln die historische Auseinandersetzung zwischen Kirche und Synagoge im frühen 2. Jh. n.Chr., und diese Kontroverse wird hier bereits in die Zeit Jesu selber zurückprojiziert. Joh 8 stammt aus einer Zeit, in der die Selbstbehauptung der noch jungen Kirche ein drängendes Problem war und deshalb atmet dieser Text den Geist der Abgrenzung und der Absonderung und nicht den Geist der Liebe und des Respekts. Nun ist natürlich eine historische Erklärung noch keine theologische Rechtfertigung, doch zu Gunsten von Joh 8 lässt sich immerhin festhalten, dass das frühe Christentum in der Überlieferung des Neuen Testaments auch seine unrühmlichen und problematischen Äußerungen bewahrt hat und sich so nicht einfach einen gloriosen, selbstherrlichen Ursprungsmythos geschaffen hat.

Umgekehrt finden sich im Alten Testament Passagen, die – metaphorisch gesprochen – «Neues» vertreten. Am Ende der Sintfluterzählung in Gen 6-9 spricht Gott zu den Menschen: «Wenn ich nun Wolken häufe über der Erde und sich der Bogen in den Wolken zeigt, dann will ich des Bundes gedenken, der da besteht zwischen mir und euch und allen lebenden Wesen, und niemals wieder sollen die Wasser zu einer Sintflut werden, die alles Fleisch verderbe.» (Gen 9, 14f ). Im Rahmen der altorientalischen Religionsgeschichte bedeutet dieser Text eine absolute Neuerung.14 Altorientalische Gottheiten zeigen ihre Macht in waffenklirrender Gestalt. Eine Gottheit ist dann mächtig, wenn sie siegreich ist, wenn sie militärisch erfolgreich ist. Anders der biblische Gott in Genesis 9: Nachdem er die Sintflut über die Welt gebracht hat, hängt er seinen Bogen in die Wolken. Das Wort «Bogen» (תשק) kann im Hebräischen den Regenbogen, aber auch den Kriegsbogen bezeichnen. Interessanterweise ist gerade der entspannte Kriegsbogen im Alten Orient gewölbt, so dass man hier davon ausgehen darf, dass Gott seinen entspannten Bogen in die Wolken hängt. Gott entledigt sich nicht nur seiner Waffe, die Waffe ist sogar nicht einmal mehr zum Einsatz bereit, denn der Bogen ist nicht gespannt.

Gott wird in Genesis 9 gedacht als einer, der seiner Schöpfung friedlich gegenübersteht und nie mehr eine Sintflut über sie bringen wird. Ja, Gott schließt sogar einen Bund mit der gesamten Menschheit, dass dies nie wieder geschehen wird. Das hebräische Wort für «Bund» heißt eigentlich «Vertrag» – auch das ist eine Innovation sondergleichen: Das Verhältnis Gottes zu den Menschen wird so in ein rechtliches Verhältnis gebracht. Die Menschen sind damit nicht einfach von der Willkür Gottes abhängig, sondern ihr Verhältnis zu Gott hat eine rechtliche und damit eine rationale Grundlage: Gott hat einen Bund mit der Menschheit geschlossen, der auf einer einseitigen Zusage beruht.

Genesis 9 mit seiner universalen Perspektive und seiner bedingungslosen Zuwendung Gottes zur Schöpfung ist somit ein – neutestamentlich gesprochen – «evangelischer» Text, doch er steht im Alten Testament. Ihn deshalb als weniger wertvoll einzustufen, als wenn er im Neuen Testament stünde, ist keine theologisch begründbare Option.

Und doch würde, wie bereits gesagt, Slenczka hier widersprechen. Weshalb? Seiner Ansicht nach ist mit dem Christentum ein neues Bewusstsein in die Welt gekommen. Christen denken und schreiben anders als Nichtchristen, so Slenczka, und deshalb gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen alttestamentlichen und neutestamentlichen Texten. Kein Text des Alten Testaments ist von einem Christen geschrieben worden, während alle Texte des Neuen Testaments von Christen stammen. Nun, daran lässt sich historisch nicht rütteln. Soweit wir dies beurteilen können – und diese Frage können wir gut beurteilen – ist dies tatsächlich der Fall.

Doch wie weit trägt das zugrundeliegende Argument, dass Christen ein anderes Bewusstsein haben als Nichtchristen? Man kann dieses Argument nur verstehen, wenn man die konkrete theologiegeschichtliche Prägung Slenczkas mit in Rechnung stellt. Slenczka folgt mit seiner Überlegung Friedrich Schleiermacher,15 der an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert das Christentum aus seiner aufklärerischen Reduktion befreite und in seinen «Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern» festhielt, dass die Religion sich weder im Denken noch im Handeln erschöpfe, sondern eine eigene Provinz im Gemüte beanspruche. Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche.

Mit dieser Bestimmung überwand Schleiermacher die auf die Ethik fixierte Religiosität der Aufklärung und führte das Christentum in das Zeitalter der Romantik ein. Man mag seine Zugangsweise historisch beurteilen, wie man will, im Blick auf die Wahrnehmung der Schrift ist ein solcher subjektivitätstheoretischer Ansatz insofern problematisch, als er das Christentum auf ein entsprechendes frommes Bewusstsein gründet und nicht auf die Bibel selbst.

Ja, es zeigt sich hier sogar eine gewisse Selbstwidersprüchlichkeit der Position Slenczkas. Wirklich normativ soll für Christinnen und Christen nur das Neue Testament sein, nicht aber das Alte, denn nur das Neue Testament basiert auf christlichem Bewusstsein. Mit diesem Argument wird aber letztlich eben dieses christliche Bewusstsein als normativ angesehen und gar nicht das angeblich exklusiv kanonische Neue Testament, das de facto ja nur Ausdruck dieses Bewusstseins ist. Mit anderen Worten: So gesehen ist das Neue Testament bei Slenczka nur norma normata und nicht norma nor­mans. Damit aber wird die Behauptung seiner alleinigen Kanonizität obsolet, denn diese ist ja nur Folge und nicht Ursache des frommen christlichen Bewusstseins.

Um es zugespitzt zu sagen: Das Neue Testament dient so nur noch zur Selbstbespiegelung des frommen Individuums, das nun selbst «kanonisch» geworden ist, dies jedoch nicht offenlegt, sondern dazu dem Neuen Testament einen Mantel exklusiver Pseudo-Kanonizität umlegt.

6. Die Denkformen des Alten Testaments ermöglichen und sichern die Universalität der christlichen Bibel sowie die Lebendigkeit der Kirche.

Diese These mag zunächst überraschend klingen. Ist denn nicht gerade das Alte Testament die partikulare Größe in der Bibel und erst das Neue universalisiert dessen Horizont?

Nun, so lautet das Klischee und das ist in gewisser Hinsicht nicht einmal ganz falsch. Es gibt zwar universale Texte im Alten Testament, allen voran die ersten 11 Kapitel der Bibel, die sogenannte Urgeschichte, in der Israel gar nicht vorkommt, doch es ist richtig, dass das Alte Testament sonst vorrangig mit dem Geschick des Volkes Israel beschäftigt ist. Doch hier soll es um die «Denkformen» des Alten Testaments gehen. Damit ist nicht gemeint, was das einflussreiche, aber sehr holzschnittartige Buch von Thorleif Boman vorschlug, dass es nämlich so etwas wie ein «hebräisches Denken» neben dem «griechischen» gebe und das Alte Testament für das «hebräische Denken» stehe.16 Boman ist oft, viel und zu Recht kritisiert worden für seinen Zugang:17 Dagegen bleibt festzuhalten, dass Sprache und Denken sich nicht linear zueinander verhalten und entsprechend gibt es nicht einfach ein «hebräisches», «griechisches», «französisches» oder «norwegisches» Denken.

Richtig ist aber, dass das Alte Testament – wie Jörg Jeremias in seiner neuen Theologie gezeigt hat18 – bestimmte theologische «Denkformen» ausgeprägt hat, mittels dessen es die existentielle Dimension der Theologie hervorgehoben hat – gegenüber der intellektuellen. Und diese existentielle Dimension der Theologie ist es, die in erster Linie deren Universalität sichert – da sie eine fundamentale anthropologische Konstante darstellt –, und nicht bestimmte geistige Konzeptionen von Universalität.

Dies lässt sich etwa am Beispiel von Blaise Pascal illustrieren, der in seinem berühmten Mémorial (1654) dem Gott der Philosophen, der ihn langweilte und ermüdete, den lebendigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs entgegensetzte.19 Ohne das Alte Testament wäre Blaise Pascal dem Christentum verloren gegangen, und vermutlich nicht nur er. Das Alte Testament stellt Gott nicht als theologisches Konstrukt vor, das tut das Neue Testament auch nicht, aber das Alte Testament sichert die Vorstellung eines lebendigen Gottes, der die Menschen umtreibt und sich von den Menschen umtreiben lässt.

An dieser Stelle sei ein Seitenblick auf die Reformatoren des 16. Jh. erlaubt, zumal die Berliner Debatte um das Alte Testament vor allem eine protestantische ist: Vielleicht ist diese spezifische Wahrnehmung Gottes der Grund, weshalb die Reformatoren, allen voran Luther und Zwingli, von ihren theologischen Interessen her vor allem alttestamentlich geprägt waren: Im Alten Testament fanden sie besonders deutlich die Position des Menschen vor Gott, coram Deo, wieder, die für ihre Theologie so wichtig war. Bei weitem die größte Anzahl von Predigten und Vorlesungen, die sie gehalten haben, beziehen sich auf das Alte Testament. Müsste man ihnen an einer heutigen Theologischen Fakultät einen Lehrstuhl zuweisen, so würden sie wohl am ehesten Alttestamentler werden.

7. Mit dem Alten Testament hat das Christentum die Erinnerung an seine religionsgeschichtlichen und theologischen Wurzeln festgehalten. Damit entwirft sich das Christentum grundsätzlich als eine geschichtliche Größe und verfügt über eine wirksame Imprägnierung gegen alle gnostischen Tendenzen.

Das Christentum ist nicht so alt wie die Schöpfung. Es weiß um diesen Umstand und es verheimlicht ihn auch nicht, im Gegenteil, es zelebriert ihn. Seine Zentralfigur, Jesus Christus, ist eine Gestalt, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gelebt hat und aus einer bestimmten religiösen Tradition stammt, die durch das Alte Testament dokumentiert wird.

Das Christentum lebt von seiner Bindung an seine geschichtlichen Ursprünge. Es ist eine Pflanze, die aus einer bestimmten Wurzel entspringt. Und diese Wurzel ist nach christlichem Verständnis nicht nur die geschichtliche Gestalt Jesu Christi selbst, sondern auch die Tradition, aus der er stammt: das Alte Testament. Ich erinnere noch einmal daran: Der historische Jesus war ein Jude, er kannte das Alte Testament, nicht aber das Neue.

Mit dem Alten Testament kultiviert das Christentum das Bewusstsein, dass der Weg Gottes mit Israel und den Menschen eine Geschichte hat, dass Religion eine Geschichte hat, und dass auch der Glaube heutiger Menschen geschichtlich verfasst ist. Er wird sich nie ein für alle Mal festschreiben lassen, er wird sich mit der Geschichte weiter entwickeln. Daran erinnert das Alte Testament seit 2000 Jahren – und wenn sich das Christentum nicht immer von selbst daran erinnert, dann hat es immerhin das Alte Testament, das es daran erinnert.

Christentum ohne Altes Testament? Nach den Regeln der deutschen Grammatik ist dieser Satz unvollständig, es fehlt ihm ein Verb. Man könnte ergänzen: Kann es ein Christentum ohne Altes Testament geben? Soll es ein Christentum ohne Altes Testament geben? Muss es ein Christentum ohne Altes Testament geben? Darf es ein Christentum ohne Altes Testament geben? Man kann alle Modalverben, die die deutsche Sprache bereithält, hier durchspielen, die Antwort auf diese Fragen – die wohlgemerkt gestellt werden dürfen – lautet nach diesen sieben Überlegungen aus meiner Sicht gleichbleibend: Nein.

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