Mein Gott
Ist was? frag ich
die Freunde wenn sie ihn
sehen über meinem Schreibtisch
(neben Schiller und John Donne)
den Mann den jeder
man kennt den
ernsten Mann am Kreuz
den noch keiner lächeln sah
Wie sie da gucken die Freunde
(ein bisschen verlegen) und
die Schultern zucken
(etwas mitleidig)
Ist was? frag ich
Dann fragt niemand weiter
Einzelkind (was den Vater angeht)
reichlich Halbgeschwister
Machte sich aber nicht viel
aus Familie (kleine Verhältnisse
Adoptivvater Zimmermann aufm Dorf )
Kehrte ihr bald den Rücken (säte nicht
erntete nicht und sein himmlischer Vater
ernährte ihn doch) schlug sich
als Wunderheiler durch
mit einem großen Herzen für
die kleinen Leute und einer forschen
Lippe gegen die da oben (Ihr sollt
Gott mehr gehorchen als den Menschen)
Aufsässig furchtlos eigen sinnig
praktischer Arbeit abhold
Den hab ich geliebt
wenn ich die Mutter
mundtot machte mit Lukas:
nicht die hauswirtschaftende
Martha vielmehr Maria
zuhörend von Jesu gefesselt
habe ›das Bessere‹ erwählt
und mich mit göttlichem Segen
in meine Bücher vergrub
Hab das gottschlaue Lieben verlernt
bei den Weiden am Rhein
unter menschlichen
Lippen- und anderen Zärtlichkeiten
So viele Vaterunser der Reue und Buße
Vergebene Liebesmüh
Mein Kinderheld fuhr
in den Himmel auf
Ich blieb unten
Da bin ich noch
Manchmal aber
lese ich wieder
in seinen alten Briefen
(die von den vier Kurieren
überbrachten)
oder besuch ihn bei sich zu Haus
(Mit Brot und Wein
Musik und Kerzenschein)
Dann frag ich ihn
Wofür das alles? Dein Leben
Leiden Sterben
Für den
der fragt
sagt er und lächelt
befreit
von seinem Kreuz
nimmt mich
in seine Arme
flüstert mir ins Ohr:
Irgendwann
stell ich dich meinem Vater vor.
Lass dir Zeit. Ich kann warten.
Und meine Freunde?
Bring sie doch mal mit.
Auch Miriam, Fatima und Ali.
In meines Vaters Haus
sind viele Wohnungen.
Und mit fünf Broten und zwei Fischen
krieg ich alle satt.
(aus: Ulla Hahn, Gesammelte Gedichte. Mit einem Vorwort von Ulla Hahn und einem Nachwort von Dorothea von Törne, München 2013, 750. © Deutsche Verlags-Anstalt München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH)
Fünf Brote und zwei Fische: mehr haben die Jünger nicht dabei, als Jesus sie – alle Evangelien erzählen davon – am Ufer des Sees Genezareth, in einsamer Landschaft, nach ihren Vorräten fragt, aus denen sie, sagt er, Tausenden von Menschen, die zusammengeströmt waren, um Jesus zu hören, am Abend eines langen Tages zu essen geben sollen. Doch, o Wunder: fünf Brote und zwei Fische sind mehr als genug: «Alle aßen und wurden satt»; zwölf Körbe sind übrig – für zwölf Apostel, für ein volles Jahr, für das ganze Volk Gottes aller Generationen. Es ist keine billige Massenabfertigung, es ist auch kein Galadiner, es ist ein frugales Mahl auf grüner Au, zu dem Jesus einlädt.
Im Mittelpunkt der lebhaften Szene wird es ganz still. Jesus betet. Er erhebt seine Augen zum Himmel. Er dankt und segnet. Von dieser Kraft des Gebetes, vom bergeversetzenden Glauben handelt das Evangelium. Sein Geheimnis ist das Teilen, aber nicht in der rationalistischen Interpretationsvariante, dass Jesus mit gutem Beispiel vorangegangen sei, auf dass alle nach ihren eigenen Mundvorräten gesucht hätten – und siehe da, es hätte gut gereicht. Nein: Jesus teilt das Wenige, was seine Jünger haben. Die Evangelien verweigern nicht die Auskunft, wie Jesus diese wunderbare Speise hat bereiten können. Geteiltes Brot wird doppeltes Brot, weil es ein Geschenk Gottes ist. Jesus teilt seinen Glauben, sein Gebet, seine Liebe zu Gott – wie er sein Leben mit denen teilt, denen er zeigen will, wie unendlich nahe Gott ihnen ist. Deshalb hat er viele zum Mahl gebeten und nicht selten auch sich selbst eingeladen – unmögliche Tischgenossen hat er gefunden, skandalöse Geschichten werden von ihm überliefert, und die Erzählung von der Speisung der Fünftausend fängt wie in einem Brennglas diese vielen Begegnungen ein, die Jesus ermöglicht hat.
Ulla Hahn gehört zu denen, die sich von Jesus speisen lassen. «Mit fünf Broten und zwei Fischen / kriege ich alle satt», endet ihr Gedicht, das im Titel mit einem Paukenschlag einsetzt: «Mein Gott». Das Gedicht erzählt selbst eine Geschichte. Es gibt dem «Ich» der Dichterin eine Stimme. Es handelt von Freunden, die sie zuhause besuchen und ganz verwundert, aber auch ein wenig verlegen sind, wenn sie über ihrem Schreibtisch neben Bildern von Friedrich Schiller und John Donne auch ein Portrait des Gekreuzigten sehen. «Ist was?», fragt sie dann – aber ein Gespräch kommt nicht auf. So kommt es zum Gedicht.
Ulla Hahn selbst hat eine intensive Geschichte mit Jesus. Es ist eine Liebesgeschichte. Im ersten Band ihrer Biographie Das verborgene Wort (2001) lebt ihre Kindheit am Rhein auf, die engen Verhältnisse zu Hause und die Ausflüge in kleine Freiräume, die viel versprechen: an den Fluss, zu den Büchern, auch in die Kirche. Die Evangelien sind ihr vertraut aus dem katholischen Gottesdienst in der Pfarrkirche, aber auch aus den eigenen Abenteuern der Leseratte. Eine Geschichte aus den Evangelien vor allem hat es ihr angetan, eine Frauengeschichte, die von Maria und Martha in der Variante des Lukas. Gegenüber der Mutter, der emsigen Hausfrau und harten Heimarbeiterin, trumpft sie mit Jesus auf: «nicht die hauswirtschaftende / Martha vielmehr Maria / zuhörend von Jesus gefesselt / habe ‹das Bessere› erwählt». Heute wird in Teilen der feministischen Exegese die Pointe des Lukasevangeliums mit einem Fragezeichen versehen, weil Martha «am Machen» ist, Maria aber – typisch Frau – aufs Hören festgelegt werde. Doch bei Lukas gibt es für Männer und für Frauen nichts besseres, als auf Gottes Wort aus dem Munde Jesu zu lauschen. Die Maria des Gleichnisses – wie auch die Mutter Jesu in der christlichen Ikonographie – setzt auf Kontemplation und Meditation, auf Beten und Denken, auf Lesen und Verstehen. Ulla Hahns Gedicht nimmt diese Spur auf. «Mit göttlichem Segen» wird gelesen, gelesen, gelesen – bis heute.
Aus der Erinnerung ans Lesen wird ein Jesusportrait gezeichnet: Das Bild von einem «Wunderheiler» entsteht «mit einem großen Herzen / für die kleinen Leute und einer forschen / Lippe gegen die da oben». Dieser Jesus ist ein ernster Mann, ein «Einzelkind», der sich «nicht viel aus Familie» macht und ihr «bald den Rücken» kehrt, ein Aussteiger. Keine Frage, welcher Generation die Frau im Gedicht angehört, wenn sie gerade von einem solchen Jesus – in einer eigenen Strophe – bekennt: «Den habe ich geliebt.»
Das Tempus des Satzes ist allerdings Perfekt. Die kindliche Liebe ist passé. Denn im Gedicht passiert etwas Ungeheuerliches «bei den Weiden am Rhein». Der Fortsetzungsband der Autobiographie Aufbruch (2009) lässt eine Vergewaltigung ahnen und die Unmöglichkeit erkennen, darüber zu sprechen: um Himmels willen nicht mit den Eltern, aber um alles in der Welt auch nicht mit Gott. Im Gedicht heißt es: «Hab das gottschlaue Lieben verlernt». Tausend «Vaterunser der Buße und Reue» bleiben unerhört. Das Ergebnis wird mit lakonischer Ernüchterung festgehalten: «Mein Kinderheld fuhr / in den Himmel auf. Ich blieb unten.» Und eine Zeile, zugleich eine ganze Strophe später: «Da bin ich noch.»
Hier, auf dem harten Boden der Realität, kommt das Gedicht wieder in der Gegenwart an. In ihr gibt es die schönen Einladungen und Besuche, aber auch das verlegene Staunen, die unbeantwortete Frage – und die unabgeschlossene Geschichte. Weshalb das Bild an der Wand hängt? Nicht nur aus dem Wissen um eine verlorene Kindheit. Der Kontakt ist nicht abgerissen. Im Aufbruch gehört zu den bewegenden Szenen ein langer Spaziergang am Rhein mit ihrem alt gewordenen Pfarrer Kreuzkamp. Viel wird gesprochen – aber das Entscheidende wird nicht gesagt. Der Pfarrer weiß, dass sie etwas auf dem Herzen hat und nicht heraus kann mit der Sprache. Und sie weiß, dass er es weiß. So begleitet er sie, die nicht mehr zur Kirche geht, ohne dass er sie aufgibt. Beim Gang am Ufer fällt der Blick immer wieder auf einen Schäfer mit seiner Herde. Ein Schaf, das in den Strom zu fallen droht, wird zurück in die Herde geholt. Deutlicher ist der Fingerzeig nicht, undeutlicher auch nicht.
Es scheint, als würde das Gedicht die Fortsetzungsgeschichte schreiben. Ja, die Evangelien sind bekannt; in ihnen wird immer noch, «manchmal», gelesen, so wie es auch «manchmal» zu Besuchen kommt, bei ihm «zu Haus». Wo das ist, macht eine Klammer deutlich, die den ersten Reim des Gedichtes enthält: («Mit Brot und Wein / Musik und Kerzenschein»).
An dieser Stelle, dem empfindlichsten Punkt im katholischen Kosmos, gewinnt das Gedicht seinen größten theologischen Tiefgang. Nichts von dem Jesus, der die Menschen heilt und die Mächtigen herausfordert, wird aufgegeben. Aber «Mein Gott» ist in den Evangelien nach Markus und Matthäus das letzte Wort Jesu am Kreuz, als Frage, als Klage und Schrei: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?». Das ist der Ruf, den die «Hildegard» der Autobiographie nicht über die Lippen bekam – wann wären denn auch Klagen im Katholizismus der 50er erlaubt gewesen? Aber im Gedicht stellt Ulla Hahn die Frage (korrekt muss ich wohl schreiben: das lyrische Ich, aber ich denke lieber die ganze Zeit an die Autorin): «Wofür das alles? Dein Leben / Leiden Sterben.»
Das ist theologisch die alles entscheidende Frage, die genau dem «Warum?» von Golgotha entspricht. Der gefragt wird, antwortet: «Für den / der fragt». Was das Gedicht schildert, ist nicht weniger als eine private Offenbarung. Die Parallelen führen in die christliche Mystik. «Für» ist die schlechterdings entscheidende Präposition des ganz Christentums. Dietrich Bonhoeffer hat in Jesus den Menschen gesehen, der ganz und gar «für» andere gelebt hat und gestorben ist. Paulus, dem er hier folgt, geht noch weiter und bringt auch die Auferstehung Jesu auf diesen Punkt: «Er tritt für uns ein». Er bewahrheitet, dass «Gott für uns ist». Im Blick auf das Bild über dem Schreibtisch und in der Erinnerung ist er der «Mann am Kreuz / den noch keiner lächeln sah». Jetzt aber löst er die Arme vom Kreuz, um die zu umarmen, die nach ihm fragt, und er «lächelt befreit». Er «flüstert» ihr auch «ins Ohr: Irgendwann / stell ich dir meinen Vater vor» – wie ein Bräutigam der alten Schule. So lautet der zweite und letzte Reim des Gedichts. Und er sagt auch: «Lass dir Zeit. Ich kann warten.»
Damit ist die Geschichte wieder offen. Die Einladung steht. Für wen? Die Frage wird gestellt: «Und meine Freunde?» Die verlegenen, verschämten, vertrauten Gäste, die ein wenig ratlos das Bild des Gekreuzigten ansehen? «Bring sie doch mal mit», lautet die prompte Antwort, und dann werden Namen genannt: «Miriam, Fatima und Ali», die sofort anzeigen, dass alle Grenzen, die Menschen ziehen, gerade jene, die sie im Namen Gottes errichten, überwunden werden – so wie es im Aufbruch des Christentums zur Glaubensgewissheit geworden ist: «Da gilt nicht mehr Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, Mann oder Frau: Alle seid ihr einer in Christus», bringt es Paulus, die Taufe vor Augen, zum Ausdruck.
Warum diese Einladungen so breit ausgesprochen werden können? Weil derjenige, der alle als Gäste willkommen heißen will, weiß, wie es im Johannesevangelium heißt: «In meines Vaters Haus / sind viele Wohnungen». Dann ist mehr als genug für alle da: «Und mit fünf Broten und zwei Fischen / kriege ich alle satt».
«Mein Gott» ist in der Sammlung Widerworte erschienen (2011). In einer früheren Sammlung Liebesgedichte (1993) ist ein Gedicht «Mein Vater» überschrieben. Dieselbe Szene: Freunde fragen nach dem Bild eines ernsten Mannes, diesmal neben denen von Salvador Allende und Angela Davis. «Mein Vater. Tot», lautet die Antwort, aber die Erinnerung lebt. Die Autobiographien können sie für alle, die Ulla Hahn lesen, mit starken Bildern versehen. «Den habe ich gehasst», den prügelnden Tyrannen aus engsten Verhältnissen, ist das eine. «Den will ich lieben / bis den Tod» ist das andere – ein Vorsatz derer, die sagt: «Hab das Glauben verlernt». So stellt sie ihn ihren Freunden vor: «Einer von uns. / Nur der Fotograf / hat vergessen / dass er mich anschaut / und lacht.»
«Mein Gott» und «Mein Vater» sind zwei Gedichte einer unmöglichen, unglaublichen Versöhnung. Deshalb führen beide in die Herzkammer des Evangeliums. Im Neuen Testament enden die wunderbaren Geschichten von den fünf Broten und zwei Fischen offen. Die Jünger verstehen nicht, was passiert ist. Nach dem Johannesevangelium will das Volk sich Jesu als seines Königs bemächtigen, um immer genug Brot zu haben. Die Speisung der Fünftausend gibt einen Vorgeschmack auf die Speisung der vielen Völker aus der ganzen Welt im vollendeten Reich Gottes. So lange die Zeit währt, müssen Brot und Wein reichen, die Jesus denen schenkt, die zu ihm nach Hause kommen. Sie sollen Hunger und Durst auf mehr machen, auf Gerechtigkeit, wie es in der Bergpredigt heißt – auch für diejenigen, die Unrecht erlitten und begangen haben, beides so eng miteinander verwoben, dass nur der Mann am Kreuz die Erlösung bringen kann, der nicht im Grab geblieben, sondern von den Toten auferstanden ist.