Umkehr – richtig verstandenLeben vom Gipfel her

„Metanoeite!“ Dieser Imperativ wird den Gemeinden am Aschermittwoch wieder entgegenschallen. Leider wird er bis heute missverständlich übersetzt.

Ich kann mich an so manchen Aschermittwoch erinnern, der mir als Erstkommunionkind und Heranwachsendem den Verzicht auf Süßigkeiten abverlangte – mit der Folge des Jojoeffekts, dass ich mich zu Ostern hungrig auf sämtliche Schokoladeneier stürzte und diese genüsslich verschlang. Als Seelsorger begegnen mir unzählige Menschen, denen durch die einseitig übersetzte und dadurch moralisierend in ihr Gegenteil verkehrte Jesusbotschaft („Kehrt um!“, Mk 1,15) Angst-, Schuld-, Scham- und Minderwertigkeitsgefühle eingejagt wurden. Fachleute nennen diese elende Wirkung des erhobenen Moralzeigefingers, gekoppelt an so manche Höllenfeuerpredigt und Angstmacherei vor Gottes Endzeitgericht, inzwischen geistlichen Missbrauch: Anstatt das „zum Greifen nahe gekommene Gottesreich“ in der Person Jesus von Nazareth zu verkünden und die selige Freude über die vor 2000 Jahren erfüllte Erlösung zu einem Leben in Fülle zu vermitteln, wird der Eindruck erweckt, als stünde eine Erlösung erst noch aus und hinge davon ab, wie viel Umkehrbereitschaft und Bußleistung derjenige vorzuweisen hat, der Jesus nachfolgen möchte.

Die Übersetzung des Jesuswortes „Metanoeite“ mit dem deutschen Imperativ Plural „Kehrt um!“ gleicht der fehlerhaften Deutung eines mühsamen, endzeitlich angsterfüllten, eigentlich das ganze Leben dauernden Aufstiegs auf einen Berg, um von einem Gott geliebt zu werden beziehungsweise Buße für die eigenen Sünden zu üben. Letztlich aber bleibt der bemühte Gottsucher immer hinter diesem Ziel zurück. Jeder Guru bedient sich dieses Teufelskreises, um den „Gipfelstürmern“ bei ihrem letztlich immer erfolglosen Glaubensaufstieg zu „helfen“ – letztlich nur, um die eigenen Taschen mit Geld und den gefangenen Seelen zu füllen.

Erlösung aus einem solchen frustrierenden Leben aus zweiter Hand gibt es nur, wenn man es wie Johannes vom Kreuz macht: Er zeichnete den Berg Karmel und malte in seine Skizze einen Pilgerweg des Glaubens hinein; jahrhundertelang meinten die Leser, es handle sich um einen beschwerlichen Aufstieg. Keineswegs! Dreht man nämlich diese Federzeichnung um 90 Grad, wird deutlich, dass es Johannes um ein Leben auf dem Gipfelplateau geht! Wir werden mit unserer Geburt bereits von Gott auf dem Gipfel abgesetzt, weil wir uns seine Liebe nicht erst verdienen müssen, sondern von Ewigkeit her Gottes geliebte Kinder sind.

Unser Leben gleicht daher nicht einer apokalyptisch motivierten Bergtour, bei der wir gute Werke als Bedingung für Gottes Liebe tun müssen, sondern einem gelassenen Leben an der Hand des Auferstandenen, mit guten Werken als Folge unseres Geliebtseins und unseres Erlöstseins. Mit Gott führen wir, wie Paulus nicht müde wird zu betonen, keinen Handel. Rechtfertigung geschieht nicht aus Leistung, nicht durch unsere guten Werke. Einen gnädigen Gott „verdienen“ wir uns also nicht – Gott ist in seinem Wesen vielmehr die Gnade selbst. Nur so gelingt geistliches Leben, Spiritualität und Frömmigkeit wider alle Versuchung durch falsche Propheten und Scharlatane: „Erfüllt ist die Zeit! Das Reich Gottes ist in meiner Person zum Greifen nahe; greift zu! Ändert eure in der Taufe gewandelten Sinne, ändert eure Gesamtmeinung: Denkt über euch, über Gott, über eure Mitmenschen und über Gottes verwundete, aber wunderschöne Schöpfung größer!“

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