KirchenstatistikHinter den Zahlen

Über eine halbe Million Mitglieder haben die katholische Kirche im letzten Jahr verlassen. Wer sind die Menschen, die gehen? Und wer bleibt? Fünf sehr unterschiedliche Geschichten von Leserinnen und Lesern.

„Wir heirateten katholisch – kurze Zeit später trat ich aus.“

A ls Kind habe ich gerne Religionsunterricht gehabt, war viele Jahre Messdiener und Leiter der Messdienergruppe, Mitglied im gregorianischen Chor. Doch mit der Zeit, im Pubertätsalter, begann ich zu hinterfragen, was es mit der Kirche und ihren Einschränkungen auf sich hatte. Insbesondere die Sexualmoral der katholischen Kirche machte mir zu schaffen. Dennoch gab mir der Glaube Halt in vielen Lebenslagen, in vielen Fragen, die mich umtrieben. Dabei haben mir auch mein priesterlicher Onkel und Kapläne in unserer Gemeinde geholfen. Das Zweite Vatikanische Konzil weckte in mir Hoffnung, dass eine große Reform der katholischen Kirche in allen relevanten Fragen der Gesellschaft erfolgen könnte. Doch wie wurde ich enttäuscht. Immer deutlicher wurde mir in den nächsten Jahren, dass die Amtskirche sich von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernte. Sie hatte kein Verständnis für die junge Generation. Sie hatte keine Antworten auf die Entwicklung in der Gesellschaft. Vielmehr wurde in „Hirtenbriefen“ recht offen dafür geworben, eine bestimmte Partei zu wählen, wohl wissend, dass viele Akteure historisch belastet waren.

Den endgültigen Bruch mit der Amtskirche gab es, als ich eine junge, evangelische Frau zu ehelichen gedachte. Hier sollten wir in sogenannten Hochzeitsgesprächen auf die katholische Hochzeit vorbereitet werden. Die Gespräche waren geprägt von moralischen Anforderungen und mündeten schließlich darin, dass uns naheglegt wurde, dass die Braut doch besser konvertieren sollte, um so eine „glatte katholische Hochzeit“ vollziehen zu können. Der Grund: Wenn es eine Hochzeitsmesse gäbe, könne die Braut doch nicht zur Kommunion gehen. Mein künftiger Schwiegervater erzählte dem katholischen Pfarrer unsere Geschichte. Der zeigte sich aber auch sehr zurückhaltend und hatte wenig Neigung, diese Trauung auszuführen. Als mein Schwiegervater jedoch durchblicken ließ, dass dann wohl sein Freund, der evangelische Pfarrer die Trauung vornehmen würde, ließ der katholische Pfarrer erkennen, dass er doch noch einen Weg finden könnte. Der wurde auch gefunden, schließlich hatte mein Schwiegervater noch mit einer Spende gewunken.

Wir heirateten also katholisch, ohne Messe zwar, aber immerhin nach katholischem Ritus. Wir waren zufrieden, und ich denke, meine Eltern auch. Nur kurze Zeit später trat ich aus der Institution katholische Kirche aus. In den zurückliegenden Jahrzehnten gab es schon Momente, in denen ich dachte, dass ich wieder „volles Mitglied“ der Kirche werden könnte. Doch dann gab es auch wieder einschneidende Erlebnisse mit dieser Insitution, die es mir besser erscheinen ließen, nicht wieder in den Schoß der „Mutter Kirche“ zurückzukehren. Vielmehr engagierten wir uns in verschiedenen Arbeitskreisen und aktuellen Projekten der katholischen Gemeinde an unserem Wohnort. Gottlob gab es hier einen sehr aufgeschlossenen Pfarrer, der kein Problem damit hatte, dass ich als nicht registriertes Kirchenmitglied durchaus zur Kommunion gehen konnte. So ist es bis heute geblieben. Übrigens: Unsere Kinder wurden alle katholisch getauft.

„Mein Glaube an die Lehre Christi, wie ihn die Kirche vertritt, ist ungebrochen.“

Es treibt mich gedanklich um, dass ich, katholisch getauft und sozialisiert, durch meinen begründeten Austritt aus dem juristischen Konstrukt Kirche nun nicht mehr als katholisch gelten soll.

Mein Glaube an die Lehre Christi, wie ihn die katholische Kirche vertritt, ist ungebrochen. Das Verhalten mancher Kirchenoberen zu den Verbrechen zu vieler ihrer Priester an ihnen anvertrauten Kindern hat mich zu einem persönlichen Zeichen getrieben. Nun sehe ich mich in einer Masse von Menschen wieder, deren Glauben wohl schon länger verloren gegangen ist. Auch die unbescholtenen Priester werden Verdächtigungen ausgesetzt, die ihnen Unrecht tun. Zurück zu den Wurzeln, zur echten Nachfolge Jesu ist der einzige Ausweg.

Ich möchte ihn gehen.

„Wir brauchen Menschen, die Missstände in der Kirche kritisieren, aber bleiben.“

Ja, es ist furchtbar, was an Missbrauch innerhalb der Kirche geschehen ist; es ist grässlich, wenn Macht missbraucht wird, Wertschätzung Frauen gegenüber zu wünschen übrig lässt, wenn das Amt sich selbst feiert…

Aber: Ich bin auch Kirche. Wenn die Medien kritisch über „die Kirche“ berichten, wenn Menschen aus „der Kirche“ austreten – dann richtet sich das auch gegen mich. Seit mehreren Jahrzehnten stehe ich für die biblische Botschaft ein, verkünde den befreienden Gott, gehe Wege der Menschen mit, begleite in Trauer und Schmerz. Nicht nur ich, viele! Warum ist man gegen „mich“? Gegen all jene, die „der Kirche“ ein anderes Gesicht geben? Ich fühle mich verletzt und übersehen, erlebe mich als Glied der Kirche zu Unrecht beschimpft, gemieden und verlassen.

Wie kann ein Protest gegen jene konkreten Personen und Missstände geschehen, ohne dass ich, dass wir, die wir auch Kirche sind, eingeschlossen werden in die Kritik und verlassen werden? Wir brauchen viele Menschen, die die Kritik und den Abscheu teilen, aber uns wegen der Botschaft Jesu und der Verkündigungen des barmherzigen, treuen und liebenden Gottes stützen, statt uns zu verlassen.

Monika Dittmann, Walluf

„Die Kirche muss sich ständig erneuern. Dazu will ich beitragen.“

Glauben heißt bekanntlich vertrauen. Worauf vertraue ich, besser: Wem vertraue ich? Gott ist für mich gemäß dem Zeugnis der Bibel, gemäß dem Zeugnis Jesu ein liebender Gott, liebender Vater und Mutter zugleich. Damit sind Fragen nach dem moralisch Bösen, dem Leiden und Naturkatastrophen nicht ausgeblendet. Aber: An diesen Gott glauben, heißt, sich angenommen wissen unabhängig von eigenen Leistungen, weil Gott Schöpfer ist, der jeden Menschen als sein Abbild, sein Ebenbild geschaffen hat. Das anzunehmen schenkt ein tiefes Grundvertrauen, stiftet Hoffnung und ist und bleibt ein universalistisches Denken jenseits kultureller Grenzen und ein Auftrag, der mit dem Christentum und der Institution Kirche verbunden ist. Politischen Ausdruck findet dieses Denken, dieser Auftrag in der Option für die Armen und der Bewahrung der Schöpfung.

Ich möchte, dass sich möglichst viele Menschen heute und in Zukunft mit zentralen biblischen Zeugnissen auseinandersetzen: mit der Befreiungserfahrung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens, mit den Zehn Geboten, der Erwartung eines universalen Friedens, mit der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, mit den Seligpreisungen der Bergpredigt, mit den Gleichnissen Jesu. Wenn ich für das Bleiben in der Kirche plädiere, trenne ich zwischen dem Glauben und der Institution, die mir neben Eltern und Großeltern den Glauben vermittelt hat, die aber nicht das tragende Element meines Glaubens ist. Zudem lehrt die Kirche selbst, dass sie sich ständig erneuern muss. Dazu will ich beitragen. Wenn die Kirche(n) als Gemeinschaft von Glaubenden gänzlich verschwinden würden, wird die Gottesfrage als Frage nach dem Sinngrund unserer Existenz, wird das biblische Gottesgedächtnis schlicht vergessen. Mit dieser Gottesfrage treten immer auch die Leidenden, die Mühseligen und Beladenen, die Armen in unser Blickfeld. Diese Perspektive soll bleiben und die Praxis in Caritas, Diakonie, Sozialstationen, Kleiderkammern und im individuellen christlichen Engagement.

Viele, die austreten, sagen: Mein Glaube bleibt. Das ist sicher eine ehrliche Antwort. Aber: Wo bleibt in Zukunft das Zeugnis des Glaubens, das Zeugnis für die Kindeskinder, wenn die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, als Volk Gottes gänzlich verschwinden würde, der Resonanzraum des Glaubens verloren ist? Zukunft wird die Kirche in Westeuropa nur haben, wenn sie Mut zu Strukturreformen und die Fähigkeit hat, auch in Teilen der Lehre – wie immer schon! – neue Wege zu gehen.

„Wenn wir Gräben ziehen, machen wir Gott kleiner, als er ist.“

Ich bin im Januar 2022 aus der evangelischen Kirche ausgetreten und in die römisch-katholische Kirche eingetreten. Das war weniger eine Entscheidung gegen die evangelische Kirche, sondern mehr eine Entscheidung für die römisch-katholische Kirche.

Das Erleben, dass Gott mir persönlich entgegengeht, erfahre ich in der katholischen Kirche besser als in der eher wortlastigen evangelischen Kirche. Die Eucharistie ist für mich ein Für-Gott-Platz-Schaffen und ihn in mein Herz springen lassen, ihn in meinen Alltag mit hineinnehmen. Darüber kann man jetzt lächeln, aber ich glaube, Gott hat so viel verschiedene Zugangswege zu den Menschen, wie es Menschen gibt. Heute gibt es viele verschiedene Gräben zwischen den Gläubigen. Einer davon ist der Graben zwischen den sogenannten aufgeklärten und fortschrittlichen Christen und den sogenannten traditionellen, rückständigen Christen. Das sind Gräben, die für mich nicht relevant sind, die Gott kleiner machen, als er ist.

Gott ist bei der Jubiläumstagung des CIG und er ist in Lourdes, Gott ist beim Predigerinnentag der kfd und bei dem alten Mütterchen im Werktagsgottesdienst, die damit gar nichts anfangen kann. Ich liebe diese Vielfalt in der römisch-katholischen Kirche und ich bin Gott dankbar, dass ich beide Lungenflügel der großen christlichen Konfessionen in Deutschland kennenlernen durfte.

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