„Das Lehrerzimmer“Vertuschung auf dem Lehrplan

Eine kleine, alltägliche Geschichte um Diebstahl wächst sich im Film „Das Lehrerzimmer“ zum gesellschaftlichen Gleichnis aus.

Für jedes Problem gibt es genau eine richtige Lösung, davon ist Carla Nowak (gespielt von Leonie Benesch) überzeugt. Im Matheunterricht erklärt die Lehrerin, wie man Brüche auflöst, Wurzeln zieht und aus den kompliziertesten Gleichungen das eine korrekte Ergebnis ermittelt. Und auch in moralischen Fragen hat sie keinen Platz für Grautöne. „Diebstahl ist falsch“, bläut sie ihrer Klasse ein. „Egal ob es um 100 Euro geht oder um einen Cent.“ Doch im Kollegium scheint man es mit diesen klaren Prinzipien nicht so genau zu nehmen. Dass Bleistifte verschwinden und Lehrer sich bei helllichtem Tag an der Kaffeekasse bedienen, ist so alltäglich, dass es keinen mehr kümmert. Erst als Geld aus Brieftaschen verschwindet, wird die resolute Direktorin (Anne-Kathrin Gummich) eingeschaltet und eine Untersuchung angestoßen, die klarmacht, wie viel hinter der freundlichen Fassade der Schule schiefläuft.

Bei Regisseur İlker Çatak wird die Schule zum Mikrokosmos, in dem Fragen um Gerechtigkeit, Transparenz und Vertuschung hochkochen, die sich auch als Abrechnung mit der Kirche lesen lassen. Und gerade weil es um ein vergleichsweise harmloses Verbrechen wie ein paar verschwundene Geldscheine geht, lässt sich die Absurdität einer Institution, die den schönen Schein über echte Aufklärung stellt, gut im Kleinen nachvollziehen. Wenn die Direktorin den Matheunterricht stürmen lässt und eine spontane Portemonnaie-Kontrolle bei allen Jungen durchführt, mag das an Priester erinnern, die sich wenig um die Privatsphäre von Gläubigen kümmern. Natürlich sei die Kontrolle freiwillig, betont die Direktorin. Nur um die Beteuerung sofort mit einem moralischen Fingerzeig beiseitezuwischen: „Aber wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich auch keine Sorgen zu machen.“ Wer nicht mitspielt, auf seine Grundrechte pocht, bekommt sofort ein schlechtes Gewissen eingeredet. Dass sie bei ihrer Razzia offenbar einen unschuldigen Schüler verdächtigt hat, dem sein strenger Vater beim „klärenden Elterngespräch“ direkt Prügel androht, scheint die Direktorin nicht weiter zu kümmern. Statt um das Wohl des einzelnen Schülers geht es ihr vor allem darum, den Schein der harmonischen Schule zu wahren.

Als dann schließlich eine Kollegin in Verdacht gerät, mit den Diebstählen zu tun zu haben, ist von der geforderten Transparenz plötzlich nichts mehr zu spüren. Die Direktorin beruft einen Krisenstab ein, um zu entscheiden, was nach außen getragen werden soll. „Wir müssen uns auf ein gemeinsames Wording einigen!“, heißt es. Schüler und Eltern, die unbequeme Fragen stellen, werden mit Worthülsen abgespeist. Eine Aufgabe, die der prinzipientreuen Carla Nowak nicht leichtfällt. Als sie beim Elternabend mit Fragen gelöchert wird, hat sie eine Panikattacke, stürmt aus dem Raum und bricht in der Toilette zusammen. In einem System, das auf Vertuschung setzt, bleiben die auf der Strecke, die an ihren moralischen Standards festhalten.

Interessant ist auch die Rolle der Schülerinnen und Schüler im Film. Während die einen versuchen, zu einem guten Miteinander in der Schule zurückzufinden, streuen andere bewusst Gerüchte, um die Lage zuzuspitzen. Und dann gibt es noch die Schülerzeitung, die ihr Bestes tut, die Situation aufzuklären – und dafür vom Schulgelände verbannt wird. Irgendwann muss sich Carla Nowak entscheiden, ob sie weiter nach den Regeln der Institution spielen will oder ihren Idealen treu bleibt. Immer wieder kann man sehen, wie es in ihr arbeitet. So auch in der einzigen Szene des Films, in der Glaube, Gott und Religion tatsächlich angesprochen werden. In der Klasse wird ein Referat zu Sonnenfinsternissen gehalten, die man früher als göttliche Strafe gefürchtet hat, bis die Menschen lernten, die richtigen Fragen zu stellen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, so kann man die Szene lesen, müssen wir manchmal selbst aktiv werden.


DAS LEHRERZIMMER
Deutschland, 2023; Regie: İlker Çatak; Länge: ca. 100 Min.
Der Film ist aktuell im Kino zu sehen.
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