Ulrich Schütz (1932–2023)Der Be-Treuer

Er prägte lange das Herder-Programm.

Alle Mitstudierenden, denen ich in den späten siebziger Jahren begegnete, hatten – wie ich selbst – das erste Buch von Phil Bosmans Vergiss die Freude nicht im Regal stehen – und wir schenkten uns auch seine weiteren Bücher gegenseitig gerne zu allen Gelegenheiten. Ein gutes Jahrzehnt später, als Volontärin im Verlag Herder, lernte ich den „Mann hinter den Büchern“ kennen, den Lektor Ulrich Schütz, der immer wieder aus den Schuhkartons voller gesammelter Texte des belgischen Ordenspriesters herzerwärmende Bücher machte.

Dass er für Jahrzehnte das Programm des theologischen Verlages mitprägen sollte, war dem 1932 in Danzig geborenen Lehrerssohn nicht in die Wiege gelegt. Wie so viele in seiner Familie schlug er mit dem Theologiestudium den Weg einer geistlichen Berufung ein. Vor allem seine Zeit am Germanicum war prägend für Schütz. Sein Weg führte aber 1954 doch in eine Buchhändlerlehre und schließlich in den Verlag nach Freiburg.

Ob Ulrich Schütz 1994 nach fast vierzig Jahren als Lektor gewusst hat, wie viele Bücher er – im wahrsten Sinne des Worts – „be-treut“ hatte? Die Bandbreite reichte vom Kindergebetbuch über unzählige geistliche Bücher, Jahresbände, Geschenkbücher, Heiligenviten und Bildbände bis eben zum Gesamtwerk von Phil Bosmans und vor allem zur deutschen Ausgabe der Jerusalemer Bibel. Deren Apparat hat er in unzähligen Stunden – den Nachtwächter im Verlag soll er in jener Zeit viel häufiger gesehen haben als seine Familie – so sorgsam und kenntnisreich übersetzt und redigiert, wie er alles tat.

Der Vielfalt seiner Buchprojekte entsprach die Vielfalt „seiner“ Autorinnen und Autoren, zu denen er oft eine tiefe persönliche Beziehung aufbaute. Sie konnten sich auf ihren Lektor verlassen, auf seine Fähigkeiten als Übersetzer und gewandtem Stilisten; das treffsichere Formulieren von Titeln war eine seiner Spezialitäten. Verlassen konnten man sich auch auf sein gutes Auge und seine Detailversessenheit, auf sein immenses Wissen in so vielen Bereichen, nicht nur der Theologie.  Er liebte Kunst und Musik. Wer ihm begegnete, sei es ein Autor, sei es eine junge Kollegin, traf auf einen zugewandten, hilfsbereiten, andere stets aufbauenden und wertschätzenden Menschen. Lange über sein offizielles BerufsIeben hinaus arbeitete er noch weiter als freier Mitarbeiter für den Verlag, vor allem aber für den von Pater Bosmans gegründeten „Bund ohne Namen“. Seine Briefe, Publikationen, Vorträge, sein Verbreiten der Botschaft des Herzens erfreute unzählige Menschen: „Vergiss die Freude nicht“.

 

Wenn Ulrich Schütz einen Fehler hatte, dann dass er sein Licht zu sehr unter den Scheffel stellte. Zwar konnte man von weither sein Lachen erkennen, zwar unterstützte seine sichere Tenorstimme noch bis 2019 den Freiburger Oratorienchor, gleichwohl gehörte er zu den eher Stillen im Lande. In meiner Heimat würde man angesichts seiner Bescheidenheit bei solch großem Wissen, solch unermüdlichem Einsatz, solch tiefer Herzensbildung sagen: „Menschen wie er werden nicht mehr gebacken“.

 

Sein liebstes Motiv in der christlichen Kunst, das erzählte er mir oft, war die Darstellung des Herrn im Tempel. In hohem Alter – wie Simeon und Hannah – verstarb Ulrich Schütz am 15. Februar 2023 in Schorndorf, auf der Todesanzeige stehen die Worte Simeons: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil geschaut.“ 

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