Zum 80. Todestag von Edith SteinWer die Wahrheit sucht, der sucht Gott

Eine neue Biografie stellt die innere Konsequenz im Glauben und Leben der großen Heiligen heraus. von Gotthard Fuchs

Edith-Stein-Skulptur des Bildhauers Bert Gerresheim in Köln (Foto: Harald Oppitz/KNA)
Edith-Stein-Skulptur des Bildhauers Bert Gerresheim in Köln (Foto: Harald Oppitz/KNA)

Geschichte einer Ankunft“ – der Untertitel ist treffgenau, denn in der Tat fasziniert Edith Stein besonders durch die Konsequenz ihres intellektuellen und spirituellen Suchens (und Ankommens). Umso bedauerlicher ist es, dass sie als Person derzeit in der grandiosen Gesamtausgabe ihrer Werke fast zu verschwinden scheint und in gegenwärtigen Spiritualitätsdebatten kaum vorkommt. Deshalb ist es erfreulich, dass genau zu ihrem 80. Todestag diese hervorragende Biografie erschienen ist.

Der Autor, Klaus-Rüdiger Mai, ist weder Katholik noch Jude, auch nicht Philosoph und Theologe, aber hervorragend eingearbeitet und sichtlich fasziniert von der inneren Konsequenz dieser Frau und dem Abenteuer ihres Lebens. Das gibt seiner ebenso kenntnisreichen wie flüssigen Darstellung schöpferische Unbefangenheit und empathische Präzision: äußerst diskret in der Annäherung an die Person Stein, ihren Denkweg und ihre Glaubensentscheidung, zugleich sensibel für den größeren historischen Kontext. Leben und Denken Steins erschließen sich so wechselseitig, und die gut ausgewählten Originalzitate erscheinen oft in neuem Licht.

In Zeiten, in denen Sigmund Freud und andere den Menschen (tiefen-)psychologisch in den Blick nahmen, fragte Edith Stein philosophisch nach seiner Gestalt, seinem Aufbau als Person und damit natürlich nach dem Sinn des Ganzen. Folgerichtig interessierte sie sich erstaunlich früh auch für politische Fragen und trat Ende 1918 der Deutschen Demokratischen Partei bei. Sie formulierte hellsichtig Gedanken zur Demokratie, zu Europa und nicht zuletzt zur Frauenfrage: Diese konkrete Zeitgenossenschaft (und Vielsprachigkeit) wird oft übersehen.

Mehr noch fasziniert die Konsequenz, wie sie die Zentralfrage nach dem „Wesen“ des Menschen und dem Sinn des Ganzen nach- und mitdenkend schließlich zum Gottesglauben führte, glaubend dann neu zum Denken – und beides zu einem bestimmten Leben. Mai kontrastiert die Zentralaussagen der beiden Husserl-Assistenten: Edith Stein findet, die Wahrheit suchend, schließlich Gott und den Glauben an ihn; ihr Nachfolger Martin Heidegger, im katholischen Glauben erzogen, verliert ihn – diese Wegkreuzung sei „ein noch unentdeckter Schlüssel für die deutsche Geschichte im letzten Jahrhundert“: „Sein und Zeit“ versus „Endliches und ewiges Sein“.

Abschnitt für Abschnitt erzählt Mai das Leben Edith Steins, beginnend im damals preußischen Breslau, in Göttingen mit der lebensentscheidenden Begegnung mit Husserl und seiner Phänomenologie, dann in Freiburg, Speyer, Münster, im Karmel in Köln und im niederländischen Echt – und Auschwitz. Eine abgründige Geschichte der Selbst- und Gottesentdeckungen, vordergründig und schmerzhaft real auch eine Geschichte permanenten Scheiterns (der akademischen Karriere, der Heiratsgedanken, der Publikationsvorhaben).

„Ich musste den Schritt in der völligen Dunkelheit des Glaubens tun“, formuliert Edith Stein im Rückblick. Es beeindruckt, wie sensibel Mai im Ganzen von der „Ankunft“ Edith Steins im katholischen Glauben her schreibt, wie er diese schon in vorangehenden Suchbewegungen anwesend spürt – und zugleich der Weg-Spannung erzählend Raum gibt. Bezüglich ihrer Doktorarbeit über die „Einfühlung“ etwa (leider nur zum Teil veröffentlicht und erhalten) interpretiert er präzise: „Ich weiß von mir selbst durch den Anderen. Der absolut Andere ist Gott. Für den gläubigen Menschen wird aus der Frage, wer man ist, die Frage, was Gott mit einem vorhat.“

Erschütternd bleibt, dass der Brief Edith Steins an Papst Pius XI. über die zunehmende Verfolgung der Juden vom 12. April 1933 (!) nie eine inhaltliche Antwort bekam – außer der ihres Martyriums. Umso aktueller ist ihre Bemerkung zum Tod ihres verehrten und kritisierten Meisters Husserl: „Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“

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