EditorialWir Verwundbaren

Wir Menschen sind verletzliche Wesen, das erfahren wir intensiv seit Monaten. Was folgt daraus?

Wer auf der Straße gefragt wird, ob er oder sie bereit ist, für jemand anderen unerträgliche Schmerzen auf sich zu nehmen, dürfte kaum mit Ja antworten. Aber genau dieses Ja hat jede Frau gesagt, die ein Kind zur Welt bringt.“ Die Würzburger Theologin Hildegund Keul hat das gerade formuliert, bei einer Tagung in der Katholischen Akademie Freiburg. Keul bezeichnet diese Haltung als „Verschwendungsparadox“, und sie sieht darin das Grundprinzip des Lebens überhaupt. „Wir nehmen Lebensrisiken auf uns, um Lebensgewinne zu erreichen.“ In einer christlichen Lesart komme hinzu, dass man die eigene Verletzlichkeit nicht nur zum Vorteil für sich selbst, sondern sogar zum Wohl von anderen riskiert. Nächstenliebe hätte man das früher einfach genannt. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder / eine meiner geringsten Schwestern getan habt…“ (vgl. Mt 25,40).

Dass wir Menschen verletzliche Wesen sind – vulnerabel, wie es die Wissenschaft ausdrückt –, ist das Thema der Stunde. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel haben wir das lange ausblenden können; zu groß, zu mittelbar, zu weit weg schienen die Folgen. Dann kam die Ahrflut … Sie traf uns, als wir gerade versuchten, die Erschütterungen der Corona-Pandemie zu verarbeiten. Und jetzt der Krieg in der Ukraine. Das Leben fühlt sich derzeit wirklich nicht nach „Mehr Fortschritt wagen“ an, wie es die Ampelkoalitionäre noch vor wenigen Monaten verkündeten.

Die zeitgenössische Kunst, zu besichtigen derzeit etwa auf der Biennale in Venedig, greift diesen Zug der Zeit auf und kommt zur selben Diagnose. Sie zeigt unsere Bedrohtheit und Verletzlichkeit, den Menschen als hinfälliges Wesen. Die Künstlerinnen und Künstler glauben auch nicht, dass es auf absehbare Zeit anders wird. Das ist tragisch und bitter. Aber vielleicht führt die neue Einsicht in unsere Vulnerabilität ja immerhin dazu, dass wir demütiger werden, dass wir mehr in die Tiefe gehen wollen und fragen: Was ist wirklich wichtig, was hilft zum Leben, lässt uns wachsen, heil werden? Das überlegen wir in dieser Ausgabe im Gespräch mit dem Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. 

Im Sinne des „Verschwendungsparadox“ sind wir zudem herausgefordert, uns Rechenschaft darüber abzugeben, für welche „Lebensgewinne“ wir unsere Liebe, unsere Energie, unsere Schmerzen einsetzen wollen. Einer wie der französische Eremit Charles de Foucauld, der an diesem Sonntag heiliggesprochen wird, kann bei diesem Thema auch heute noch inspirieren, ein Vorbild geben.

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