EditorialUnser Horizont

Wir wollen wissen, ob und was „hinterm Horizont“ liegt. Aus diesem Grund machen wir uns auf zu entdecken, zu forschen.

Ein Essay des österreichischen Philosophen Peter Strasser hat mich dieser Tage beschäftigt. Er schrieb in der „Neuen Zürcher Zeitung“ über uns „innerlich beengte“ Menschen aus dem Binnenland, die es „eigentlich immer, aber im Sommer besonders“ ans Meer drängt. Ganz verschiedene Aspekte hat Strasser in seiner „kleinen Küstenphilosophie“ herausgearbeitet. So deutet er etwa den wehmütigen Blick auf die unbegrenzte Weite als Symbol für unsere Neugier, unseren Schaffensdrang, unseren Antrieb. Wir wollen schlichtweg wissen, ob und was „hinterm Horizont“ liegt. Aus diesem Grund machen wir uns auf zu entdecken, zu forschen.

Und selbstverständlich steht das Meer auch im mystischen Sinn für unsere Sehnsucht nach Unendlichkeit. „Dort, dort, hinter dem Horizont, der vor allem Herannahenden immer weiter zurückweicht, dämmert eine Ruhe, der wir ein Leben lang nachstreben.“ Dass bereits das Alte, oder sagen wir besser: das Erste Testament Geschichten vom Menschen und dem Meer erzählt, verwundert nicht.

Geistige Weite wünscht man sich dieser Tage auch in den politischen Diskussionen. Wann endlich dringt zum Beispiel der Bundestagswahlkampf zu inhaltlichen Themen vor? Viel Zeit bleibt nicht mehr: Schon in sieben Wochen wird gewählt. Doch bislang geht es eigentlich nur darum, wer die besseren Bilder produziert oder wer wie viel bei wem abgeschrieben hat. Es sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus, dass die Diskussion bislang an derart Oberflächlichem und Äußerlichem stehen bleibt.

Was in dem Zusammenhang auffällt, ist die inflationäre Verwendung des Begriffs „Entschuldigung“. Nicht nur Politiker sind derzeit schnell damit bei der Hand – und hoffen, dass die jeweilige Sache damit erledigt ist. Von einer öffentlichen „Beichte“ sprechen dann manche Medien. Aber das wirkt so einstudiert, so „professionell“ im negativen Sinn, dass es alle wirklichen Entschuldigungen entwertet. Eine echte Beichte, ein Einstehen für seine Sünden und Fehler, ist ohnehin etwas anderes. Aber nur so gibt es die bedingungslose Chance auf einen Neuanfang, wie der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler erläutert.

Wo und wie auch immer Sie diese Tage verbringen – ob am realen oder inneren Meer, ob noch oder schon wieder zuhause: Verlag und Redaktion wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, erholsame und inspirierende Sommertage. Möge es uns gelingen, den Blick zum Horizont zu heben und all die Fragen zuzulassen, die dabei hochkommen wollen.

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