Die Autobahnkirche SiegerlandHolzwaben an der Autobahn

Lichter, Ampeln, Blinker, Brems- und Warnleuchten leiten den Verkehr. Im Gegensatz dazu erscheint Tageslicht natürlich, von Gott gegebenes Schöpfungsgeschenk, immer da, jeden Tag. Damit wir es wahrnehmen können, brauchen wir Dunkelzonen. Im Sakralbau, in Tempeln, Moscheen und Kirchen, wird Tageslicht gelenkt, inszeniert und dadurch zum Zeichen für etwas über uns.

Sphärisches Gewölbe, inszeniertes Licht: Im Innern wirkt die Kirche gleichermaßen modern und anheimelnd zugleich.
Sphärisches Gewölbe, inszeniertes Licht: Im Innern wirkt die Kirche gleichermaßen modern und anheimelnd zugleich.© Foto: Jörg Hempel

Deutschland bewegt sich auf seinen Autobahnen. Weder die Bahnfahrer noch die Wagonbauer haben es geschafft, eine Lobby vergleichbar den Automobilclubs und der Automobilindustrie aufzubauen. Darum werden seit 1950 gegen alle ökologische Vernunft die Eisenbahnen abgebaut, die Autobahnen aufgebaut, verbreitert, vermehrt.

Dem autofahrenden Volk hat ein Papierfabrikant, Georg Haindl, 1958 die erste Autobahnkirche an der A 8 zwischen Augsburg und München hingestellt. Der Architekt Raimund von Doblhoff entwarf damals ein rechteckiges Gebäude von 17 × 14 Metern mit Satteldach und Chorturm, dessen Vorder- und Rückseite verglast sind. Die Kirche trägt den Namen „Maria Schutz der Reisenden“. Den Innenraum beherrscht ein spätgotischer Kruzifixus. 300 000 Besucher pro Jahr verweilen dort kurz, zünden Kerzen an oder schreiben Anliegen und Fürbitten in ein bereitliegendes Buch. Die meisten Anliegen betreffen Schutz vor Gefahr oder Dank für eine glückliche Reise.

Autobahnkirchen: Rastpunkte im Fahrstress

Inzwischen gibt es 42 katholische, evangelische oder ökumenische Autobahnkirchen in der Bundesrepublik, zwei in Österreich, eine in Tschechien. Autobahnkirchen sind Rastpunkte im Fahrstress, der zwischen Überholen und Überholtwerden (Jagen und Gejagtwerden) keine Entspannung zulässt. Sie gewähren Schutz für den Augenblick des Verweilens, und dieser Schutz kann als Gnade, als Gottesgeschenk, wahrgenommen werden. Viele, vielleicht die meisten Besucher gehören nicht zu den regelmäßigen Kirchgängern. Diese Kirchen laden mit Erfolg über Konfessionsgrenzen hinaus ein. Sie stehen isoliert an Waldrändern oder setzen sich wie die Autobahnkirche von Baden-Baden gegen die massive Konkurrenz von reklameüberlasteten Autohöfen durch. In Baden-Baden hat dies der Bildhauer Emil Wachter 1976 mit einer biblisch reichbebilderten Betonpyramide erreicht.

Die 2013 an der A 45 im Siegerland erbaute Kirche von Schneider + Schumacher, Frankfurt, setzt sich bildlos gegen die Reklame von Spielhalle, Burger King, Hotel und Tankstelle durch. Die Architekten übernahmen den Autobahnkirchen-Wegweiser, der seit 1958 eine konventionelle Chorturmkirche in Seitenansicht zeigt: Spitzturm und Langhaus. Im Vorbeifahren zeigt sich dieser Umriss zweimal. Zwei Spitztürme, außen weißer Beton, innen Glas, ragen wie die Ohren eines Osterhasen über einem weißen Bau, auf den ein langer überdachter Betonsteg, auch weiß, zuführt. Von den Spitzturmohren sind je nach Standpunkt-Fahrpunkt beide zu sehen oder nur einer, oder wie der eine im Vorbeifahren hinter dem anderen verschwindet. So einprägsam witzig ist Architektur zum Vorbeifahren kaum je entworfen worden.

Das Innere ist ganz anders. Die beiden Türme sind weiße Licht-Erker, aus denen Tageslicht in ein sphärisches Gewölbe aus Holzwaben fällt. Die am Computer berechnete, doppelt gekrümmte Fläche ist aus Leimbindern und Spanplatten zusammengesetzt. Holz ist neben Erde und Stein der älteste Stoff, aus dem Menschen Werkzeuge, Bilder und Bauten geschaffen haben. In Verbindung mit modernster Technik kehrt Holz im Kirchenbau zurück, in den Ahornpaneelen der Herz-Jesu-Kirche in München (2000), in der Pfarrkirche von Holzkirchen (Oberbayern, 2018), in Kapellen und temporären Kirchbauten wie auf der Gartenschau in Landau. Der warme Holzton, die Wabenstruktur und die Flächenkrümmung lassen die Autobahnkirche zugleich modern und anheimelnd wirken.

Aufstrahlendes Licht aus der Höhe

Wie in der Kirche von Poing (CIG Nr. 22, S. 246) wird das Tageslicht als von weit her, aus großer Höhe kommend inszeniert. Die Architekten Schneider + Schumacher und Meck fokussieren es durch Dunkelzonen so auffällig, dass es, bewusst oder unbewusst, als Wert, als nicht selbstverständlich wahrgenommen wird. Damit schließen sie an eine alte Tradition sakralen Bauens an, die wir vom Altertum über die gotischen Kathedralen und die Kuppelkirchen des Barock, aber auch in Moscheen und indischen Tempeln verfolgen können. In einer Kirche erinnert und ermuntert das inszenierte Tageslicht an das Vertrauen auf Gott: „Dein ist der Tag, dein ist die Nacht, du hast Sonne und Mond hingestellt“ (Psalm 74,16). Licht tröstet im Dunkel. Der Heilige Geist wird Tröster und glückseliges Licht genannt. Die Hymnen zum Tageslauf, zur Laudes, Vesper und Komplet, preisen Christus als Licht, nicht nur in der Osternacht beim Einzug der Kerze, sondern jeden Tag bei Aufgang und Untergang der Sonne. Das gilt auch, obwohl wir seit Kopernikus wissen, dass die Sonne nicht geht, sondern die Erde sich dreht.

Beim Autofahren orientieren wir uns an Lichtern, an Bremslichtern, Blinklichtern, Scheinwerfern, Warnleuchten und Ampeln. Die Autobahnkirche im Siegerland zeigt, wie die Pfarrkirche in Poing, Tageslicht als Schöpfung und als Zeichen Gottes.

Die Abbildungen sind dem Katalog der Wanderausstellung „Zusammenspiel: Kunst im sakralen Raum“ der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst entnommen. Die Ausstellung ist bis 11. August in Bad Windsheim, Museum Kirche in Franken, zu sehen und vom 2. September bis 13. Oktober in Duisburg, Kulturkirche Liebfrauen.

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