Auf dem MeinungsmarktLob der Autorität

Im Meinungskrieg der vielen Behauptungen ist selbst die Wahrheit zur Ware geworden, die auf dem Markt von Fakten und „alternativen Fakten“ hin und her gehandelt wird. Wer oder was aber hat uns noch etwas zu sagen, verbindlich?

Im verflossenen Jahr 2018 ist an die Achtundsechziger-Rebellion vor einem halben Jahrhundert erinnert worden, an Slogans wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ oder „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“. Die Nachkriegs- und Studentengeneration wollte einen grundlegenden Emanzipationsprozess in der Gesellschaft vorantreiben und bewusstmachen, wie ein fehlgeleitetes Obrigkeitsdenken die Katastrophe des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs verursacht hatte und dass es immer noch nicht aus den Köpfen und Herzen der Menschen verschwunden war. Alle traditionellen Autoritäten hatten versäumt, einem der extremsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert Widerstand entgegenzusetzen: die Bildungsinstitutionen, die doch so stolz waren auf das große humanistische Erbe, ebenso wie die Kirchen als Hüter des Christentums. Die Aufklärung war einer Dialektik der Aufklärung gewichen, umgeschlagen in puren Obskurantismus und Hörigkeit. Wie konnte, wie sollte sich die Republik erneuern, mit wahren Werten von Grund auf bekehren?

Die Aushöhlung des Erziehungswesens durch totalitäre Bewegungen konnte nur in ein alternatives Programm münden, dem alles bisherige Autoritätsgebaren verdächtig erschien. So wurde die „antiautoritäre Erziehung“ geboren als Idee, gewaltfrei von klein auf den Freiheitsdrang zu fördern, vor allem die Freiheitsfreude, sich selber entwickeln, lernen zu wollen. Was aber ist aus dem Freiheitspathos von einst inzwischen geworden?

Die Gewinne der großen, eine ganze Kultur umwälzenden Emanzipationsbewegung sind vielfach beschrieben worden, allerdings auch die Verluste. Neuerdings werden wieder die Fehlentwicklungen bedacht angesichts einer weiteren durchgreifenden Modernisierung der Kultur, womöglich einer Kulturrevolution: der Digitalisierung. Im freien, weltweiten Internet preisen „Autoritäten“ jedweder Couleur sich als solche an, streuen nicht selten Hass und „alternative Fakten“ – also Lügen – aus und scharen damit viele Anhänger hinter sich. Sogenannte Influencer, die überall dauerpräsenten großen Beeinflusser/innen, vornehmlich attraktive weibliche Gestalten, verkünden in den sozialen Netzwerken Werbebotschaften am laufenden Band und verdienen damit unglaubliche Summen. „Jüngerinnen“ und „Jünger“, Follower – Nachfolger – genannt, hängen den IT-Gurus an den Lippen und nehmen für bare Münze, was die jeweiligen Figuren auf dem Bildschirm verheißen. Jeder Einzelne kann in dieser Massenkultur zum Botschafter seiner selbst aufsteigen oder zum Botschafter irgendwelcher Theorien. Er muss es nur geschickt anstellen und auf das begeisternde Selbstläufertum von PR hoffen. Es gibt keinen Dritten, der die Autorität hätte, von der falschen Autorität effektiv abzuschrecken. Denn wer’s glaubt, fühlt sich selig in eine Community aufgenommen. Einwände haben es bei Glaubenssüchtigen schwer. Gibt es überhaupt noch ein Kriterium zur Unterscheidung und Reinigung der Geister, für echte, wahre, authentische Autorität in einer Zeit, da die klassischen Autoritäten abgedankt haben?

Die Tyrannei der Masse

In der „Frankfurter Allgemeinen“ versuchte neulich der Journalist, Historiker und Schriftsteller Simon Strauß – geboren zwanzig Jahre nach ‘68 – noch einmal eine „Ehrenrettung der Autorität“, jetzt, da man sich „von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Zeitungen … eh längst nichts mehr sagen“ lasse, „von Gerichten, Künstlern und Klimaforschern eigentlich auch nicht“. Jeder Einzelne weiß alles besser, auch, wem er trauen darf und will. Er ist selbstbewusst, wenig bereit, das Wissen, die Kompetenz, die Überlegenheit anderer anzuerkennen.

Strauß rechnet ab mit genau dieser verbreiteten Meinung, dass die eigene Meinung wertvoll und in jedem Fall schützenswert sei. Und dass es die erste Pflicht einer Demokratie sei, jede noch so beliebige Meinung, „jede persönliche Welthaltung gleichberechtigt zu behandeln“. Es gebe hingegen – so Strauß – „minderwertige Meinungen“, und es gebe eine „Hierarchie der Wahrheiten“. Hier kommt in säkularem Kontext ein Begriff ins Spiel, der wesentlich das religiöse Leben kennzeichnet und Unterschiede macht in dem, was zum Beispiel ein Christ höherrangig verbindlich glauben oder nur als niederrangig möglich annehmen kann.

Simon Strauß verweist auf die politische Philosophin und Historikerin Hannah Arendt, die grundlegende Studien über die totale, totalitäre Herrschaft, die „Tyrannei der Masse“ erarbeitet hat. In einem Vortrag über die Krise der Erziehung erklärte sie bereits 1958: Wer den „Unterschied zwischen Jungen und Alten, zwischen Begabten und Unbegabten, zwischen Schülern und Lehrern“ verwische, um angeblich friedliche Verhältnisse zu schaffen, verschärfe geradezu die Krise des Zusammenlebens. „Denn wo immer Autorität im echten Sinne existierte, war sie gekoppelt mit der Verantwortung für den Lauf der Dinge in der Welt. Entfernen wir die Autorität aus dem politischen und öffentlichen Leben, so kann das heißen, dass von nun an allen die gleiche Verantwortung für den Lauf der Welt zugemutet werden soll. Es kann aber auch heißen, dass man den Anspruch der Welt leugnet, alle Verantwortung für sie ablehnt, die Verantwortung, in ihr zu befehlen, nicht minder als die, in ihr zu gehorchen.“

Ja, auch „männlich“, „stark“

In Zeiten, die für Populismus besonders anfällig sind, wird die Fähigkeit zu erkennen, in welchem Geist jemand spricht, immer wichtiger. Nach Simon Strauß ist eine „verantwortungsethische Autorität nötiger denn je.“ Gerade auch, um anmaßende Autorität zu entlarven und in die Schranken zu weisen. Die Sehnsucht nach Instanzen, die wahre, echte, authentische Autorität wahrnehmen, habe jedoch „nichts mit den dummen wie gefährlichen Hoffnungen auf einen starken Mann zu tun“. Dabei möchte Strauß die Charakterisierung einer Autorität als „stark“ und „männlich“ nicht abgewertet sehen. „Stark“ und „männlich“, also gerecht sowie verantwortungsbewusst kann und soll gehandelt und entschieden werden, auch von Frauen.

Simon Strauß beklagt, dass Autorität dem puren Markt übereignet wird: der Marktwirtschaft. Dort sei sie heute am ehesten zu finden: „nackt und egoistisch, bar jeder Weltverantwortung“. Plötzlich zählen nur noch Quote, Umsatz und Gewinn – und über allem die Lautstärke. Die Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit wird zur Seite gelegt. „Klugheit und Kenntnis“ werden verdächtigt, weil es doch in einer komplexen Welt viel zu schwierig, ja unmöglich sei, das Richtige, Gute herauszufinden. So aber kapituliert eine Gesellschaft ohne Autorität vor Pseudoautoritäten jeglicher Art und liefert die Vernunft der Unvernunft, die Wahrheit der Lüge aus. Dem Autoritätsverlust folgt im Sinne der Dialektik der Aufklärung der nächste Aufklärungsverlust.

Der Marktzirkus

Auch der Kultursoziologe Andreas Reckwitz beobachtet eine tiefgreifende „Umschichtung unserer Lebenswerte“: „weg von der Pflicht, der Anpassung und sozialen Akzeptanz hin zur Selbstentfaltung“. Anders als noch die Generation der Eltern strebe das heutige Individuum nach der reinen Selbstverwirklichung, der „Verwirklichung ‚seiner‘ inneren Wünsche“, so Reckwitz in der „Zeit“. Die soziale Welt werde nicht als vorgegebene betrachtet, sondern als eine Art Gegenstand, aus dem man die Möglichkeiten auswählen kann und möchte, die zu einem passen. Die Autorität bin ich, ich allein. Entsprechend kann alles zum bloßen Konsumgut werden, die Liebe genauso wie die Religion oder die Religionslosigkeit. Was ich denken, fühlen, meinen will und soll, ist allerdings ebenfalls oft vorgegeben – von irgendeiner „Autorität“, welcher Art auch immer. Alles, was die Welt bietet, wird zum Markt, alles ist Markt. Auch die Wahrheit?

Sogar Bildung wird der Marktgängigkeit und Markttauglichkeit unterworfen, die Partnerwahl ebenso wie der schwankende, wechselnde Lebenssinn. „Die Vermarktlichung ist … in die feinsten Kapillaren der spätmodernen Lebenswelten eingedrungen und entfaltet dort in einer Weise eine verführerische emotionale Anziehungskraft und zugleich einen Zwang, wie keine Regierung sie hätte planen können.“ Selbst die Politik muss den Autoritätsverlust hinnehmen in einem – wie Reckwitz ihn bezeichnet – „expansiven Marktzirkus“. Die Frage ist, wie sie wieder Gestaltungsraum gewinnt. Jedenfalls kann sie die Alltagskultur nicht einfach umkrempeln, selbst wenn sie ihr nicht ohnmächtig ausgeliefert sein mag.

Kann Religion in solchen Kontexten der Beliebigkeit noch etwas bewirken, einen Bewusstseinswandel zu mehr Ernsthaftigkeit, Weltverantwortung inspirieren, Widerstandskräfte wecken gegen das, was angeblich „alle“ meinen und tun, gegen eine ausufernde Marktideologie? Entscheidende Autorität wächst im Leben wie im Glauben aus Widerstandskraft, aus dem Unbequemen, Ungemütlichen, Prophetischen, das sich der Stromlinienförmigkeit des Marktgängigen niemals ausliefert. Schon über Jesus und sein Auftreten heißt es bei Matthäus, Markus und Lukas: Er lehrte die Menschen wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Die Gewissensstimme

Nicht nur diese, auch die kirchlichen gelehrten „Autoritäten“ haben momentan über weite Strecken ihre Autorität verloren. Zum Teil fremdverschuldet, vielfach selbstverschuldet. Autorität kann verschwinden, wenn sie überstrapaziert wird zu purem Autoritarismus, wenn ihr die Argumente ausgehen und sie diese offenbarungspositivistisch durch Forderungen ethischer oder dogmatischer Art ersetzt. Autorität kann aber auch verschwinden, wenn wichtige Entscheidungen auf die lange Bank geschoben werden, wenn die Furcht vor Veränderung blind macht für die Zeichen der Zeit. Besonders gravierend ist momentan der Autoritätsverlust von Geistlichen, Bischöfen, Kardinälen, ja des Papstes wegen der furchtbaren Verbrechen sexuellen Kindesmissbrauchs durch Glaubens„autoritäten“.

Autorität kommt im biblischen Verständnis als Ruf und Berufung von innen: dadurch dass Menschen in sich jene Stimme „von oben“ wahrnehmen, die Umkehr, Erneuerung, Reinigung, Läuterung verlangt. Wahre Autorität ist nie kommod, am allerwenigsten für den, der sie ausübt als echter Lehrer der vielen, auch eines Volkes. Wahre Autorität bildet sich über das Gewissen im Gewissen, als heftige Prüfung, eher still, leise, hintersinnig, beschaulich, bedächtig, andächtig, beharrlich, aber voller Erschütterung für den Betroffenen, der schlussendlich nicht im Unentschlossenen verharrt.

Ja, es braucht weiterhin aufrechte Lehrer, Richter, Priester, Polizisten, Journalisten, Abgeordnete und Regierende und viele weitere in ihrem Beruf Berufene, die auf die Gewissensstimme hören und dabei lernen, den Leuten nicht nach dem Mund zu reden, sondern nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu urteilen und zu entscheiden, verbindlich. Redet Wahrheit! Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus im Johannesevangelium. Die Wahrheit ist keine Fiktion, es gibt sie. Sie ist der Maßstab und der Antrieb für echte Autorität. Wir brauchen diese Autorität heute so dringlich wie eh und je, Mut nicht nur zum Lernen, sondern auch zum verantwortungsvollen Lehren: in Kirche und Welt.

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