Tschechisch-slowakische „Frühlings“-Erinnerung an einen Herbst

Die tschechische Staatsführung sowie die katholische Kirchenleitung Prags haben sich anlässlich des Gedenkens an die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch Truppen des sowjetgeführten Warschauer Pakts vor fünfzig Jahren mit offiziellen Äußerungen eher zurückgehalten. Damals waren vorsichtige Reformversuche innerhalb des kommunistischen Systems, die unter der Bevölkerung Hoffnungen auf eine grundsätzliche gesellschaftliche Liberalisierung weckten, durch die Macht der Panzer und Gewehre im Keim erstickt worden. Es folgte ein bleierner Herbst.

Im Rückblick auf die brutalen Geschehnisse und mit Blick wohl auch auf weiterhin starke Altkommunisten in der heutigen tschechischen Gesellschaft und Politik hat sich von kirchlicher Seite deutlicher vorerst nur Weihbischof Václav Malý erklärt. Der einstige Dissident und – zusammen unter anderem mit Václav Havel – Mitbegründer der Oppositionsbewegung „Charta 77“ wurde mit einer Stellungnahme auf dem Portal der Bischofskonferenz zitiert: Die „Begeisterung des Prager Frühlings“ sei am 21. August 1968 in „ängstliches Schweigen“ umgeschlagen. Es gelte „weiterhin, dass zur Entwicklung einer gesunden und demokratisch reifen Gesellschaft ein kurzfristiger ziviler Massenungehorsam nicht genügt, sondern dass vor allem das alltägliche persönliche Ausharren im Dienst der Gerechtigkeit und im Widerstand gegen Lügen und Halbwahrheiten“ notwendig sei.

Anders als der Vorsitzende der tschechischen Bischofskonferenz, Kardinal Dominik Duka, hat sich der Vorsitzende des entsprechenden slowakischen Gremiums, Stanislav Zvolenský aus Bratislava, mit einem Appell zu Wort gemeldet: „Der Mut der Widerständler von 1968“ solle auch den Menschen von heute „den Wert der Unabhängigkeit in Erinnerung rufen“.

Das Gedenken an die Ereignisse von damals sowie die „Erinnerung an die kommunistische Propaganda, die die Okkupation als Hilfe und die Unterdrückung als Normalisierung ausgerufen“ habe, seien eine Warnung an die Bevölkerung, sich von politischen Machthabern auch jetzt nicht täuschen zu lassen. „Die Verdrehung der Geschichte und die Bagatellisierung von Verbrechen“ beschädigten das Urteilsvermögen und die Freiheit.

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