Nach-GedachtKrankenhausseelsorge

Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen“ (Jak 5,14). Damit, so scheint es, würden sich heute allerdings wohl nur die wenigsten begnügen. Ist einer krank, dann ruft man in der Regel den Arzt, in Notfällen auch den Rettungswagen und vertraut auf ärztliche Heilkunst und professionelle Pflege des dafür ausgebildeten Krankenhauspersonals. Dann mag auch der „Älteste der Gemeinde“ kommen: der oder die Krankenhausgeistliche, jemand, der sich die Zeit nimmt zum Zuhören und aufrichtende Worte des Zuspruchs findet, der auf Wunsch auch die Krankensalbung vornimmt und das Sakrament der Versöhnung spendet. Klassische Krankenhausseelsorge eben. Denkt man.

Doch die Empfehlung aus urchristlicher Zeit, so darf man annehmen, geht weit darüber hinaus. Wenn der Kranke dem Gebet der Gemeindevertreter anvertraut wird, entsteht daraus – wie in einer Familie – eine Verpflichtung zur umfassenden Heilssorge an Leib und Seele; denn „wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“, so ruft Paulus der Gemeinde ins Gedächtnis. Da ist es nicht mit einer Stippvisite des Pfarrers oder dem ehrenamtlichen Besuchsdienst der „Grünen Damen“ getan, so ehrenwert und verdienstvoll all diese Bemühungen sind.

„Heilt die Kranken“ (Lk 10,9) – mit diesem Auftrag sandte Jesus die 72 Jünger einst „zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte“ ( Lk 10,1): als seine Botschafter, in denen die Menschen bereits mit ihm selbst, dem Heiland par excellence, in Berührung kamen. Dieser Sendungsbefehl, jene spezifisch christliche „Ethik des Heilens“ (Thomas Söding), zieht sich wie ein cantus firmus durch die ganze Christentumsgeschichte, angefangen von ersten institutionalisierten Formen christlicher Armen- und Krankfürsorge (in sog. Xenodochien oder dem hospitale) bis in unsere Tage. Heute sind kirchliche Krankenhäuser, einst von Kirchengemeinden oder Ordensgemeinschaften gegründet, Ausdruck christlicher Heilssorge und Zeugnis gelebter Christlichkeit. Denn „Diakonia“ – Glaube, der in tätiger Liebe manifest wird – ist ja kein zusätzliches Qualitätsmerkmal für die besonders Frommen, sondern Wesensdimension des Christlichen schlechthin, nicht minder bedeutsam wie Liturgie und Verkündigung.

Daher ist Krankenhausseelsorge auch nicht beschränkt auf einen expliziten Seelsorge-Auftrag einiger weniger, sondern zeigt sich in einer von christlichem Geist getragenen Atmosphäre. Die religiöse Dimension als wichtiges Moment im Heilungsprozess muss gesehen und spürbar werden. Sie erschöpft sich nicht in spezifisch christlichen Angeboten wie regelmäßigen Gottesdiensten oder Seelsorgegesprächen. Entscheidend für ein religionsfreundliches Klima ist die Haltung und das Verhalten der Mitarbeitenden. In ihrer Begegnung mit den kranken Menschen kommt der religiös-ethischen Hintergrund des Hauses zuallererst zum Ausdruck. Ein solches Bewusstsein der Mitarbeitenden sollte entwickelt werden. Denn wer im Namen und Auftrag der Kirche in einem katholischen Krankenhaus tätig ist, in welcher Position auch immer, handelt letztlich im Namen und Auftrag Jesu Christi – und soll auch umgekehrt am eigenen Handeln als Jünger Christi erkannt werden können. So wird der kirchliche Diakonie- Ort als solcher bereits zum Kirchen-Orte. „Wenn Menschen aus einem katholischen Krankenhaus nach Hause gehen und sagen, dass sie sowohl medizinisch und pflegerisch als auch in der persönlichen Begleitung gut behandelt worden sind, dann ist das schon sehr viel. Wenn sie darüber hinaus eine zurückhaltend einladende Kirche in Erinnerung behalten, die in einfühlsamer Kommunikation mit Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern den Kernfragen des Lebens nachspürt, kann ihnen das auch in gesunden Tagen Orientierung geben.“ (Theo Paul).

Und schließlich ist der Dienst an den Kranken nicht nur Ausdruck liebender Hingabe und das Zeugnis christlicher Zuwendung; er kann und möchte zugleich auch für die, die dort arbeiten, der Ort der Gottesbegegnung werden. Das ist gewissermaßen der Dienst der Kranken an denen, die sich um sie sorgen. Denn, so Paul Michael Zulehner mit Bezug auf die Zusage Jesu (vgl. Mt. 25), „wer bei den Armen auftaucht, beginnt schon in Gott einzutauchen.“

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