Köstliche Episoden und kostbare ErfahrungenAus dem Tagebuch eines Klinikseelsorgers

Während meiner Zeit als Krankenhauspfarrer habe ich für mich persönlich öfters Notizen über besondere Begegnungen, beeindruckende Gespräche oder kuriose Ereignisse gemacht. Die Verabschiedung in den Ruhestand war ein Anlass, diese Aufzeichnungen noch einmal zur Hand zu nehmen und sowohl belastende Momente als auch amüsante Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Überraschenderweise haben mich gerade die humorvollen Situationen am meisten zum Nachdenken gebracht.

Fazit

Der Klinikalltag ist voll von Überraschungen: Wer als Seelsorgerin oder Seelsorger wachsam und hellhörig in die Gespräche mit den Kranken hineingeht, kann viel lernen, verschiedene Kompetenzen entwickeln und dankbar werden.

Wie schaffen Sie das?“ – bin ich oft gefragt worden, seit ich vor 14 Jahren als Klinikseelsorger im Stuttgarter Marienhospital angefangen habe. „Kann man das aushalten – jeden Tag so viel Leid zu sehen; sich immer neue Krankengeschichten anhören zu müssen; von morgens bis abends nur mit Sorgen und Enttäuschungen konfrontiert zu sein?“
Auf diese Frage habe ich meistens geantwortet: „Ja, ich erlebe hier viel Not und Elend. Oft stehe ich hilflos vor schlimmen Situationen, und manchmal fehlen mir die Worte, wenn mir verzweifelte Patienten ihr Leid klagen. Aber“, sagte ich immer dazu, „das ist nur die eine Seite. Es gibt auch so viel Schönes und Erfreuliches in meinem Alltag: fröhliches Lachen in den Krankenzimmern; Begegnungen, an die ich gerne zurückdenke. Ich treffe interessante Menschen und gehe oft reich beschenkt nach Hause.“
Mit sieben Farbtupfern aus dem breiten Spektrum meiner Erfahrungen in der Krankenhausseelsorge möchte ich illustrieren, wie facettenreich der Klinikalltag sein kann. Mit sieben kleinen Episoden will ich Ihnen zeigen, was ich in den zurückliegenden Jahren alles lernen konnte; wie bunt und erfrischend ich meine Arbeit oft erlebt habe; wie dankbar ich dafür bin; und welche Kompetenzen mir bei diesem Dienst hilfreich und wichtig waren.

Behutsam anbieten

Herr P., der am Sonntag nicht in die Hauskapelle zum Gottesdienst kommen kann, wünscht sich: „Bringen Sie mir doch bitte die ‚Kommission‘ aufs Zimmer!“ Da ich auf die Schnelle keine Kommission zusammentrommeln kann, bringe ich ihm eben die „Kommunion“, und er ist damit ganz zufrieden ...
Aber ich noch nicht – denn plötzlich fällt mir ein, dass das Wort „Kommissionin der Logistik bedeutet: ein bestimmter Teil des Warensortiments. Wollte der Patient vielleicht mehr von dem, was wir in der Klinikseelsorge alles anbieten können? Ich bin die ganze Palette der Riten und Symbole, der Gesten und Gebete durchgegangen und habe neu entdeckt, mit welch reichem Schatz an Möglichkeiten wir in die Krankenzimmer gehen und versuchen können, die Menschen zu trösten und aufzurichten.
Etwas vom Wertvollsten, das wir mitbringen und anbieten, ist zunächst einmal „Zeit“. Wo die medizinischen und pflegerischen Dienste oft unter enormem Zeitdruck stehen, müssen wir nicht ständig auf die Uhr schauen. Wir können uns Zeit nehmen, um zuzuhören – wenn Patientinnen und Patienten uns ihre Geschichte erzählen möchten; wenn sie sich einen Kummer von der Seele reden wollen; wenn sie einen Ansprechpartner brauchen, dem sie ihre Probleme mit dem Glauben und mit der Kirche anvertrauen möchten.
Wenn wir die Kranken ein wenig kennengelernt haben und um ihre Sorgen und Nöte wissen, können wir ganz behutsam – wo es angebracht scheint – andere Angebote unserer „Kommission“ ins Spiel bringen: z. B. Psalmverse, Geschichten aus dem Neuen Testament, vertraute Gebete oder Lieder, die einen Gedanken unseres Gesprächs unterstreichen; ein Segenswort, verbunden mit der Auflegung der Hände; das Sakrament der Krankensalbung oder ein Beichtgespräch.
Ich bin dankbar geworden für das große Sortiment an religiösen Ausdrucksformen, das uns Seelsorgerinnen und Seelsorgern zur Verfügung steht.

Spürsinn entwickeln

Herr N. schaut kurz auf mein Namensschild, mustert mich eindringlich und begrüßt mich dann mit den Worten: „Schön, dass das Marienhospital jetzt auch einen Kriminologen beschäftigt.“ Er hat auf meinem Namensschild statt „Klinikseelsorge“ „Kriminologe“ gelesen …
So falsch liegt er eigentlich gar nicht, habe ich nachher gedacht: Kriminologischer Spürsinn ist ganz hilfreich, wenn man herausfinden will, was einem Patienten in seiner jetzigen Situation guttun könnte. Ein kurzer Blick auf den Nachttisch bringt mich oft schon auf eine heiße Spur: das Buch, das er sich für die Zeit im Krankenhaus mitgebracht hat; das Bild der Familie, über die er sich jetzt viele Gedanken macht; die kleine Engelfigur, die ihm seine Lieben mitgegeben haben; der Rosenkranz, an dem er sich in den schlaflosen Nachtstunden festhält – alle Beobachtungen können wichtig sein und dazu beitragen, einen guten Kontakt anzubahnen.
Jeder Krankenbesuch war für mich eine kleine Chance, meinen Spürsinn zu schulen und phantasievoll zu kombinieren, um einen guten Einstieg ins Gespräch zu finden und mich heranzutasten an die konkreten Bedürfnisse der Patientin oder des Patienten.
Ich bin dankbar für die vielen Begegnungen, in denen das gelungen ist. Leider war es nicht immer der Fall.

Enttäuschungen aushalten

Herr A. strahlt mich an und seufzt erleichtert: „Endlich! Auf Sie habe ich schon lange gewartet.“ Dann zieht er sofort sein Hemd hoch und lässt die Hose herunter. Als ich ihm sage, ich sei der Pfarrer und nicht der Arzt, der seinen Katheter ziehen sollte, meint er ganz ernst: „Jetzt bin ich aber sehr von Ihnen enttäuscht!“ …
Manchmal habe ich den falschen Moment für einen Krankenbesuch erwischt. Ab und zu konnte ich bei der Nennung meines Berufs Angst und Unsicherheit spüren – sei es, dass Patienten ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie schon lange nicht mehr in einem Gottesdienst waren, oder dass sie schlechte Erfahrungen mit der Institution Kirche machen mussten. Bei manchen Besuchen war ich nicht wachsam genug, um die Wünsche meines Gegenübers zu erspüren. Einige Gespräche sind misslungen.
Auch das durfte ich bei meiner Arbeit als Klinikseelsorger lernen: dass ich nicht alle Erwartungen erfüllen kann; dass ich nicht bei jeder Patientin, jedem Patienten den Punkt finde, an dem sie ansprechbar sind und sich Zuspruch erhoffen.
Ich bin dankbar, dass dadurch meine Gelassenheit gewachsen ist.
Auf der anderen Seite konnte ich aber auch hin und wieder ganz überraschend Erwartungen übertreffen.

Ökumenisch vorangehen

Herr B. ist ganz begeistert, als ich zu ihm ins Zimmer komme: „Das finde ich toll, dass Sie mich besuchen. Das gefällt mir an den evangelischen Pfarrern – die sind nicht so komisch wie die katholischen …“ Als ich mich dann vorsichtig oute, wird er etwas verlegen …
Wenn man in einem katholischen Haus locker als evangelischer Pfarrer durchgeht, kann es doch um die Ökumene gar nicht so schlecht bestellt sein.
Ich bin sehr froh, dass wir in der Klinikseelsorge – jenseits aller theologischen Spitzfindigkeiten – ein gutes Miteinander der Konfessionen praktizieren; dass eucharistische Gastfreundschaft bei uns eine Selbstverständlichkeit geworden ist; dass dort, wo es um existentielle Fragen geht, die Unterschiede in den Hintergrund treten und die Ökumene von unten wächst.
Wir vertreten uns gegenseitig auf den Stationen; feiern regelmäßig ökumenische Gottesdienste, die in alle Krankenzimmer übertragen werden, und gestalten gemeinsam den Unterricht an der Krankenpflegeschule.
Ich bin dankbar, dass wir den Konsens, den ökumenische Theologenkommissionen schon längst festgestellt haben, auch tatsächlich leben, wo unsere Kirchenleitungen noch ängstlich zögern.

Glaubensthemen einspielen

Frau R., eine herzhafte Fränkin, gesteht mir: „Ich schimpf manchmol mit unserem Herrgott.“ Und mit einem Blick auf das Kreuz in ihrem Krankenzimmer fügt sie hinzu: „Ich soch: ‚Du bisch auferschtanda, und ich liech do. Hettsch mich beim Aufschtea aach mitnehma kenna!‘“ …
Eine solche Steilvorlage für ein Glaubensgespräch habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Und ich erinnere mich gerne an viele ernsthafte Diskussionen über religiöse Themen; an interessante Unterhaltungen über Kritikpunkte an unserer Kirche; an konkrete Rückfragen zu Predigten, die Patienten in unserer Kapelle oder über das Hausfernsehen in ihrem Krankenbett gehört hatten.
Wichtig war mir immer, Glau- bensthemen nicht aufdringlich überzustülpen, sondern auf die Stichworte zu achten, mit denen die Kranken selbst die Hoffnung auf eine Deutung ihrer momentanen Situation oder ihres ganzen Lebens zum Ausdruck brachten. Gelernt habe ich auch, nicht sofort in die Verteidigerrolle zu schlüpfen, wenn Glaubenszweifel, Unverständnis oder heftige Kritik an kirchlichen Positionen geäußert wurden; nicht als Besserwisser auf alle ausgesprochenen und unausgesprochenen Fragen zu antworten; und durch das Erzählen meiner eigenen Suchprozesse auf Augenhöhe mit meinen Gesprächspartnern zu kommen.
Gefreut habe ich mich, wenn ich beim Verabschieden den Satz hören durfte: „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, hier im Krankenhaus einen Seelsorger zu rufen. Aber ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind und ich einmal meine Schwierigkeiten mit Glaube und Kirche aussprechen konnte.“ I
ch bin dankbar für die Ehrlichkeit und Offenheit, die ich in diesen Gesprächen erlebt habe.

Ratlosigkeit eingestehen

Frau E., eine Ungarin mit kleinen Sprachproblemen, möchte mir von den seltsamen Geräuschen erzählen, die sie nach einem Gehörsturz im Ohr hat: „Die Räusche kommen und gehen“, sagt sie treuherzig. Und: „Man muss mit den Räuschen leben!“ …
Oft war ich beeindruckt, wie Menschen sich mit einer schlimmen Diagnose auseinandergesetzt haben; wie sie nicht nur vermeintliche „Räusche“, sondern auch schwere Krankheiten annehmen konnten; wie sie mit dem Unverständlichen zu leben lernten.
In solchen Situationen die richtigen Worte zu finden, ist mir oft schwergefallen – und ich habe bei meiner Arbeit als Klinikseelsorger gelernt, manche Formeln und Floskeln unserer Glaubenssprache einer heilsamen Prüfung zu unterziehen. Vollmundige Glaubensbekenntnisse sind mir angesichts des Leids, dem ich begegnet bin, nicht mehr so leicht von den Lippen gegangen, und beschwichtigende Allgemeinplätze habe ich aus meinem Vokabular zu streichen versucht. Auch vermeintlich christlichen Sinndeutungen des Leidens stehe ich inzwischen sehr skeptisch gegenüber.
In der Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit, mit der ich immer wieder vor der Not der Kranken und ihrer Familien gestanden bin, hat mir ein ehrliches Eingeständnis des großen Theologen Karl Rahner (1904–1984) oft geholfen. Was „Glaube“ für ihn bedeutet, umschreibt er einmal so: „Glauben heißt: Die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“
Ich bin dankbar, dass ich durch diesen Satz immer wieder ausdrücken konnte: Wir wissen auf die „Warum-Frage“ einfach keine allgemein gültige Antwort, und wir haben auch als gläubige Menschen nicht für jede Notsituation eine Erklärung parat.

Christus entdecken

Als eine Ordensschwester dem etwas rebellischen Pater F. die Krankenkommunion bringen will und an der Tür ehrfürchtig flüstert: „Der Heiland kommt!“, brüllt der zurück: „Wenn der Heiland kommt, bestimme ich!“ Verstört tritt die Schwester den Rückzug an, obwohl der Gottesmann theologisch natürlich völlig daneben liegt ...
Ich bin froh, dass der Heiland auch ohne Erlaubnis des cholerischen Paters in den Krankenzimmern präsent ist. Jesus ist da, und sein Geist ist lebendig im freundlichen Lächeln der Krankenschwester, im geduldigen Zuhören des Arztes, in der aufmerksamen Zuwendung des Pflegers, in den einfühlsamen Worten der Ärztin. Jesus ist da, wenn Patienten sich gegenseitig Mut machen; wenn Familien ihre Angehörigen fürsorglich begleiten; wenn am Krankenbett gebetet, gesungen, geschwiegen oder geweint wird. Und nicht zuletzt ist Jesus da in jedem Kranken, der auf Zuwendung hofft: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht“ (Mt 25,36).
Der Heiland kommt – dem Pater zum Trotz. Und ich bin dankbar, dass ich seine Gegenwart auf meinen Wegen durch die Klinik oft gespürt habe. Sieben kleine Farbtupfer aus den fast 14 Jahren meines Dienstes als Klinikseelsorger.
Sieben köstliche Episoden aus dem ganz und gar nicht eintönigen oder nur leidvollen Krankenhausalltag. Sie stehen für die Fülle der schönen und kostbaren Erfahrungen, auf die ich mit großem Dank zurückschaue. Und sie deuten an, wie viel ich an den Krankenbetten lernen konnte, und welche Kompetenzen sich nach und nach bei mir entwickelt haben.

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