Schulpastoral als Lernfeld pastoraler UneigennützigkeitProfessionelle Schulpastoral ist vernetzt, nicht vereinnahmt

Die Schulpastoral hat es in ihren Berührungspunkten mit Schule und Kirche gleich mit zwei gestressten und krisenerfahrenen Institutionen zu tun. Wo sie deren Mechanismen reflektiert und deren strategische Interessen erkennt, kann sie sich notwendige Freiheit für eine zugewandte Pastoral erhalten und darin zu einem hilfreichen Lernfeld werden.

Das können wir nur tun, um mehr Kontakt zu jungen Menschen zu bekommen?“

- über solche und ähnliche Klagen von Hauptund Ehrenamtlichen in der Gemeindepastoral können Religionslehrer/innen und Schulseelsorger/innen nur müde lächeln. Die unterschiedlichen schulpastoralen Handlungsfelder stellen klar: Es gibt Kinder und Jugendliche an kirchlichen Orten. Es gibt bei ihnen sogar Fragen nach Glauben und Religiosität. Nicht zuletzt die 2016 aktualisierte Sinus-Jugendstudie, wie auch die Shell-Jugendstudie beobachten und benennen dieses religiöse Interesse jenseits institutioneller Engführungen. Wie konnte und kann es zu diesem Wahrnehmungsdefizit und den dahinter auszumachenden Inkompatibilitäten von Schulund Gemeindepastoral kommen?

Zwei der Ursachen seien hier identifiziert

Zum einen: Aus den Professionalisierungprozessen in einer Reihe von kirchlichen Berufsgruppen und pastoralen Feldern entstehen beeindruckende Spezialisierungen. Kategoriale Handlungsfelder mit den zusatzqualifizierten Akteuren einerseits und demgegenüber gemeindepastoral-parochiale Handlungsfelder mit ihrem Allrounder-Anspruch andererseits scheinen dabei zunehmend unverbunden nebeneinander zu bestehen. Darin teilt die Schulpastoral das Schicksal anderer pastoraler Segmente, deren Separierung zu wiederkehrenden Anfragen an die kirchliche Vernetzung und organisatorische Verweiskultur führt.
Zum andere: Die gegenwärtige Kirchenkrise wird innerhalb des Parochialsystems besonders massiv spürbar und sichtbar. Das bedeutet nicht, dass sie die kategoriale Pastoral nicht erreicht, allerdings mit zeitlicher Verzögerung und den Hauptmerkmalen Personalund Finanzmangel. Die populäre Annahme, das kirchliche Schulsystem und auch die Schulpastoral seien von dieser Krise einfach ausgenommen, ist deshalb schnell als naives Fluchtund Tröstungsverhalten einer tief gekränkten Institution zu entlarven. Hier gibt es allenfalls eine Ungleichzeitigkeit der Krise, nicht deren Ausbleiben. Die wohl größte Gefahr der Krise besteht dabei in der Neigung, sich als Institution vorrangig um sich selbst und das eigene Fortbestehen zu kümmern. Die massiven Strukturveränderungen in den deutschen Diözesen mit der Bildung parochialer Großgebilde und dem gleichzeitigen Bemühen, mit der „Lokalen Kirchenentwicklung“ einen nahräumlichen Gegenakzent zu bloßen Rückzugsszenarien zu etablieren, offenbaren diese Neigung zur massiven Selbstthematisierung von Kirche auf all ihren Ebenen.
Wo sich die Kirche als Institution aber derart massiv mit sich selbst beschäftigen muss, entstehen unter ihren Akteur/innen Eifersucht, Verteilungskämpfe und die Neigung zu einfachen Antworten. Dabei geht es keinesfalls nur um Finanzen und Personal. Es geht auch um Ehrenamtliche und Menschen, die pastorale Angebote nutzen. Unter die Räder gerät dabei schnell eine Verweiskultur, die doch gerade das pastorale Ideal ausdrückt, die einzelnen Menschen in ihren individuellen Bedürfnissen im Blick zu haben. Eine Vernetzung kirchlicher Einrichtungen und Angebote ist hinsichtlich dieser Verweiskultur ein entscheidender Qualitätsfaktor pastoralen Arbeitens. Schulpastoral kann dabei zu einem kirchlichen Lernort werden, wo sie sich ihre institutionellen Freiheiten gegenüber den schulischen Mechanismen zu bewahren versteht. Während der schulische Religionsunterricht in das System Schule integriert ist, bestimmten die deutschen Bischöfe die Rolle der Schulpastoral im Jahr 1996 als kirchlichen Dienst an der Schule. Damit zeichnet sich die Schulpastoral durch ein Moment der Distanz gegenüber dem System Schule aus: Sie ist dabei, ohne vollends dazuzugehören. In der Schulpastoral müssen daher nicht die immer auch belastenden, manchmal überfordernden und häufig konfliktbeladenen Mechanismen gelten, durch die sich das System Schule auszeichnet.

Die Schule steht unter Stress und neigt zu Vereinnahmung

Das Bildungssystem ist Bestandteil gesellschaftlicher Wandlungsprozesse mit deren spezifischen Rückkoppelungseffekten. Diese lassen sich in der Zunahme von gymnasialen Schulbiographien oder auch in den vielfältigen Schulreformen, wie z.B. den Veränderungen der Schulzeit („G8“ und „G9“), oder dem Anliegen der Inklusion von Schüler/-innen mit Behinderungen ablesen. Diese gesellschaftlichen Rückkoppelungseffekte stellen die Schule unter vielfachen Erwartungsdruck: Sie soll junge Menschen auf die Realitäten eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems vorbereiten, Kompetenzen für die Mediengesellschaft vermitteln, mögliche Defizite in familiärer Erziehung und Persönlichkeitsbildung ausgleichen, individuelle Talente fördern und Demokratiebewusstsein schärfen. Die Liste ließe sich noch verlängern und markiert den Anspruch, unter dem die Schule in modernen Gesellschaften steht. Einem derart gestressten System erscheint es naheliegend, Kooperationspartner/innen vor allem unter dem Blickwinkel des Nutzens zu betrachten. Auch wenn es mancherorts Ressentiments gegenüber der Schulpastoral als möglichem Instrument kirchlicher Einflussnahme gibt, lässt sich nach wie vor ein großes Interesse an ihren Angeboten ausmachen.
Schulische  Kooperationen mit der Schulpastoral können sich jedoch von einer legitimen Indienstnahme bis hin zu Instrumentalisierungen entwickeln. Als Beispiel sei hier auf schulpastorale Ansätze verwiesen, die ihre Legitimation in einer Verbesserung der Schulatmosphäre nachzuweisen versuchen. Schnell entstehen hier aus Interesse an Kooperationen mit an sich wünschenswerten Effekten auch grundlegende, zu reflektierende und manchmal problematische Neuausrichtungen von Schulpastoral.
Die systemische Differenz der Schulpastoral ermöglicht es, dieses Anforderungsund Erwartungssetting mit „ihren Augen“ (Gundo Lames) wahrzunehmen. Bemerkenswert ist dabei nicht allein ihre systemische Unabhängigkeit, sondern auch die Prägung durch ihre kirchliche Rückbindung. Schließlich ist sie bestimmt durch ein kirchliches System, das seinerseits durch massive Wandlungsprozesse und Stressphänomene bestimmt ist. Schulpastorale Akteur/innen werden diese Doppelung immer wieder zu reflektieren und zugleich darin die je neuen Notwendigkeiten für ihren Dienst auszumachen haben.

Gefahren

Zu den Gefahren der Schulpastoral gehört, dass sie die beschriebenen Mechanismen der Schule und ihrer Kommunikationsstrukturen selbst übernimmt. Solche Übernahmen passieren insbesondere dann schnell, wo Schulseelsorger/innen auch als (Religions-)Lehrer/innen tätig sind. Diese Doppelfunktion erhöht einerseits die personale und kommunikative Kontaktfläche, verwischt allerdings auch die Eindeutigkeit der Rollen und Funktionen und verführt zur Einpassung der Schulpastoral in die zeitlichen, inhaltlichen Vorgaben der Schule. Schulpastoral ist aber nicht dem reibungslosen Ablauf des Schulalltags verpflichtet, sondern der Lebenssituation einzelner Schüler/-innen und Lehrer/innen mit ihren spezifischen Bedürfnissen.
Vor allem an Schulen in kirchlicher Trägerschaft (vereinzelt auch an anderen Schulen) gibt es die Möglichkeit zur Teilnahme an spezifischen „Auszeiten“. Die „Tage religiöser Orientierung“ (TrO) bieten beispielhaft die Möglichkeit zur Beschäftigung mit persönlichkeitsorientierten Fragestellungen. Auch hier lässt sich, selbst an kirchlichen Schulen, das Interesse der „Verzwecklichung“ beobachten. Schnell wird die Erwartung formuliert, die inhaltliche Ausrichtung „nützlich“ zu gestalten: Hilfestellungen für die Berufsund Studienwahl, Bewerbungstraining oder Rhetorik für ein Vorstellungsgespräch. Dass es dabei zu Übertragungen schulischer Stressindizes und problematischer Effizienzkategorien auf die Schulpastoral kommt, ist unübersehbar. Wenn kirchliches Agieren an der Schule jedoch sinnvoll sein soll, wird sie immer wieder ihre Leitmotive deutlich zu machen haben: Die Orientierung am einzelnen Menschen und den individuellen Bedürfnissen, wie auch Irritation durch Themensetzungen, die nicht nützlich und gerade deshalb notwendig sind. Dann erst ereignet sich Pastoral als kreative Konfrontation von Evangelium und Existenz. Deshalb sind pädagogische Begründungen von Schulpastoral oder auch die Entwicklung des jeweiligen Schulprofils unter Zuhilfenahme der schulpastoralen Angebote problematisch. Religion hat immer nur einem Ziel zu dienen: dem Wohlergehen und der Stärkung der Individuen in ihren existentiellen Fragestellungen und religiösen Suchprozessen. Wo indirekt andere Ziele mit ihr verfolgt werden, wirkt sie manipulierend. Deshalb ist immer wieder die Klärung von Gundo Lames ins Feld zu führen, dessen Bestimmung von Schulpastoral gerade auf einer klaren Gegenüberstellung von Schule und Religionsunterricht einerseits, sowie Schulpastoral und -seelsorge andererseits aufbaut. Denn hier wird erstmals konsequent entwickelt, dass Schulpastoral nicht einfach Leistungen ersetzt und übernimmt, die Schule, Elternhaus oder Gesellschaft nicht (mehr) zu leisten im Stande sind.
Eine Schulpastoral hat dies zu realisieren, indem sie sich radikal von Zwangsformen und der Zuschreibung von Aufgaben oder Funktionen distanziert, indem sie die angebotenen „Bildungsallianzen“, wie sie sich etwa im Bemühen um „Schulentwicklung“ finden, gerade meidet, stattdessen den christlichen Glauben in seiner Vielgestaltigkeit anbietet und dabei interkonfessionelle und interreligiöse Gesprächsforen anbietet. Wenn sie sich derart auf die Schule als Lebensraum mit ihren milieuspezifischen Charakteristika einlässt, kann die Schulpastoral auch zu einem kirchlichen Lernort werden. Denn wie lässt sich über die Klärung von Zuständigkeit und Nichtzuständig hinaus bestimmen, worin dann auch „gute Schulpastoral“ besteht? Eine erste Negativbestimmung ergab sich aus der klaren Unterscheidung von Religionsunterricht und dem konsequenten Verzicht auf jegliche Zwangsmechanismen, wenn diese in der Schule auch noch so etabliert sind. Die dabei berührte Frage nach Qualitätsstandards im pastoralen Agieren eröffnet ein weites, vieldiskutiertes und zugleich unbestimmtes Feld der pastoraltheologischen Debatte. Deshalb sei hier eine zweite Positivbestimmung als Qualitätskriterium aufgezeigt, das für alle pastorale Segmente Geltung beanspruchen kann: Schulpastoral ist kirchliches Handeln, sie ist „‚freie Initiative‘ der Kirche“ (Stefan Schmitz). Dies setzt freilich eine gelingende innerkirchliche Rückbindung der Schulpastoral in die kirchlichen Strukturen voraus, ihre kirchliche Vernetzung als Ausweis eigener Professionalität. Allzu häufig sind diese kirchlichen Strukturen noch dadurch bestimmt, eigene Erwartungen an die Schulpastoral zu formulieren und sie damit ihrerseits in ein eigenes Erwartungssetting zu integrieren. Dabei gilt es nicht zuletzt, die Differenz von Religionsunterricht und Schulpastoral bzw. Schulseelsorge ernst zu nehmen. Kirchliche Vernetzung beinhaltet aber vor allem einen Verweischarakter, in dem sich erst zeigt, wie ernst es ihr mit dem Dienst an den Einzelnen wirklich ist. Denn in diesem Verweischarakter werden Nöte und Bedürfnisse von Gesprächspartner/innen auch daraufhin beleuchtet, bei welchen pastoralen Feldern und seelsorglichen Ansprechpartner/-innen sinnvolle Hilfen und Formen der Beheimatung gefunden werden können. 
Gute Schulpastoral ist also um intensive kirchliche Vernetzung bemüht, um – über Konfessionsgrenzen hinweg – auf geeignete Kirchengemeinden, Jugendverbände, Beratungsangebote der Caritas, die Hochschulpastoral, Angebote in Klöstern oder anderes verweisen und dorthin vermitteln zu können. Dieser verweisende Anspruch gilt natürlich auch in der Verhältnisbestimmung zwischen Religionsunterricht und Schulpastoral – anstelle ihrer Identifikation miteinander.
Zwar ist damit nur ein weiteres, aber immerhin doch ein entscheidendes Qualitätskriterium näher bestimmt. Mit dieser Verweiskultur steht es freilich in Zeiten der Kirchenkrise und vielfältigen Formen gesellschaftlicher Säkularisierung nicht zum Besten. Denn wer auf dem Religionsmarkt immer weniger Interesse findet, steht schnell vor der Versuchung, sich in der Sympathie der wenigen Verbliebenen zu sonnen, diese an sich zu binden und das Profil des eigenen pastoralen Handlungsfeldes auf Kosten anderer kirchlicher Segmente zu schärfen. Gegen die kirchlich-institutionelle Neigung zur eigenen Überbewertung gilt: Wer die Orientierung am Subjekt als seelsorgerliches Ideal versteht, instrumentalisiert Menschen nicht für die Aufrechterhaltung des eigenen pastoralen Segments, sondern kultiviert die mit der Verkündigung des Evangeliums untrennbar verbundene Hinwendung ohne Eigennutz. Eine derart klare Ausrichtung auf den Dienst an einzelnen Menschen stellt sich den Marktmechanismen, aber übernimmt sie nicht. Wo Schulpastoral die von Schule und Kirche an sie herangetragenen Interessen identifiziert und deren Mechanismen reflektiert, kann sie ihren notwendigen Freiraum erhalten, um der Priorität der Hinwendung zu den Mitmenschen nachzugehen. Wo das gelingt, wird sie zu einem Lernfeld für pastorale Akteur/innen auch aus anderen Segmenten kirchlichen Lebens und zu einer wertvollen Irritation für das Parochialsystem der Pfarreien in ihrem Reformstress. Professionelle Schulpastoral ist vernetzt, nicht vereinnahmt.
Die Freiheit von schulstrategischen Interessen und kirchlichem Selbsterhalt lässt die Schulpastoral zu einem Lernfeld pastoraler Uneigennützigkeit werden.

 

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