Freiheit in Krisenzeiten

Freiheit nur als Wahlfreiheit für den eigenen Lebensstil in einer liberalen Gesellschaft zu verstehen, greift zu kurz. Allein der individuellen Bedürfnisbefriedigung und den eigenen Launen zu folgen, kann überhaupt nicht als Freiheit bezeichnet werden. Freiheit ist ein ethischer Wert. Sie ist ein Begriff, der eine Beziehung zu Mit- und Umwelt und auch gegenüber sich selbst beschreibt. Freiheit ist ein Vollzug. Sie besitzt eine Handlungsrichtung mit einem Woher und einem Wohin. Woher: Frei werden von Zwängen, seien sie dem Menschen gesellschaftlich auferlegt oder ihm durch seine psychischen Muster vorgegeben. Beide stellen keine unverrückbaren Grenzen dar. Sie können bis zu einem gewissen Grad verändert werden. Wohin: Frei werden zu einem verantwortungsvollen Gestalten des eigenen Lebens, des familiären und freundschaftlichen Umfelds bis hin zur Gesellschaftsverantwortung. Dazu muss sich jeder und jede entscheiden, indem Werte abgewogen werden und das Sinnvolle gesucht wird. Freiheit ist nicht Willkür. Sie kann nicht in jede Richtung ausschlagen, vor allem nicht in jene von Destruktion und Einschränkungen für Andere, weil sie nur der eigenen Selbstbehauptung und Machtausdehnung nützen. Freiheit ist auch nie absolut. Sie vollzieht sich nicht im luftleeren Raum. Vielmehr kann der Mensch nur entscheiden, gegenüber wem oder was er sich abgrenzen und auf wen oder was er sich positiv beziehen will.

Die Anfänge der freien Gesellschaftsordnung in Europa liegen bekanntlich in den demokratischen Stadtstaaten des antiken Griechenlands und der republikanischen Ordnung Roms. Die biblische Geschichte des Auszugs der Israeliten aus der Sklaverei Ägyptens in ein gelobtes Land hat zudem Freiheitsimpulse über das Christentum in die Moderne getragen. Dabei wurde das Erbe des jüdischen Gesetzes, das als Anleitung zu einer gerechten und freiheitlichen Ordnung dienen will, als knechtender Legalismus missverstanden. Diese Entstellung hing mit kirchlichem Hegemoniestreben und einem individualistisch verstandenen Freiheitsbegriff zusammen. Der säkulare Liberalismus nach der Französischen Revolution hat dem einzelnen Juden als Bürger zwar mehr Freiheit gebracht, die jüdische Weisungsordnung wurde jedoch weiterhin verkannt. Erst nach den Diktaturen des 20. Jahrhunderts und nach dem Ende des Kalten Kriegs konnte sich in Europa eine weitgehend freie und offene Gesellschaft durchsetzen, die Männer und Frauen verschiedenster religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen gerecht wird.

Die gewonnene politische und soziale Freiheit wird in unseren Tagen jedoch auf die Probe gestellt. Durch die Erfahrung von Pandemieregelungen, ökologischer Umweltkrise und einer digitalisierten Cyberwelt, in deren Netz sich nicht wenige verfangen, wird erfahrbar, dass die Globalisierung nicht nur Freiraum geschaffen hat. Vor allem zwei Formen der Freiheit wollen überdacht, vertieft und neu errungen werden: die innere Freiheit eines jeden Menschen und die sinnvolle Gestaltung individueller Freiheit im globalen und generationenübergreifenden Kontext.

Angesichts von Einschränkungen im öffentlichen Leben zur Pandemiebekämpfung stellt sich die Frage, wie der Mensch möglichst frei mit notwendigen Begrenzungen und äußeren Zwängen umgehen soll. Dazu braucht es Einstellungswerte, die innere Freiheit schaffen. Sie führen zu individueller Sinnschöpfung auch angesichts von Begrenzungen, wie es die Logotherapie eines Viktor Frankl lehrt. Zudem weiß sich die Psychotherapie seit Anbeginn der Befreiung von psychischen Zwängen verpflichtet. Die Therapie von Neurosen und Psychosen sowie aller pathologischen psychischen Reaktionen, die das Handeln bestimmen, war im Anspruch eines Sigmund Freud oder Jacques Lacan nur die Spitze des Eisbergs. Die innere Verworrenheit und Entfremdung jedes Menschen sollte geheilt werden, um dysfunktionales Verhalten, Projektionen, Übertragungen und andere psychogisch determinierte Reaktionen zu überwinden. Die Psychoanalyse ist mit einem anthropologischen und gesamtgesellschaftlichen Anspruch aufgetreten, Menschen zu einem freien und schöpferischen Handeln zu verhelfen. Sie ist heute vielleicht pragmatischer geworden, wenn sie für den Alltagsvollzug funktionsfähig machen will. Die therapeutische Begleitung hat sich zu einem Mittel der Steigerung der Lebensqualität gewandelt.

Doch philosophische Beratung, die zum Beispiel in der stoischen Tradition angeboten wird, oder auch asiatische Meditationspraktiken wie das buddhistische Zazen erheben weiterhin den Anspruch, in innere Freiheit gegenüber äußerer Bestimmtheit zu führen. Mit der Öffnung der Psychologie gegenüber spirituellen Traditionen kommt auch die christliche Mystik wieder in den Blick. Seit dem frühen Mönchtum in der Antike arbeitet sie an der inneren Reinigung des Menschen. Dabei ist das Paradoxon auffällig, dass spirituelle Schulen strenge äußere Regeln fordern, um den Menschen innerlich frei zu machen. Sie sind dabei Mittel, um ein Ziel zu erreichen. Sie dürfen nicht Selbstzweck werden und müssen wie Krücken wegfallen, sobald das Ziel in Reichweite ist. Wie sich gerade der Freiheitsdurchbruch eines Martin Luther aus der Mystik des Spätmittelalters herleitete, wurde im Jubiläumsjahr der Reformation 2017 von Forschern wie Volker Leppin eindrucksvoll vor Augen geführt. Auch Luthers Zeitgenosse Ignatius von Loyola war von einer Freiheitsspiritualität geprägt, wenn er den Sinn jeglicher Meditation im Freiwerden von ungeordneten Anhänglichkeiten festmacht und auffordert, in gewonnener Freiheit den göttlichen Willen für sein eigenes Leben zu suchen.

Die Pandemiesituation mit ihren Beschränkungen zum grundsätzliches Übungsfeld machen, um zu vertiefter Freiheit zu gelangen? Auf jeden Fall führt auch die ökologische Krise vor Augen, dass die natürlichen Ressourcen begrenzt sind. Die Gesellschaft muss sich den Eigengesetzlichkeiten der Natur stellen, die auf gesellschaftliche Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen, wie nur schon extreme Wetter- und Wasserverhältnisse zeigen. Einen verantwortlichen Umgang mit Naturressourcen, so dass auch nächste Generationen sie noch nutzen können, gehört zur Weltgestaltung. Zudem wird die eigene Freiheit nicht mehr nur durch die Freiheit des Nachbarn begrenzt. Vielmehr sind die Menschen an anderen Orten auf der Erde durch die klimatischen Veränderungen in ihrer Existenzgrundlage bedroht. Die Freiheitsgestaltung muss in einer globalisierten Gesellschaft global gedacht werden.

Dabei ist die Natur nicht eine unantastbare und unveränderliche Größe. Auch muss der Mensch den Planeten Erde nicht vor einer apokalyptischen Katastrophe retten, weil ihn böse Wirtschaftsmächte zerstören. Ersteres Denken beruht auf einer idealisierenden Naturkonzeption. Doch die Natur ist kein statisches, dem Menschen nur wohlgesinntes Gegenüber. Letzteres zeugt von Heldenvorstellungen, die besser in den Persönlichkeitskult der letzten Jahrhunderte passen. Die offene und freie Gesellschaft soll jedoch so gestaltet werden, dass die Erde auch für eine wachsende Menschheit Raum bietet, sich zu entfalten. Das Wissen um sozio-ökologische Zusammenhänge ist dabei für politische Entscheidungen und verantwortliches Handeln unerlässlich. Die Enzyklika Laudato si‘ eines Papst Franziskus ist ein eindringliches Plädoyer dafür. Transformatives Denken muss danach fragen, für welche Werte und Güter die Freiheit eingesetzt wird, die in der Geschichte Europas errungen wurde. Grün-liberale Kriterien sind heute über eine bestimmte Partei hinaus relevant. Die Motivation und Weisheit, auch entsprechend zu handeln, kann durchaus aus einem Schöpfungsdenken oder aus einer Spiritualität der Achtsamkeit der religiösen Traditionen kommen. Auch eine sich als säkular verstehende Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf diese Quellen zu verzichten.

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