Rezensionen: Geschichte & Biografie

Scherzberg, Lucia: Zwischen Partei und Kirche. Nationalsozialistische Priester in Österreich und Deutschland (1938–1944).
Frankfurt am Main: Campus 2020. 645 S. Kt. 49,–.

Die nationalsozialistischen Priester in den Jahren der NS-Herrschaft: Handelte es sich dabei lediglich um eine Minderheit fanatisierter Außenseiter ohne Rückhalt in der Kirche? Wie unterschieden sich ihre Überzeugungen von denen des übrigen Klerus? Haben sich die Bischöfe klar von ihnen distanziert, wie man immer wieder liest?

Lucia Scherzberg, Professorin für Systematische Theologie in Saarbrücken, geht diesen Fragen in ihrer Studie „Zwischen Partei und Kirche“ anhand eines konkreten Fallbeispiels nach, für das die Quellenlage außergewöhnlich gut ist: Die „Arbeitsgemeinschaft für den religiösen Frieden“ (AGF) war ein Priesterkreis, der in Österreich erstmals im April 1938, nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich, in Erscheinung trat, um den Klerus für ein offenes Zugehen auf den Nationalsozialismus zu gewinnen. Ihr Ziel war die Schaffung einer organisierten NS-Priesterschaft. Sie wurde noch im selben Jahr kirchlich verboten, was aber die Mitglieder nur veranlasste, konspirativ weiterzuwirken. Scherzberg zeichnet die Aktionen und Äußerungen der Gruppe akribisch nach, skizziert die wichtigsten Akteure und verfolgt deren Verbindungslinien zu Gesinnungsgenossen in Deutschland, zu protestantischen und völkisch-religiösen Gruppierungen – und macht ein weitgespanntes Netzwerk sichtbar. Man solle nicht glauben, warnt sie, „die nationalsozialistischen Priester als ‚Spinner‘ abtun zu können, die als erfolglose Minderheit nicht weiter ernst genommen werden müssten“ (617). Ihre Wirkung in den Klerus hinein war enorm.

Als etwa der österreichische Episkopat am 27. März 1938 in einer  „Feierlichen Erklärung“ sein Wohlwollen gegenüber dem Nationalsozialismus bekundete und die Gläubigen dazu aufrief, in der bevorstehenden Volksabstimmung für den Anschluss Österreichs an Deutschland zu stimmen (was er bald auf Intervention aus Rom zurücknehmen musste), organisierte die AGF eine Aktion zur Unterstützung der Bischöfe: Sie riefen den Klerus dazu auf, sich an den Wiener Kardinal Innitzer und den gesamten Episkopat zu wenden, um ihnen zu danken angesichts der Tatsache, „daß nicht alle Katholiken die Tat des Kardinals verstehen und noch nicht alle Mitbrüder entschlossen sind, in unbedingter Treue diesen Weg mitzugehen“ (134). Der Erfolg war unerwartet groß: Unter starkem Presseecho gingen viele Hundert Unterstützerschreiben aus Welt- und Ordensklerus sowie von Professoren ein, und die AGF konnte ihren Einfluss ausbauen.

Auch mit Interpretationen der Bergpredigt als „Kampfansage gegen das Judentum“ (562) und Vorschlägen zur Liturgiereform fand die AGF immer wieder Anknüpfungspunkte an den Mainstream der Kirche. Das Verbot der Gruppe war dann weniger inhaltlich als hierarchisch motiviert; das öffentliche Wirken einer pressure group, die ohne offiziellen kirchlichen Auftrag agierte und eigene Ziele verfolgte, kollidierte mit dem Führungsanspruch der Bischöfe, wie Scherzberg plausibel darstellen kann. Ihr Buch wurde bereits viel gelobt – in der Aufarbeitung der Kirchengeschichte der NS-Zeit setzt es Maßstäbe.

                Norbert Reck

 

Gailus, Manfred: Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich.
Freiburg: Herder 2021. 221 S. Gb. 20,–.

Viele Deutsche waren sowohl Kirchgänger als auch Anhänger des Nationalsozialismus. Der in Berlin lehrende Historiker Manfred Gailus bezeichnet das als „Doppelgläubigkeit“ und führt aus, dass die große Mehrheit der NSDAP-Mitglieder sich nicht als Atheisten bezeichnet hätten. In der Mehrzahl gehörten sie einer der beiden großen Kirchen an. Viele von ihnen versuchten, die NS-Ideologie in ihrem Alltag mit dem christlichen Glauben in Übereinstimmung zu bringen, geblendet und der Illusion erlegen, den Nationalsozialismus von innen her christlicher gestalten zu können. Ein messianisch interpretierter Führerkult und die propagierte klassenübergreifende harmonische „Volksgemeinschaft“ griffen die Sehnsüchte der meisten Deutschen auf. Und für den verlustreichsten Krieg gegen die Sowjetunion fungierte das Ziel vom Kampf gegen den „gottlosen Bolschewismus“ als eine Klammer, welche eine überwältigende Mehrheit der Christen umschloss – darunter anfangs auch viele Jesuiten. Verlockend für viele Christen war, dass der Nationalsozialismus sich als Verteidiger christlicher Werte und anfangs als Garant ihrer Institutionen gerierte, diese aber letztlich ersetzen wollte. Alternative Rituale zu den kirchlichen Tauf- und Bestattungsfeiern konnten sich bei der Bevölkerung jedoch nicht durchsetzen, schon gar nicht in den Kriegsjahren, was auch führenden Nationalsozialisten wie Goebbels bewusst war.

Gailus liefert eine interessante und kurzweilige Einführung in die Thematik über das Verhalten der Kirchen und ihrer Mitglieder von 1933-45. Das gute Literaturverzeichnis verweist auf Veröffentlichungen, die zu lesen ebenso erquicklich wie unabdingbar sind, um eine noch umfangreichere und differenziertere Sicht zu erhalten, z.B. zum kritischen Thema des Schweigens der Kirchen. Dass das Verhalten vieler Christen im NS-Staat nicht mit Widerstand gleichgesetzt werden kann, ihre Mitarbeit nicht auf Terror und Druck allein zurückführbar ist und dass der in den Kirchen vorhandene Antijudaismus ein unheiliger Nährboden für den NS-Antisemitismus war, ist unbestreitbar. Das Engagement auch von – laut Gailus grundsätzlich widerstandsfähigeren – Katholiken im NS-Staat mit den Begriffen „Doppelgläubigkeit“ oder „hybrider Gläubigkeit“ allein erklären zu wollen, ist problematisch. Sicher gab es Christen, auf die das zutrifft. Für andere, die nur noch formal konfessionell zugeordnet werden können, wie einige führende Nationalsozialisten, wohl kaum. Viele Katholiken etwa sahen im NS-Staat eine Neuauflage des von den Kirchen christlich überhöhten Kaiserreichs, als auch viele Katholiken nach dem Kulturkampf das Bedürfnis hatten, anerkannte Bürger dieses Reiches zu sein.    

                Gundolf Kraemer SJ

 

Stratmann, Franziskus Maria OP: Weltkirche und Weltfriede. Katholische Gedanken zum Kriegs- und Friedensproblem.
Hg. Thomas Nauerth. Norderstedt: BoD 2021. 376 S. Kt. 12,90.

Thomas Nauerth entdeckt in diesem Buch aus dem Jahr 1924 eine „manchmal geradezu irritierende Aktualität“ (7). Was hat dieses Buch heute, fast einhundert Jahre später, zu sagen?

Stratmann stellt in seiner Vorrede fest, es fehle „eine eingehende katholische Darstellung der pazifistischen Gedankenwelt“ (32). Entstehungskontext sind die erschütternden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, mit Zeitzeugenberichten belegt, und seine maßgebliche Rolle im „Friedensbund deutscher Katholiken“. Die Leserin wird mitgenommen in die theologische Argumentation eines ekklesiologisch im Bild der Kirche als Corpus Christi mysticum und spirituell im Geist des Evangeliums gegründeten christlichen Pazifismus. Stratmann sieht die „Anfänge eines solidaristischen Zeitalters“ (36) heranbrechen, fordert Umkehr und „Bekenntnis der Weltschuld“ (39) und äußert die „Idee als Weltkirche, als großes Einfamilienhaus, worin es ungeachtet aller nationalen Grenzen nur Brüder und Schwestern gibt, und gar als mystischer Leib Christi“ (47), „… mögen sie Bischöfe oder Arbeiter sein, Deutsche oder Franzosen, Freunde und Feinde“ (69).

In der Darstellung der katholischen „bellum-iustum-Lehre“ augustinisch-thomistischer Schule im Gespräch mit Franziskus Suarez und Franziskus de Victoria stellt sich Stratmann in deren Tradition und deduziert auf Basis der dort entwickelten naturrechtlichen Prinzipien die reale Unmöglichkeit eines gerechten Krieges: „Ausschlaggebend ist der Geist des Evangeliums. Dieser aber ist Gerechtigkeit, Liebe, Demut, Friede“ (160).

Im geschichtlichen Überblick über die „weltlichen“ Friedensbemühungen wird erstmals Sympathie für Kants Idee eines Völkerbundes in dessen Schrift „Zum ewigen Frieden“ deutlich (167). Im gegenwartsbezogenen Teil erhält der Leser einen Überblick über die (europäische) pazifistische Bewegung des 19. Jhd. bis 1924. In der Darstellung der Friedensbewegungen „innerhalb der Kirche“ – die eine kritische Reflexion der Kreuzzüge einschließt und eine Vorstellung der Quäker-Bewegung – richtet sich der Fokus auf die Enzykliken Pacem Dei (Benedikt XV., 1920) und Ubi arcano (Pius XI., 1922). 

Nach kritischer Auseinandersetzung mit „vaterländischen Elementen“ wie Heimat, Nation, Staat sowie dem Nationalismus und Internationalismus (mit für aktuelle gesellschaftliche und politische Debatten bereichernden Gedanken), dem Stratmann eine christliche fundierte Vaterlandsliebe erwidert, folgert er aus dem Gebot der Nächstenliebe eine „übernatürliche Menschheitsliebe“ (324).

Modern mutet das Plädoyer für ein „Zusammenarbeiten von Vertretern verschiedenster Weltanschauungen auf dem Gebiete der Weltfriedensbewegungen“ (349) an, ebenso wie die Wertschätzung der indischen Philosophie und ihrer Anfragen (Rabindranath Tagore) und von Gandhis passivem Widerstand als „realpolitische Macht ersten Ranges“ (246). Auf staatlicher Ebene sieht er die Völkerfamilie als friedenssichernde Instanz; die Kirche als moralische Instanz habe die moralpädagogische Aufgabe zur Reinigung der Seele und der politischen Gesinnung (343).

Krieg bedeute „nicht nur einen Schaden für das Heil der Seele, sondern auch eine Beleidigung Gottes, eine neue Kreuzigung Christi“ (99). Stratmann endet mit der hoffnungsvollen Perspektive des Reiches Gottes und verweist den christlichen Pazifismus auf die tröstliche Gewissheit, „daß das Zusammenwirken von Natur und Gnade, von Gott und Mensch irgendwann einmal zu einem glücklichen Abschluß führen wird“ (369).

                Melanie Spranger

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