Rezensionen: Politik & Gesellschaft

Schavan, Annette (Hg.): Die hohe Kunst der Politik. Die Ära Angela Merkel.
Freiburg: Herder 2021. 320 S. Gb. 22,–.

Tatsächlich: Als Angela Merkel im Dezember 2021 die Regierungsgeschäfte an Olaf Scholz von der SPD übergab, endete eine Ära. Merkel leitete sechzehn Jahre lang nicht nur die Regierungsgeschäfte in Deutschland, sondern prägte auch viele Entscheidungen auf europäischer und internationaler Ebene. Ihr nüchterner und sachlicher Stil brachte ihr im Ausland bisweilen mehr Respekt ein als in ihrem Heimatland Deutschland. Spätestens zu ihrem Abschied aus der Politik aber beteuerten viele Menschen in Deutschland, wie sehr ihnen die Bundeskanzlerin und ihr Regierungsstil fehlen würde.

Annette Schavan, langjährige Weggefährtin Merkels, einstmalige Bundesministerin und ehemalige Botschafterin am Heiligen Stuhl, hat zahlreiche Autorinnen und Autoren versammelt, die sich schriftlich von Angela Merkel verabschieden. Da erstaunt zunächst die Bandbreite der Autoren: Einige Stimmen würde man erwarten – Emmanuel Macron etwa, oder Ursula von der Leyen. Bei anderen Autoren muss man zweimal hinschauen: Fußballer Philipp Lahm beispielweise hat auch einen Text beigesteuert.

Macron blickt auf die europäische Zusammenarbeit mit der deutschen Kanzlerin und stellt fest: „Zweifellos wird die Bundeskanzlerin nach dem Ende ihrer Amtszeit eine große Leere in den Herzen der Deutschen hinterlassen.“  Thomas de Maizière untersucht den Regierungsstil Merkels, die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker legt einen Schwerpunkt auf die Flüchtlingspolitik. Außenministerin Annalena Baerbock unterstreicht vor allem die Merkels Rolle als erste Frau an der Spitze der Bundesrepublik.

Manche der Texte wirken dagegen etwas fehl am Platz – insbesondere der sehr komplizierte Beitrag von Stephan Harbarth, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, bei dem man bisweilen gar den Eindruck haben könnte, er sei eigentlich für eine andere Gelegenheit geschrieben und hier nur ein weiteres Mal verwertet worden. Ebenfalls vermisst man manche Politiker im Kreis der Autoren: Zu gerne wüsste man doch, was Markus Söder oder Horst Seehofer von der CSU auf fünf oder sechs Seiten der scheidenden Kanzlerin noch mitgegeben hätten.

Alles in allem ist Schavan ein spannender Band gelungen. Er beleuchtet die Ära Merkel, ohne aber – was wohl erst nach Jahren wird möglich sein – die Bedeutung dieser Zeit in ihren historischen und politischen Auswirkungen voll ermessen zu können. Eindrücklich schließlich ist das von Papst Franziskus verfasste Grußwort. Er schreibt: „Angela Merkel hat früh ihre Stimme erhoben und für mehr Miteinander geworben. Ihr Wort hat international Gewicht. Ihre Politik ist gut für Deutschland und die globale Welt.“

                Benedikt Bögle

 

Feddersen, Jan / Gessler, Philipp: Kampf der Identitäten – für eine Rückbesinnung auf linke Ideale.
Berlin: Ch. Links 2021, 252 S. Kt. 18,–.

„Expertise“ ist ein anderes Wort für „Erfahrung“, genauer: für reflektierte Erfahrung. Durch Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen allein verfüge ich noch nicht über Expertise im qualifizierten Sinn des Wortes. Erst die Reflexion der Erfahrung (und überhaupt: Die Bereitschaft dazu) ermöglichen es mir, in Dialoge mit dem Ziel einzutreten, aus der eigenen Erfahrung zu verallgemeinerbaren Einsichten zu kommen: zu Einsichten also, denen auch andere Personen zustimmen können, die meine Erfahrung nicht gemacht haben. So entstehen politische Bündnisse. Ich kann mich dann z.B. auch als alter weißer heterosexueller Mann gegen Rassismus und Homophobie einsetzen, und als katholischer Priester gegen Klerikalismus. Ja, es ist mir sogar möglich, diskriminierte Personen zu vertreten, z.B. dann, wenn sie selbst noch nicht öffentlich sprechen können oder wollen. Die „wunderbare Liebebotschaft der jüdischen Person of Color (PoC) Jesus von Nazareth“ (27) besteht unter anderem in der Erkenntnis – durch Lebenseinsatz beglaubigt –, dass eine Person für alle stehen kann. Diskriminierung geht alle an, weil sie universell geltendes Recht für bestimmte Personengruppen bestreitet und aussetzt. Die Exzesse der „Identitätspolitik“ (zum Begriff vgl. 29-44), wie sie insbesondere von Hochschulen in den USA nach Europa und auch Deutschland überschwappen (vgl. 45-100), spalten genau diese Einheit. Sie sind gekennzeichnet durch einen absoluten Wahrheitsanspruch auf partikularer Basis. Kritik – und damit auch Reflexion – ist nicht willkommen, vielmehr ein Frevel an der sakrosankten partikularen Identität. Das ist Rückfall ins Stammesdenken (208), das Gegenteil von linkem, antikapitalistischem Universalismus. Auch innerhalb der Linken macht sich so eine Diskursatmosphäre breit, die gekennzeichnet ist durch eine „ungute Gleichzeitigkeit von großer Verletzlichkeit einerseits und ebenso großer Bereitschaft, heftig auszuteilen, andererseits“ (79).

Die beiden Redakteure, die mit der Tageszeitung taz verbunden sind, tragen die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherche zusammen und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Zwanghaftes Repräsentationsprinzip (nur PoC können Texte von PoC übersetzen), Überhöhung und Essentialisierung von Identitäten, zu Opferstolz und Opferkonkurrenz gesteigerte Identitätspolitik, Sackgassen und Irrwege von Konzepten wie „Kulturelle Aneignung“, Cancel Culture und Sprechverbote, mangelnde Ambiguitätstoleranz, schiefe Kon­struktionen wie „antimuslimischer Rassismus“, postkoloniale Relativierung des Holocaust, eine aus dem Ruder laufende Debatte über Trans*Menschen – die beiden Autoren arbeiten gründlich und lassen kein Thema aus. Besonders lesenswert ist auch das Kapitel über „Bußrituale und andere religiöse Züge“ (162-177). Christliche Motive werden in identitätspolitisch-säkularer Form aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. Hier könnte auch eine Brücke geschlagen werden zu emotionalisierten, autoritären und am Ende in der Sprachlosigkeit versinkenden Debatten, die gegenwärtig innerkirchlich in den Aufarbeitungsprozessen sexualisierter Gewalt zu besichtigen sind. Leseempfehlung: sehr hoch.

                Klaus Mertes SJ

 

Aust, Stefan / Geiges, Adrian: Xi Jingping – Der mächtigste Mann der Welt.
München: Piper 2021. 207 S. Gb. 22,–.

Am 22. September 2018 schlossen der Vatikan und China ein Abkommen zur Ernennung von Bischöfen in China ab. Kritiker wie der Hongkonger emeritierte Kardinal Josef Zen Ze-Kiun gingen es seitdem heftig an: Der Papst rutsche vor dem chinesischen Regime auf den Knien; aufgrund seiner argentinischen Herkunft denke Bergoglio „naturgemäß optimistisch über den Kommunismus“, und so weiter. Eine ganz andere chinesische Sicht auf die kirchliche Problem- und Konfliktlage kann man dem nach wie vor äußerst lesenswerten Interviewbuch des Shanghaier Jesuiten und Kardinals Aloysius Jin entnehmen: „Christus in China. Der Bischof von Shanghai im Gespräch mit Dominik Wanner und Alexa von Künsberg“ (Freiburg 2012).

Ein gründlicher Blick auf China lohnt nicht nur aus kirchlicher Perspektive. Stefan Aust (z.Zt. Herausgeber der „Welt“) und Adrian Geiges (Langjähriger Peking-Korrespondent des „Stern“) machen deutlich: Die Dynamik der Entwicklung Chinas unter Xi Jinping ist atemberaubend, erscheint langfristig unaufhaltsam, ist von globaler Bedeutung und wird ideologisch von einer neuen Zivilreligion getragen, deren Schöpfer Xi ist. Katholische Kirche in China kommt in dem Buch nur am Rande vor: Der Vatikan gehört zu den wenigen, eher unbedeutenden Staaten, die Taiwan anerkennen (241). Die Jesuiten („Jesuitenpater“ als Plural, ojeh! – vgl. 120) waren es, die den Namen Kong Fuzi zu „Konfuzius“ latinisierten. Bedrängender sind für China zurzeit wegen ihrer separatistischen Tendenzen der Dalai Lama oder die muslimische Minderheit der Uiguren (157-186). Die Einheit des Imperiums ist unverzichtbarer Teil der Staatsideologie. Xi verbindet dabei, im Unterschied zu Mao, Konfuzianismus und Kommunismus (119-138) und gibt der Ideologie damit einen stärker chinesischen Anstrich. „Wenn es einen Punkt gibt, an dem sich Mao und Xi voneinander unterscheiden … dann ist es die Haltung zu Konfuzius und damit zur traditionellen chinesischen Kultur.“ (119) Während Mao das Andenken an Konfuzius ausradieren wollte, führt Xi die beiden zusammen. Gemeinsamer Wohlstand und gesellschaftliche Harmonie sind beider gemeinsames Ziel. Xi hat dem Kommunismus also keineswegs abgeschworen, wie viele im Westen irrtümlich meinen. Vielmehr ist er ähnlich wie der Konfuzianismus eine „Religion für Menschen, die nicht an Gott glauben“ (134). Moderne Wissenschaft versöhnt sich mit traditioneller chinesischer Philosophie. Das Ethos dieser Religion verdichtet sich in Legenden, einschließlich zum Beispiel einer Variante zur Sankt-Martins-Legende. Xi erzählt: „So suchten … drei Soldaten der Roten Armee einst Unterkunft bei der alten Frau Xu Jiexiu.  Kurz bevor sie sich wieder auf den Weg machten, schnitten sie ihre einzige Bettdecke entzwei und überließen der alten Frau eine der beiden Hälften. Die Alte wusste jetzt, wie die Kommunisten beschaffen sind…“ (135).

Das alles darf natürlich nicht über die dunkle Seite der Wirklichkeit hinwegtäuschen. Die Autoren nehmen da kein Blatt vor den Mund: Die Schrecken der Kulturrevolution, die auch an Xi nicht spurlos vorübergingen und die er doch auf seltsame Weise integriert hat, der digitale Überwachungsstaat, die brutale Unterdrückung von Kritikern, von Oppositionellen, Tibet und Xinjiang, die prekäre Lage in und um Taiwan, die globale wirtschaftliche Expansion (Afrika, die Seidenstraße). Doch es gelingt den Autoren, mit dem Gesamturteil zurückhaltend zu bleiben. Das hilft zur eigenen Urteilsbildung. Denn: Alle werden sich für lange Zeit auf dieses China einstellen müssen, und das wird komplex sein und bleiben.

                Klaus Mertes SJ

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