Rezensionen: Theologie & Kirche

Hilpert, Konrad / Leimgruber, Stephan / Sautermeister, Jochen / Werner, Gunda (Hgg.): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Raum von Kirche – Analysen, Bilanzierungen, Perspektiven.
Freiburg: Herder 2020. 447 S. Kt. 58,–.

„Die Missbrauchskrise hat das Gesicht der Kirche in einer Weise geändert, für die es in der Geschichte kaum Parallelen geben dürfte“ (Stefan Böntert, 300). Insgesamt 32 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen fachlichen Richtungen und persönlichen Erfahrungshintergründen stellen sich der Aufgabe, einzelne Puzzlestücke zu einer „Zwischenbilanz“ (24) beizutragen. Zusammengenommen ergeben sie einen Blick auf das Ausmaß der Erschütterung sowie auf die Breite der betroffenen Themenfelder.

Durchgängig wird klar, dass es beim Thema Missbrauch um die Frage nach Macht geht sowie um die systemischen Hintergründe, die ihren Missbrauch in der Kirche ermöglichen. „Es wäre albern zu sagen, bestimmte Strukturen seien unmittelbar die kausale Ursache der an Leib und Seele erlittenen Verletzungen der schutzbefohlenen Kinder und Jugendlichen“ (Konrad Hilpert, 264). Doch daraus folgt nur, dass der Begriff der „systemischen Ursachen“ genauer zu bestimmen ist. Eine Unterscheidung zwischen „Strukturkrise“ und „Glaubenskrise“ mit dem Ziel, die Strukturdebatte zu vermeiden, darf deswegen ebenfalls als albern gelten.

Die Beiträge sind in fünf Hauptteile geordnet. Es beginnt mit Erinnerungen an die verschiedenen Phasen des Sichtbarwerdens von Missbrauch („Wucht der Ereignisse seit 2010“, 31-64). Dann folgen Beiträge zur „Analyse des Phänomens“ (65-118) aus human- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Im dritten Teil ist die Theologie, insbesondere die Ekklesiologie herausgefordert, ihr Sprechen beziehungsweise ihr Schweigen über die Machtthematik (119-222) zu reflektieren. Der folgende Teil widmet sich der Aufarbeitung („Reaktionen – Wege der Aufarbeitung“, 223-304), wie sie bisher in Hierarchie, Gemeinden und auch in herausgehobenen einzelnen Institutionen gelaufen ist. Der Band schließt mit einem Blick nach vorne, mit dem Benennen von „Offenen Herausforderungen“ (305-418).

Insgesamt wird der Band seinem Anspruch, eine Zwischenbilanz zu sein, gerecht, auch über die deutsche Binnenperspektive hinaus (Europa, USA, Chile, Australien), und weltkirchlich mit Blick auf die Kinderschutzmaßnahmen (Hans Zollner, 223 ff.). Er versteht sich ausdrücklich nicht „als ein abschließendes Wort zum Missbrauchsskandal … Er gibt etwa keine Antwort auf die Frage nach der Angemessenheit finanzieller Entschädigung“ (27), wenn auch andererseits Beiträge wie die von Jochen Sautermeister über „Entschuldigungsdynamiken“ (268 ff.) oder von Katharina Peetz (357) über die unterschiedlichen Dynamiken von runden oder eckigen Tischen hilfreiche Hinweise geben, wie überhaupt die Begegnung von Betroffenen und Institution so zu denken ist, dass Konflikte auch wirklich benannt und ausgetragen werden können. Insgesamt bildet der Band die systemisch relevanten Fragestellungen ab, die im Kontext der Aufarbeitung von Missbrauch in den letzten Jahren vielfach angesprochen wurden. Eine ausführliche Auswahlbibliografie für die Zeit von 2010 bis März 2020 rundet den Band ab.

Klaus Mertes SJ

 

Emunds, Bernhard / Goertz, Stefan: Kirchliches Vermögen unter christlichem Anspruch.
Freiburg: Herder 2020. 408 S. Kt. 35,–.

Das von Bernhard Emunds und Stefan
Goertz unter Mitarbeit von Julian Degan und Prisca Patenge verfasste Werk setzt sich kritisch mit dem Wirtschaften der katholischen Kirche auseinander. Einleitend werden die intransparenten Vermögensstrukturen der deutschen katholischen Kirche zusammengefasst. Im ersten Kapitel mahnen die Autoren eine Anpassung der Kirche in Deutschland an die Verhältnisse der modernen Gesellschaft an, um ihre Wirkkraft nicht zu verlieren.

Das zweite Kapitel beschreibt die Kirchenwirtschaft in der Moderne. Es wird zudem untersucht, wie sich die Kirche gegenüber und in der Ökonomisierung der westlichen Welt zu verhalten hat. Nach einem beeindruckenden Zwischenfazit bezüglich der finanziellen Investments der Kirche, werden (verfassungs-)rechtliche Aspekte der Kirchenwirtschaft dargestellt. In besonderem Maße überzeugend sind dabei die Ausführungen zur personalen Gewalteneinheit der Kirche. Fehlende demokratische Strukturen im Sinne effektiven Rechtsschutzes und ausreichender Kompetenzverteilung zeigen Zustände auf, die aus Sicht der Good-Governance-Diskussion hochproblematisch sind.

Im dritten Kapitel werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und deren Modernisierung dargestellt und dem tatsächlichen Anlageverhalten unter Berücksichtigung volkswirtschaftlicher Aspekte gegenübergestellt. Grundsätze ethisch-nachhaltigen Investments und säkularer Standards der Finanzverwaltung werden diskutiert. Unterschiede zu Führungsstrukturen in der Privatwirtschaft und staatlicher Gewaltenteilung werden aufgezeigt. Die Autoren fordern höhere Transparenz und eine Remedur überholter Führungsstrukturen. Mit Blick auf die jüngsten Finanzskandale werden die fehlende Kontrollstruktur und fehlende Kompetenz der zur Kontrolle Berufenen festgestellt und eine Neuregelung der Finanzverfassung vorgeschlagen.

Im vierten Kapitel wird die moralische Frage der Mitwirkung an schlechtem Tun diskutiert, indem auf das cooperatio ad malum abgestellt wird. Neben praktischen Beispielen werden auch die dogmatischen Charakteristika der Lehre der Mitwirkung dargestellt. Hieran anschließend wird untersucht, ob korporative Akteure als Verantwortungsträger einzuordnen sind, was abschließend bejaht wird. Die erhöhten Anforderungen an kirchliche Investments werden anhand dreier Beispiele dargestellt. Auch hier werden die Feststellungen durch Grafiken zusammengefasst.

Das abschließende Kapitel untersucht die Rolle der Kirche in der globalen Textil- und Bekleidungsindustrie. Im Besonderen überzeugen die Ausführungen zum Shareholder Engagement der Kirche zur Herbeiführung stärkerer Arbeitnehmerrechte und der Bekämpfung ausbeuterischer Strukturen.

Das Werk stellt eine interdisziplinäre (insb. soziologische, wirtschaftliche und rechtliche) Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Kirche dar, untersucht Fragestellungen kritisch und zeigt Missstände klar auf. In unaufgeregter Klarheit vermag es wissenschaftliche und weltliche Tatsachen auf die Kirche übertragen und hieraus wertvolle Feststellungen und Handlungsempfehlungen für das Wirken der Kirche schaffen. Die Bearbeitung beschränkt sich nicht auf das Skizzieren von Problemen, sondern leitet konsequent Reformen her und schafft es, dabei unterschiedliche Untersuchungsstränge zusammenzuführen. Zusammenfassend ist dieses Werk Pflichtlektüre für all jene, die sich mit dem Wirtschaften der katholischen Kirche in Deutschland auseinandersetzen (wollen).

Julia Redenius-Hövermann

Seidel, Stefan: Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft.
München: Claudius 2020. 153 S. Kt. 18,–.

Der Einband zeigt Konturen einer weiten Berglandschaft, die sich in der Ferne verliert. Wie mag sie sein, die Religiosität der Zukunft? Man folgt dem Verfasser, Redakteur bei der ev. Wochenzeitung „Der Sonntag“, gerne aufmerksam bei seiner Suche nach „Spuren des Göttlichen inmitten einer säkularisierten Welt“ (29), weil er die „Leere“, von der sie ihren Ausgang nimmt, ohne jede Beschönigung eingesteht. Noch nie war das religiöse Feld „derart ausgetrocknet und erodiert wie heute“ (11), die Kirchen sind leer, und es gelingt ihnen nicht mehr, „Plausibilitäten für das Göttliche herzustellen“ (10). Gesucht werden Wege und Weisen einer „religionslosen Religiosität“ (12). Das bedeutet, die „Gotteskrise“ (J. B. Metz) in einer Weise ernst zu nehmen, wie es sonst bei kirchlichen Krisendiagnosen selten geschieht.

So ist erst einmal zu ermessen, was Säkularisierung in ihrem vollen Umfang ausmacht, wie es Seidel mit Bezug auf die relevanten Positionen im ersten Kapitel unternimmt. Sie hinterlässt eine „offene Flanke“ (25), denn sie zeigt keine Wege, der Erfahrung des Unverfügbaren gerecht zu werden. Nicht von ungefähr siedelt sich Religion an der Grenze des Todes an. Im Wissen um seine Endlichkeit ist dem Menschen die Verfügung über sein Leben aus der Hand genommen, und die religiöse Frage bricht neu auf. Wie neu, das zeigen Ansätze von Kierkegaard bis Blumenberg, von Schlingensief bis B. Waldenfels. „Offenheit für das Andere“ (81) ist die erste Spur der neuen Religiosität. Sie findet eine neue Sprache wie in den Gedichten von Christian Lehnert und Tomas Tranströmer. Das „Übersteigende“ wird als „Entzogenes“ präsent (87), Religiosität ist „Übereignung“ an die „größere Kraft des ganz Anderen“ (103).

Praktisch wird diese Religiosität in der unbedingten Bejahung der Würde aller lebendigen Wesen. Die „Heiligkeitsgrenze“ umschließt „auch die nichtmenschlichen Tiere“ (113); jedenfalls gibt es eine Wahrnehmung der Sakralität alles Lebendigen, die sich ihrer anthropozentrischen Verengung entledigt. Die „weltliche Religiosität“, die sich herausbildet, steht im Zeichen der „Ehrfurcht“ und des „Verflochtenseins“ des Lebendigen. Und hier zeigt sich „Gott im Vollzug“ des „Ergriffenseins von der Liebe“ (122-130). Seidel sieht die Religion der Zukunft in einer „ökologischen Spiritualität“. Er empfiehlt den Kirchen „die Verflüssigung der Rede vom Göttlichen“ (139) und die Erschließung eines Raumes offener und aufeinander antwortender Beziehungen. „Die Kirchen können dort relevant werden, wo sie einen Raum des Mystischen darstellen“ (141).

Es bleiben Fragen an diesen kenntnisreichen und anregenden Versuch. Die erste und grundlegende ist die nach dem Verhältnis von Unverfügbarkeit und der stets betonten Bedeutung von Autonomie und Freiheit in der neuen Religion. Endet nicht alle Autonomie, wo es nichts mehr zu verfügen gibt? Und warum werden der „Kapitalismus als Religion“ (nach W. Benjamin) sowie die Daten- und Algorithmen-Religion eines Y.N. Harari nicht als „wirkliche Religion“ (53) anerkannt, obwohl doch gerade hier Unverfügbares begegnet? Die Hermeneutik des Richtigen, die Seidel leitet, ist immer noch die christliche, wie denn auch die meisten angeführten Zeuginnen und Zeugen (Lehnert, Tranströmer, Silja Walter, an entscheidender Stelle auch A. Schweitzer) dem Christentum verbunden sind. Mit welchem Recht? Seidel wendet sich gegen „Begriffe, Dogmen und Bilder von Gott“, aber durch die Hintertür treten sie doch wieder ein. Zum Schluss ist zu fragen: Warum sollten sich Christeninnen und Christen überhaupt um die Religion bekümmern? Ist ihnen nicht das Evangelium aufgetragen?

Thomas Ruster

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