Rezensionen: Wissenschaft & Bildung

Tsvasman, Leon / Schild, Florian: AI-Thinking. Dialog eines Vordenkers und eines Praktikers. Baden-Baden: Ergon 2019. 168 S. Kt. 19,90.

Die wissenschaftliche sowie populäre Literatur zum Thema „künstliche Intelligenz“ lässt sich derzeit nur schwer überblicken. In vielen Fachrichtungen und Lebensbereichen werden die Zäsuren aus unterschiedlichsten Perspektiven ausbuchstabiert. Ein bemerkenswertes Buch ist mit „AI-Thinking“ erschienen: In Form eines Dialoges und in vier „Runden“, bestehend aus „Diskursen“ und „Exkursen“, blicken Leon Tsvasman und Florian Schild mit einer „ganzheitlichen Betrachtung der KI-Ära“ (13) auf verschiedene Bereiche, in denen KI bereits eingesetzt wird. Theoretisch fundiert und anwendungsbezogen loten die Gesprächspartner die Dimensionen und Potenziale der KI aus. Sie fordern zunächst, ethische Standards und „ein gemeinsames Verständnis, dringliche Regeln und umfassende Ordnungsgrundlagen zu schaffen – von Menschen für Menschen.“ Florian Schild, Informatiker und Data-Science-Unternehmer, verweist in seiner Rolle als „Praktiker“ stets auf die menschliche Komponente, die Leon Tsvasman als Philosoph und Kybernetiker bereits „vordenkt“. So ergibt sich aus ihrem Gespräch ein buntes Gesamtbild eines Phänomens, bei dem neben dem Know-how grundlegend auch das Know-why beleuchtet wird.

Nach einer Beschreibung von KI als Werkzeug und Dienstleistung zur Automatisierung, Optimierung und Perfektionierung datengestützter Kommunikation (26, 30) nähern sich die Autoren der KI interessanterweise immer wieder auch ex negativo, was an fünf Beispielen aufgezeigt sei. Zunächst stellt Florian Schild fest: „KI hat nichts mit dem Hirn zu tun, auch wenn mit Software-Methoden und Hardware versucht wird, die Synapsen des Gehirns zu modellieren“ (32). Trotz algorithmischer Verhaltensberechnungen ist für den Big-Data-Forscher das Künftige „so ungewiss, so unvorhersehbar und unplanbar wie selten zuvor“ (34). Tsvasman weist ferner darauf hin, dass die „autonome menschliche Sinnproduktion […] subjektimmanent“ (72) ist und erteilt hin und wieder aufkommenden Visionen von Gedankenübertragung damit eine klare Absage. Ebenso gilt für den Erkenntnistheoretiker: „Empathie ist nicht mit Datenübertragung zu vergleichen“ (80). Für Schild wiederum darf KI-Forschung nicht auf undemokratische Steuerungsmodelle hinauslaufen: „weder eine auf konsumgetriebene Führung durch Tech-Konzerne noch die überwachende Version von Regierungen“ (91) seien anzustrebende, doch mögliche (und bereits praktizierte) Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Anhand von Beispielen aus den Bereichen „KI und Bildung“, „KI und Arbeit“, „KI und Verantwortung“, „KI und Souveränität“ besprechen Tsvasman und Schild den wirtschaftlichen, sozialen und individuellen Nutzen der künstlichen Intelligenz. Dabei werden sie nicht müde, der Logik, Festlegung und dem Technischen der Algorithmen „Leidenschaft, Inspiration, Erfahrung“ (Tsvasman 96) sowie Intuition, Kreativität, Sinnsuche und Spontaneität gegenüberzustellen. Jedoch nicht als Gegensatz, sondern als weiterzudenkenden Hinweis darauf, dass KI nie ohne diese genuinen, unveräußerlichen Eigenschaften des Menschseins gedacht, praktiziert, geschweige denn hervorgebracht werden kann.

Die Stärke des Buches liegt im interdisziplinären, essayistischen Gedankenaustausch, in dessen Folge deutlich wird: Die Potenziale von Automatisierung, Rationalisierung und Komplexitätsreduktion durch KI in einem ethisch vertretbaren Rahmen fordern dazu heraus, sich philosophisch, gesellschaftlich wie politisch um Themen wie Menschenbild, Autonomie, Konstruktion von Wissen, Erkenntnis, Kognition und „vor allem um das bewusste Subjektsein“ (Tsvasman, 120) unter digital veränderten Vorzeichen Gedanken zu machen.

Markus Reinisch

 

Rexroth, Frank: Fröhliche Scholastik. Die Wissenschaftsrevolution des Mittelalters. München: C.H. Beck 2018. 505 S. Gb. 29,95.

Nicht erst mit der Gründung der ersten Universitäten um 1200 begann ein neues Kapitel der Wissenschaft, sondern schon vorher, ab etwa 1050, mit der „Scholastik“. Frank Rexroth beschreibt diese faszinierende Revolution in anschaulicher und (meist) gut verständlicher Sprache. Das Buch gehört zu einer Gattung von Geschichtsschreibung, die Prozesse der Vergangenheit so aufschließt, dass ihre Relevanz für heute unmittelbar einsichtig wird.

Zu den älteren Kloster- und Kathedralschulen mit Schwerpunkt auf den eher „nützlichen“ Artes liberales kam ab dieser Zeit ein neues Interesse an der Philosophia mit ihrer Suche nach „Wahrheit“. Zur Leitwissenschaft wurde die Dialektik. Dazu gab es im 12. Jahrhundert eine ungewöhnliche Freiheit der Reflexion, die ausgespannt ist zwischen der vorherigen fürstlichen und der späteren päpstlichen Kontrolle.

Der größte Lehrer jener Zeit, Petrus Abaelard, wird beispielhaft vorgestellt, mit seiner exzentrischen Persönlichkeit, seinem bizarren Lebenslauf und seinem sehr freien Denken. Als Magister sammelte er Scholaren um sich und bildete mit ihnen eine totale Lebens- und Lerngemeinschaft, in der auch intensive persönliche Beziehungen für den Lehr- und Lernerfolg bedeutend waren. Solche „Schulen“, vor allem in und um Paris, wurden zum Ort der fröhlichen Scholastik. Viele richteten sich auf eremitische Einsamkeit und Askese aus, andere blieben in den Städten oder zogen später dorthin zurück. Zur „Wissenschaft“ wurde dieses Denken nach Rexroth insofern, als Selbstreferentialität und Selbstreflexivität begannen – die Sprachphilosophie dominierte. Widersprüche wurden in Abaelards Schule nicht aufgelöst, sondern sichtbar und für den Erkenntnisgewinn fruchtbar gemacht.

Ab etwa 1150 interessierte man sich wieder an den Höfen für diese neue Wissenschaft und wollte sie nützlich machen. Ausgehend von Bologna wurde Jura zu einer neuen, den Staaten und der Kirche hilfreichen Leitwissenschaft. Auch wurde man aufmerksam auf die jüdische und islamische Gelehrsamkeit, vor allem in Toledo. Man rezipierte dortige naturwissenschaftliche und medizinische Kenntnisse, auch jene des Aristoteles, die über den Islam nach Europa kamen – man spricht von einer „Renaissance“ und einem „Humanismus“ des 12. Jahrhunderts.

Schon vor 1200 differenzierten sich die Fächer aus und ordneten sich neu. Bald organisierten sich die zerstreuten „Schulen“ gemeinsam und verbanden sich nach und nach zu Universitäten: freie, genossenschaftlich aufgebaute Körperschaften, mit eher konservativen und strengen Regularien, mit selbst gegebenen Statuten und mit Eiden als Eintritts- und Verbindungsmerkmal. Mit Paris, Bologna und Oxford begann ein Netzwerk an Universitäten, das bald Europa überzog. Die Päpste versuchten, diese zu kontrollieren. Die „fröhliche Scholastik“ kam mit den Universitäten an ihr Ende.

Rexroth schreibt eine Wissenschaftsgeschichte: Im Zentrum stehen Methoden und Denkformen, soziale Strukturen und Schulbetriebe, Textgattungen und Kommunikationsformen, aber kaum die Inhalte damaliger Wissenschaft: Philosophie, Theologie oder gar das Neue in Mathematik, Naturwissenschaft usw. Auch wenn man zu Themen wenig fündig wird, ist hoch spannend zu lesen, wie sich wissenschaftliches Arbeiten entwickelte. Unter anderem zeigt der damalige Kampf zwischen „reiner“ Wahrheitssuche und dem Verzwecken von Bildung durch Machtträger, wie aktuell diese Geschichte ist.

Stefan Kiechle SJ

 

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