Kreml und Kirche

Der russische Präsident Wladimir Putin rechnete neulich in den Financial Times (28.6.2019) mit dem „System des Westens“ ab: „Die liberale Idee geht davon aus, dass nichts unternommen werden muss – dass Migranten straffrei töten dürfen, rauben und vergewaltigen, weil es ihre Rechte zu schützen gilt.“ Sie weite  Rechtsansprüche von bestimmten Personengruppen so sehr aus, dass sie die Gesellschaft nicht mehr gegen dieselben Personen schützen könne, wenn diese geltendes Recht brechen. Das treffe auch für andere Personengruppen zu: Russen hätten zwar kein Problem mit Lesben, Schwulen und Transgender, aber „haben wir vergessen, dass wir alle in einer Welt leben, die auf biblischen Werten fußt?“ Fazit: Die „liberale Idee“ liefert die Ansprüche des Volkes auf Schutz seines Bestandes und seiner kulturellen Traditionen sogenannten Grundrechten aus, die lautstark von problematischen Minderheiten gegen die Interessen der Mehrheit eingefordert und durchgesetzt werden.

Kulturpolitisches Signal für eine antiliberale Ausrichtung in Russland war 2005 die Überführung der sterblichen Überreste des Exilphilosophen Iwan Iljin (1883-1954) aus der Schweiz nach Moskau. Dort wurden sie mit feierlichem Pomp auf dem Friedhof des Donskoi-Klosters bestattet. Iljin gilt heute als der Hausphilosoph des russischen Präsidenten. Als heftiger Gegner der Oktoberrevolution von 1917 wurde er 1922 aus Russland verbannt. In Deutschland angekommen verfasste er einen Aufruf zum Kampf gegen das bolschewistische Russland. Darin formulierte er – gegen Tolstoi – eine nach seiner Auffassung mit dem Christentum vereinbare „virile“ Moral, die Gewalt im Namen des Guten rechtfertigt. Der russische Religionsphilosoph Nikolaj Berdjajew (1874-1948), der sich unter anderem auch auf Dostojewski bezieht, kritisierte Iljins „martialisches Christentum“ als eine weiße Variante des roten Totalitarismus. So ist es – nebenbei bemerkt – ideologisch nicht ganz konsistent, wenn der Kreml wenige Tage nach Putins Blitzbesuch am 4.7.2019 im Vatikan stolz verlauten ließ, auf dem Tisch von Papst Franziskus lägen immer Bücher von Tolstoi und Dostojewski. 

Den Nationalsozialismus begrüßte Iljin: „Patriotismus, Glaube an die Identität des deutschen Volkes und an die Kraft des germanischen Genius, Ehrgefühl, Bereitschaft zur Selbstaufopferung, Disziplin, soziale Gerechtigkeit, klassenübergreifende, brüderliche und nationale Einheit – dieser Geist ist die grundlegende Substanz der gesamten Bewegung.“ Allerdings weigerte sich Iljin, russische Emigranten aktiv für die NS-Ideologie zu gewinnen, und musste deswegen Deutschland 1938 verlassen. Rückblickend kritisierte er die Fehler des Nationalsozialismus, blieb aber den eigenen Grundinspirationen treu. Seine Texte klingen heute wie prophetische Ankündigungen: Nach einem „einige Jahre währenden Chaos“ werde eine „demokratische Diktatur“ Russland vom Chaos befreien, und eben nicht eine „formale Demokratie“ nach westlichem Vorbild. Geleitet werde sie dann von einem „Führer, der weiß, was zu tun ist …; dient, statt Karriere zu machen; kämpft, statt eine Statistenrolle zu spielen; den Feind schlägt, statt leere Worte zu verkünden; lenkt, statt sich ans Ausland zu verkaufen“ (Zitate in Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Stuttgart 2016, 48 ff.).

In Russland bilden Kreml und Kirche heute eine heilige Allianz unter dem Vorzeichen einer „Symphonie“ zwischen Orthodoxie und großrussischem Nationalismus. Warnende Stimmen wie die des 1990 ermordeten orthodoxen Priesters Alexander Men scheinen verklungen zu sein. Aus den Erfahrungen der russischen Geschichte hatte er geschlossen, diese müssten „zum Verzicht auf die Idee der Staatsreligion führen, die so viele Analogien mit dem Stalinismus hatte, egal ob es dabei um Calvins Genf oder Khomeinis Teheran geht“ (Alexander Men: Stellen wir die Altäre auf. In: Igor Pochoshajew. Frankfurt am Main 2007, 124). Heute muss amn mit der Lupe nach Gesprächspartnern seines Formates in der russischen Orthodoxie suchen.

Einen Tag nach Putins Blitzbesuch waren ukrainische Bischöfe zu Gast im Vatikan. Franziskus kritisierte die hybride Kriegsführung im Osten der Ukraine, ohne Russland beim Namen zu nennen. Es ist in der Tat nicht leicht, die Fäden im Dialog zwischen katholischer Kirche und russischer Orthodoxie zurzeit so zu ziehen, dass sich die Knoten lösen statt sich noch weiter zuzuziehen. Da könnte sich als Möglichkeit die gemeinsame Front gegen ein Zerrbild des „westlichen Liberalismus“ anbieten, wie es nicht nur Putin und Hierarchen der Orthodoxie, sondern auch Kreise in der katholischen Kirche bis in den Vatikan hinein gerne zeichnen. Ein Blick auf Iljin zeigt, dass solche gemeinsamen Fronten nichts Neues wären, und dass sie auch nichts Gutes vollbracht haben. Martialisches Christentum hetzt im Fall der Fälle auch Völker gegeneinander, die sich als christlich bezeichnen. Der gemeinsame Feind kittet nur oberflächlich zusammen.

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