Enzyklika auf zwei Beinen

Seit rund 100 Tagen überrascht Papst Franziskus die Welt durch seinen Lebens- und Arbeitsstil, durch seine Ansprachen sowie durch einige Personalentscheidungen. Er hat das Papstamt bereits verändert - manche im Vatikan fürchten große Umwälzungen.

Etliche seiner Entscheidungen scheinen gezielte theologische und spirituelle Botschaften an Kirche und Welt zu sein: die Wahl seines Namens, der Verzicht auf Statussymbole, sein Wohnen und Zusammenleben mit Bewohnern des vatikanischen Gästehauses, die täglichen Messfeiern mit Gruppen von Vatikanangestellten mit den kurzen, einfachen Predigten, die an Dorfpfarrer erinnern, seine überraschenden Besuche und Telefonate. Dieser Papst nennt sich demonstrativ "Bischof von Rom", spricht die Kardinäle als "Brüder" an, und er schätzt offenbar die gemeinsame Beratung. Am Gründonnerstag wusch er nicht Priestern die Füße, sondern männlichen und weiblichen Strafgefangenen. An die Stelle des politischen Propheten aus Polen und des theologischen Vordenkers aus Deutschland ist offensichtlich einer getreten, der vor allem Seelsorger sein möchte und Tuchfühlung zu den Menschen sucht, vor allem zu den Armen.

Mit Personalentscheidungen für den Vatikan hält er sich zunächst zurück. Viele warten gespannt auf die Ernennung eines Kardinalstaatssekretärs. Offenbar berät sich der neue Papst - nach Stil eines Jesuitenoberen - ausführlich mit den Verantwortlichen, um sich erst dann das geeignete Team zu schaffen. In Rom munkeln manche von einer "Kabinettsbildung". Die bisherigen Chefs der Kongregationen und Räte bestätigte er vorläufig in ihren Ämtern und traf sich dann mit ihnen, um sich über Funktionen und Ämter informieren zu lassen. Beobachter schließen nicht aus, dass es im Staatssekretariat wichtige Änderungen geben könnte. Möglicherweise nimmt der Papst das Amt des Kardinalstaatsekretärs persönlich in die Hand, wie es schon Pius XII. getan hatte. Besonders beachten kann man die Berufung des bisherigen Generalministers der Franziskaner, José Rodriguez Carballo, zum zweiten Mann in der Ordenskongregation.

Auffallend war auch die Ernennung von acht Kardinälen aus aller Welt zu seiner Beratung in Fragen der Kurienreform. Eine deutsche Tageszeitung nannte das eine "Kampfansage": Der vatikanische Apparat solle in die Schranken gewiesen werden. Die Auswahl der "Brüder Kardinäle" ist vielsagend: Alle Kontinente sind vertreten, wobei Nord- und Südamerika als zwei getrennte Erdteile behandelt werden. Besonders sticht hervor, dass der Papst aus dem Jesuitenorden drei Kardinäle aus anderen Orden ausgewählt hat: den Kapuziner Seán Patrick O'Malley aus Boston, den Salesianer Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga aus Honduras, der der Gruppe vorsteht, und den Schönstätter Francisco Javier Errázuriz Ossa aus Chile. Dazu kommen aus Europa Reinhard Marx, aus Asien Oswald Gracias, aus Afrika Laurent Monsengwo Pasinya und aus Australien George Pell. Ein einziger stammt aus dem Vatikan: Kardinal Giuseppe Bertello, der die Vatikanstadt verwaltet. Es erstaunt, dass sich die Gruppe erst im Oktober treffen soll. Ist zu vermuten, dass der Papst Reisekosten sparen will, weil er die acht Kardinäle anwies, sich ab sofort per E-Mail auszutauschen?

Überraschend war, dass der Papst erlaubte, eine Zusammenfassung seiner Ansprache im Vorkonklave zu veröffentlichen. Sie war vielleicht ausschlaggebend für seine Wahl. In ihr hatte er die Selbstbezogenheit der Kirche, das Kreisen um sich selbst, einen "theologischen Narzissmus" angeprangert. Er kritisierte eine "egozentrische und mondäne Kirche", die für sich selber lebt und dadurch krank werde.

Akzente in Predigten und Reden lassen aufhorchen. Bei seiner Amtseinführung sprach Franziskus sechsmal von der Zärtlichkeit Gottes. Er forderte "spirituelle Verrücktheit". In seinen Ansprachen geht er oft von der Lebenssituation der Menschen aus und zieht spirituelle Schlußfolgerungen. Er spricht eine einfache Sprache und fasst sich kurz. Wiederholt sagte er, Christen dürften keine "Zwischenhändler" oder Verwalter sein, Priester sollten nicht "klerikaler Eitelkeit" verfallen, sondern "den Geruch der Schafe" kennen. Manche Christen vertrauten nur dem eigenen "gesunden Menschenverstand", gingen auf Abstand: "Satelliten-Christen" mit einer Vorstellung von Kirche "nach eigenem Maß". Der Heilige Geist werde oft als Belästigung erfahren, man wolle ihn zähmen. Das Neue, das von Gott kommt, mache den Menschen häufig Angst. Und Franziskus deutete wiederholt auf die Liebe seines Namenspatrons zur Schöpfung hin. In der Ansprache "Urbi et Orbi" geißelte er an Ostern neben Menschen- und Drogenhandel die Ausbeutung der irdischen Ressourcen. Immer wieder erinnert er an die Armen, an Ferne und Vergessene.

Man darf sich nicht täuschen lassen! Schon Johannes Paul II. irritierte durch einen in Rom ungewohnten Stil. Anfangs sah man ihn beim Skilaufen, manche wollten ihn beim Schwimmen fotografiert haben. Auch er küsste Kinder und ältere Menschen, liebte den Nahkontakt zu den Menschen, reiste mit ausgebreiteten Armen durch mehr als 100 Länder. Gegenüber Benedikt hebt sich der Stil von Franziskus stärker ab.

Es wäre voreilig, vom neuen Papst bald große Schritte in der Ökumene zu erwarten. Er kommt aus einer Welt, in der Pfingstkirchen nichts von Kircheneinheit wissen wollen. Auch der Dialog mit anderen Religionen dürfte nicht an erster Stelle stehen - eher die innere Stärkung der Katholiken, damit sie missionarisch auf Andere zugehen.

Aber Franziskus zeigt Diskretion gegenüber Nichtglaubenden und Mitgliedern anderer Kirchen. Beim Treffen mit Medienvertretern nach seiner Wahl gab er nur still den Segen und erklärte, da manche von ihnen nicht an einen Gott glaubten oder anderen religiösen Gemeinschaften angehören, wolle er dies respektieren. Der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Bernd Hagenkord SJ, schrieb in seinem Blog: "Wir müssen nicht erst auf wichtige Texte warten, Papst Franziskus ist eine Enzyklika auf zwei Beinen."

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