Reggio-PädagogikDer Welt auf der Spur

In der Reggio-Pädagogik zählen Projekte zu den zentralen Elementen pädagogischer Arbeit. Warum besonders Kleinstkinder von diesem Ansatz profitieren können.

Der Welt auf der Spur
© Harald Neumann

Wenn unter Dreijährige etwas selbst vollbracht haben, teilen sie dies ihrer Umwelt freudig mit: „Guck! ich (ge)macht!“ Ihr Antrieb besteht darin, eine Idee zu haben, zu experimentieren, das eigene Tun zu akzeptieren, das Experiment abzuschließen und das Ergebnis zu zeigen. Es sind kleine, einfache, immer wieder neu gestartete Handlungsketten, die Kinder im Krippenalter vollziehen. Diese Handlungsketten bedeuten Lernen und Persönlichkeitsentwicklung zugleich, denn sie verknüpfen ganz verschiedene Aktionen, die zusammengenommen einen komplexen Prozess der Auseinandersetzung mit der Welt und der eigenen Person bilden. Dazu zählen:

  • sinnliches Wahrnehmen und Beobachten,
  • gedankliche und emotionale Verarbeitung der Wahrnehmungen,
  • Überführen der Wahrnehmungen in eigenes Handeln,
  • Bewerten des eigenen Tuns,
  • Kommunizieren, Ausdrücken von Fantasien und Gefühlen,
  • Einbeziehen anderer Personen.

Vielfältige Aktionsketten

Solche Handlungsketten entstehen z. B. während Kinder andere Jungen und Mädchen beobachten. Sie entwickeln sich aber auch, wenn das Kind etwas Spannendes in seinem Nahbereich entdeckt – einen toten Regenwurm, ein Spinnennetz oder eine zerbeulte Dose. Handlungsketten kommen auch dann zustande, wenn im Spiel ein einzelner Aspekt eine besondere Bedeutung für das Kind gewinnt, etwa die Beobachtung, dass eine Kugel unter das Sofa rollt. Darüber hinaus entstehen diese Ketten, wenn Kinder etwas bauen, bspw. eine Höhle, in der man sich verstecken kann. Schließlich entstehen Handlungsketten auch dann, wenn Kinder in den Dingen ihrer Umgebung Ordnungen und ästhetische Strukturen wahrnehmen und in oder mit ihnen experimentieren, diese sortieren oder umsortieren.
Projekte sind gerade in der Krippe eine besonders naheliegende Aktionsform, denn bei ihnen ist letztlich der Weg das eigentliche Ziel. Es muss kein bestimmtes Ziel erreicht, keine konkrete Frage geklärt, kein Objekt gebaut, kein von der verantwortlichen Fachkraft oder dem Gruppenteam entworfener Projektplan umgesetzt und keine mehrtägige – geschweige denn mehrwöchige – Aktionsabfolge realisiert werden. Es geht vielmehr darum, dass Kinder ihre eigenen Beobachtungen vertiefen, ihre noch wenig ausgeprägten Interessen entdecken und diese in Handlungen münden lassen. Sie beginnen damit, ihr Handeln mit Emotionen zu verknüpfen und all dies in die Kommunikation mit anderen einfließen zu lassen.

Kurz, aber intensiv!

Die meisten Projekte in der U3- Praxis sind intensive, aber kurze Handlungssequenzen. In der sensomotorischen Phase ihrer Entwicklung (Piaget 2003), also im Alter von unter drei Jahren, fasziniert Kinder das sinnliche Explorieren und Experimentieren mit Sand, Wasser, Schaum, Stöcken, Steinen, rauen Oberflächen, Bürsten, natürlichen oder industriell gefertigten Kleingegenständen wie etwa Hülsenfrüchte, Schrauben und Muttern.
All diese reggio-insipirierten Projekte mit U3-Kindern haben eine Reihe entwicklungsspezifischer Charakteristika:

  • Zeitdauer: meist nur wenige Stunden oder wenige Tage,
  • Teilnehmer: meist nur wenige Kinder,
  • Aktivitäten: Auseinandersetzung mit Sinneserfahrungen wie Fühlen, Tasten; Veränderungen wahrnehmen, Oberflächen spüren, Gewicht wahrnehmen, Farben vergleichen, mit Wasser matschen, mit Materialien experimentieren (ordnend, konstruktiv, ästhetisch),
  • Start: Entdeckungen oder Fragen der Kinder, möglich aber auch Impulse der Fachkraft,
  • Ende: wenn das Interesse der Kinder nicht mehr aktivierbar ist,
  • Rolle der Fachkraft: „forschend begleitend“, Impulse gebend, Ressourcen bereitstellend, dokumentierend,
  • Dokumentation: mit Kinderarbeiten, Fotos und Kinderaussagen, Überschriften.

Bedeutungsvoll ist die Einbettung von Projekten in eine projektförderliche Aktionskultur in der Krippe, dazu zählen Gemeinschaftshandlungen und Rituale wie der Morgenkreis, gemeinsame Mahlzeiten, Feste, vielleicht kleinere Dienste, aber auch durch Spielhandlungen, insbesondere Bauspiele, Entdeckungs- oder Erkundungsspiele (Knauf 2000).

Mit dem Spiel verbunden

Zwischen Spiel und Projekt gibt es zahlreiche Verbindungen und Überschneidungen. So kann der tägliche Morgenkreis dazu genutzt werden, Entdeckungen und Aktionen der Kinder zu erwähnen und ihnen damit Aufmerksamkeit und Bedeutung zu vermitteln. Oft gehen Projekte aus Spielaktivitäten der Jüngsten hervor oder sie durchdringen sich wechselseitig (Knauf 2001). Schon Gianni Rodari, der Anfang der Siebzigerjahre als Fortbildner in Reggio tätig war, verweist auf die pädagogische Dimension des Spiels als eine Erfahrung, die Kindern unter drei Jahren hilft, eine „eigene Realität zu konstruieren“ (Rodari 2008). Grundlage aller Projekte sind das authentische Interesse und das konkrete sinnliche Erleben der Mädchen und Jungen.

Weitere Praxisideen aus dem Bereich Reggio-Pädagogik finden Sie auf den Seiten 20 und 22.

Merkmale reggio-inspirierter Projekte

  • Ziele: Stärken von Neugier, Entdecker- und Forschergeist, Fantasie, Erfolgszuversicht, Autorenstolz, Inspirieren zu gestalterischer Aktivität
  • Ausgangspunkte: Entdeckungen, kleine Experimente, Fragen und Wünsche der Kinder oder Impulse der pädagogischen Fachkraft
  • Vorbereitung: Beobachtungen von Kindern und ihrer Umwelt, das Sammeln von Gegenständen, die das Interesse der Kinder wecken könnten
  • Rolle der Fachkraft: Beobachten, Begleiten, Impulsegeben, (Mit-)Forschen, Dokumentieren

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.