Feste nichtchristlicher Religionen feiern?Pro & Contra

Chanukka oder Zuckerfest: Sollten Kita und Tagespflege auch die Festtage anderer Glaubensgemeinschaften begehen? Zwei Experten – zwei Standpunkte.

Pro & Contra
© Florian Nütten

Kinder sollten früh gesellschaftliche Vielfalt erleben.

Im Rahmen der zunehmenden Interkultur gibt es auch in Kita und Tagespflege kaum noch rein christliche Kindergruppen. Deshalb ist es an der Zeit, dass Einrichtungen zwar christliche Traditionen wahren, sich aber gleichzeitig auch für Bräuche anderer großer Religionsgemeinschaften wie des Islams oder des Judentums öffnen. Anders formuliert: Um Gemeinsinn und Zusammenhalt zu fördern, sollte es für Kinder nichts Besonderes mehr sein, dass Aktionen zu St. Martin, Nikolaus und Weihnachten selbstverständlich ergänzt werden durch entsprechende Feierlichkeiten anderer Religionen. Wie (und was) feiern jüdische Familien an Chanukka? Und was bedeutet es, den islamischen Fastenmonat Ramadan zu begehen? Wenn wir solchen Fragen schon mit Kleinkindern altersgerecht auf den Grund gehen, wachsen die Mädchen und Jungen spielerisch in eine von Vielfalt geprägte Gesellschaft hinein. Sie erleben früh, wie Traditionen anderer Religionen und Kulturen in der Kita stattfinden, respektiert und geachtet werden – das fördert bestenfalls ihre lebenslange Fähigkeit, offen und tolerant auf Neues zuzugehen. Eltern mit Migrationshintergrund berichten meist gerne von ihren religiösen Bräuchen, wie z. B. dem islamischen Zuckerfest, das sich in Kita und Tagespflege besonders gut feiern lässt. Bitten Sie sie doch darum, zum nächsten Elternabend Fotos vom Zuckerfest mitzubringen. Diese können Sie dann nutzen, um ein entsprechendes Kita-Projekt vorzustellen. Sicher birgt so eine interreligiöse Aktion auch noch jede Menge Lernpotenzial für die anwesenden Eltern und hilft nicht zuletzt auf dieser Ebene, gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Christliche Feste für alle Kinder erfahrbar machen.

Ich bin nicht dafür, jedes Fest von jeder Religionsgemeinschaft in der Kita zu feiern – allein schon, weil das bei Festen anderer Kulturen schnell zur gut gemeinten Parodie werden kann, nach dem Motto: „Wir spielen jetzt das Opferfest nach.“ Stattdessen plädiere ich dafür, etwa Weihnachten, Nikolaus und St. Martin als Angebot an alle in der Kita vertretenen Kulturen zu gestalten. Das ist einfacher, als mancher denken mag: Diese Feste werden schon lange in einer Weise gefeiert, die nur geringen Bezug zu den religiösen Hintergründen hat. In der Bibel werden die Menschen weder dazu aufgefordert, Schokolade in Stiefeln zu verstecken, noch Plätzchen zu backen oder mit Laternen spazieren zu gehen. All das ist vielmehr Ausdruck einer Volkskultur, oft ohne Religionsbezug: Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen gehören noch einer christlichen Kirche an, nur etwa 13 % gelten als praktizierende Christen – aber Weihnachten feiern dennoch große Teile der Bevölkerung. Gute Feste sind Einladungen an alle! Wenn wir sie offen anlegen, eignen sie sich für Kinder und Eltern aller Glaubensrichtungen. Auf die Frage, ob es muslimische Familien stören würde, z. B. an Feierlichkeiten zu Ehren St. Martins teilzunehmen, antwortete der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek: „Das Leben von St. Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime. Der Gedanke des Teilens spielt im Islam eine große Rolle.“ Diese Aussage bekräftigt: Wir müssen „unsere“ Feste so feiern, dass sie auch für Menschen anderen Glaubens oder Menschen ohne Konfession einen Wert haben.  

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