Ein Interview mit Gabriele Haug-SchnabelWie Sie riskantes Spiel begleiten

Bewegungserfahrungen fördern die kindliche Entwicklung auf vielfältige Weise. Inwiefern Kleinstkinder aber die Möglichkeit haben, diese zu sammeln, hängt in erster Linie von ihrer sozialen Umwelt ab.

Wie Sie riskantes Spiel begleiten
© Harald Neumann, Freiburg

Entwicklungsgemäße Herausforderungen bergen ein beeindruckendes Bildungspotenzial für Kleinkinder. Was müssen pädagogische Fachkräfte beachten, um Kinder einerseits bei diesen Herausforderungen zu unterstützen, sie aber andererseits vor echten Risiken zu behüten?
Eine große Frage in der Forschung ist, ab wann Kinder Risiken wahrnehmen. Dazu braucht es eine gewisse körperliche und physikalische Vorerfahrung. Zu Beginn unterscheidet ein Kind nur zwischen bekannten und unbekannten Situationen und es merkt schnell: Es gibt Dinge, die mir leicht fallen, und andere, die mir Mühe machen. Sie merken aber auch: Da hat jemand ein Auge auf mich. Ich kann mich ausprobieren und mich auf diese Person verlassen.

Welche Rolle spielen Erwachsene in solchen Situationen? Welche Unterschiede gibt es?
In erster Linie sind die individuellen Unterschiede zwischen den Kindern groß, ob und inwieweit sie sich beim Erwachsenen durch Blicke rückversichern. Ich unterscheide hier zwischen „bewegungsscheuen“ und „bewegungsunerfahrenen“ Kindern: Bei Beobachtungen in Kitas stellen wir fest, dass bewegungsscheue Kinder eher zum ängstlichen Elternteil oder zur vorsichtigen Fachkraft schauen, um sich rückzuversichern, während bewegungsunerfahrene Kinder mehr zur ermutigenden Bezugsperson blicken bzw. sich an Herausforderungen der anderen Kinder orientieren. Wesentlich ist hier die Reaktion des Erwachsenen auf das Verhalten des Kindes: Eine Fachkraft, die einen Zweijährigen beim Kletterversuch mit ihren Worten ängstigt, lässt beim Kind dieses innere Bild – den Absturz und den Schmerz – vor Augen treten, das es zu vermeiden gilt. Vielmehr helfen unterstützende Hinweise: „Da links ist ein stabiler Ast, an dem kannst du dich festhalten, der trägt dich.“

Gehen Eltern und Fachkräfte dabei in verschiedener Weise auf Mädchen und Jungen ein?
Vor einigen Jahren hätte man diese Frage eindeutiger beantworten können. Da wurde den Mädchen theoretisch erklärt, wo die Gefahrenstellen sind, und sie zur Vorsicht ermahnt. Den Jungen wurde nachgeschrien: „Wehe, du fällst hin!“ Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen hat seitdem sicherlich die Erklärungskomponente zugenommen. Es fehlt jedoch an Erkenntnissen, warum manche Kinder bewegungsfreudiger sind als andere. Liegt es daran, dass das Kind ein Mädchen oder ein Junge ist? Oder sind es die Bewegungserfahrungen, welche die Erwachsenen – Eltern sowie pädagogische Fachkräfte – dem Kind zutrauen und vor allem schon zugestanden haben? Wichtig ist die Erkenntnis: Manche Mädchen sind bewegungsfreudig, manche nicht – und genauso ist es bei den Jungen! Reagieren Erzieherinnen und Erzieher bzw. Väter und Mütter auf das riskante Spiel der Kinder anders? Alte Studien belegen recht deutlich Geschlechterunterschiede in den Reaktionen der Erwachsenen. Diese Unterschiede können in aktuellen Studien aber nicht mehr nachgewiesen werden. Manche Mütter nehmen heutzutage ihrem Kind gegenüber eine sehr ermutigende Rolle ein. Auf der anderen Seite gibt es die berufstätigen „Wochenend-Väter“, die weniger Zeit mit ihrem Kind verbringen und das Kind daher nicht so gut kennen wie die Mütter. Hier merkt man, dass manche dieser Väter eher vorsichtig mit ihrem Kind umgehen und z. T. echte Risiken mangels Erfahrung nicht erkennen.

Gibt es weitere Aspekte, die sich bezüglich des riskanten Spiels im Laufe der Zeit geändert haben?
Was sich sicherlich geändert hat, ist die Einstellung der Bezugspersonen. Da hieß es vor einigen Jahren beim kindlichen Spiel noch: „Das geht nicht gut! Du wirst dir wehtun!“ Statt nur auf die Gefahren hinzuweisen, sensibilisieren die Erwachsenen heute eher die Kinder für die Herausforderung. Hier reicht eine Aussage wie „Die Stufe ist aber hoch“ oder „Schau mal, das ist jetzt ein steiniger Boden, der ist nicht mehr aus Holz“. Solche Bemerkungen verstehen schon die Jüngsten und sie reagieren individuell darauf. Es ist auch deutlich zu merken, dass das Interesse der Eltern am Bildungsbereich Bewegung zugenommen hat. Da häufen sich bei der Anmeldung des Krippenkindes die Fragen nach der Qualität des Außengeländes und der Möglichkeit, sich draußen zu bewegen.

Gibt es einen Turnraum oder eine Bewegungsbaustelle?
Die Eltern legen heutzutage viel Wert darauf, dass das Kind z. B. wetterunabhängig rausgeht und dass verschiedene Fahrzeuge vorhanden sind.

Welche Vorteile für die Bewegungserziehung bieten hier die Krippe und die Kindertagespflege?
Im familiären Umfeld haben Kinder nur selten die Chance, mit mehreren Gleichaltrigen zu interagieren und diese als Bewegungsvorbild zu nutzen. Denn Krippenkinder orientieren sich in großem Maße an ihren Peers. Bei einer Krippengruppe bewegungsfreudiger Gleichaltriger suchen sich bewegungsscheue und -unerfahrene Kinder Modelle in der Gruppe, von denen sie lernen können. Mit der richtigen pädagogischen Begleitung steigern diese Kinder ihr Bewegungsrepertoire. Die Vielzahl anderer Kinder bietet einerseits den Ansporn, sich weiterzuentwickeln; andererseits können aber auch Ängste zwischen den Kindern weitergegeben werden. In einer Gruppe vorsichtiger Kinder orientieren sich auch die Kommentare der Erwachsenen am Bewegungsgrad der Großgruppe. Ein bewegungsfreudiges Kind wird hier schnell zum „Wilden“. Für solche Kinder ist es wichtig, dass es in jeder Krippe „Bewegungsexperten“ gibt: Fachkräfte, die ebenfalls Freude an Bewegung verspüren, diese mit den Kindern teilen und jedem einzelnen auch Herausforderungen zutrauen, sodass jedes Kind gemäß seiner eigenen Bewegungsentwicklung gefördert wird.  

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