Kinder mit Fluchthintergrund in der TagespflegeHier kann ich Fuß fassen

Während viele Kitas bereits Kinder mit Fluchthintergrund aufgenommen haben, hält sich deren Betreuung in der Tagespflege noch in Grenzen. Dabei bietet gerade die Kindertagespflege viele Vorteile für diese Kinder und ihre Familien.

Hier kann ich Fuß fassen
© Kaniz Sheikh - Pexels

Viele Menschen haben aufgrund von Hungersnot, Krieg oder politischer Verfolgung ihre Heimat verlassen und kommen mit der Hoffnung auf eine sichere Zukunft nach Deutschland. Oft von traumatischen Erlebnissen und einer lebensgefährlichen Reise geprägt, stehen sie nun vor der Herausforderung, in Deutschland Fuß zu fassen und sich in einer noch fremden Gesellschaft zurechtzufinden. Sie stehen unter dem Druck, die deutsche Sprache zu lernen und sich mit der deutschen Lebensweise vertraut zu machen. Diese Menschen brauchen Ankerpunkte, die ihnen dabei helfen, ihre nunmehr zwei Kulturen miteinander zu verbinden. Die Kindertagespflege kann ihnen solche Ankerpunkte bieten und ist daher oft eine gute Alternative zu institutionellen Betreuungsangeboten.

Eine echte Alternative

In erster Linie zeichnet sich die Tagespflege durch kleine, gut überschaubare Kindergruppen aus. Dies kann von Vorteil sein, wenn Flüchtlingskinder bspw. vom Trubel in einer großen Kita überfordert wären. Außerdem ist dadurch ein engerer und vertrauterer Kontakt zur Betreuungsperson möglich. Oft besteht in der Tagespflege eine große Altersmischung – von dem Kontakt zu Kindern unterschiedlichen Alters können Kinder mit Fluchterfahrung ebenfalls profitieren, indem sie z. B. von den Älteren rasch die deutsche Sprache lernen.
Da die Tagespflegeperson häufig selbst die Mahlzeiten für die Kinder zubereitet, kann sie leicht auf individuelle, evtl. kulturell bedingte Essgewohnheiten eingehen.
Die Tagespflege ermöglicht außerdem einen intensiven und persönlichen Austausch zwischen der Fachkraft und den Eltern des Kindes. Hier sind die Eltern mit deutlich weniger anderen Elternpaaren konfrontiert als in der Kita und haben dadurch evtl. weniger Hemmungen, aktiv das Gespräch mit der Tagespflegeperson oder den anderen Eltern zu suchen und ihre Fragen oder Bedürfnisse zu äußern. Sowohl für das Kind als auch für die Eltern kann es wertvoll sein, die tägliche Einbindung in einen Privathaushalt zu erleben: Sie lernen eine von vielen verschiedenen Lebensformen kennen und erleben, wie Familienstrukturen in Deutschland aussehen können und welche kulturellen Besonderheiten es geben kann. Die Tagespflege wird hier zu einer wichtigen Eingliederungsinstanz.

Ankommen und Ruhe finden

Viele Kinder, die mit ihren Familien geflohen sind, haben die eigene Angst und Ungewissheit sowie die der Eltern erlebt und sind von den Kriegserfahrungen aus ihrer Heimat traumatisiert. Zudem setzt der Aufenthalt in beengten Gemeinschaftsunterkünften gerade junge Kinder unter Stress.
Die Tagespflege ermöglicht genau diesen Kindern, zur Ruhe zu kommen und sich auf der Grundlage verlässlicher Strukturen neu zu entfalten. Ein gleichbleibender Tagesablauf, feste Rituale und klare Regeln bieten dem Kind Orientierung und entlasten es somit. Eine intensive Bindung zur Tagespflegeperson ermöglicht dem Kind, in geschütztem Rahmen zu explorieren, unbeschwert zu spielen und anregende Erfahrungen zu machen. Der regelmäßige Kontakt zu ihr und zu den anderen Kindern erleichtert es ihm außerdem, in der fremden Umgebung anzukommen und sich der deutschen Sprache anzunähern.

Zugang ermöglichen

In Deutschland hat die frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen – auch als Teil der Daseinsvorsorge, als integrative Instanz und als Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe aller Kinder. Allerdings müssen geflüchtete Eltern von diesem Angebot Kenntnis haben, um es für ihre Kinder in Anspruch nehmen zu können. Eine wichtige Aufgabe ist es daher, diese Menschen umfassend über das Angebot der Kindertagespflege zu informieren. Auch wenn der öffentliche Träger zur Beratung verpflichtet ist, zeigt sich doch in der Praxis, dass die Umsetzung dieser Verpflichtung mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Neben der Sprachbarriere zwischen Deutschen und anderssprachigen Menschen mit Fluchterfahrung ist es vor allem schwierig, den Eltern das Bildungs- und Betreuungsangebot als Mehrwert für sie und ihre Kinder im Kontext der gesellschaftlichen Integration zu vermitteln. Es ist für viele Geflüchtete nicht einfach zu verstehen, dass es sich hier um ein Angebot des Sozialstaates handelt, das sie und ihre Kinder unterstützt.

Eine Frage der Haltung

Ein gesellschaftliches Miteinander bedarf der aktiven Gestaltung und ist eine wichtige Aufgabe aller beteiligten Akteure. Die elementare Bildung, Erziehung und Betreuung hat dabei eine enorme Bedeutung, denn hier finden erste Kontakte zwischen Familien aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen statt, hier wird der Grundstein für eine gelingende Integration und für gleiche Bildungschancen gelegt. Auch in der Tagespflege bringt dieser Umstand zahlreiche Herausforderungen an die Fachkraft mit sich: von der Verständigung mit nicht deutsch sprechenden Eltern und Kindern über interkulturelles Hintergrundwissen bis hin zum Umgang mit traumatisierten Kindern. Die Fachkraft sollte eine klare pädagogische Haltung haben: Sie muss kultursensibel sein, ihr pädagogisches Handeln und eventuelle Vorurteile kritisch reflektieren und den Kindern sowie ihren Eltern wertschätzend und tolerant gegenübertreten. Aus diesem Grund sind vielfältige unterstützende Angebote für Tagespflegepersonen unabdingbar. Hierzu gehören Fortbildungen und regelmäßige Fachberatung, Förderprogramme und Supervision, aber auch ein reger Austausch mit Kollegen in den Tageselterngruppen. Auch im Internet sind zunehmend Texte, Arbeitsmaterialien, Ratgebervideos u.v.m. zur Arbeit mit geflüchteten Familien zu finden.

Ein Neuanfang

Familien mit Fluchterfahrungen tun sich in Deutschland mitunter schwer damit, ihre Kinder in die Obhut von Institutionen zu geben – sei es, dass sie im Herkunftsland keine (guten) Erfahrungen mit staatlichen Betreuungsund Bildungsangeboten gemacht haben, dass sie aufgrund traumatischer Erfahrungen von Verlustängsten belastet sind oder dass es nicht ihren Vorstellungen entspricht, sehr junge Kinder in einer Einrichtung betreuen zu lassen. Gleichzeitig wünschen sie sich ebenso wie alle anderen Eltern, dass es ihren Kindern gut geht. Das übersichtliche, familiennahe Setting der Tagespflege kann für diese Eltern deshalb eine wertvolle und niederschwellige Alternative zur Kita sein.

Die Tagespflege in Deutschland

Der Anteil der Kindertagespflege an den Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren liegt bei rund 15 %. In jeder fünften Familie, die dieses Angebot in Anspruch nimmt, wird vorrangig nicht deutsch gesprochen bzw. verfügt mindestens ein Elternteil über eine ausländische Herkunft (Statistisches Bundesamt 2016). Der vermehrte Zuzug Geflüchteter könnte dem Arbeitsfeld Auftrieb geben – sowohl mit Blick auf das quantitative Angebot als auch auf die Professionalisierung der Tagespflegepersonen.

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