Erster StresstestTagebuch einer Leitungseinsteigerin (2)

Mitarbeiter*innengespräche führen, Feste planen, Spielzeugvertreter abwimmeln – vor Susanne Finger liegt eine Zeit voller neuer Aufgaben und Herausforderungen, aber auch amüsanter Erlebnisse. Welche das sind, hält sie in ihren Tagebuchaufzeichnungen fest.

Erster Stresstest: Tagebuch einer Leitungseinsteigerin
© picjumbo_com - pixabay

Happy easter, 29.03. 2018

Ostern ist in unserer Kita ein wichtiges Fest, über das wir schon Wochen zuvor im Team sprechen. Vorab gibt es einige organisatorische Aufgaben zu verteilen. Super, dass ich mich auf meine Teammitglieder verlassen kann. So bestellt eine Kollegin im Vorfeld die hartgekochten Eier und übernimmt das Fotografieren, eine andere bastelt das Geschenk für die Familie, die uns ihre Hasen überlässt. Ich stelle immer wieder fest, dass eine gute Vorbereitung, eine genaue Arbeitseinteilung und ein schriftliches Konzept die besten Voraussetzungen für eine gelungene Festgestaltung sind.
Am Gründonnerstag versammelt sich die gesamte Kita im Bewegungsraum. Die Familie eines Kindes bringt uns vier kleine Häschen mit, die uns noch schüchtern ansehen. Wir singen deshalb mit besonders zarter Stimme „Ostereier schmecken lecker“. Ich erzähle, dass mir am Morgen durch die Bürotür ein Brief zugeschoben wurde. Da sich auf dem Umschlag der Abdruck einer Pfote befindet, können sich die Kinder schnell denken, wer uns Post hinterlassen hat – der Osterhase! Ich lese den gereimten Brief vor und freue mich, dass er bei den Kindern gut ankommt. Jede Bezugsgruppe bildet einen Kreis um die Häschen in der Mitte und trägt ein Osterstück als Gedicht, Fingerspiel oder Lied vor. Danach holen vier Kolleginnen die Hasen vorsichtig aus dem Stall, damit die Kinder sie streicheln können. Für die meisten Kinder ist das ein besonderer Moment, denn nicht alle haben ein Tier zu Hause. Zum Abschluss suchen wir gemeinsam nach den bunten Ostereiern.

Nein danke, ich möchte nichts kaufen, 10.04. 2018

Eigentlich bin ich ein großer Fan von Freundlichkeit und Geduld. Ruft aber der fünfte Spielzeug-, Bastelmaterial- oder Zeitschriftenvertreter an, wird es doch kritisch. Liebe Leute, Zeit ist kostbar und ich habe wirklich jede Menge zu tun. Sie rufen an und sagen geschickterweise nicht gleich, dass sie Vertreter sind, um mit mir verbunden zu werden. Klar, es ist ihr Job, mir etwas zu verkaufen. Deshalb sollte ich in gewissem Maße respektvoll und freundlich bleiben. Mittlerweile habe ich jedoch gelernt, konsequent auch „Nein“ zu sagen und ein Gespräch höflich, aber bestimmt zu beenden. Was im Übrigen sehr gut funktioniert: ehrlich sein, auf die knapp bemessene Zeit hinweisen, Misstrauen äußern oder direkt in die Konfrontation gehen: „Natürlich dürfen Sie mir etwas darüber erzählen – solange Sie mir nichts verkaufen wollen.“ Man ist nicht unhöflich, nur weil man kein Zeitschriftenabo abschließen oder keine telefonischen Angebote für Spielsachen und Bastelzubehör erhalten möchte.

Ich glaub, ich krieg die Krätze, 03.05. 2018

Ruhe bewahren! Eine Mutter ruft völlig aufgelöst an, bei ihrem Kind sei die Krätze festgestellt worden. Ihr ist das schrecklich unangenehm und ich muss sie erst einmal beruhigen. Die Kolleg* innen sind ziemlich verunsichert und ich selbst hatte bisher auch noch nichts mit so einem Krankheitsfall zu tun. Jetzt gilt es, systematisch vorzugehen. Bis ich am Telefon das Gesundheitsamt erreiche, hole ich mir erste Infos im Internet. Klingt alles wenig erfreulich, aber trotzdem längst nicht so dramatisch wie der Name der Krankheit selbst. Krätze ist meldepflichtig – dachte ich mir fast, aber ich würde mir bei ungewöhnlichen Krankheitsfällen sowieso immer Rat beim Gesundheitsamt holen.
7:58 Uhr. Nach dem Schreck am Morgen endlich eine positive Erfahrung. Der Ansprechpartner vom Amt ist klasse: freundlich mit dezentem Humor, kompetent und verständnisvoll. Geduldig erklärt er mir alles über die lästigen Krätzemilben. Meine Meldung kann ich telefonisch abgeben und erhalte per E-Mail ein Merkblatt und einen Infobrief für die Eltern, den ich ausdrucke und aushänge. Die Eltern müssen ein Attest vorlegen, ehe ihr Kind wiederkommen darf. Nach zwei Tagen Salbenanwendung wäre das der Fall – okay! Wenigstens wird man die Krätze schnell wieder los. Textilien wie Kissen, Decken und Kuscheltiere kommen in den Gefrierschrank und in luftdichte Säcke. Einen Spielbereich mit Teppich lasse ich sperren und spreche mit allen Mitarbeiter* innen. Eine glaubt, bereits einen Ausschlag zu haben – ab zum Arzt! Später aber zum Glück Entwarnung.
Mitten im Mini-Chaos klopft es an meiner Bürotür: der Mitarbeiter von „Mensch inklusive“, der eine Frau mit kognitiver Beeinträchtigung betreut, die bei uns arbeiten soll. Wir hatten einen Termin für 9 Uhr vereinbart. Oh je, heute früh hatte ich noch daran gedacht. Nun gut, ich sage einfach, wie es gerade ist. Vollstes Verständnis auf der Gegenseite. Was folgt, ist ein nettes Gespräch, in dem ich einiges über das Programm erfahre. Wir sprechen über Stärken und Schwächen der Mitarbeiterin, über unsere Zusammenarbeit und die regelmäßigen Besuchstermine. Schließlich bekomme ich noch die Kontaktdaten des Betreuers und einen Flyer der Lebenshilfe. Ich bin begeistert – so muss Inklusion aussehen!

Praxistest Beschwerdemanagement, 04.05. 2018

Wie schon erwartet meldet sich eine Mutter telefonisch wegen des Krätzefalls. Sie fragt, wie es denn sein könne, dass in unserer Einrichtung so etwas aufträte, und ob ich wisse, was das bedeute. Obwohl sie alles andere als freundlich ist, schaffe ich es, ruhig und höflich zu bleiben. Ich zeige Verständnis für ihre Sorgen, mache aber deutlich, dass Panik fehl am Platz ist und nicht weiterhilft. Ich gebe Infos zum Krankheitsbild und zu unseren Maßnahmen. Als sie trotzdem überlegt, ihr Kind die nächsten 2-3 Wochen zu Hause zu lassen, melde ich offen meine Bedenken an. Das Gespräch verläuft positiv. Sie beruhigt sich und bedankt sich sogar. Ich stelle fest, wie wichtig es ist, in solch heiklen Situationen Sicherheit auszustrahlen und selbst gut informiert zu sein.

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