Volle Aufmerksamkeit"Aktives Zuhören" als Methode zur Förderung emotionaler Kompetenzen

Bin ich ärgerlich oder wütend? Oder überrascht und traurig? Eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen ist ein großes Lernthema für Kinder. Pädagogische Fachkräfte, die aktiv zuhören, unterstützen Kinder dabei.

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© Harald Neumann, Freiburg

Der Beitrag in 150 Wörtern

Aktiv zuhören bedeutet, sich durch Laute („mhm“), gestische und mimische Elemente Kindern zuzuwenden, ihre Gefühle wahrzunehmen, gegebenenfalls zu erfragen und diese dann zu benennen. Zu erkennen, was man fühlt, ist Basis dafür, mit den eigenen Emotionen gut umgehen zu können. Fachkräfte können Kinder dabei unterstützen, indem sie die Methode „Aktives Zuhören“ – ganz nebenbei, immer wieder – anwenden. 

Die alltäglichen sozialen Interaktionen fordern alle Kita-Kinder auf der emotionalen Ebene heraus:1 Sie sollen und müssen Spielzeug teilen, sie streiten, schließen Kompromisse und Freundschaften usw. Und genauso abwechslungsreich sind die Gefühle, die die Kinder in solchen Situationen erleben.2

Viele Emotionen sind verwirrend

Gemütsbewegungen sind nicht immer eindeutig und oftmals wissen Kinder noch nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Erst im Laufe ihrer Entwicklung erwerben Kinder Fertigkeiten darin, Emotionen verbal auszudrücken, zu verstehen und zu regulieren. Diese Fertigkeiten helfen dabei, einen gesellschaftlich angemessenen Umgang mit Affekten zu finden.3 Erwachsene können Kinder ebenfalls helfen, sich in der (eigenen) Gefühlswelt zurechtzufinden. Es gibt mehrere Methoden, die Entwicklung emotionaler Kompetenzen zu fördern: Bilderbücher betrachten, kleine Spiele wie Gefühlsmemory spielen oder auch Projekte lancieren. Die emotionale Entwicklung ist für mich ein Querschnitt-Thema, ich kann die dazugehörigen Fähig- und Fertigkeiten in sämtlichen Situationen fördern und ihre Entwicklung unterstützen. Eine besondere, liebe- und respektvolle Begleitung benötigen Kinder in akuten und hochemotionalen Situationen. Aufgabe der Fachkräfte ist es, genügend Raum für Gespräche und Möglichkeiten für Reflexion zu bieten. Oft erhalten Kinder erst dadurch die Chance, sich aktiv mit dem Erlebten und ihren Emotionen auseinander zu setzen. Eine Variante, Gespräche wertschätzend und gezielt mit dem Schwerpunkt Emotionen zu führen, bietet die Gesprächstechnik „Aktives Zuhören“. Das „Aktive Zuhören“ stammt aus der klientenzentrierten Psychotherapie und wurde 1924 von dem Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers entwickelt. Bis heute wurde die Gesprächstechnik vielfach weiterentwickelt und wird nun in verschiedenen Bereichen angewendet. 4 Zum Beispiel in Beratungskontexten (systemische Beratung oder Elterngespräche in der Kita) oder im Bereich der Mitarbeiter/- innen-Führung: Ein Ziel in diesem Zusammenhang ist es, die Interessen und Bedürfnisse der Mitarbeiter/-innen herauszuarbeiten, das Vertrauen zwischen Arbeitnehmer/-innen und Arbeitgeber/-innen zu stärken und so die Zusammenarbeit zu stärken. Im frühpädagogischen Bereich bedeutet „Aktives Zuhören“, dass die Fachkraft eine empathische Haltung gegenüber dem Kind einnimmt, sich auf seine Gefühle konzentriert, sie heraushört und verbal ausdrückt. Die Worte der Fachkraft helfen den Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Im Dialog geht es deshalb darum, Empfindungen und Wahrnehmungen zu benennen, damit das Kind er- und bekennen kann, was es empfindet – ohne dass der Erwachsene und das Kind die Situation bewerten.5 So erhält das Kind die Möglichkeit, die Reaktion der Fachkraft zu reflektieren und deren Aussage zuzustimmen oder sie zu verbessern. Wichtig ist, dass die Fachkraft offen und empathisch ist sowie gegenüber dem Kind/den Kindern authentisch und kongruent auftritt.

Ein Beispiel

Die 5-jährige Marie schmeißt Sand auf ihre Freundin Jana. Marie verlässt anschließend den Sandkasten und setzt sich allein auf eine Bank unter den Baum. Die pädagogische Fachkraft beobachtet die Situation, vergewissert sich zunächst, dass es Jana gut geht, und setzt sich dann zu Marie auf die Bank.

Päd. Fachkraft: Magst du mir erzählen, was los ist?

Marie: Mhm. (Schaut auf den Boden) Die Jana will nur noch mit Anton spielen. Mit mir gar nicht mehr. Das ist doof. Dann habe ich keinen zum Spielen.

Päd. Fachkraft: Okay. Also, wenn ich dich richtig verstanden habe, möchte Jana heute mal mit Anton spielen und das macht dich traurig?

Marie: Ja, immer nur Anton, Anton, Anton. Die ist doch meine Freundin. (Fängt an zu weinen)

Päd. Fachkraft: Mhm. (nickt verständnisvoll)

Marie: Und ich habe jetzt keinen mehr zum Spielen. Deshalb bin ich auch sauer auf Anton. Der sagt, ich darf nicht mitspielen.

Päd. Fachkraft: Aha. Das klingt für mich so, als ob du traurig bist, weil Jana heute mit Anton spielen möchte, und du wütend auf Anton bist, weil er dich nicht mitspielen lässt. Habe ich dich da richtig verstanden?

Und so geht’s!

Das „Aktive Zuhören“ hat drei Komponenten, die in ihrer Intensität und Kombination variabel sind:6

  1. Non- und Paraverbale Elemente: Durch Laute, Mimik und Gestik wird den Kindern die ungeteilte Aufmerksamkeit suggeriert. Hierzu zählen Lautäußerungen wie „aha“, „ja“, „mhm“ und auch mimische und gestische Elemente wie nicken, anschauen, lächeln und eine zugewandte Körperhaltung.
  2. Paraphrasieren: Das heißt, den Kern einer Aussage mit eigenen Worten wiederzugeben. Dies signalisiert den Kindern, dass die Aussage verstanden wurde beziehungsweise was von dem Erzählten verstanden wurde. Indem der Erzieher oder die Erzieherin zusammenfasst, bietet er oder sie dem Kind/den Kindern die Gelegenheit, sich selbst zu reflektieren und unter Umständen das Gesagte zu korrigieren oder zu ergänzen. Zudem regt diese Komponente an, weiterzuerzählen. Mögliche Satzanfänge sind: „Ich habe verstanden, dass …“, „Okay. Das heißt, dass …“, „Ich fasse mal kurz zusammen: …“.
  3. Verbalisieren emotionaler Inhalte: Der Erzieher oder die Erzieherin äußert die Emotion(en), die die Kinder/das Kind nicht ausspricht. Auch so haben Kinder/hat das Kind wieder die Gelegenheit, sich selbst zu reflektieren und gegebenenfalls Korrekturen vorzunehmen. Mögliche Satzanfänge sind: „Wenn ich dir zuhöre, bekomme ich den Eindruck, dass …“, „Das klingt für mich, als ob …“.

Als Leserin oder Leser stellen Sie nun sicher fest, dass Sie die eine oder andere Komponente bereits (unbewusst) anwenden. Wenn Sie Ihre dialogische Haltung weiterentwickeln, stärken, ausbauen oder verbessern möchten, dann lade ich Sie herzlich dazu ein, in den nächsten Wochen ganz bewusst Situationen zu nutzen, um die drei Aspekte auszuprobieren und auf diese Weise die emotionale Gefühlslage der Kinder gemeinsam mit Ihnen herauszuarbeiten. Indem Sie sachlich spiegeln, was die Kinder empfinden, unterstützen Sie ganz nebenbei die Entwicklung emotionaler Kompetenzen.

Das „Aktive Zuhören“ …

… ermöglicht den Kindern einen Zugang zu den eigenen Emotionen.
… sensibilisiert sie für die Gefühle anderer Menschen. … ermöglicht es, einen eigenen Lösungsweg in Konfliktsituationen zu finden. … lässt Kinder Wertschätzung empfinden und stärkt ihr Selbstwertgefühl.7

Mit dem „Aktiven Zuhören“ …

… können Fachkräfte sich einem Kind oder mehreren Kindern mit besonderer Aufmerksamkeit zuwenden.8

Was sind Gefühle?

Im Gespräch mit den Kindern tauchen oft Fragen auf wie: Was ist Freude? Wie ist Freude? Was ist Ärger? Wie ist Ärger? Gut bewährt hat es sich, sich die Zusammensetzung von Emotionen bewusst zu machen und mit den Kindern zu besprechen. Die Zusammensetzung von Emotionen am Beispiel von Freude:9 Tatsächliches Gefühl: fühlt sich gut an
Anlass des Gefühls: Geburtstag
Bewertung: Geschenke gefallen
Körperliche Reaktion: Kribbeln im Bauch
Emotionsausdruck: Lächeln 

Die emotionale Entwicklung unterstützen

Wenn Erzieher und Erzieherinnen ...

  • mit den Kindern über Gefühle sprechen (Aktives Zuhören),
  • mit Gefühlen aller respektvoll und angemessen umgehen (Aktives Zuhören),
  • mit den Kindern geduldig sind und ihnen vertrauen,
  • ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und
  • die Kinder bei der Regulation ihrer Gefühle unterstützen,10

dann fördern sie die Entfaltung emotionaler Kompetenzen.

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