Zertifikate schränken die pädagogische Handlungsfreiheit einEine kritische Stellungnahme von Dr. Sonja Damen

Eine kritische Stellungnahme zur Zertifizierungswelle in deutschen Kitas von Dr. Sonja Damen

In den letzten Jahren hat die Bedeutung der Außendarstellung von Kindertageseinrichtungen einen enormen Stellenwert erreicht, der kritisch hinterfragt werden sollte. Dass Kitas ihre pädagogischen Schwerpunkte hervorheben und die Besonderheiten ihrer Arbeit nach außen kommunizieren, ist berechtigt. Dies ist ein wichtiges Mittel, um mit den Eltern in einen Dialog über die Veränderungen der pädagogischen Arbeit zu kommen. Doch ein Zertifikatsschild an der Hauswand der Kita garantiert keineswegs, dass dieser Dialog auch stattfindet. Zudem fällt immer häufiger auf, dass Kitas nicht nur ein Zertifikat auswählen, sondern sich zunehmend gleich mehrere Schilder wie an einer Kette aufreihen. Damit entstehen zum einen Missverständnisse bei den Eltern.

Eltern nehmen solche Zertifikate ernst. Das ist ihr gutes Recht. Doch könnten sie im Umkehrschluss daraus folgern, dass eine Kita ohne Zertifikat schlechte pädagogische Arbeit leistet. Und genau das wäre fatal. Wenn der Wert einer Kindertageseinrichtung nur noch danach bemessen würde, welche oder wie viele Zertifikate aushängen, wäre das katastrophal. Wer dagegen den Kern der pädagogischen Bildungsarbeit, nämlich die Beziehungsgestaltung zum Kind hervorhebt, kann damit bei den Eltern kaum punkten. Damit wird klar, dass Eltern mit dem Zertifikat zusätzliche Bildungserwartungen verknüpfen, deren Erfüllung sie einfordern.

Zum anderen entstehen Fehleinschätzungen seitens der Kita zu den Auswirkungen der Zertifikate auf die tägliche Arbeit. Je mehr Zertifikate erworben wurden, desto mehr Bedingungen sind zu erfüllen. Zunehmend ist zu beobachten, dass Zeiten und Räume (oft ist es der wichtigste Raum: der Bewegungsraum!) geblockt werden müssen für Angebote, die das Zertifikat einfordert. Die pädagogische Arbeit wird so auf den Gruppenraum beschränkt, in dem im schlimmsten Fall alle Bedürfnisse der Zwei- bis Sechsjährigen erfüllt werden müssen. Führt die Zertifizierungswelle somit zu einer neuen Form der Angebotspädagogik? Die pädagogische Freiheit, flexibel das Raum- und Materialangebot an den Themen und Bedürfnissen der Kinder zu orientieren, verengt sich bis zur Bewegungsunfähigkeit.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass jedes Zertifikat eine Dokumentationsflut verursacht, die neben den ohnehin zu leistenden Dokumentationsanforderungen eine zusätzliche Belastung darstellt und somit die pädagogische Arbeit mit den Kindern einschränkt. Und: Wer liest all die mühevoll erarbeiteten Berichte, Projektpräsentationen und Protokollsammlungen, die zur Re-Zertifizierung einzureichen sind? Natürlich belegen die Dokumentationen, dass die vergebenen Gelder Wirkung gezeigt haben. Aber es wird deutlich: Das Erlangen von Zertifikaten ist auch ein Kampf um materielle und finanzielle Ressourcen. Ein Zertifikat gewährleistet nicht zwangsläufig eine gute Bildungsarbeit. Schlimmer noch: Die Themen und Interessen der Kinder können aus dem Blick geraten. Aber gerade diese sollten immer im Zentrum der pädagogischen Bildungsarbeit stehen.

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