Dokumentationskoffer und 'Ich-Buch'Portfolioarbeit mit Kindern unter drei

Kinder unter drei zu beobachten und ihre Entwicklungsprozesse zu dokumentieren, bedarf einer altersentsprechenden Herangehensweise. Ein Bericht aus der Praxis stellt zwei Methoden vor und beschreibt die Erfahrungen damit.

Auf der Grundlage einer kontinuierlichen, differenzierten und systematischen Beobachtung werden in den Kindertageseinrichtungen der Rudolf-Ballin-Stiftung e.V. die Bildungsprozesse jedes einzelnen Kindes beschrieben und dokumentiert. Wir orientieren uns hierbei vor allem an den Interessen, Handlungen und Stärken des Kindes. Die Dokumentationen bilden die Grundlage für das pädagogische Handeln. Den unterschiedlichen Methoden und Verfahren ist gemeinsam, dass sie dazu dienen, individuelle Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Kindern wahrzunehmen, zu initiieren und zu begleiten. Eine allgemeingültige Herangehensweise an ein Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren kann es aus unserer Sicht nicht geben. Zu individuell sind beispielsweise Alters- und Herkunftsstruktur der Kinder und Familien, der Sozialräume und der Konzeptionen der Einrichtungen, auf deren Grundlage die jeweilige Methode erarbeitet werden muss. Für Kinder unter drei Jahren ist uns eine altersentsprechende Form der Dokumentation ihrer Entwicklung wichtig. Im Folgenden stellen wir exemplarisch die Dokumentationsverfahren aus zwei Einrichtungen vor.

Ein Koffer begleitet die Krippenzeit

In der Kita „Knirpse & Co“ genießen die jüngsten Kinder einen besonderen Schonraum. Sie benötigen unserer Erfahrung nach eine intensive Form der Fürsorge, Aufsicht und Bindung, aber auch genügend Raum für Eigenständigkeit, die durch eine angemessene Begleitung und eine passgenaue Tagesstruktur sichergestellt ist. Vor einigen Jahren haben wir nach einem geeigneten Dokumentationsverfahren für unsere Krippenkinder gesucht. Wichtig war uns dabei, eine Methode zu finden, die das Aufbewahren von Gegenständen ermöglicht, die schwer in einem Ordner bzw. einer Mappe abzuheften sind wie z.B. ein Schnuller, ein Spielzeugauto, eine kleine Cremedose, einen gefundenen Stein etc.
Wir erleben immer wieder, dass Kinder im Krippenalter sich sehr intensiv damit beschäftigen, Dinge ein- und auszuräumen, zu sortieren und in Kisten zu verpacken. Nach einigen Überlegungen, die von „Schatzkisten“ bis „Kinderkartons“ reichten, begegnete uns der sogenannte „Blanko-Koffer“ aus stabiler Pappe. Dieser schien ideal, um alle möglichen für das Kind wichtigen Dinge aufzubewahren. Durch die schlichte weiße Außenfarbe bietet er vielerlei Gestaltungsmöglichkeiten zum Bemalen, Bekleben und Verzieren, ganz nach den individuellen Vorstellungen des Kindes. Jedes Kind im Alter von null bis drei Jahren wird in unserer Einrichtung von seinem ‚Dokumentationskoffer‘ auf seinem Entwicklungsweg durch die Krippenzeit begleitet.

Der Dokumentationskoffer im Kita-Alltag

Während der Eingewöhnungsphase lernen die Kinder und Eltern den Dokumentationskoffer durch die Bezugserzieherin kennen. Sie erklärt den Sinn des Koffers und überreicht ihn. Auf der Außenfläche sind der Vorname und ein Foto des Kindes angebracht. Die Methode wird den Eltern und Kindern zu diesem Zeitpunkt auch durch andere Kinder ersichtlich, die von sich aus ihren Koffer zeigen und vorstellen. Während der gesamten Krippenzeit stehen die Doku-Koffer alle zusammen an einem zentralen Ort im Gruppenraum und sind für die Kinder leicht zugänglich. Inhaltlich dient der Doku-Koffer der Sammlung von verschiedenen Ergebnissen und kleinen Kunstwerken, die vom Kind angefertigt wurden, seinen Lieblingsspielzeugen und Alltagsgegenständen, Liedertexten und verschiedenen Materialien, die ihm besonders wichtig sind. Allen Utensilien und Gegenständen ist gemeinsam, dass sie während der Krippenzeit eine wichtige Rolle für das Kind gespielt haben oder spielen und das Kind deshalb entschieden hat, dass der Gegenstand im Koffer aufbewahrt wird. Häufig sind es Gegenstände, die für das Kind zu einem gewissen Zeitpunkt besonders wichtig sind bzw. waren wie z.B. der Schnuller.

Die wichtigsten Regeln:

  • Der Koffer ist Eigentum des Kindes.
  • Das Kind entscheidet, welche Dinge ihm wichtig sind und im Koffer aufbewahrt werden. Es entscheidet weiterhin über den Inhalt und die Gegenstände im Koffer und kann diese jederzeit wieder verändern.
  • Wer einen Koffer anschauen möchte, muss vorher den Besitzer um Erlaubnis bitten.

Einmal im Monat ist Koffer-Tag

An diesem Tag beschäftigt sich die gesamte Gruppe mit ihren Koffern. Die Kinder schauen sich den Inhalt ihres Koffers an, sammeln, sortieren, gestalten und zeigen sich gegenseitig ihre Werke. Von den Pädagoginnen werden sie dabei begleitet. Darüber hinaus hat jedes Kind selbstverständlich die Möglichkeit, auch zu anderen Zeiten, z.B. im Freispiel, sich mit seinem Koffer zu beschäftigen. Dabei beobachten wir, dass einige Kinder mit Freude und Stolz die Gelegenheit nutzen, ihren Eltern, Großeltern, Geschwistern oder anderen Vertrauenspersonen den eigenen Koffer vorzustellen. Anfragen an ein Kind, ob man sich seinen Koffer anschauen darf, werden nach unseren Beobachtungen nur selten abgelehnt. Festzustellen ist, dass die aufgestellten Regeln von allen Beteiligten selbstverständlich beachtet und eingehalten werden. Wenn das Kind nach seinem dritten Geburtstag in den Elementarbereich wechselt oder aus anderen Gründen die Kita verlässt, nimmt es seinen Koffer mit. Ein persönlicher Brief, der vom Team verfasst wird, berichtet individuell über die Krippenzeit des Kindes und ist auf die Vorlieben, Fähigkeiten, Besonderheiten und Erlebnisse ausgerichtet. Immer enthält der Brief einen Rückblick auf die Krippenzeit und einen Ausblick in die Zukunft. Als Geschenk wird der Brief mit in den Koffer gelegt. Hinzu kommen beispielsweise eine CD mit Liedern, die wiederholt gesungen wurden („Deine Hits in der Krippe“), Fotoalben oder Materialien und Dinge (z.B. Rasierschaum, ein Stück vom „Schnuffeltuch“), die für das Kind eine besondere Bedeutung hatten.

Unsere Erfahrungen

Die Erfahrungen zeigen, dass der Doku-Koffer eine geeignete Dokumentationsform für Krippenkinder während der Kitazeit ist. Durch diese Methode gelingt es, das Selbstbewusstsein des Kindes zu stärken. Die Kinder lernen so ihre Fähigkeiten und Stärken kennen, stabilisieren bzw. erweitern im Umgang mit unterschiedlichen Materialien in der Gestaltung ihre Feinmotorik, werden motiviert, den angemessenen Umgang mit verschiedenen Materialien zu üben, lernen Entscheidungen zu treffen und fühlen sich insgesamt wertgeschätzt. Zusätzlich kann diese Methode die Sprachentwicklung verbessern. Die Kinder werden angeregt, sich über „die Reise ihres Koffers“ zu äußern und zu erzählen. Das Dokumentationsverfahren gibt ihnen darüber hinaus die Möglichkeit, eigene Entwicklungsschritte, z.B. anhand von älteren und aktuellen Fotos, zu erkennen und zu benennen. Für die Pädagoginnen ist es eine geeignete Methode, mit Kindern den Kontakt zu intensivieren und die Beziehungen zu stärken. Fähigkeiten und Förderbedarfe können so beobachtet und erkannt werden, was eine gezielte Abstimmung in Bezug auf individuelle Angebote mit sich bringt. Die Beobachtungen mit dem Doku-Koffer unterstützen die Pädagoginnen bei der Anfertigung von Entwicklungsberichten und er dient (bei Einverständnis des Kindes) als Unterstützung der Elternarbeit. Für die Fachkräfte und die Eltern werden Entwicklungsschritte, aber auch Stagnationen und ein evtl. aktueller Förderbedarf bestimmter Entwicklungsschritte anschaulich und sichtbar. Für alle Beteiligten ist der Doku-Koffer unseren Erfahrungen nach eine lebendige Erinnerung an die Krippenzeit des Kindes.

Das ‚Ich-Buch‘

Im Naturkindergarten „Kokopelli“ leben Krippenkinder und Elementarkinder (0 bis 6 Jahre) in sogenannten „Familiengruppen“ zusammen. Altersmischung verstärkt soziale Kontakte und soziales Lernen. Über einen langen Zeitraum erleben Kinder sich sowohl als „die Kleinsten“, „die Mittleren“ und „die Größten“ in einer Gruppe und können sich selbst am Entwicklungsstand der anderen Kinder orientieren, ihr eigenes Wissen weitergeben und damit ihre Erkenntnisse vertiefen.

Gestaltung, Aufbau und Inhalte

Jedes Krippenkind erhält bei seiner Eingewöhnung einen DIN-A4-Ordner, der sich in drei Schwerpunkte aufgliedert, die ineinander übergehen und sich ergänzen.

1. „Das bin ich“: Dieser Teil setzt sich aus überwiegend selbst entwickelten Formblättern zusammen wie z.B. „Mein erster Kita-Tag“, „Das will ich später werden“, „Situationen aus der Lernwerkstatt“ etc. Diese Vorlagen gestalten die Kinder mit Zeichnungen und Fotos im Kindergarten und zu Hause mit den Eltern. Sie werden regelmäßig wiederholt und bei besonderen Vorkommnissen im Leben des Kindes wie z.B. der Geburt eines Geschwisterchens, der Anschaffung eines Haustieres etc. und durch Urlaubsdokumentationen ergänzt.
2. Die Projektdokumentation: Die Projektarbeit ist der Kern unseres Konzeptes und nimmt daher einen großen Teil der ‚Ich-Bücher‘ ein. Mit ihr wollen wir die Kompetenzen des einzelnen Kindes, ihren Erwerb und den Bildungsprozess dokumentieren.
3. Werke des Kindes: Hier werden die Arbeiten der Kinder (überwiegend Zeichnungen und Fotos), die sie im Kindergarten oder zu Hause anfertigen, einsortiert.

Die Arbeit mit den ‚Ich-Büchern‘ beginnt bei den Kindern unter drei Jahren während der Eingewöhnung. Sie erhalten ihren Ordner, der auf dem Rücken mit Namen und Foto versehen ist. Die Ordner stehen bei uns in einem offenen Regal, zu dem sie jederzeit Zugang haben. Um Kinder schon im Krippenalter mit der Arbeit am ‚Ich-Buch‘ vertraut zu machen, beginnen wir von Anfang an mit der Gestaltung. Alle Kinder tun dies ihren Fähigkeiten entsprechend. Eltern werden in diesen Prozess miteinbezogen und beteiligen sich an der Gestaltung der ‚Ich- Bücher‘. So kommen sie mit ihren Kindern ins Gespräch und erfahren etwas über deren Entwicklungsthemen und Lernsituationen. Für viele unserer Jüngsten ist dies ein ganz wichtiger Teil. Besonders in der ersten Krippenzeit betrachten sie sehr häufig ihren Ordner, kommentieren ihn und zeigen anderen Kindern und Personen die Fotos ihrer Familie. So haben sie ihre Familie und ihr Zuhause stets bei sich.

Die ‚Ich-Bücher‘ im Kita-Alltag

Die Einbindung der ‚Ich-Bücher‘ in unseren Alltag vollzieht sich in zwei Phasen. Eine davon ist die Projektzeit. Ein Projektthema dauert in der Regel sechs Wochen und wird von den Kindern gewählt. Diese Phase enthält feste Zeiten, in denen wir gezielt Arbeitsblätter und Aufträge zum Projektverlauf einbringen. Zeichnungen und Fotos der Kinder werden gemeinsam im ‚Ich-Buch‘ gestaltet und mit den Beschreibungen und Aussagen der Kinder ergänzt. Hierbei kommen wir mit einzelnen Kindern in einen Dialog und können so das Erlebte und Gelernte gemeinsam reflektieren. Wir erfahren etwas über die Gedanken, Vorstellungen und Erkenntnisse der Kinder und ihre Wünsche zum weiteren Projektverlauf. Unsere Krippenkinder nehmen selbstverständlich auch an den Projekten teil. Insofern sind sie in der altersgemischten Gruppe in alle Angebote ebenso involviert wie die Elementarkinder. Zum besseren Verständnis arbeiten wir mit den Kleinstkindern in den Projekten und auch bei den anschließenden Dokumentationen für das ‚Ich-Buch‘ jedoch überwiegend bildlich, anschaulich und handlungsorientiert. Die Krippenkinder erleben sich selbst so gemeinsam mit anderen Kindern in den verschiedensten Aktionen und Situationen. Bei der gemeinsamen Dokumentation können sie das, was sie für sich selbst im Projekt erfahren haben, nochmals auf ihre ganz individuelle Art und Weise erzählen und zum Ausdruck bringen. Somit erhalten auch wir Pädagoginnen eine Rückmeldung der Kleinstkinder auf die jeweiligen Situationen. Die andere Phase ist die projektfreie Zeit, die ca. zwei Wochen dauert. In ihr wird überwiegend selbstständig oder auch begleitet an dem Schwerpunkt „Das bin ich“ gearbeitet. Sehr beliebt sind hierbei besonders bei den Krippenkindern Formblätter, die ihr Größerwerden dokumentieren und bei denen sie einen Vergleich haben wie z. B. Hand- und Fußabdruck oder Bänder, die ihre jeweilige Körpergröße anzeigen.

Werke sammeln im Schatzkoffer

Damit das ‚Ich-Buch‘ nicht eine zusätzliche Sammelmappe aller Arbeiten und Bilder eines Kindes wird, haben die Krippenkinder einen „Schatzkoffer“, in dem sie ihre Arbeiten und alles, was ihnen wichtig ist, sammeln. Diesen tragen sie häufig voller Stolz im Haus umher und beziehen ihn in alle möglichen Spielsituationen mit ein. Aus diesem „Schatzkoffer“ heraus wird das ‚Ich- Buch‘ gestaltet und angereichert. Wir erleben sehr deutlich, dass die Krippenkinder durch das Vorleben der älteren Kinder im Umgang mit ihren ‚Ich-Büchern‘ in diese Methode fließend hineinwachsen.

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