Wege aus der Krise der katholischen KircheNur das Profilierte beeindruckt

Auch wenn die Finanzen wieder einigermaßen im Griff sind, wird sich die Kirche in Zukunft massiv verändern müssen, um ihrem Auftrag gerecht zu werden. Sowohl auf der institutionellen Ebene und in den Gemeinden als auch mit Blick auf den individuellen Glauben sollten neue Akzente gesetzt werden.

Der Weltjugendtag in Köln und der Wechsel auf dem Heiligen Stuhl waren bestimmende Ereignisse für die Weltöffentlichkeit im vergangenen Jahr. Als neues Oberhaupt der katholischen Kirche, aber auch als Mensch hat der deutsche Papst weltweit viel Zustimmung erfahren. Seine erste Enzyklika „Deus caritas est“ ist gut angekommen. Ob in Zeitung, Fernsehen oder Internet: Kirche, Glaube und Spiritualität sind als Medienthemen wieder „in“. Vertraut man den Einschätzungen der Kommentatoren, so fällt das erfreuliche Interesse an der Kirche und ihren Belangen zusammen mit einem wachsenden innergesellschaftlichen Interesse an christlichen Glaubensinhalten und Wertvorstellungen. Offenbar gewinnt das Evangelium in Zeiten des sozialen und wirtschaftlichen Umbruchs für den einzelnen Menschen wieder an Bedeutung und erweist sich als zeitlos attraktives Angebot – gerade in der Hast des postmodernen Alltags. Überdies zeichnet sich nach Jahren des Konsolidierens und Sparens eine erste leichte Entspannung bei den Bistums- und Gemeindehaushalten ab. Wäre die Kirche ein Unternehmen der Privatwirtschaft, so würden die ersten Analysten verkünden, dass die Talsohle jetzt durchschritten sei. Also Anlass genug zu verhaltenem Optimismus?

Neu erwachtes Medieninteresse bedeutet noch lange keinen Imagegewinn

Erfahrene Kirchenvertreter wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner bleiben eher skeptisch: Seine mahnenden Worte vom September 2004 haben nichts von ihrer Aktualität verloren: „Die katholische Kirche hatte noch nie so viel Geld wie in den letzten 50 Jahren. Und nie hat sie trotzdem so viel an Glaubenssubstanz verloren wie in den letzten Jahrzehnten“ (Schaubild 1). Auch wenn ihr sozial-karitatives Engagement unverändert hohe Wertschätzung genießt und gerade die Gemeindearbeit – dort wo Kirche anfassbar erlebt wird – positiv beurteilt wird, so kann es doch keinen Zweifel geben, dass die Kirche bisher keine ausreichende Antwort gefunden hat auf die Herausforderungen der Gegenwart: fortschreitende Säkularisierung, schwindende Bindungskraft und mangelndes Vertrauen der Bevölkerung in die Institution Kirche.

Nach wie vor verfügt die Kirche in Deutschland über solide Finanzressourcen

Neu erwachtes Medieninteresse bedeutet noch lange keinen Imagegewinn oder gar die Lösung von Strukturproblemen: Gesellschaftspolitisch betrachtet ist der Wandel von der traditionellen und von gesellschaftlichen Normen getragenen „Volkskirche“ zu einer bedeutend kleineren „Kirche im Volk“ inzwischen nicht mehr aufzuhalten. Im Gegenteil, der demographische Wandel beschleunigt diesen Prozess. Es ist der größte Strukturbruch seit der Säkularisation vor 200 Jahren. Dieser wurde damals jedoch durch eine tiefe Volksfrömmigkeit abgefedert. Darüber können auch ein leichter Rückgang der Kirchenaustritte und neuerdings wieder mehr Eintritte – auf allerdings niedrigem Ausgangsniveau – nicht hinwegtäuschen. Mit verschärfter Aktualität stellt sich damit die Frage: Soll die Kirche diesen Übergang fatalistisch über sich ergehen lassen oder nicht besser versuchen, ihn vorausschauend und aktiv zu gestalten?

Alles spricht für die zweite Option. Denn einer neuen „Kirche im Volk“, die diesen Paradigmenwechsel als unumkehrbar akzeptiert, die sich bewusst missionarisch versteht und konsequent pastorale und karitative Arbeit miteinander verbindet, bieten sich vielfältige Zukunftsperspektiven. Zudem kann sie auf breite Sympathie und Zustimmung in der Bevölkerung bauen. Die Einschätzung, dass Veränderungen in der Kirche unumgänglich sind, wird inzwischen von der großen Mehrzahl der deutschen Katholiken geteilt; in den letzten Jahren ist sie auch unter den regelmäßigen Kirchgängern mehrheitsfähig geworden.

Die prekäre Finanzlage in Bistümern wie Aachen, Berlin und Essen hat in der Öffentlichkeit, aber auch unter den Gläubigen zeitweise den Eindruck entstehen lassen, die katholische Kirche in Deutschland stehe kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Nichts könnte abwegiger sein. Nach wie vor verfügt die katholische Kirche in Deutschland über solide Finanzressourcen,von denen andere, als sehr viel dynamischer und zukunftssicherer eingestufte Teile der Weltkirche nur träumen können. Über 80 Prozent der jährlichen Kircheneinnahmen entfallen auf die Kirchensteuer; allein seit 1960 hat sich hier das reale Aufkommen ungefähr vervierfacht. Erst seit 2000 hat es sich auf hohem Niveau leicht abgeschwächt, mit jedoch unterschiedlichen Auswirkungen auf die einzelnen Bistümer.

Der extreme Anstieg des Kirchensteueraufkommens bildete bis in die neunziger Jahre die Basis für eine forcierte Ausweitung der pastoralen, sozialen und karitativen Aktivitäten der Kirche. Damit einher gingen hohe Investitionen in Sachressourcen und ein massiver Aufbau von Personalkapazitäten, gerade bei den hauptamtlichen Mitarbeitern. Heute ist die katholische Kirche – neben der evangelischen – nicht nur ein maßgeblicher Anbieter sozialer Dienstleistungen, sondern zugleich einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Nachlassendes volkswirtschaftliches Wachstum und damit rückläufige Steueraufkommen haben beide Kirchen in den letzten Jahren zu Einschnitten in ihrem Ausgabeverhalten gezwungen. Wie Finanzvorstände in großen Unternehmen, standen auch die Finanzdirektoren der Bistümer vor der Aufgabe, das Ausgabenvolumen den veränderten Einnahmeströmen planerisch anzupassen. Von den erforderlichen Einsparungen wurden die hauptamtlichen Mitarbeiter – häufig überproportional – betroffen. Dies lag vor allem daran, dass Personalkosten fast 70 Prozent des Kirchenhaushalts ausmachten.

Ohne Zweifel verlief der Anpassungsprozess zum Teil sehr schmerzhaft – und auch in Zukunft werden noch viele Gemeinden die Auswirkungen deutlich spüren. Vor allem dann, wenn zum Beispiel Kindergärten geschlossen oder Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Gleichwohl gibt es eine gute Nachricht: Die Finanzhaushalte der Bistümer und Gemeinden sind heute planerisch im Großen und Ganzen wieder im Gleichgewicht. Was die Finanzplanungen anbelangt, hat die katholische Kirche die Situation wieder im Griff, die Umsetzung wird sie aber noch viele Jahre spürbar herausfordern. Entsprechend der gesamtwirtschaftlichen und demographischen Entwicklung im Bundesgebiet muss sich die Kirche auch langfristig auf bestenfalls stagnierende, eher weiter rückläufige Einnahmen aus Kirchensteuer und sonstigen staatlichen Transferleistungen einstellen. Im Durchschnitt der letzten 15 Jahre ist die Gesamtzahl der Katholiken in Deutschland pro Jahr um 0,6 Prozent geschrumpft – und an diesem Trend wird sich trotz steigender Lebenserwartung auch künftig wenig ändern, er wird sich vielmehr beschleunigen. Hinzu kommt der anhaltende Rückgang des Kirchensteueraufkommens, bedingt durch politisch gewollte Änderungen des Steuersystems aufgrund einer Verlagerung der Besteuerung von der Lohn- und Einkommensteuer hin zu Umsatz- und Verbrauchssteuern. Dieser Rückgang wird kommen und weitere Anpassungen auf der Ausgabenseite erforderlich machen. Doch wird er sich aller Voraussicht nach über einen längerfristigen Zeitraum erstrecken und eher langsam vollziehen.

Kein Grund zur wohlfeilen Flucht in ein Wagenburgdenken

Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass die derzeit heftige Diskussion um die schrumpfenden finanziellen Ressourcen der Kirche aus dem Ruder läuft und zur selbstquälerischen Nabelschau wird. Kleinmütigkeit und wachsende Innenorientierung könnten sehr leicht eine Abwärtsspirale auslösen – verbunden mit einer fortschreitenden Selbstlähmung und Verunsicherung unter Gemeindemitgliedern und kirchlichen Mitarbeitern. Es gibt keinen Grund zur Resignation und schon gar nicht zu einer wohlfeilen Flucht in Rationierungs- und Wagenburgdenken. Um es auf den Punkt zu bringen: Allen Unkenrufen und Selbstzweifeln zum Trotz ist die katholische Kirche in Deutschland keineswegs in einer finanziellen Existenzkrise. Die eingeleiteten Maßnahmen zeigen ihre Wirkung, und auch nach den erforderlichen Kürzungen wird sie weiterhin eine im internationalen Vergleich großzügige Mittelversorgung genießen. Gleichwohl: Vorsicht bleibt geboten. Denn unweigerlich wird die katholische Kirche in Deutschland in eine existenzielle Krise geraten, wenn sie die Augen vor den Herausforderungen der Zeit verschließt. Ob Alterung der Gesellschaft, Arbeitslosigkeit, Gewalt an deutschen Schulen oder Wettbewerb der Religionen – die katholische Kirche muss sich nach außen orientieren und sich den Herausforderungen aktiv stellen. Sie wird mehr denn je gebraucht.

Wie Erhebungen der deutschen Bischofskonferenz zeigen, hat sich die Zahl der kirchlichen Kasualien über die letzten vier Jahrzehnte nahezu halbiert – von 950 000 (1960) auf 530 000 (2003). Dominierten 1960 noch die Taufen mit einem Anteil von fast 50 Prozent, sind es heute die Bestattungen, die mehr als die Hälfte der Kasualien ausmachen (Schaubild 2). Nahmen 1960 noch 52 Prozent der Katholiken regelmäßig am sonntäglichen Gottesdienst teil, so beteiligt sich heute nicht einmal mehr jeder Fünfte. Von 2000 bis 2004 ist die Partizipationsrate erneut zurückgegangen – von 16,8 auf 14,8 Prozent. Betrachtet man die Eheschließungen mit wenigstens einem katholischen Partner, so ist der Rückgang katholischer Trauungen nicht weniger alarmierend: 1990 betrug die Trauquote immerhin 48,3 Prozent, im Jahr 2000 waren es noch 33,9 Prozent. 2003 wurde dann mit 30,1 Prozent ein neuer Tiefstand erreicht. Annähernd stabilisiert hat sich lediglich die katholische Taufquote. Nach wie vor erhalten drei von vier neugeborenen Kindern mit wenigstens einem katholischen Elternteil die Taufe. Allerdings sagt die Taufquote wenig über die religiöse Erziehung der Kinder aus: Einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2002 zufolge bezeichnen 17 Prozent aller Katholiken ihr Elternhaus als nicht (mehr) religiös. In der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 26 Prozent.

Mit dem Verlust an pastoraler Bindungskraft geht ein weitgehender Verfall des Vertrauens in die Institution katholische Kirche einher – in unserer Gesellschaft insgesamt, aber auch unter den Gläubigen. In der aktuellen Umfrage von „Perspektive-Deutschland“ sprechen der Institution Kirche nur noch Katholiken mit regelmäßigem Gottesdienstbesuch mehrheitlich das Vertrauen aus. Aber auch in dieser Gruppe ist die Quote im vergangenen Jahr zurückgegangen – von 59 Prozent (2004/2005) auf 56 Prozent (2005/2006). Besonders bedenklich ist die Entwicklung in der Bevölkerung insgesamt: Auf einer Skala von 1 („Vertraue sehr“) bis 6 („Vertraue überhaupt nicht“) vergeben gerade mal 26 Prozent der Katholiken (aktuell minus ein Prozentpunkt gegenüber 2004/2005) die Noten 1 und 2. In der Gruppe der Nicht-Katholiken sind es sogar nur sechs Prozent. Auch im Vergleich zur Institution evangelische Kirche schneidet die Institution katholische Kirche hier bemerkenswertschlecht ab: Knapp die Hälfte aller Befragten (45 Prozent) verweigern der katholischen Kirche mit den Noten 5 und 6 das Vertrauen. Dagegen sind es nur 24 Prozent aller Befragten, die der evangelischen Kirche die Noten 5 und 6 geben. Die Gründe für diese niedrigen Vertrauenswerte der katholischen Kirche sind sicherlich vielfältig. Auffallend ist, dass das Vertrauen zu traditionellen Institutionen generell gering ist. Sehr niedrige Vertrauenswerte verzeichnen auch die politischen Parteien(drei Prozent) und die Gewerkschaften (13 Prozent). Hinzukommt, dass die Positionen der katholischen Kirche oft als unbequem, wenn nicht sogar als ungerechtfertigte Einmischung in das Privatleben des Einzelnen empfunden werden. Dies alles kann aber das enorme Ausmaß der Vertrauenskrise nicht erklären. Zudem steht das geringe Vertrauen gegenüber der Institution katholische Kirche in bemerkenswertem Kontrast zur generellpositiven Beurteilung karitativer Kirchenorganisationen wieder Caritas – sowie zur tendenziell günstigeren Beurteilung der Gemeindearbeit durch Katholiken. 34 Prozent aller Deutschen und 40 Prozent der Katholiken bekunden „hohes Vertrauen“ in die Caritas – die Institution Kirche erreicht hier dagegen nur 11 Prozent bei allen Befragten sowie 26 Prozent beiden befragten Katholiken. Fragt man nach dringendem Verbesserungsbedarf, so stufen 52 Prozent der befragten Katholiken die Institution Kirche als dringend verbesserungsbedürftig ein, aber nur 29 Prozent die katholische Gemeindearbeit und die Dienste vor Ort. Die Zahlen von „Perspektive-Deutschland“ sprechen eine deutliche Sprache. Sie zeigen, wie kritisch die Institution Kirche von der Gesellschaft, aber auch von den verschiedenen katholischen Gruppierungen selbst gesehen wird. Letzteres ist der eigentlichdramatische Befund, wenn man bedenkt, dass ohne ein Mindestmaß an Vertrauen keine Glaubensgemeinschaft existieren kann: Vertrauen ist der Anfang von allem. Um als Gemeinschaft handeln und notwendige Veränderungsprozesse aktiv gestalten zu können, muss die Institution Kirche zumindest bei den eigenen Gläubigen die Trendwende schaffen.

Hier besteht tatsächlich Anlass zu verhaltenem Optimismus: Unter allen befragten katholischen Gruppierungen wächst das Verständnis für notwendige Veränderungen und die Bereitschaft zu Reformen, wie die Entwicklung der Umfragewerte von „Perspektive-Deutschland“ verdeutlicht: Sah im Jahr 2002nur jeder dritte Katholik einen dringenden Verbesserungsbedarf, so bekundet heute bereits jeder zweite deutsche Katholik, dass Veränderungen der Institution Kirche dringend notwendig sind. Gelingt es der Institution die überall sichtbar werdende Veränderungsbereitschaft aufzugreifen und die als erforderlich erachteten Reformen auf den Weg zu bringen, so werden unsere Zukunftssorgen bald kleiner werden. Denn die katholische Kirche besitzt nach wie vor enorme Stärken, die nur richtig zum Tragen kommen müssen: Jeden Sonntag erreicht sie über den Gottesdienst vor Ort mehr als 4 Millionen Gläubige, mit über 13 000 Gemeinden übt sie bundesweit eine kaum kopierbare Flächenpräsenz aus und sie kann sich auf eine große Zahl hoch motivierter, gut ausgebildeter Mitarbeiter stützen – hauptamtliche wie auch ehrenamtliche. Die karitativen Leistungen der Kirche und die Bildungsarbeit katholischer Schulen und Kindergärten genießen traditionell große Wertschätzung in Deutschland.

Vieles spricht dafür, dass religiöse Werte und Vorstellungen in einer Zeit des wirtschaftlichen Umbruchs, aber auch des postmodernen Wertewandels vor einer Renaissance stehen. Während traditionelle Strukturen und Bindungen wie Familie, Verbände und Vereine weiter an Bedeutung verlieren, schafft die anhaltende Säkularisierung offenbar wachsende emotionale Bedürfnisse – nach Schutz vor existenzieller Angst, nach Transzendenz und neuen Werten. Für den Einzelnen gewinnt der Glaube wieder an Bedeutung. In den sich neu herausbildenden sozialen Netzwerken dokumentiert sich ein gesellschaftsweites Streben nach Gemeinsamkeit und Geborgenheit. Neue Spiritualität und Vermittlung religiöser Inhalte und Wertvorstellungen müssen keineswegs eine Domäne asiatischesoterisch geprägter Kultgemeinschaften oder der neuen, aus den USA stammenden evangelikalen Bewegung sein. Die katholische Kirche muss den Wettbewerb mit diesen Anbietern gewiss nicht scheuen. Im Gegenteil: Angesichts der zeitlosen Aktualität des Evangeliums und eines 2000-jährigen Erfahrungsschatzes besitzen die christlichen Kirchen ein Angebot von einzigartiger Attraktivität und Sinnhaftigkeit. Mit diesen Pfunden muss die katholische Kirche wuchern. Sie darf nur nicht in überkommenen Strukturen und Erfolgsmustern verharren, sondern muss dem Wort Gottes folgend immer wieder bereit sein, neu aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Nur wenn die katholische Kirche die ihr ohne hinzufallende Rolle einer kleineren, missionarisch geprägten„Kirche im Volk“ offensiv annimmt, wird sie auf die alte Streitfrage „Mehr Seelsorge oder mehr sozial-karitatives Engagement.“ neue überzeugende Antworten finden. Nur so kann sie zurückfinden zum ursprünglichen Auftrag des Evangeliums und als Institution inmitten unserer Gesellschaft neu aufblühen.

Wirklichkeit werden kann diese Vision, wenn die Kirche auf drei Ebenen christlicher Welterfahrung neue Präsenz gewinnt und dabei neue Akzente setzt: auf der institutionellen Ebene, auf der Gemeindeebene und auf der Ebene individuellen Glaubens. Dazu bieten sich drei Stoßrichtungen an.„Zeichen setzen!“: Nach der glanzvollen Ära von Johannes Paul II. bietet die Wahl von Benedikt XVI. der katholischen Kirche in Deutschland die Chance, verstärkt ihr Profil zu zeigen und es zu schärfen. Nur das Profilierte beeindruckt. Weltweit mit großem Interesse und Sympathie aufgenommen, weckt der neue Papst in Deutschland neuen Optimismus und neues Selbstbewusstsein. Wie die Umfrage von „Perspektive-Deutschland“ zeigt, sind 32 Prozent der Katholiken und immerhin 20 Prozent aller befragten Bürger der Meinung, dass sich durch die Papstwahl das Ansehen der katholischen Kirche verbessert habe(Schaubild 3). Dieses neue Moment gilt es zu nutzen, um den pastoral-karitativen Führungsanspruch der Kirche zu erneuern, Zweifelnde zu ermutigen und schon verloren Geglaubte wiederzugewinnen. Die Kirche muss sich offen zu ihrer missionarischen Rollebekennen und den Entschluss fassen, von Neuem wachsen zu wollen. Denn eine Gemeinschaft, die den Anspruch aufgibt zuwachsen, hat schon verloren! Die katholische Kirche muss Gegengewicht sein zum Materialismus unserer säkularisierten Konsumgesellschaft. Auch wenn es nicht der „Mainstream“-Mentalität entspricht – sie muss sich einmischen in die drängenden sozialen und moralischen Fragen unserer Zeit: Ob Überalterung der Gesellschaft oder Krise der sozialen Sicherungssysteme – die katholische Kirche sollte öfter, schneller und entschlossener Stellung beziehen im Interesse der einzelnen Menschen. Selbstbewusst sollte sie aus dem geschützten Kirchenraum heraustreten und im Vorhof der Öffentlichkeit medienwirksam Präsenz und Profil zeigen. Nicht in der Anpassung an den Zeitgeist, sondern durch Kontraste und Außergewöhnliches gewinnt sie an Aufmerksamkeit.

Dabei geht es nicht nur um Bilder und Emotionen. Um neue gesellschaftliche Relevanz zu erreichen, muss sich die katholische Kirche auch in ihren Inhalten und Intentionen sehr klarverständlich machen. Dazu müssen alle Repräsentanten der Kirche – Priester und Laien – an ihrer Kommunikation feilen. Christus und die Apostel haben in Gleichnissen gesprochen, die perfekt auf die Bedürfnisse ihrer Zuhörer und die Bedingungen der antiken Kommunikationskultur zugeschnitten waren. Heute müssen sich das Evangelium und die Hirtenbriefe der Kirche in einer modernen Medienkultur behaupten. Dabei gilt es, die richtige Balance zu finden zwischen der traditionellen Sprache der Kirche und der Sprache des modernen Menschen. Die Sprache der Zeit sprechen, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen, ist die Aufgabe. Wirkung erzielt nur, wer verstanden werden will.

„Zellen bilden!“: In der jüngeren Vergangenheit haben sich in der katholischen Gemeinde- und Sozialarbeit eine Reihe neuer, vielversprechender Initiativen entwickelt. Eine davon ist die Hospizbewegung. Als Antwort auf die wachsende Alterung unserer Gesellschaft hat sie sich zum Ziel gesetzt, ein Sterben in menschlicher Würde zu ermöglichen – in bewusster Abkehr von der heute üblichen Apparatemedizin. Solche Initiativen machen Mut. Sie bereichern das soziale und karitative Engagement der katholischen Kirche und geben Anstöße für andere. Die Kirche muss mehr von diesen Initiativen schaffen. In der Gemeindearbeit vor Ort gilt es, die pastorale Seelsorge offensiv mit der karitativen Nächstenhilfe und Pflege zu verbinden. Leib- und Seelsorge sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Die Sorge um den suchenden Menschen – den Menschen in Not, den Menschen „im Vorhof“ zu Gott – muss wieder Schwerpunkt unserer Bemühungen sein. Wer diesen Menschen hilft, verbindet in einzigartiger Weise pastorale und karitative Fürsorge und gewinnt dadurch neues Vertrauen und Sympathie bei den anderen. Die Gemeinden sind als „blühende Oasen“ zu regionalen Netzwerken zu verknüpfen und um „Leuchttürme“, das heißt regionale Schwerpunkte, anzureichern. Auf nationaler Ebene muss es darum gehen, neue gesellschaftliche Gruppen und Milieus anzusprechen. Es gilt, dem Wandel in der bundesdeutschen Bevölkerung Rechnung zu tragen und neue Gläubige für die Kirche zu gewinnen. Dazu muss die Kirche als Institution wieder leistungsfähiger werden. Das bedeutet auch, die Zusammenarbeit der Bistümer zu intensivieren und, wo immer es angebracht ist, neue Wege der Arbeitsteilung zu beschreiten. Warum kann nicht ein Bistum in Abstimmung mit den anderen stellvertretend ein bestimmtes Schwerpunktthema verfolgen?

„Zeugnis ablegen!“ Dringend gesucht sind Burning Persons, das heißt Menschen, die sich öffentlich zur katholischen Kirche bekennen und ihr ein Gesicht geben. Ziel kann hier sicherlich nicht sein, vor allem Medienpräsenz zu gewinnen. Vielmehr muss es darum gehen, dem Auftrag des Evangeliums gerecht zu werden. Nach unserem christlichen Selbstverständnis sind die einzelnen Gläubigen die ausgewählten Träger der Heilsbotschaft, der christlichen Werte und des kirchlichen Lebens. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Auch im innerkirchlichen Leben müssen wir die Bedeutung des Einzelnen wieder erkennen. Die viel beschworene Entbürokratisierung von Abläufen und Strukturen gelingt nur, wenn die Eigenverantwortung des Einzelnen gestärkt wird. Wir alle müssen lernen, künftig weniger in Strukturen zu denken und zu handeln, sondern in der Gemeinschaft mehr individuelle Verantwortung wahrzunehmen: Geistliche sollten sich wieder auf die Verkündigung und Seelsorge konzentrieren können und soweit wie möglich von Verwaltungsaufgaben entbunden werden. Laien brauchen dagegen ein flexibleres und breiter gefächertes Angebot, um sich zu engagieren. Wer die Frustration haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter riskiert, lässt alle Hoffnung auf eine kraftvolle Belebung der Kirche von innen heraus erlöschen. Ob Priester oder Laie – charismatische Persönlichkeiten müssen in der Kirche den Funken überspringen lassen. Die Kirche muss für sich selbst Werbung treiben, sich mit aller Kraft bemühen, auch weiterhin die besten und engagiertesten Persönlichkeiten für den Dienst in der Kirche zu gewinnen. Jeder Gläubige ist schließlich aufgefordert, sich durch sein Tun und Sprechen offen zum Glauben zu bekennen. Nur so kann die katholische Kirche wachsen – quantitativ wie qualitativ.

Den Startschuss zur Reform könnte eine Initiative der deutschen Bischöfe geben

Mögen die Widrigkeiten noch so groß, noch so vielfältig sein – es geht nicht an, dass wir uns als „Kuschelkirche“ in selbst geschaffene Diasporaräume zurückziehen. Stattdessen müssen wir mehr denn je bestrebt sein, unser traditionelles Versprechen einzulösen und echte Seelsorge anzubieten. Die katholische Kirche in Deutschland braucht eine neue, langfristige Planungs- und Entwicklungsgrundlage. Eine Perspektive, die alle Gläubigen motiviert, gemeinsam nach vorne zu schauen – damit sie auch in 20 oder 30 Jahren noch attraktiv und offen ist, am Menschen orientiert, ohne dabei das Heilige zu vernachlässigen. Der Anstoß für die Kirche, sich offen und lernbereit der gesellschaftlichen Diskussion zu stellen und die Herausforderungen der Zukunft systematisch anzugehen, sollte von den deutschen Bischöfen ausgehen. Vorbedingung für den Erfolg einer solchen Initiative ist allerdings die Bereitschaft über Bistumsgrenzen hinweg, Informationsdefizite abzubauen und die Partizipation aller Katholiken sicherzustellen. Zudem bedarf es der Vorgabe fester Etappenziele. Am Ende, vielleicht in fünf Jahren, sollte eine große Zukunftskonferenz der katholischen Kirche stehen. Diese könnte die verschiedenen Reforminitiativen auf inter- und intradiözesaner Ebene zusammenführen und daraus ein mutiges Gesamtkonzept für die katholische Kirche in Deutschland entwickeln.

Ecclesia semper reformanda est! Unsere Kirche ist kein starres Vermächtnis, sondern ein höchst facettenreiches, veränderungsfähiges Gebilde der Zeit und der Kultur, in der wir leben. Wie wollen wir als Katholiken in 20 bis 30 Jahren in unserem Land leben? Wir müssen uns Klarheit verschaffen über unsere gemeinsamen langfristigen Ziele und Strukturen.

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