LeitartikelGottesdienst im Widerstreit

Zu Auseinandersetzungen erkennbaren Ausmaßes hat das im Juli 2007 von Benedikt XVI. erlassene Motu Proprio „Summorum Pontificum" in Deutschland nirgendwo geführt. Die von einigen befürchteten pastoralen Verwerfungen blieben aus und sind wohl auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Sollte man jetzt, ein halbes Jahr später, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen? Besser nicht zu schnell. Denn wenn in der Liturgie, wie es das Konzil beschreibt, Wesen und Leben der Kirche zum Ausdruck kommen, sie Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens ist, müssen sich ja zwangsläufig auch hier all die aktuellen Probleme der Kirche zeigen.

Im Großen und Ganzen sei der Bedarf an Messfeiern nach dem Missale Romanum von 1962 abgedeckt. Die deutschen Bischöfe hätten nämlich entsprechende Bitten schon bisher nach Möglichkeit erfüllt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann hatte demonstrativ nüchtern und unaufgeregt reagiert auf das im Juli letzten Jahres von Benedikt XVI. erlassene Motu Proprio „Summorum Pontificum“. Dieses erweitert die bislang bestehende Möglichkeit, die Liturgie nach dem früheren Missale zu feiern: Neben die „ordentliche Form“ des römischen Ritus der nachkonziliar erneuerten Messbücher tritt eine „außerordentliche Form“, die dem älteren römischen, dem so genannten tridentinischen Missale folgt. Trotz solcher Gelassenheit sah Lehmann sich dennoch veranlasst zu mahnen. Sollten wider Erwarten weitere Bitten geäußert werden, sei damit in Klugheit umzugehen: „Damit nicht durch die pastorale Sorge um eine begrenzte Gruppe von Gläubigen die legitimen Anliegen der Gesamtgemeinde zu kurz kommen oder gar Streit und Zwietracht entstehen.“ Zu Streit und Zweitracht erkennbaren Ausmaßes haben die Richtlinien des Papstes (bislang) in Deutschland nirgendwo geführt. Die von einigen befürchteten pastoralen Verwerfungen blieben aus und sind wohl auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten: Kirchenbesetzungen etwa, wie es sie in Frankreich schon gab; Denunzianten im Aufwind, die es ihrem Pfarrer, ihrem Bischof mit römischer Rückendeckung immer schon einmal zeigen wollten; lautstarker oder schweigender Auszug ganzer Gruppen aus ihrer Gemeinde, wobei je nach dem gerade herrschenden Geist einmal die als „Reaktionäre“ Geschmähten, dann wieder die vorgeblich traditionsvergessenen Zeitgeist-Anhänger und Brachial-Reformer gehen wollen oder müssen. Es hat etwas Monströses dieses Szenario – ganz abwegig waren solche Befürchtungen jedoch nicht.

Dem Papst ging es um die innere Versöhnung der Kirche

Sollte man nicht jetzt, ein halbes Jahr später, einfach zur Tagesordnung übergehen? Von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen feiern tausende Gemeinden – selbstredend oft mit eigener Prägung sowie sicherlich in ganz unterschiedlicher Form und Qualität – Sonntag für Sonntag miteinander Gottesdienst. Nach der neuesten Statistik der Bischofskonferenz waren es 2006 immerhin noch etwa 3,6 Millionen Katholiken und Katholikinnen, die regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen, gerechnet auf je 100 Katholiken sind das 14 Prozent. Und unter ihnen finden sich solche, die sich in der „alten“ Liturgie immer noch etwas mehr zuhause fühlen, und solche, denen die durch das Konzil angestoßene Reform längst nicht weit genug ging, solche, die die Stille suchen zur Begegnung mit dem Heiligen, und solche, denen Liturgie nicht lebendig und lebensnah genug sein kann, für die im Gottesdienst vor allem der Welt, den Freuden und Sorgen des Menschen ausreichend Raum zu schaffen ist. Das eine Anliegen mag dabei eine Frage des Lebensalters sein, das andere teilt man quer durch die Generationen. Kann also nicht einfach Entwarnung gegeben werden? Besser nicht zu schnell. Weniger, weil die organisierten Anwälte der tridentinischen Liturgie offenkundig mit der angebotenen Lösung nicht ganz zufrieden scheinen. Dies lässt sich aus der Lektüre ihrer einschlägigen Publikationen unschwer erkennen. Zufrieden wäre man wohl erst gewesen, hätte der Papst nicht von einer „ordentlichen“ und einer „außerordentlichen“ Form geredet. Nachhaltig nachdenklich stimmen muss da schon eher, wie beispielsweise ein Leitartikler der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seiner Loyalität zu der Kirche des Konzils unverdächtig und theologisch hoch gebildet, das Motu Proprio feierte mit einer vernichtenden Bilanz zur Lage der Liturgie im Land: Mittlerweile sängen zwei Generationen von Katholiken von hektographierten Zetteln neue Lieder, deren sprachliche Banalität und musikalische Abgeschmacktheit auf das Niveau volkstümlicher Schlager abgesackt sei. So genannte Familiengottesdienste zeichneten sich dadurch aus, dass Märchen aus Irland die Lesung aus der Bibel ersetzen. Und als „reaktionär“ und „vorkonziliar“ gelte, wer nur darauf dringe, „dass die Liturgie der Kirche ebenso wenig ein Übungsobjekt für klerikale Heimwerker sein sollte wie der Altarraum die Bühne, auf der verunsicherte Priester, auf Selbstdarstellung versessene Laien und Gleichberechtigung heischende Frauen ihre Rollenkonflikte austragen.“ Die Vehemenz solcher Pauschalkritik hat viele verletzt, Priester und Laien, Haupt- und Ehrenamtliche, Frauen und Männer. Selbst wenn die meisten die eine oder andere Beobachtung aus eigener Erfahrung bestätigen können – der unversöhnliche Ton dieser Kritik ist verstörend. Sie trifft nicht die gottesdienstliche Realität, die zumindest vielfältiger ist, zeichnet vielmehr eine Karikatur; ein Zerrbild, dem das glänzende Ideal nicht näher bestimmter früherer Liturgie entgegengesetzt wird. Gleichwohl hatte der Leitartikler, auch das zeigten die zahlreichen Leserbriefe, manchem aus der Seele gesprochen. Kein Streit also, nirgends Zwietracht?

Erheblicher Marktverlust im Bereich des Kerngeschäfts

„Die innere Versöhnung in der Kirche“ hatte der Papst – neben der Sorge um den würdigen Vollzug der Liturgie – als eigentlichen Grund für seine Initiative genannt. Wie im richtigen Leben aber wird auch hier Versöhnung nur möglich sein, wenn das Streit- und Konfliktpotenzial klar erkannt und benannt ist, die Streitparteien in ihren Anliegen transparent und identifizierbar sind. Im Unbehagen am Ist-Stand aber besitzen die Anhänger des alten Missales kein Monopol. Da bleibt zuallererst die meist tief empfundene Kränkung des abnehmenden Gottesdienstbesuchs in den Gemeinden – trotz all der Anstrengung und Mühen, pädagogischen und katechetischen Strategien. Heute erfüllt nur noch jeder siebte unter den Katholiken seine, wie es früher hieß, „Sonntagspflicht“, 1950 war es noch jeder zweite. Die gesunkene Gottesdienstbeteiligung beunruhigt dabei keinesfalls nur Katholiken. In dem 2005 veröffentlichten vieldiskutierten Reform-Manifest der EKD „Kirche der Freiheit“ heißt es, bezogen auf eine noch dramatischere Lage: Mit einer durchschnittlichen Gottesdienstbeteiligung von etwa 4 Prozent dürften sich die evangelischen Kirchen in Deutschland nicht abfinden. „Ökonomisch ausgedrückt hat die evangelische Kirche einen erheblichen Marktverlust im Bereich ihres Kerngeschäfts erlitten.“

Die Virtuosen sind längst ausgezogen

Mögen auch Zahlen nicht alles sein, und kann die Vitalität der Gemeinden und der Kirche nicht ausschließlich am Kirchgang gemessen werden. Dieser Trend stellt nicht nur so etwas wie die Achillesferse der Kirche in der Öffentlichkeit dar. So schallt der Kirche, wo sie sich beispielsweise im Namen einer humanen Gesellschaft für den Schutz von Sonn- und Feiertagen einsetzt, quasi reflexartig entgegen: Was kümmern euch die Ladenöffnungszeiten am Sonntag, wo eure Leute doch sowieso nicht mehr in die Kirche (und auch lieber einkaufen) gehen! Entscheidender noch ist das subjektive Empfinden vieler Gläubiger, für die zumindest der sonntägliche Gottesdienst noch selbstverständlicher Teil ihres Lebens ist: das Verlorenheitsgefühl in viel zu großen Kirchen, die gutgemeinte Einladung aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis zum sonntäglichen Brunch, dem fern zu bleiben viel zu viel an Erklärung verlangen würde. Oder das wöchentliche Scheitern der Eltern, die ihre Kinder zum Gottesdienstbesuch zu bewegen suchen. Gingen sie mit, würden sie keinen Freund, keine Freundin treffen, niemanden aus ihrer Schulklasse. Religion mag eine Renaissance erleben, zu einem ganz normalen Gottesdienst zu gehen, ist und bleibt extrem uncool. Dabei beklagte jüngst der Grazer Bischof Egon Kapellari: Wenn Gottesdienstgemeinden heute mancherorts drastisch schrumpften, dann drohten sie, in eine depressive Grundstimmung zu verfallen. „Statt sich derer zu freuen, die hier miteinander versammelt sind, denkt man bekümmert und bisweilen vorwurfsvoll an die vielen Abwesenden.“ Oder, so ließe sich der Bischof ergänzen, statt sich zu freuen, beginnt man das Schwarzer-Peter-Spiel, die Suche nach den Schuldigen, den Reigen wechselseitiger Vorwürfe: Dann war die Liturgiereform eben in Gänze sinn- und zwecklos, weil sie den Abwärtstrend nicht stoppen konnte, oder ist der Gottesdienst für uns Heutige so unattraktiv, weil die Reformen viel zu früh stehen geblieben sind. Oder der Aktionismus der Hauptamtlichen in Sachen zeitgemäßer Liturgie trägt Schuld, weil er den ganz neu entbrannten spirituellen Hunger vor allem von Jugendlichen oder von Intellektuellen übersieht.

Wenn in der Liturgie, wie es das Konzil beschreibt, Wesen und Leben der Kirche zum Ausdruck kommen, sie Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens ist, müssen sich ja zwangsläufig auch hier all die aktuellen Probleme der Kirche zeigen. Der Stressfaktor Gottesdienst beispielsweise: Wo immer größere Seelsorgeeinheiten oder Pfarrverbünde entstehen, hetzen am Sonntag Priester von Gottesdienst zu Gottesdienst. Das böse Wort vom priesterlichen Liturgiemarathon macht die Runde und gerade jüngere Priester fragen sich, ob und wie lange sie dieser – absehbar wohl noch wachsenden – Belastung gewachsen sein werden. Flexibel gilt es da, sich in kürzester Zeit auf sehr unterschiedliche Kirchenräume einzustellen, wollen die kleineren und größeren Traditionen in den einzelnen Gemeinden berücksichtig werden. Wer kann bei der durchschnittlichen Arbeitsbelastung dem Leiter einer Seelsorgeeinheit von vier oder fünf Pfarreien verübeln, wenn eine Predigt oder die geistig-geistliche Einstimmung auf den Gottesdienst gelegentlich erst am Lenkrad entsteht, sich bei solchem Liturgiestress manche Nachlässigkeit, gar Schlampigkeit einstellt. Natürlich überträgt sich diese meist sehr rasch vom Liturgen auf die Gemeinde.

Umgekehrt werden wohl selten Gemeinden zusammengelegt, ohne dass mehr oder weniger heftig über günstige Gottesdienstzeiten, die Anzahl der Messen oder eben die Rücksicht auf bestimmte, in jedem Fall erhaltenswerte gottesdienstliche Eigenheiten der einzelnen Gemeinden gestritten wird. Weil wir doch in einer mobilen Gesellschaft leben, sind die Laien zunehmend gehalten, selbst dafür zu sorgen, dass sie in den immer größer werdenden Pastoraleinheiten zu ihrem Sonntagsgottesdienst kommen. Und so spüren sie gerade hier, an Quelle und Höhepunkt ihres kirchlichen Lebens, dass diese Kirche nicht mehr vor Ort ist, wie sehr sie selbst kirchlich ortlos geworden sind. Wo hingegen eine Gemeinde an ihrem Lebensort, ihrem Dorf oder Stadtviertel mit Gottesdiensten auch ohne eigenen Pfarrer oder zuständigen Priester die Kirche „warm zu halten“ versucht (Eduard Nagel), darf das nicht reflexhaft gleich als pastoralliturgischer Gruppenegoismus gebrandmarkt werden. Vielmehr noch sollten diese Gemeinden auch zu der Formenvielfalt in der Liturgie ermutigt und befähigt werden, die Konzil und Würzburger Synode doch eigentlich angeregt haben. Und nicht alles, was nicht Eucharistiefeier ist, soll gleich den Stempel „Notlösung“ und „Vorbehalt“ tragen.

Konfliktstoff, eine Herausforderung für alle, denen der Gemeindegottesdienst am Herzen liegt, steckt aber auch in dem deutlich erkennbaren liturgischen „Braindrain“: die Abwanderung gerade der Anspruchsvollen und Ambitionierten, der liturgisch Gebildeten und spirituellen Virtuosen. Denn es gibt sie ja, die gut besuchten Gottesdienste, die „Leuchttürme“ und Zentren liturgischer Aufbrüche, die attraktiven Zielgruppengottesdienste – anziehend durch ihr besonderes musikalisches Programm etwa, die intellektuell anspruchsvollen Predigten, das authentische Zeugnis einer geistlichen Gemeinschaft, das spirituelle Erlebnis, die jugendkulturelle Gestaltung. Und die „Gleichheit heischenden Frauen“? Auch Frauenliturgien stellen seit Jahren eine vielleicht kleine, oft hochnäsig übersehene, recht vitale Bewegung dar, motiviert von den tiefgehenden Entfremdungserfahrungen engagierter Frauen im traditionellen Gemeindegottesdienst. In besonderem Maße herausfordernd und konfliktträchtig ist aber die Suche nach dem richtigen Umgang mit denen, für die schon eine angemessene Begrifflichkeit zu finden schwierig scheint: die Fernstehenden, die Distanzierten, die nur zu bestimmten Anlässen zum Gottesdienst kommen, die nach langer Abstinenz wieder kommen, vielleicht auch bleiben wollen, Suchende, Neugierige. Das immer gleiche Problem, variiert in verschiedenen Fragen: Wie offen sind unsere Gottesdienste, im Pastoraljargon: wie niederschwellig? Hat unsere Art, Gottesdienst zu feiern noch eine missionarische Dimension? Wie geht man um mit denen, die liturgisch-ungebildet, gelegentlich vielleicht auch unverbildet in unsere Gottesdienste kommen? Wie begegnet man dieser oft eklatanten Unvertrautheit mit gottesdienstlichen Ritualen?

Niederschwellig oder banal

Es ist eine Gratwanderung, schmal die Grenze zwischen niederschwellig und anspruchslos. Passt man sich in Sprache und Riten an, um niemandem das Gefühl zu geben, fehl am Platz zu sein, hier nicht hinzugehören? Und wird man dann noch den Bedürfnissen derer gerecht, die doch gerade vom Fremdbleibenden, Geheimnisvollen, dem Alltags-Enthobenen der Liturgie angezogen waren? Was sind einfache Riten, die, wie es das Konzil fordert, der „Fassungskraft“ der Gläubigen angepasst sein sollen, so dass sie keiner großen Erklärungen bedürfen? Was braucht es überhaupt an Wissen und Fähigkeiten, um der Liturgie angemessen folgen zu können? Wo leichtfertig nur „Geschwätzigkeit“, die Überfrachtung des Gottesdienstes mit Erklärungen und katechetischen Elementen oder einfach nur „Banalität“ gegeißelt werden, ist vielleicht nur diese Gratwanderung versucht worden, vielleicht ist sie auch missglückt. Es sind gerade Gemeinden, die besonderen Wert auf liturgische Gestaltung legen, die hier in ein Dilemma geraten.

In seiner Lesehilfe für das Motu Proprio des Papstes hatte Kardinal Lehmann betont:„Eine einfache Rückkehr zum Alten ist auch für den Papst keine Lösung. Er verlangt von allen Seiten tiefere Einsicht und eine spirituell verwurzelte Bewegung hin auf die gemeinsame Sache und darum auch zueinander.“ Angesichts der vielen Herausforderungen an eine der Tradition ebenso wie dem Suchen und Ringen des Zeitgenossen verpflichtete Liturgie ist dies wohl das Entscheidende: dass die Bewegung hin auf die gemeinsame Sache auch zueinander führt. Es sind wahrscheinlich nicht wenige Anliegen, die im Letzten „Reaktionäre“ und „Progressisten“ verbindet. Wo der Wille zueinander auch in Fragen der liturgischen Erneuerung fehlt, bleiben Streit und Zwietracht unausweichlich.

Anzeige
Anzeige: Eberhard Schockenhoff - Die Kunst zu lieben

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.