Moldawien ist das ärmste Land EuropasEin ernsthaftes Imageproblem

Aller Voraussicht nach wird Moldawien bereits 2007 ein Nachbarstaat der EU sein. Das Land leidet nicht nur unter Armut und Wegzug vieler Bürger, sondern auch unter dem Konflikt mit dem von keiner Regierung der Welt anerkannten skurrilen „Staat“ Transnistrien in seinem Ostteil.

Wie auch immer sich die weiteren Dinge entwickeln mögen: Moldawien hat ein ernsthaftes Imageproblem. Mit dem kleinen Land zwischen Rumänien und der Ukraine assoziieren die meisten Westeuropäer am ehesten Begriffe wie Menschenhandel und Korruption. Der jüngst mit über 250 000 Exemplaren verkaufte satirische Reiseführer zu dem nicht existierenden Land „Molwanien“, der alle Negativklischees über den ehemaligen Ostblock bedient, wird die namensmäßige Anlehnung ebenfalls nicht ganz zufällig gewählt haben. Das 4,2 Millionen Einwohner zählende Land ist ein dankbares Opfer. 1991 hervorgegangen aus der ehemals zweitkleinsten Sowjetrepublik sucht das Land bis heute seine Identität. Dies wird schon bei der Landessprache deutlich, die offiziell moldawisch, im Grunde aber rumänisch ist. Die Sowjets hatten seinerzeit kurzerhand die rumänische Sprache in kyrillische Schrift umgesetzt, um damit eine nationale Identität zu begründen. Heute darf wieder in lateinischen Lettern geschrieben werden. Der Schriftenstreit zeigt exemplarisch, dass die Republik Moldau – so der offizielle Name – bis heute zwischen Rumänien und Russland hin und her gerissen ist, zu denen das frühere Bessarabien abwechselnd gehörte. Infolge des Hitler-Stalin-Pakts fiel das Gebiet 1940 an die Sowjetunion und erhielt den Status einer sozialistischen Sowjetrepublik. Um mögliche Abspaltungstendenzen Moldawiens in Richtung Rumäniens weitestgehend zu unterbinden, erfolgte von Moskauer Seite bereits frühzeitig eine strategische Ansiedelungspolitik russischer Bürger – mit politischen Folgen bis auf den heutigen Tag.

Für was steht Moldawien heute? Dass das Land von der Größe Baden-Württembergs zu den internationalen Top Ten der Weinproduzenten gehört und sogar den größten Weinkeller der Welt (60 Kilometer lang) besitzt, ist hier kaum bekannt. Weit mehr als seine Rebensäfte gelangen die Menschen des Landes hingegen in den Westen, sie sind das eigentliche Exportgut Moldaus. Wer unter der jungen Generation das Land verlassen kann, tut dies und zwar umgehend. Man schätzt, dass knapp ein Viertel aller Moldawier inzwischen im Ausland arbeitet, eine Mehrheit von ihnen illegal. Die allgemeine Perspektivlosigkeit bereitet auch den Menschenhändlern ein leichtes Spiel. Gegenüber der Tristesse grauer Plattenbausiedelungen in der Hauptstadt Chisinau erhält nahezu jedes Jobangebot aus dem Westen unwiderstehlichen Glanz. Schließlich ist Moldawien das ärmste Land Europas. Das durchschnittliche monatliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt gerade einmal 50 Euro. Drei Viertel der Bevölkerung leben in Armut. Rentner und kinderreiche Familien sind besonders betroffen. Ihr Zuhause sind die maroden Wohnblocks der Städte, in denen der Schimmel die Tapetenmuster in manchen Räumen kaum mehr erkennen lässt. Auf dem Land hausen die Menschen in einfachsten Holzbaracken. Nachdem die ehemals staatlichen Wohnungsgesellschaften nicht mehr existieren, dürfen sich die Bewohner zwar einerseits als Besitzer fühlen. Andererseits ist es nur eine Frage der Zeit, wann die baufälligen Blocks endgültig nicht mehr bewohnbar sind. Viele alte Menschen bekommen eine Rente in Höhe von nur rund 20 Euro, und es erschließt sich dem Besucher von außen kaum, wie man damit überleben kann. Dabei ist die moldawische Wirtschaft in den letzten fünf Jahren um ein Drittel gewachsen, sie vermag die Bürger ihres Landes aber nicht zu versorgen. So wäre die Gesellschaft längst zusammengebrochen, gäbe es die Rücküberweisungen der Exilmoldawier nach Hause nicht. Mindestens 600 Millionen Euro beträgt diese lebensrettende Transfusion aus dem Ausland. Das ist rund ein Drittel des gesamten Bruttosozialprodukts des Landes. Auf Chisinaus Flaniermeile gibt es denn auch mehr Büros der Geldtransfergesellschaft Western Union als Modegeschäfte.

Bei allem Lebensmut, den viele Menschen trotz der äußeren Schwierigkeiten behalten, kommt in den meisten Gesprächen ein eher depressives Lebensgefühl zum Ausdruck. Der deutsche Steyler Missionar Klaus Kniffki lebte vor seinem jetzigen Einsatz in einem kleinen Ort nahe Chisinau lange Jahre bei den ärmsten Völkern Mittelamerikas. Die Menschen dort, meint Kniffki, seien dennoch wesentlich optimistischer in Bezug auf ihre Zukunft und gemeinsame Projekte gewesen. In Moldawien falle es schwer, Menschen dazu zu motivieren, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Was der Missionar hier beschreibt, ist ein typischer Charakterzug des noch immer existierenden „homo sovieticus“, der gewohnt ist, auf Hilfe und Anweisung von oben zu warten.

Moldawien würde gerne so bald wie möglich der EU beitreten, weil man sich davon Wachstumsimpulse verspricht. Realistisch sind diese Erwartungen nicht. Zu groß ist der politische und wirtschaftliche Reformbedarf, um auch nur in absehbarer Zeit den Kandidatenstatus zu erreichen. 80 Prozent der Medien unterliegen der staatlichen Propaganda, unabhängige Berichterstattung ist die Ausnahme. Das Land wird von dem Kommunisten Wladimir Woronin regiert, dessen Partei die stärkste politische Kraft darstellt. Der Staatschef bewegt sich auf schmalem Grat, weil sein prowestlicher Kurs der vergangenen Jahre von russischer Seite zunehmend mit Strafmaßnahmen konterkariert wird. Diese treffen die kleine Republik empfindlich, da sie wirtschaftlich in hohem Maße von Russland abhängig ist. So drehte die staatsnahe russische Gasprom im vergangenen Winter Moldawien vorübergehend den Gashahn zu, weil dieses sich geweigert hatte, eine zum Jahreswechsel verfügte Verdoppelung der Preise zu akzeptieren. Dies wurde von den Verantwortlichen in Chisinau nicht zu Unrecht als Erpressung interpretiert.

Der Pseudostaat „Transnistrische Moldauische Republik“ wird von niemandem anerkannt

Interessanterweise sprang während der russischen Gasblockade die Ukraine ein und verhinderte eine humanitäre Katastrophe. Noch schwerer trifft Moldawien das zu Beginn dieses Jahres von Russland ausgesprochene Importverbot für moldawischen Wein, weil dieser scheinbar Schadstoffbelastungen enthalte. Bis zu 80 Prozent der Weinproduktion waren bis dahin über Jahrzehnte an den östlichen großen Nachbarn gegangen, mit einem jährlichen Umfang von 240 Millionen Euro. Die Einnahmeausfälle bringen nun nicht nur die Weinproduzenten, sondern auch den moldawischen Staatshaushalt in ernsthafte Bedrängnis. Vor diesem Hintergrund der äußeren Bedrohung kam es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder zu der ungewöhnlichen Konstellation, dass der kommunistische Premier Woronin sogar Unterstützung bei der christdemokratischen Partei seines Landes suchte und gegen das ehemalige sozialistische Brudervolk polemisierte.

Die wachsenden Spannungen zwischen Russland und Moldawien haben aber noch einen anderen Hintergrund, dessen Wurzeln im Unabhängigkeitsprozess Anfang der neunziger Jahre zu finden sind. Die in Sowjetzeiten angesiedelte russische Elite sah mit der Staatsgründung Moldawiens 1991 ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Privilegien schwinden. Diese organisierte sich in einer Separatistenbewegung, die für das in Moldawien befindliche Gebiet östlich des Flusses Dnjestr (daher der Name „Transnistrien“) die Unabhängigkeit proklamierte. Der Konflikt mit der moldawischen Zentralregierung führte zu einem veritablem Krieg, dem in den Jahren 1991 bis 1992 zwischen 1000 und 1500 Menschen zum Opfer fielen. Die transnistrischen Milizen wurden dabei massiv von der 14. russischen Armee unterstützt. Auf Geheiß Moskaus wurde schließlich im Sommer 1992 ein Waffenstillstand erreicht und eine Sicherheitszone entlang des Dnjestr eingerichtet. Russische Soldaten blieben in Transnistrien als „Friedenstruppe“ stationiert. Damit hatten die Separatisten de facto ein eigenes Reich auf moldawischen Boden geschaffen, auf das die Zentralregierung in Chisinau bis heute keinen Zugriff hat. Sie riefen mit der „Transnistrischen Moldauischen Republik“ einen Pseudostaat aus, der bis heute von niemanden anerkannt ist. Transnistrien erstreckt sich über eine Länge von rund 200 Kilometern bei einer Breite zwischen fünf und 35 Kilometern und entspricht damit dem völkerrechtlich östlichen Teil Moldawiens. Lediglich 550 000 Menschen leben hier. Unter dem Schutz Moskaus und dank weitgehender Ignorierung durch die internationale Gemeinschaft konnte sich um die „Hauptstadt“ Tiraspol ein kurioses Gebilde entwickeln, das man getrost als Drehscheibe des internationalen Waffen-, Drogen und Menschenhandels bezeichnen kann. Die geostrategische Ausgangslage dafür ist günstig, liegen die meisten der noch zu Sowjetzeiten aufgebauten (zum Teil militärischen) Industrieanlagen Moldawiens in dieser Region, und die Nähe zum Schwarzmeerhafen Odessa (90 km) garantierte über 15 Jahre hinweg hervorragende Transportanbindungen. Nur zwei Flugstunden von Frankfurt existiert mit Transnistrien ein quasi rechtsfreier Raum. Ein typisches Beispiel für die dortigen Wirtschaftsaktivitäten, wie es von einem unabhängigen Institut dokumentiert ist: Es wird billigstes Hühnerfleisch in den USA aufgekauft, dass von den dortigen Streitkräften abgeschrieben wird. Dann wird es zollfrei nach Transnistrien eingeführt und als moldawisches Produkt umetikettiert. Dank eines GUS-Freihandelsregimes kann es dann legal in die Ukraine oder nach Russland exportiert werden.

Gleichsam zur ideologischen Absicherung des legalen und illegalen Geschäftsbetriebs entwarf Transnistriens autoritärer Präsident Igor Smirnov einen skurrilen Staatlichkeitskult, der seinesgleichen sucht. Auf den ersten Blick wirkt Transnistrien wie eine Art Freiluftmuseum der untergegangenen Sowjetunion. Hammer und Sichel zieren die Staatsflagge, vor dem Parlamentsgebäude empfängt eine haushohe Leninstatue die Besucher. Präsident Smirnov sieht seine Pseudonation als historische Enklave Russland vor den Toren der EU und bezeichnet sich selbst als Bewahrer des sowjetischen Erbes. Mit aller Macht und nicht ohne Erfolg hat Smirnov den zumeist russophonen Bürgern Transnistriens eine nationale Identität eingehämmert. Dazu gehört unter anderem die Ausgabe von transnistrischen Pässen, die von keinem Land der Welt akzeptiert werden wie auch eine eigene Währung, die logischerweise „Rubel“ heißt. Transnistrien besitzt sogar einen eigenen Mobilfunkstandard, der allerdings mit dem aller anderen Länder nicht kompatibel ist. Mit einem ausgefeilten Personenkult interpretiert sich Präsident Smirnov als Verkörperung der transnistrischen Seele und Garant für die Sicherheit des Landes. In diesem Zusammenhang stört es auch kaum, dass er von der Insel Kamtschatka im fernen Osten stammt und erst 1987 als Ingenieur nach Tiraspol kam. Eine in seinem Auftrag und von einer engen politischen Weggefährtin verfasste Biographie Smirnovs heißt schlichtweg „Der Führer“. Dennoch drängt sich der Gedanke auf, dass die politische Rhetorik vor allem dazu dient, die Plätze einer kleinen Oligarchie an den Fleischtöpfen nachhaltig zu verteidigen. Smirnov ist sozusagen der Sheriff in seinem Land – und zwar im wortwörtlichen Sinn. Ihm gehören Tankstellen und Supermärkte im ganzen Land, die alle den Namen Sheriff tragen. Darüber hinaus besitzt er aber noch Fernsehsender, Zeitungen, das Mobilfunknetz, eine Mercedes-Niederlassung und zwei Fußballvereine. Bei einer derartigen Machtfülle nimmt es auch kaum Wunder, dass Sheriff Tiraspol kürzlich zum sechsten Mal in Folge moldawischer Fußballmeister wurde (erstaunlicherweise gibt es eine gemeinsame Liga mit Moldawien). Geschickterweise leitet Smirnovs ältester Sohn die Zollbehörde des Landes, deren Tätigkeit dazu beitrug, dass Transnistrien sich in den vergangenen Jahren einen soliden Ruf als Schmuggler- und Geldwäscheparadies erworben hat. Sein jüngster Sohn war auf höchster Ebene für die Privatisierung ehemaliger staatlicher Industrieanlagen zuständig und betätigt sich zugleich als Waffenproduzent und -exporteur.

Dies alles geschieht unter der freundlichen Beobachtung Russlands, das noch immer 2000 Soldaten in Transnistrien stationiert hat. Gemäß eines OSZE-Abkommens hätten die Russen ihre letzten Militärs bereits vor vier Jahren aus der strategisch interessanten Region abziehen müssen. Diese scheren sich aber nicht um diesen internationalen Vertrag, wohlwissend, dass kein westliches Land deshalb einen diplomatischen Konflikt mit der öl- und gasreichen ehemaligen Supermacht beginnen wird. In Chisinau wurde bislang vergeblich an die Einhaltung der Abmachungen erinnert. Es gehört zu den wiederkehrenden schmerzlichen Erfahrungen Moldawiens, das es in der internationalen Politik offensichtlich als ziemlich unbedeutend eingestuft wird.

Die Untertanen des Sheriffs partizipieren praktisch nicht an den Geschäftserfolgen der Präsidentenfamilie. Der überwiegende Teil der Bevölkerung Transnistriens lebt von weniger als drei Euro pro Tag. So sind die Menschen östlich des Dnjestr zumindest in der Armut mit Restmoldawien vereint. Die grassierende Armut schafft hier wie dort extreme soziale Probleme, für die der Staat aber keine Lösungen bietet. In beiden Teilen des Landes lebt noch ein Stück weit die frühere Mentalität fort, dass es in der perfekten sozialistischen Gesellschaft keiner Berufe wie der des Sozialarbeiters bedarf. Das ehemals funktionierende Gesundheitswesen ist inzwischen in großen Teilen auf Dritte-Welt-Niveau angekommen – zumindest für die Mehrheit, die sich keine teuere Zusatzbehandlung leisten kann.

Die katholische Kirche ist über ihre soziale Arbeit präsent

In Moldawien hat die Regierung die explosive Sozialproblematik zwar inzwischen erkannt und versucht, auf einigen Feldern gegenzusteuern. Leere Staatskassen und zahlreiche andere Probleme lassen die Erfolge aber bislang bescheiden ausfallen. So besteht eine hohe Notwendigkeit für das Engagement von Nichtregierungsorganisationen (NRO). Hunderte davon sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, nur ein kleiner Teil von ihnen besitzt aber die fachlichen Qualitäten, um wirkliche Aufbauhilfe zu leisten. So fällt vor allem den erfahrenen internationalen Hilfsorganisationen die wichtige Rolle zu, lokale Partner in ihren Kapazitäten zu stärken. Anders als in der Politik gibt es im NRO-Bereich ein hohes Interesse an Moldawien. Das überschaubare und zugleich bitterarme Land besitzt unter diesen Aspekten eine gewisse Attraktivität. Unklare rechtliche Bestimmungen und der enorme Nachholbedarf der lokalen NRO machen Moldawien jedoch zu keinem einfachen Arbeitsfeld. In Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren einige Initiativen gebildet, die sich vor allem auf humanitäre Hilfe konzentrieren. Im sozialen Bereich hat sich die Caritas Moldova in den elf Jahren ihres Bestehens einen guten Namen gemacht und dürfte zugleich eines der größten Werke im Land sein. Die Caritas bietet Dienste in den Bereichen Krankenpflege, Medikamentenversorgung, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Landwirtschaft an. Besonders bemerkenswert ist, dass es der Caritas trotz zahlreicher administrativer Hindernisse gelungen ist, auch in Transnistrien zu arbeiten, wo nur sehr wenige NRO vertreten sind.

Auf diesem Hintergrund ist die katholische Kirche in Moldawien (die auch Transnistrien einschließt) über ihre soziale Arbeit in der Gesellschaft präsenter als durch das normale kirchliche Leben, zumal die orthodoxe Kirche – wie in anderen Ländern Osteuropas auch – nahezu keine diakonischen Aktivitäten entfaltet. Das ganze Land besteht aus einer Diözese mit Sitz in Chisinau, in der rund 25 000 Katholiken leben. 1993 errichtete der Vatikan für Moldawien eine apostolische Administratur, als deren Leiter der junge rumänischstämmige Priester Antun Cosa eingesetzt wurde. Der heute 45-jährige wurde dann kurz vor der Erhebung zur Diözese im Jahr 2001 zu deren erstem Bischof geweiht. Das kirchliche Leben in Moldawien lässt sich in erster Linie durch seine Überschaubarkeit charakterisieren. In den 13 Pfarreien des Landes und deren Außenstellen arbeiten insgesamt 25 Priester und rund 50 Ordensfrauen. Nur vier der Priester kommen bislang aus Moldawien, die Mehrheit der Seelsorger stammt aus dem benachbarten Rumänien und aus Polen. Die bescheidene Zahl der Pfarreien und die räumliche Nähe erlauben dem Bischof eine große Nähe zu den Gläubigen, worum ihn mancher Amtskollege beneiden dürfte. Die sprachliche Zerrissenheit des Landes prägt auch die pastorale Arbeit der Kirche, da sich die Gemeindemitglieder zuweilen nur schlecht verständigen können. So werden Gottesdienste in der Regel hintereinander auf rumänisch und russisch gehalten. Bis vor einigen Jahren spielte auch noch Deutsch eine Rolle, doch die meisten haben das Land als Aussiedler inzwischen verlassen.

Die katholische Kirche in Moldawien hat sich im Land einen guten Ruf erworben. Die Arbeit der Caritas ist eng an das pfarreiliche Leben rückgebunden, was für beide Seiten befruchtend ist. Vor allem über ihre soziale Arbeit wirkt die Kirche in die Bevölkerung hinein. Zuweilen standen Suppenküchen am Anfang des Gemeindelebens an einem Ort. Bischof Cosa und seine Mitarbeiter haben in derartigen Fällen aber mit Umsicht agiert, um sich gegenüber der orthodoxen Mehrheit nicht des Vorwurfs des Proselytismus auszusetzen. Dies ist ihnen bislang im Großen und Ganzen recht gut gelungen.

Der ökumenische Dialog mit der Orthodoxie, der zumindest dem Papier nach 98 Prozent der Bevölkerung angehören, weist aber dennoch etliche Defizite auf. Dies hängt vor allem auch mit deren innerer Zerrissenheit und Aufteilung in zwei Lager zusammen. So betrachtet sich eine Gruppe der rumänisch sprechenden Orthodoxen als dem Bukarester Patriarchat zugehörig, während die russophone Gruppe den Patriarchen von Moskau als ihr Oberhaupt anerkennt. Das Verhältnis zwischen den beiden Parteien ist in höchstem Maße vergiftet. Eines der ganz wenigen Zusammentreffen beider Repräsentanten fand auf Initiative von Bischof Cosa in seinem Haus statt. Die Fronten sind allerdings so verhärtet, dass an eine Lösung des Konflikts vorerst nicht zu denken ist.

Wie es mit der politischen Zukunft Moldawiens weitergehen wird, ist ungewiss. Der Brain drain in der jungen Generation schwächt das Land momentan beträchtlich, birgt aber auch Chancen, wenn Teile der Emigranten vielleicht eines Tages mit wirtschaftlichem Know-how und einem gewissen Startkapital in ihre Heimat zurückkehren. Bis es soweit ist, muss Moldawien aber seine außenpolitischen Probleme klären, die die ökonomische Entwicklung hemmen. Ein erster Erfolg wurde in einem Abkommen mit der neuen ukrainischen Regierung erzielt, die sich inzwischen dezidiert gegen russisches Großmachtdenken engagiert. Zum Ärger der Sheriff-Familie und ihrer Anhänger müssen seit März 2006 alle Güter, die über die ukrainisch-transnistrische Grenze transportiert werden, vom Zoll in Moldawien und nicht mehr von Transnistrien selbst abgefertigt werden. Damit sollen Zollschmuggel und Schattenwirtschaft in der Region die formale Grundlage entzogen werden. Die EU vermag dem moldawischem Volk momentan noch nicht mehr als ein paar ferne Illusionen zu vermitteln. Wegen der großen wirtschaftlichen Abhängigkeit von Russland liegen im Prinzip dort die Schlüssel für eine Beilegung der Konflikte. Die moldawische Regierung muss aber auch ihre innenpolitischen Hausaufgaben machen. Dazu gehören in erster Linie die Bekämpfung der grassierenden Korruption im öffentlichen Leben und der Aufbau einer Mindestsozialversorgung. Erst dann wird sich auch das Stimmungsbild in der Bevölkerung aufhellen.

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