Was wird aus der evangelischen Kirche in Ostdeutschland?Der schwierige Weg ins Offene

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung befindet sich die evangelische Kirche der neuen Bundesländer in einer prekären Lage. Der Zustrom zur Kirche ist ausgeblieben, der kirchliche Apparat muss heruntergefahren werden, von missionarischer Dynamik ist wenig zu spüren. Über Probleme und Zukunftschancen des Protestantismus, gerade, aber nicht nur in Ostdeutschland, schreibt für uns Eduard Berger, seit 1991 Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche.

Welch unvergleichliche Monate waren das vom November 1989 bis zum Oktober 1990! Gebete erhört, Hoffnungen erfüllt, Sehnsüchte gestillt – und dann das langsame Erwachen. Das Überraschendste war die Erkenntnis: Trotz Fernsehen und Radio, trotz vieler empfangener Besuche von „drüben“ und einiger dort gemachter Besuche wussten wir nicht viel von der Wirklichkeit, in die wir eintraten. Neuland war’s, ein unbekannter Kontinent. Und doch sage ich: Gut so! Denn es gibt nichts Interessanteres und Lohnenderes als die Entdeckungen und Herausforderungen in einer offenen Welt, die geborgen ist nur in Gott. 1989 brach das sozialistische Lager auseinander, und kurz darauf fiel in fast allen bis dahin sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas auch deren innere Ordnung in sich zusammen. Damit endete nicht nur der 40-jährige Kalte Krieg zwischen Ost und West. Zugleich endete auch der lange Aufstieg der atheistischen sozialistischen Ideologie, und insbesondere endete ihr Vermögen, Staaten zu bilden und zu erhalten. Als Ursache dieses gewaltigen Zusammenbruchs sehe ich im Kern: mangelnde Realitätstauglichkeit.

Die Kirche war Zuflucht, wurde aber nicht Heimat

Die Vereinigung beider deutscher Nachkriegsstaaten konnte dann nur deshalb so schnell vollzogen werden, weil zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges bald darüber Einvernehmen erzielt war, dass ein vereinigtes Deutschland kein bindungsloser Nationalstaat werden dürfte, sondern fest in die EU und in die NATO eingefügt sein würde. Die politische, wirtschaftliche und militärische Einbettung Deutschlands in die westeuropäisch-nordatlantische Staatengemeinschaft und in deren demokratisch-freiheitliche Werteordnung bedeutete für die Menschen und das Gebiet der ehemaligen DDR einen einschneidenden Paradigmenwechsel, dessen Tiefe, Reichweite und Folgen sich damals niemand vorzustellen vermochte und den selbst heute viele noch nicht wahrhaben wollen. Der schon lange wirksame kulturelle und wirtschaftliche Einfluss der USA auf Westeuropa und besonders auf Westdeutschland verstärkte sich noch erheblich.

Aber es zeigte sich auch, dass EU und NATO sich nicht einfach nur räumlich weiter nach Osten ausdehnen konnten, sondern nun vor Aufgaben und Herausforderungen gestellt wurden und in Prozesse gerieten, auf die man nicht vorbereitet war. Der raue Wind wieder geöffneter Geschichte (Globalisierung) bläst seither kräftig.

Für die verfasste Kirche bedeutete dies alles nicht nur ihre Befreiung nach Jahrzehnten der Unterdrückung und Marginalisierung, sondern sie konnte sich zunächst auch in dem Wissen und stolzen Gefühl sonnen, selbst zu dieser Befreiung erheblich beigetragen zu haben. Allerdings war es nun eine in vierzig Jahren um mehr als 70 Prozent geschrumpfte Kirche. Und es war eine Kirche, die das gesellschaftliche Ritenmonopol, den sichtbarsten und stärksten Ausdruck ihrer Verwurzelung im öffentlichen Leben, verloren hatte. Der Sieg der Jugendweihe über die Konfirmation (noch immer nehmen etwa 50 Prozent aller Jugendlichen an ihr teil, während weniger als 10 Prozent sich konfirmieren lassen) und die Einbürgerung weltlicher Bestattungsfeiern (etwa 60 Prozent) sind bis heute die offensichtlichsten Kennzeichen der Entkirchlichung. Als noch folgenreicher erwies sich, dass es eine erschöpfte und von den überstandenen Zeiten innerlich weit stärker, als sie selbst wusste, geprägte Kirche war, die sich plötzlich in gänzlich veränderten Verhältnissen wiederfand. Welche unserer Einstellungen und Erfahrungen zählten jetzt noch? Das ist eine bis heute schwer beantwortbare Frage. Dennoch gilt: Wir sind dankbar für die gewonnene Freiheit, für die Öffnung der Geschichte, für das vereinigte Deutschland und für das Ende der geschlossenen sozialistischen Gesellschaft.

Die schönen Zeiten ungläubigen Staunens und aufatmenden Jubels aber, die vermischt waren mit Hoffnungen auf eine schnelle Wiederherstellung der sichtbaren Kirche einerseits und mit einem Gefühl der Unsicherheit, was nun werden mochte, andererseits, währten nur kurz. Faktisch taten wir das geschichtlich Nächstliegende: Wir schlossen uns eng an die westdeutschen evangelischen Landeskirchen an. Deren Hilfe hatte in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit das institutionelle Überleben der Kirche ermöglicht, und jetzt schien sich im Angebot weiterer Hilfe die Aussicht zu bieten, erste karge Zeiten bis zur nachhaltigen Erholung zu überstehen. Zunächst flossen jährlich ungefähr 500 Millionen kirchliche Hilfsgelder an die ostdeutschen Kirchen. Nach und nach wurden diese reduziert auf etwa 300 Millionen. Heute ist deutlich, dass Hilfen in dieser Größenordnung auch auf absehbare Zeit nötig sein werden, wenn die ostdeutschen Kirchen institutionell bestehen sollen. Hinzu kamen und kommen weitere Hilfen, die unseren Kirchen bilateral von ihren westdeutschen Partnerkirchen gewährt werden.

Mit den wieder erstandenen ostdeutschen Ländern wurden Staatskirchenverträge geschlossen, wie sie auf Grund des deutschen Staatskirchenrechts und gemäß der in den einzelnen Ländern bestehenden Rechtslage möglich und vorteilhaft waren. Bestandteil dieser Verträge sind finanzielle Staatsleistungen, deren Höhe in jedem Bundesland unterschiedlich ist und die in den einzelnen Kirchen zwischen 10 Prozent und 30 Prozent des landeskirchlichen Haushaltsvolumens liegen. Westdeutsche kirchliche Hilfen und Staatsleistungen machen zusammen bis zu 50 Prozent der landeskirchlichen Haushalte aus. Das heißt, nur etwa 50 Prozent unseres Geldbedarfs werden von uns selbst aufgebracht. Bei den ostdeutschen Ländern und Kommunen sieht es freilich nicht besser aus. Gesund und zukunftsfähig ist dieser Zustand nicht. Unterdessen zeigte sich schnell, dass die erhoffte Rückkehr vieler Menschen, die in sozialistischer Zeit die Kirche verlassen hatten, ausblieb. Allerdings haben wir uns auch nicht nachdrücklich genug darum bemüht.

Finanziell haben Gemeinden und Landeskirchen über ihre Verhältnisse gelebt

Erst recht blieben diejenigen der Kirche fern, die weder getauft worden waren noch sonst mit der Kirche gelebt hatten. Besonders enttäuschend war, wie viele von denen der Kirche den Rücken kehrten, die sich zuvor in Umwelt-, Friedensund Menschenrechtsgruppen (Höhepunkt: die Ökumenische Versammlung 1989) unter ihrem Dach versammelt hatten, und wie schnell der Glanz verblasste, der die Kirche in den Zeiten der Wende leuchtend umgab. Zuflucht und nützlicher Ort war die Kirche gewesen, aber sie ist nicht Heimat geworden. Es bleibt die Frage an uns: Wie ist es um unser Vermögen bestellt, Menschen bei uns geistlich zu beheimaten und Lebens-Räume zu bieten, in denen mehr zu finden ist, als anfänglich gesucht wurde?

Kurz: Die Kirche hatte überlebt, aber sie war an den Rand geraten, und trotz der nun für sie deutlich verbesserten Rechtsstellung, trotz ihres Anteils am Ende der DDR, trotz der Hilfen westdeutscher Kirchen verblieb sie bis heute am Rande. Es gab und gibt nach der sozialistischen Zeit keine automatische Renaissance der Kirche. Ebenso wenig gibt es bei den Menschen in den alten Ländern, die sich von ihrer Kirche getrennt haben, eine statistisch nennenswerte Bereitschaft zurückzukehren. Bei allen sonstigen Verschiedenheiten zwischen West- und Ostdeutschland ist dies offenbar eine Gemeinsamkeit, deren tiefere Ursachen erst noch zu erkennen und vor allem zu berücksichtigen sind. Mir jedenfalls scheint, dass die Bedeutung und die je verschiedenen Gründe dieser Gemeinsamkeit in unseren Kirchen bis heute nicht ernst genug genommen werden. Andernfalls hätte es für Vertreter der westdeutschen Kirchen nahe gelegen, uns vor zehn Jahren etwa folgendes zu sagen: „Gebt euch keinen Illusionen über die Zukunft hin! Die innere Stellung der Kirche im Leben der Menschen hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg auch bei uns verändert. Das wird zwar verdeckt durch ihre rechtlich gut verankerte Position, ihren finanziellen Reichtum und auch durch die Trägheit der Menschen. Wir müssen euch jedoch sagen, dass sich auch hier – zwar langsamer, aber unaufhaltsam – ein Auszug gerade der nachwachsenden Generationen vollzieht, gegen den wir bisher keine missionarisch wirksamen Strategien gefunden haben. Von der Entkirchlichung, die sich infolge ideologischen und staatlichen Druckes bei euch galoppierend vollzogen hat, sind – aus anderen Gründen – auch wir befallen. Noch erscheinen wir blühend, aber das täuscht. Es ist an der Zeit, dass wir uns gemeinsam, ohne Ressentiments und Illusionen, der veränderten Situation stellen. Wir müssen uns selbst verändern, statt nur fortzusetzen, was wir bisher lebten und taten. Unsere Art des Kirche- und Christseins beschert uns nicht nur zunehmend Probleme, für die wir keine Lösung haben, es scheint vielmehr, dass wir selbst in mancher Hinsicht zum Problem geworden sind.“

Noch viel mehr hätten die maßgeblichen Vertreter der ostdeutschen Kirchen Grund gehabt, solche Bedenken und Einwände vorzutragen. Das ist aber nur in Ansätzen geschehen und konnte sich gegenüber unseren Hoffnungen, dem Gewicht der westdeutschen Stimmen und ihrer Zuversicht in die eigenen kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht durchsetzen. Zu berücksichtigen ist freilich, dass auch im Bereich der Politik so entschieden und gehandelt wurde, als ob die deutsche Vereinigung in überschaubarer Zeit und mit begrenzten Mitteln relativ schnell die innere und äußere Angleichung der neuen Gebiete und ihrer Bevölkerung an die westdeutschen Standards erbringen würde. Dass so nicht deutlich genug gesprochen und erst recht nicht gehandelt wurde – in den Kirchen und in der Gesellschaft nicht –, wirft die Frage auf, wie es um die Realitätstauglichkeit der deutschen Politik und auch unserer Kirche bestellt ist. In den vergangenen Jahren hat sich diese Frage drastisch verschärft. Dies lässt sich für den kirchlichen Bereich an zwei Vorgängen illustrieren.

Da ist zum einen die „Stasi-Debatte“. Als 1992 bekannt wurde, dass die Kirchen in der ehemaligen DDR nicht nur beobachtet und ausspioniert worden waren, sondern dass von Gemeindegliedern bis hin zu leitenden Mitarbeitern regelmäßige, aber konspirativ verschwiegene Gesprächs- und Arbeitskontakte zum ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit bestanden, drohte den Kirchen ein enormer innerer und äußerer Ansehensverlust. Vergrößert wurde diese Gefahr noch dort, wo Journalisten und nicht die Betreffenden selbst dies an die Öffentlichkeit brachten. Wo geleugnet und bestritten wurde, was doch belegt war, da erwiesen sich unsere Kirchen als unfähig, genuin christlich mit diesem Problem umzugehen. Nicht die Vorkommnisse an sich, sondern der Umgang mit ihnen war verhängnisvoll. Wäre eingestanden und bekannt, statt verdrängt und verschwiegen worden, was sich zugetragen hatte, dann wären daraus keine Sensationen in der Mediengesellschaft geworden, sondern man hätte der entkirchlichten Öffentlichkeit ein Beispiel für christlichen Umgang mit Schuld gegeben und so ein Zeugnis für die Lebensdienlichkeit christlichen Glaubens abgelegt.

Das andere Beispiel für die fragwürdige Realitätstauglichkeit der ostdeutschen Kirchen wurde in den Jahren seit 1995/96 deutlich. Es zeigte sich, dass Kirchgemeinden, Landeskirchen und Diakonie infolge illusionärer Erwartungen mindestens hinsichtlich ihrer finanziellen Kräfte über ihre Verhältnisse lebten. Oft brachten sie sich sogar in hohe Verschuldungen, so dass sie schließlich zu übermäßig einschneidendem Stellenabbau, zu massiver Ausdünnung des Pfarrstellennetzes und zu anderen harten Einschnitten in ihr Institutionengefüge genötigt wurden. In unserer kleinen Kirche entfielen etwa 30 Prozent der 230 Pfarrstellen, 25 Prozent der 65 Katecheten-, Küster und Kirchenmusikerstellen sowie 45 Prozent der rund 115 Arbeitsplätze in der Verwaltung; aus 15 Kirchenkreisen wurden vier. In der Diakonie stehen wir noch mitten in den erforderlichen Anpassungen. Das Ende der Reduktionen, die in ähnlicher Weise auch in den anderen ostdeutschen Kirchen erfolgen, ist heute noch nicht in Sicht. Zwar steht dem gegenüber, dass ein enormer Bedarf an teuren Bauleistungen für Kirchen und Pfarrhäuser bestand und bis heute trotz erstaunlicher Bauleistungen besteht, dass in die von der Diakonie übernommenen zahlreichen Einrichtungen massiv investiert werden musste und dass es verständliche Erwartungen in steigende Gehälter gab nach langen Zeiten arger Unterbezahlung. Aber dies ändert leider nichts daran, dass wir uns übernommen haben.

Hinzu kommen weitere Faktoren, die uns zu mehr als nur äußeren Veränderungen herausfordern: Die starke Überalterung des Gemeindegliederbestandes; mehr als 50 Prozent der Gemeindeglieder in unserer Kirche sind älter als 50 Jahre, aber nur 13 Prozent sind jünger als 19 Jahre. Der kontinuierliche Schwund an Gemeindegliedern durch Sterbefälle und durch Wegzüge in die alten Länder; 1990 hatte unsere Kirche etwa 150 000 Gemeindeglieder, heute sind es rund 130 000.

Die geringen Taufzahlen; etwa 15 Prozent der Neugeborenen, in Städten noch viel weniger, werden getauft, und dabei ist die Geburtenrate in den neuen Ländern seit 1989 ohnehin um reichlich 50 Prozent gesunken. Die eigenartige Verschlossenheit vieler Gemeinden, die es selbst aufrichtig bemühten Gemeindegliedern, beispielsweise nach einem Ortswechsel, und erst recht Außenstehenden oft schwer machen, in ihnen heimisch zu werden. Die längst überfälligen Steuerreformpläne der Regierung mit der Gesamttendenz der Verlagerung von den Einkommenssteuerarten hin zu den Verbrauchssteuern und viele weitere Veränderungen in Staat und Gesellschaft.

Von einer durchgreifenden Erneuerung kann nicht die Rede sein

Dies alles spricht dafür, dass wir uns verändern und nach neuen Formen und Wegen der Verkündigung und öffnender Gemeindeentwicklung suchen müssen. Findet sich auch Innovation? Vielfältige Ansätze dazu gibt es, aber von einer durchgreifenden Erneuerung unserer Kirchen wage ich noch nicht zu reden. Im Zuge der Struktureinschnitte versuchen wir, Mitarbeiter und Gemeinden in Regionen zu mehr Zusammenarbeit zu motivieren. Mancherorts geschieht das auch – wenn die richtigen Leute sich (zufällig?) finden. Von der Mitarbeiterschaft hängt hier viel ab. Die Gemeindekirchenräte/Kirchenvorstände denken, empfinden und handeln freilich häufig strukturkonservativ, und die rechtliche Eigenständigkeit der Kirchgemeinden in unseren Kirchen unterstützt dies. Die verstärkte Arbeit mit Ehrenamtlichen, um die wir uns bemühen, gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang. Diese Bemühungen werden aber nur erfolgreich sein, wenn unsere Kirchen und die Mitarbeiterschaft bereit sind, sich selbst zu ändern. Äußere Zwänge allein (Geldmangel, Strukturveränderungen und anderes mehr) motivieren bisher Fernstehende nicht, bei uns mitzuarbeiten. Als innovative Impulse aus den letzten Jahren können auch das neue Evangelische Gesangbuch (besonders die bayerische Ausgabe), das Evangelische Gottesdienstbuch und die Ordnung des kirchlichen Lebens angesehen werden. Es bleibt abzuwarten, ob diese Werke über den innerkirchlichen Bereich hinaus wirksam werden. Das hängt vor allem davon ab, wie die Gemeinden damit umgehen.

Noch unabsehbar sind die Bemühungen, die überkommene Kirchenlandschaft durch Kooperationen/Fusionen zu vereinfachen. Es gibt zwischen der Pommerschen, Mecklenburgischen und Nordelbischen Kirche mehr und mehr Kooperation auf den verschiedensten Arbeitsfeldern; die Kirchenprovinz Sachsen und die Thüringische Kirche versuchen, zu einer Föderation zu kommen; die Schlesische und die Berlin-Brandenburgische Kirche haben alle EKU-Gliedkirchen in den neuen Ländern aufgerufen, sich zu einer Gliedkirche zusammenschließen. Mir persönlich erscheinen im Interesse des Zusammenwachsens und Zusammenbleibens der Landeskirchen nur ostwestdeutsche Kombinationen vorteilhaft. Außerdem wird versucht, der EKD größere Kompetenzen zu übertragen. Hier ist eine Änderung der Grundordnung in Arbeit, die aber keine durchgreifenden Änderungen bringen wird, solange starke Landeskirchen diese Bestrebungen bremsen. Im Ganzen halte ich es für das Beste, wenn die Stärkung der EKD einerseits und die regionale Zusammenarbeit von Landeskirchen andererseits betrieben wird.

Deutlich ist bisher, dass wir infolge vieler Zwänge zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind, ohne nach innen besser und einfacher zu arbeiten und nach außen durch erneuertes geistliches Leben und lebendige Verkündigung stärker zu wirken. Wir brauchen freie Kräfte zur Innovation. Denn vor allen evangelischen Landeskirchen liegen wichtige Aufgaben. Die dringendsten sind in meinen Augen:

  1. Die vereinfachende Umbildung der alten Landeskirchen zu einer neuen EKD mit drastisch ausgelichteter, flacher Gremienhierarchie. Es zeugt von überholtem Denken und ziemlicher Ferne von den Gegebenheiten und Möglichkeiten in einer modernen Gesellschaft, dass dieses Versäumnis entschuldigt und erklärt wird mit dem Hinweis auf Basisnähe, auf wünschenswerte föderale Vielfalt, auf drohende Unübersichtlichkeit und die Gefahr zentralistischer Gleichmacherei.
  2. Die Abzweigung von 10 Prozent aller Finanzmittel (das wären immerhin etwa eine Milliarde Mark jährlich) für neue Aufgaben und Konzepte zur Rückgewinnung von ausgetretenen Gliedern, zur Gewinnung neuer Freunde, kritischer Partner und Gemeindeglieder durch neuartige Wege beim Gemeindeaufbau hin zu öffnender Gemeindeentwicklung; zur Neugründung beziehungsweise Übernahme von Kindergärten, Schulen (in Pommern gibt es derzeit 25 kirchliche Kindergärten, zwei Grundschulen, eine Sonderschule und eine Fachschule; erfreulich ist, wie sehr Eltern und Lehrkräfte sich hier mit ihrer Zeit, ihrem Geld und ihrer Kraft einsetzen) und Jugend- und Familienbildungsstätten; zur Öffentlichkeitsarbeit; zur Bildung und subsidiären Unterstützung örtlicher Vereine zum Erhalt gefährdeter Kirchenbauten.
  3. Die vorurteilslose, inspirierende ökumenische Zusammenarbeit vor Ort, die allen Partnern, auch den großen, hilft, voneinander zu lernen und sich zu verändern.
  4. Die breit und tief angelegte Klärung und Bewertung des Weges der deutschen Landeskirchen in den Jahrzehnten seit dem Ende des Staatskirchentums nach dem Ersten Weltkrieg. In meinen Augen spricht viel dafür, dass dies nicht bis in die Gemeinden hinein erfolgt ist. Wir denken und handeln vielfach noch so, als ob die seither geschehene, enorme und unumkehrbare Entwicklung der Gesellschaft hin zu fortschreitender Individualisierung, Pluralisierung und Verflüssigung für uns weniger belangvoll wäre als das Verhältnis der Kirche zum Staat. Das ist eine folgenschwere Unterschätzung der gewachsenen Bedeutung der modernen Gesellschaft. Wir sind zwar (nur) ein Teil in ihr, aber wir müssen bestrebt sein, ein maßgeblicher Teil für sie zu sein, wenn wir nicht zu einer beschränkten Subkultur verkommen wollen.
  5. Durch ein gedanklich wie auch emotional geklärtes und vertieftes Geschichtsbewusstsein müssen wir fähiger als bisher zu dialogisch verantworteter Weltgestaltung aus christlichen Quellen werden.

Christen dürfen sich nicht mit dürren Moralzutaten begnügen

Es täte uns nicht zuletzt gut, uns gründlich mit den USA und dem dortigen Christentum zu beschäftigen. Einige Reisen und viele Begegnungen mit amerikanischen Christen sind der Hintergrund dieser Erwägungen. Es ist deutlich, dass der geschichtliche Schwerpunkt sich nach 1945 gänzlich, das heißt nicht nur wirtschaftlich, militärisch und politisch, sondern auch wissenschaftlich und kulturell, von Europa nach den USA verlagert hat. Begonnen hat dieser Prozess bereits 1917 mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Wer heute die bei uns teils getrübten, teils verschütteten Quellen Europas verstehen will (ich meine die spannungsvolle Symbiose von griechischer Philosophie und Kunst, römischer Staatsbildung und jüdisch-christlicher Religiosität), der muss sich dort umsehen, wo Sinn und Kraft eben dieser Quellen im Verein mit und in Folge von enormen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungsschüben zu neuen Ausdrucks- und Entfaltungsformen gefunden haben. Wer nach zukunftsträchtigen Wegen für die evangelischen Kirchen in Deutschland und Europa sucht, der sollte sich deshalb kritisch, aber lernbegierig und verstehenshungrig mit dem Christentum in den USA befassen. Es ist kein schönfärbender Blick auf die USA, der mich so reden lässt, sondern die einfache Überzeugung: Wo die aktuelle Fassung des komplexen europäischen Problem-Stückes derzeit aufgeführt wird, dort lässt sich vielleicht erkennen, welche christlichen Beiträge ihm heute gerecht werden. Wo sonst könnten wir die Chancen und Gefahren maßgebender Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf das christliche Leben besser studieren? Dies aber nicht, um dortige Einrichtungen nachzuahmen, sondern um unsere eigene Tradition neu und tiefer zu verstehen.

Es geht nicht so sehr um Vorbilder, sondern um Einsichten, um leitende Grundsätze, nicht um Einzelheiten. Das gängige Schlagwort von der „Kirche auf dem Markt“ ist allerdings wenig brauchbar, weil es uns nicht nur um einen Platz auf umkämpften Flächen gehen kann, sondern um die Herausforderung, Lebens-Räume zu bilden und anzubieten. Menschen leben ja nicht auf Plätzen, sondern in Räumen, und der christliche Glaube meint das ganze Leben und nicht nur partielle Bedürfnisse und deren Befriedigung. Indem ich dies sage, bringe ich zugleich zweierlei zum Ausdruck: Ich weiß, Europa ist, „all seinem Ökonomismus und seiner derzeitigen bestürzenden Banalität zum Trotz, mehr als nur ein Markt und eine große Firma“ (Peter Sloterdijk). Zu der gegenwärtigen Vorherrschaft des Produzierens und Konsumierens, der Unterhaltung und des Zeitvertreibs haben wir Christen aber beigetragen. Mindestens haben wir uns in eine falsche Nähe zum Machertum und seinen öden Kehrseiten begeben, indem wir das Geschehen in Politik und Wirtschaft, in Staat und Gesellschaft überwiegend nur mit dürren, appellativen Moralzutaten versehen haben. Die Kampagne für den Schutz des Sonntags und gegen die rollende Verkaufswoche ist vor diesem Hintergrund nicht nur stimmig. Es geht vielmehr darum, den Sonntag als erfüllten und maßgeblichen, die Woche tragenden und ausrichtenden Tag zu gestalten.

Ich hoffe darauf, dass es nach schmerzhaften Lern- und Wachstumsprozessen zu einer Erneuerung Europas und gerade auch seiner evangelischen Kirchen kommen kann, die sich durch ein ausgewogenes, wechselseitig fruchtbares Verhältnis von wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und christlich-religiösen Kräften auszeichnet; dazu bedarf es aber gesprächsfähiger Vertreter des religiösen (und philosophischen) Orientierungswissens. Wie sonst wäre die ungelöste Aufgabe der Beseelung Europas zu bewältigen? Abstand von den Tagesgeschäften braucht die Kirche dafür, vor lernunwilliger Abständigkeit aber muss sie sich hüten. Doch genau dies Letztere kennzeichnet sie gegenwärtig in zu hohem Maße. Mir scheint, bei uns finden sich zu häufig zwei unfruchtbare Extreme: entweder kluge Archivare und Zelebranten verkapselter Wahrheiten oder flache Entertainer. Wege aus diesen Sackgassen werden wir nur im Lernen und durchs Gespräch finden. Ist das alles zu schaffen? Nun, ich denke, da die Geschichte ein offener Prozess ist und Gott in seiner Güte und Geduld uns Zeit gewährt, können wir uns auf das Nötige besinnen. Das aber ist unabweisbar, wenn wir nicht riskieren wollen, dass aus heute eingeschränkter Realitätstauglichkeit morgen blanke Realitätsuntauglichkeit wird. Dabei ist zu beherzigen, dass Realitätstauglichkeit im christlichen Sinne stets heißt: die vorhandene Wirklichkeit gestaltend zu überwinden. Der Glaubende vermag das, wenn er mit Gottes Hilfe über sich selbst hinausgeht.

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