75 Jahre CHRIST IN DER GEGENWARTIn die Zeit gesprochen

Beim Jubiläumsauftakt in Freiburg stellten sich fünf Fachgäste der Frage, wie die Rede von und zu Gott heute gelingen kann.

Annette Jantzen
Annette Jantzen

Gott klingt wie eine Antwort, und das ist das Verderblichste an diesem Wort, das so oft als Antwort gebraucht wird. Er hätte einen Namen haben müssen, der wie eine Frage klingt.“ Mit den drängenden Worten des niederländischen Dichters Cees Nooteboom eröffnet Gotthard Fuchs den Abend. Den richtigen Ton, die passende Sprache zu finden für die Regungen des Glaubens in der jeweiligen Zeit, war seit jeher ein elementares Anliegen des CHRIST IN DER GEGENWART. Und so stand denn zu Beginn der Jubiläumsveranstaltung „Von Gott … sprechen, schreiben, singen“ keine theoretische Reflexion, sondern eine spirituelle Lesung: nicht in theologischer Erhebung über Gott richten, sondern sich im Modus des tastenden Suchens nähern – eine „Wortschatzsuche“.

Rund 180 Leserinnen und Leser sowie Mitarbeitende und Wegbegleiter des CIG kommen an diesem 28. März in die Freiburg Ludwigskirche, auf den Tag genau 75 Jahre nach dem Erscheinen seiner ersten Ausgabe am Ostersonntag 1948. Neben die Worte der Tradition treten nun Texte der Gegenwart. Aus einer und in eine Zeit gesprochen, die sich angesichts des Relevanzverlusts von Glaube und Religion in der Gesellschaft vielleicht mehr denn je dem Gefühl des Gottvermissens und -Suchens bewusst geworden ist.

Vortrag und Gespräch zum Nachschauen: www.cig.de/75-jahre-freiburg
Vortrag und Gespräch zum Nachschauen: www.cig.de/75-jahre-freiburg 
 

Wie im Brennglas fokussiert der in Jerusalem lebende Priester Stephan Wahl dieses Gefühl in seinem Gedicht gottes-entzug: „meine sehnsucht / werfe ich in den himmel / der dich verbirgt / die sterne / lassen meine rufe vorbeiziehen / wie ungebeten-lästige kometen / meine schreie / meine klagen / ich bin auf gottes-entzug“ Doch geht er mit „himmelssehnsucht“ weiter und findet Gott in unscheinbaren zwischenmenschlichen Gesten wieder: „die berührung / das wort / der blick / entbergen dich mir / einen wimpernschlag lang / manchmal genügt das / nicht immer“

Die Suche der Aachener Theologin Annette Jantzen gilt einer geschlechteroffenen Sprache im Gebet. Sie will Gott aus der sprachlichen Enge befreien und in der Vielfalt biblischer Bilder zu ihm rufen: „Gott, du Freundin, Schwester, Retterin, / … / wer du auch bist und wie du auch heißt, / du große Kraft des Lebens irgendwo sehr weit draußen in der Ewigkeit / oder ganz nah, ganz innen hier bei uns, / darum bitte ich dich: / dass wir dich hier spüren können, / dass du uns hier begegnest / in einem Geistesblitz, / einer Verbundenheit, / einem dichten Moment, in dem unser Herz in deinem Rhythmus schlägt.“

Musikalisch untermalt werden die Texte von der Hamburger Musikerin Tine Wiechmann. Die Klänge ihres Klavierspiels und Gesangs perlen vom weitgespannten Betongewölbe, greifen Stimmungen auf, deuten das Gesprochene aus und spinnen unausgesprochene Gedanken weiter. Auch in ihren Liedtexten verbinden sich Tradition und eigene Glaubenssprache: Dem Choral Gib dich zufrieden und sei stille verleiht sie mit Jazz-Akkorden und elektronisch wiederholten Rhythmuselementen ungeahnte Aktualität. In ihrer Eigenkomposition Baum am Bach setzt sie der barocken Unterwerfungsgeste die Zuversicht der persönlichen Gottesbegegnung entgegen: „Ich bin hier am richtigen Ort, / bei dir, in deinem Wort. / Ich weiß, ich muss nirgendwo hin. / Du bist, wo ich bin.“

G. Fuchs, T. Wiechmann, A. Foitzik (Moderation), A. Jantzen, S. Wahl
G. Fuchs, T. Wiechmann, A. Foitzik (Moderation), A. Jantzen, S. Wahl

Nach dem Wechsel in die nahegelegene Katholische Akademie, einem geselligen Imbiss und den Grußworten von Chefredakteur Stephan Langer und Verleger Manuel Herder findet der Abend seine inhaltliche Verdichtung im Vortrag des Kölner Systematikers Hans-Jochim Höhn. Als Gegengewicht zum Versuch, Gott dogmatisch festlegen zu wollen, wünscht er sich in Theologie und Kirche ein poetisches „Wortgewand“, das Unschärfen und Zweifel zulässt. In solche Texten ereigne sich, worauf sie hinauswollten, sie seien der „Auftritt ihres Inhalts“ und daher anschlussfähig an die Welt von heute, so der Theologe in seinem „theopoetischen Plädoyer“ (Der Vortrag erscheint in einer der folgenden Ausgaben in Gänze.).

Im anschließenden Podiumsgespräch setzen die Fachgäste noch einmal individuelle Akzente. So kritisiert Jantzen, dass religiöse Sprache noch immer als „Warmhalteplatte des Patriarchats“ funktioniere und so ihrem Anspruch, alle Menschen erreichen und bestärken zu wollen, nicht gerecht werde. Und Wahl verrät, dass auch ein Fluchgebet an der Supermarktkasse legitime Gottesrede sein könne.

Hans-Joachim Höhn
Hans-Joachim Höhn

 

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