Desmond Tutu (1931 - 2021)Die Festigkeit des Glaubens

2009 bekam Erzbischof Desmond Tutu den Freiheitspreis der Freien Universität Berlin. Die Laudatio hielt die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

Desmond Tutu (1931–2021)
Desmond Tutu (1931–2021)© Foto: picture-alliance / Sven Simon | Malte Ossowsk

Gott ist ein Gott, dem richtig und falsch etwas bedeuten, dem Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit etwas bedeuten. Und Gott kümmert sich. Das Wissen, dass Gott am Ende siegt, hielt die Moral meines Volkes hoch. Diese höheren Gesetze überzeugten mich, dass unser friedlicher Kampf die amoralischen Gesetze der Apartheid zu Fall bringen würde.“

So beschreibt Erzbischof Desmond Tutu in seinem Buch Gott hat einen Traum den Grund seiner Hoffnung, dass Gewalt und Scheitern nicht das letzte Wort haben. So erklärt er seine Gewissheit, dass Vergebung und Versöhnung das Böse überwinden und den Kampf des Menschen gegen die Unmenschlichkeit und damit gegen sich selbst zu beenden vermögen.

Das Böse darf nicht verharmlost, verdrängt oder vergessen werden. Nur dann, wenn die Wahrheit zu Tage tritt, werden Vergebung und Versöhnung möglich. Nur wenn die Wahrheit über das Böse zugegeben wird, kann die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen werden. Und: „Vergebung gibt uns die Möglichkeit zu einem Neubeginn.“ Seine Botschaft ist anspruchsvoll und aus der Perspektive der Opfer in hohem Maße fordernd: Auch dann, wenn das erlittene Unrecht noch so groß ist, darf Gott nicht für die eigene Sache in Anspruch genommen werden. „Gott teilt unseren Hass nicht, ganz gleich, welches Unrecht wir auch erduldet haben. Wir versuchen, Gott für uns und unsere Sache zu beanspruchen, aber Gottes Liebe ist zu groß, als dass sie sich auf eine Seite eines Konfliktes oder eine Religion begrenzen ließe. Und unsere Vorurteile, ob sie auf Religionszugehörigkeit, Rasse, Nationalität, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder etwas anderem basieren, sind in Gottes Augen absolut und in höchstem Maße lächerlich.“

Die Freie Universität Berlin ehrt mit dem diesjährigen Freiheitspreis einen Mann, dessen Glaube gleichsam Berge versetzt hat; der mit seinem Kampf gegen die Apartheid und seinem Werk der Versöhnung an die Kraft Gottes erinnert, die im Magnificat beschrieben wird, wenn es heißt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (…)

Das „Gewissen der Nation“

Erzbischof Desmond Tutu war in der dunklen Epoche der Apartheid das „Ge- wissen der Nation“. Er war der furchtlose Ankläger der weißen Gewaltherrschaft und unbeugsamer Anwalt der geschundenen Schwarzen, deren Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Die Urkunde seines politischen Einsatzes ist das Evangelium. Weißen Pharisäern, die die Auslegung der Schrift instrumentalisierten und die biologische Ungleichheit mit der Bibel erklärten, entgegnete er von der Kanzel der St. George’s Kathedrale in Kapstadt: „Apartheid ist Sünde“.

Die Erfahrung mit den weißen Pharisäern ist wohl auch ein Grund, warum Erzbischof Tutu in der 8. Weltethos-Rede am 15. Juni 2009 an der Universität Tübingen im Zusammenhang mit dem Vorwurf an den Islam, Gewalt zu fördern, feststellt: „Aber wir als Christen sollten wirklich die Letzten sein, die mit dem Finger auf eine andere Religion zeigen, und sagen, dass diese Religion Gewalt fördert. Unsere Geschichte zeigt, dass auch unsere Religion dazu fähig war. Wir sollten vielmehr beschämt den Kopf senken wegen der Ereignisse in der Vergangenheit, in der gerade die Christen gewalttätig waren. Denken wir nur einmal an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen oder in jüngerer Zeit den Holocaust der Nazizeit. Oder an die Christen, die die Apartheid in Südafrika unterstützt haben. Oder die sich in Nordirland gegen- seitig bis aufs Blut bekämpft haben, und in Ruanda und in Bosnien furchtbare Gräueltaten verübt haben: Nein, wir sollten uns nicht moralisch erheben über Angehörige anderer Religionen.“

Mit der gleichen Klarheit, mit der er Apartheid bekämpfte, beschreibt er auch das Gewaltpotenzial, das Religionen dort entfachen, wo sie für Zerstörung und Terror instrumentalisiert werden. Daraus ergibt sich auch seine Würdigung der Weltethos-Initiative von Hans Küng und der zuvor durch den früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan eingesetzten Gruppe mit dem Titel „Allianz der Zivilisationen“.

Mut zur Versöhnung

Die Wende in der Gesellschaft Südafrikas begann am 27. April 1994. An diesem Tag erlebte Erzbischof Tutu die ersten demokratischen Wahlen in seinem Land. Damals war er 62 Jahre alt. Nelson Mandela war 76 Jahre alt. In seinem Buch Keine Zukunft ohne Versöhnung schreibt Erzbischof Tutu über diesen Tag: „Der Tag, an dem sich der Kampf gegen die Apartheid auszahlte, für den so viele unserer Leute Tränengas schlucken mussten, von Polizeihunden gebissen, mit Stöcken und Reitpeitschen geschlagen, und noch mehr gefangen gehalten, gefoltert und verbannt wurden, für den wiederum andere inhaftiert wurden, zum Tode verurteilt, und weitere ins Exil gehen mussten – dieser Tag war endlich angebrochen.“

Im Mai 1994 trat Nelson Mandela sein Amt als erster schwarzer Präsident in der Geschichte Südafrikas an. Erzbischof Tutu trat mit ihm auf den Balkon des Kapstadter Rathauses und rief den hunderttausend Menschen dort zu: „Out of the box, here he is: Nelson Mandela!“

Im November 1995 wurde Erzbischof Tutu von Präsident Mandela mit der Leitung einer Kommission für Wahrheitsfindung und Aussöhnung beauftragt. Die 17-köpfige Kommission nahm im April 1996 ihre Arbeit auf und sollte „grobe Menschenrechtsverletzungen“ während der Apartheid 1960 bis 1994 aufarbeiten. Sie setzte sich zum Ziel, sowohl Verbrechen, die von Sicherheitskräften an zehntausenden Widerstandskämpfern begangen wurden, als auch Gewalttaten gegen das weiße Regime zu untersuchen. Nur wer vor dem Tribunal seine politischen Straftaten freiwillig bekannte, kam in den Genuss einer Haftbefreiung. Erzbischof Tutu entschied sich für einen dritten Weg zwischen Siegerjustiz und Amnesie. Auf Kritik der Schwarzen hin erklärte er: „Vergebung bedeutet nicht, so zu tun, als seien Sie nicht verletzt worden. Vergeben kann nur das Opfer und nicht der Staat.“

Nichts sollte verschwiegen und vergessen werden. Statt Vergeltung sollte Versöhnung, ubuntu, möglich werden. Mit seinem Eintreten für Freiheit durch Wahrheit und Vergebung verhalf Erzbischof Tutu den Menschen in der Gesellschaft Südafrikas zu einem Leben in Selbstachtung. Die Opfer politischer Verbrechen konnten sich von dem Schmerz und dem Leid befreien, das auf ihnen lastete. Jene, die politische Verbrechen begangen hatten, konnten um Amnestie bitten, wenn sie die Wahrheit über ihre Taten sagten.

Grauenhafte Geschichten und schreckliche Gräueltaten wurden vor der Kommission ausgebreitet. Geschichten von Morden und Folterungen, Schikanen und Schandtaten. Damit wurde vielen Menschen in Südafrika das Gefühl gegeben, dass ihnen zum ersten Mal jemand zuhört. Am Ende dieses qualvollen Rituals der Selbsterforschung standen 21.000 angehörte Opfer, 7000 Amnestieanträge von Tätern und 3500 Seiten Bericht. Erzbischof Tutu ermöglichte seinem Land und den Menschen eine Selbstreinigung, eine Katharsis. Daraus konnte ein Neuanfang möglich werden. Er selbst hat diesen Weg der Vergangenheitsbewältigung einmal mit einer Brücke verglichen. Der Weg, den sie dafür gar gehen mussten, habe aus der dunklen Vergangenheit über die „historische Brücke“ der Verfassung zum Versprechen einer besseren Zukunft geführt. Die Wahrheitskommission war ein Pfeiler dieser Brücke gewesen.

Die Bedeutung von ubuntu erklärte Erzbischof Tutu in Tübingen so: „Ubuntu ermutigt alle, zu vergeben, sich zu versöhnen. Es heißt: Einander zu vergeben, ist gut für die Gesundheit, denn der Blutdruck geht runter. Es ist die beste Art und Weise, sein Eigeninteresse zu vertreten. Es verschreibt nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die wiederherstellende Gerechtigkeit. Der Zweck liegt darin, eine Brücke zu bauen, anstatt irgendwelche Rachegelüste zu schüren.“ (…)

Keine Situation ist ohne Ausweg

Erzbischof Tutu gibt den Menschen die Hoffnung, dass keine Situation ohne Ausweg ist, dass jedes Hindernis überwunden werden kann. Der Grund seiner Hoffnung ist der Glaube an Gott, über den er schreibt: „Gott schuf Ordnung aus der Unordnung, den Kosmos aus dem Chaos – und Gott kann dies immer und überall, auch jetzt – in unserem Leben als Einzelne, wie in unserem Leben als Nationen oder auf der ganzen Welt, global. Der Mensch, von dem man es nie erwartet, die Situation, von der man es nie zu hoffen gewagt hätte – sie sind ‚verklärbar‘ – verwandelbar in ihr glanzvolles Gegenteil. Ja, Gott verwandelt die Welt gerade jetzt – durch uns –, weil Gott uns liebt.“

Erzbischof Desmond Tutu zeichnet eine unerschütterliche Festigkeit seines Glaubens aus, dass Gott die Welt verwandeln kann, wo wir es kaum noch zu hoffen wagen – durch die Bereitschaft von Menschen zur Vergebung und Versöhnung und nicht zuletzt da, wo Menschen erkennen: „Andere unmenschlich zu behandeln bedeutet unweigerlich, sich selbst unmenschlich zu behandeln.“

Vielleicht kommt auch daher seine vielbeschriebene große Fröhlichkeit, die ihn manchmal vor Freude tanzen lässt.

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