Albert Gerhards Karsamstagserfahrung

Christen tun gut daran, sich der Erfahrung ungezählter Menschen zu stellen, die ähnlich wie Jesus am Kreuz ihre Gottverlassenheit herausgeschrien haben – und die dies in der krisengeschüttelten Welt gegenwärtig tun müssen. Die Dunkelheit ist Zeichen der Gottesferne, wie sie christliche Mystiker aller Zeiten erfahren haben. Es ist im Grunde die Karsamstagserfahrung, die noch nicht mit der Gewissheit rechnen kann, dass ein neuer Morgen kommt. Wer von uns weiß denn schon, ob er oder sie die lange Nacht durchstehen kann?

Christen dürfen hoffen, dass in Jesus Christus auch ihnen dieser Lichtblick geschenkt werden wird. Der Weg durch das Dunkel, die Erfahrung der Gottesfinsternis wird ihnen womöglich nicht erspart bleiben. Im Blick auf den Gekreuzigten und in gelebter Solidarität mit den Gottverlassenen unserer Zeit darf man darauf vertrauen, dass die Finsternis nicht ewig dauern muss. Die unzähligen Zeichen der Zuwendung und von Nähe, die hoffnungsvollen Bekundungen von Solidarität jenseits aller Unterschiede von Herkunft, Religion oder Status, die neue Aufmerksamkeit gegenüber den Vergessenen, Benachteiligten und Ausgegrenzten sind Zeichen dafür, dass nicht die Finsternis, sondern der österliche Wechsel vom Dunkel zum Licht, vom Tod zum Leben das letzte Wort behalten wird.

Albert Gerhards in: „Distanz und Nähe. Ein Weg durch liturgische Räume und Zeiten in der Krise“ (LIT, Berlin 2021)

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