"Traditionis custodes"Papst Franziskus kehrt der Tridentinischen Messe den Rücken

Franziskus sorgt wieder für Aufruhr. Der Papst wolle die alte, lateinische Messe aussterben lassen, klagt Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Ein amerikanisches Portal nennt den an Liturgie bislang wenig interessierten Franziskus gar „rachsüchtig“ und einen „zornigen Jesuiten“, der Anhängern der „Alten Messe“ den Krieg erkläre. Was ist passiert? Wir erklären Schritt für Schritt die Hintergründe. Eine Einordnung mit fünf Fragen.

Tridentinisches Hochamt in der Basilika von Saint Laurent-sur-Sèvre, Frankreich. Dort sehen einige die kirchliche Einheit durch die „Alte Messe“ gefährdet.
Tridentinisches Hochamt in der Basilika von Saint Laurent-sur-Sèvre, Frankreich. Dort sehen einige die kirchliche Einheit durch die „Alte Messe“ gefährdet.© picture alliance / Hans Lucas | Frédéric Pétry

Was ist die „Alte Messe“?

Damit bezeichnet man umgangssprachlich die Form der Eucharistiefeier bis zum ersten Advent 1969. Zu diesem Datum setzte Papst Paul VI. eine erneuerte Messordnung in Kraft, die auf Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückgeht. Es ist die bis heute gültige Grundform der Eucharistie. Alle zuvor gültigen Ordnungen waren Aktualisierungen jenes lateinischen Messbuchs, welches Papst Pius V. rund 400 Jahre zuvor nach dem Konzil von Trient herausgegeben hatte. Daher wird die „Alte Messe“ auch „Tridentinische Messe“ genannt.

Was unterscheidet die „Alte Messe“ von der heute üblicherweise gefeierten Messe?

Rein äußerlich gab es früher mehr und längere Gebete, die verrichtet werden mussten. Männer über 60 – an Messdienerinnen war damals noch nicht zu denken – erinnern sich womöglich: Am Anfang stand das sogenannte „Stufengebet“, das man als Ministrant auf Knien zusammen mit dem tief verneigten Priester beim Einzug betete: Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam – „Zum Altar Gottes will ich treten, zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf“. Es folgten Verse aus Psalm 43.

Allgemein regelte die alte Ordnung die liturgischen Handlungen des Priesters bis ins Detail. So musste der Zelebrant etwa Daumen und Zeigefinger geschlossen halten, nachdem er das eucharistische Brot berührt hatte, sodass nichts vom Leib Christi auf den Boden fiel. Besonders die bischöflichen Gottesdienste hatten eine komplexe Choreographie mit stark höfischen Zügen. Auffällig war auch, dass der Priester in der alten Messform das Hochgebet mit der Wandlung von Brot und Wein beinahe flüsterte. Es herrschte Stille, im Hochamt sang der Kirchenchor womöglich noch ein ausgedehntes Sanctus, in der Werktagsmesse betete man den Rosenkranz oder eine Messandacht. Das zeigt bereits den wichtigsten inneren Unterschied der alten und der erneuerten Feierform: In den alten Messbüchern galt der Gottesdienst letztlich als ein Werk des Priesters. Das gläubige „Volk“ wohnte lediglich bei, man war stummer Zuschauer beim theatrum sacrum, also dem „heiligen Theater“. Heilsnotwendig war, dass der Kleriker die Messe zelebrierte, die vorrangig als das eine Erlösungsopfer des Herrn Jesu Christi gedeutet wurde.

Die Neuordnung der Liturgie nach dem Zweiten Vatikanum trägt dagegen einem fundamental veränderten Bild vom Gottesdienst, ja von Kirche allgemein Rechnung. Die Messe gilt nun als Feier einer Gemeinschaft, in der jeder einen Teil beiträgt, auch als Lektorin, Kommunionhelfer, Kirchenmusikerin, Ministrant oder einfach als gläubiger Mitfeiernder. Die Gemeinschaft zeigt sich auch darin, dass der Priester heute in der Regel nicht mehr „mit dem Rücken zum Volk“ steht, sondern die Gemeinde anschaut. Zentral ist der Gedanke der aktiven Teilnahme aller, weshalb auch die Landesprachen erlaubt sind statt lediglich der ausgestorbenen Sakralsprache Latein. Er geht nicht mehr nur um den Priester, der das „Messopfer“ zelebriert, sondern um die Feier aller Gläubigen von Leben, Tod und Auferstehung Jesu. Die Liturgie wurde rituell stark vereinfacht, Gebete wurden gekürzt oder auf Basis neuer historischer Quellen an die Zeit der frühen Kirche angepasst.

Welche Rolle spielte die „Alte Messe“ bislang im Leben der Kirche?

Bereits in den 1980er Jahren gestattete Papst Johannes Paul II. den Bischöfen, die alte Liturgie in Einzelfällen wieder zu erlauben. Auslöser dieser Entscheidung war auch die gegen die Neuerungen des Konzils rebellierende Piusbruderschaft, die an der Tridentinischen Messe festhielt. Der polnische Papst wollte ihre Anhänger enger mit der katholischen Kirche verbinden und ihnen dabei ausnahmsweise die alte Messform ermöglichen, solange sie die Beschlüsse des Konzils und die erneuerte Liturgie nicht grundsätzlich ablehnten.

Ein Paukenschlag für die Anhänger der alten Liturgie kam 2007, als Papst Benedikt XVI. die „Alte Messe“ großzügig allgemein wieder erlaubte. Er schuf damit ein Hilfskonstrukt, dass es so noch nie gegeben hatte. Der Ritus der römisch-katholischen Kirche, so erklärte Benedikt, habe von nun an zwei Ausdrucksformen: eine „ordentliche“, womit die erneuerte Liturgie nach dem Konzil gemeint war, und eine „außerordentliche“, womit die Tridentinische Messe gemeint war. Man kann darin durchaus eine Infragestellung des Prinzips der lebendigen Tradition sehen. Papst Paul VI. hatte mit der neuen Liturgie ja als oberster Hirte die Tradition fortgeschrieben und die bisherige Messordnung abgelöst. Bemerkenswert war auch, dass Benedikt XVI. die Letztverantwortung für die „Alte Messe“ faktisch einer eigenen Stelle im Vatikan übergab und den Ortsbischöfen damit die Hoheit über die Liturgie in ihren Bistümern entzog. Sicher ein hoher Preis für einen „liturgischen Frieden“ mit den Traditionalisten.

Hat Papst Franziskus die „Alte Messe“ nun verboten?

Nein, aber er hat sie stark eingeschränkt und so die Entscheidung seines Vorgängers recht rigide und abrupt aufgehoben. Die Neuregelung gilt ab sofort. Der Titel des entsprechenden Schreibens Traditionis custodes („Hüter der Tradition“) kann dabei programmatisch verstanden werden, schreibt der Theologe Martin Klöckener auf „kath.ch“. Mit den „Hütern“ sind die Bischöfe gemeint, die gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanums in ihren Bistümern wieder die volle Aufsicht über die Feier der Liturgie und damit auch der „Alten Messe“ zurückerhalten. Sie dürfen die alte Messordnung nun wieder von Fall zu Fall erlauben: ausnahmsweise und mit geeigneten Priestern. Zudem sollen sie nochmals sicherstellen, dass jene Gruppen, die die alte Liturgie feiern, das Konzil und die Liturgiereform bejahen. Auch Orte und Zeiten der Messen dürfen die Bischöfe bestimmen, wobei die „Alte Messe“ in Pfarrkirchen gar nicht mehr gefeiert werden soll. Außerdem hat Franziskus angeordnet, selbst in der Tridentinischen Messe wenigstens die Lesungen in der Landessprache abzuhalten.

War Traditionis custodes eine richtige Entscheidung?

Zunächst sollte man sich in Erinnerung rufen, dass die „Alte Messe“ nach wie vor ein Randphänomen ist, auch wenn ihre Unterstützer regelmäßig behaupten, große Massen an Gläubigen zu mobiliseren. Die Bewegung „Paix Liturgique“ schätzt, dass ein Prozent aller Priester weltweit diese Messe feiern. Das Portal „introibo.net“ listet für Deutschland rund 140 Gottesdienstorte auf.

Dann gilt es, sich die Motive von Papst Franziskus klarzumachen. Aus seiner Sicht ist die einladende Haltung gegenüber den liturgischen Traditionalisten, wie seine Vorgänger Johannes Paul II. und besonders Benedikt XVI. sie praktiziert haben, ausgenutzt worden. Franziskus vermutet bei den Gruppen, die die „Alte Messe“ feiern, sektiererische Tendenzen und die verbreitete Ansicht, in besonderer Weise die „wahre Kirche“ zu sein. Man habe die alte Liturgie gebraucht, um „die Trennungen zu vergrößern, die Unterschiede zu verstärken und Unstimmigkeiten zu fördern, die die Kirche verletzen, ihren Weg blockieren und sie der Gefahr der Spaltung aussetzen“, bilanziert Papst Franziskus schonungslos.

Diese Einschätzung basiert auf einer weltweiten Umfrage zu den Erfahrungen der Bischöfe mit der Tridentinischen Messe in ihren Bistümern, die übrigens schon Papst Benedikt geplant, aber nie durchgeführt hatte. Die Ergebnisse wurden allerdings bislang nicht öffentlich gemacht. Letztlich bestätigt Franziskus das, was bereits Paul VI. festgestellt hatte, nämlich dass das Festhalten an der „Alten Messe“ ein Symbol für die Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und damit der – wenigstens anfanghaften – Öffnung der Kirche für die Moderne sei. Die „Zeit“ hat das später einmal so formuliert: Die Alte Messe lasse an ein U-Boot denken, „um altes, autoritäres Gedankengut in die Kirche der Neuzeit einzuschmuggeln“.

Der Theologe Helmut Hoping, durchaus ein Fürsprecher der alten Liturgie, hält die Befürchtungen des Papstes gegenüber „domradio.de“ zumindest in Bezug auf Deutschland allerdings für „ungerecht“. Doch sei die Lage andernorts womöglich hitziger. Aus Frankreich höre man, „dass eine Reihe von Gläubigen, die der alten Messe verbunden sind, eine gewisse Sympathie für die rechtspopulistische Partei des Front National haben“. Auch in den USA gibt es eine sehr selbstbewusste traditionalistische Szene mit einem kirchlichen Eigenleben.

Franziskus setzt mit Traditionis custodes, das den Bischöfen wieder die individuelle Freigabe der Alten Messe zugesteht, die Linie seines Pontifikats fort, „die Teilkirchen zu stärken und die Dezentralisierung der Kirche fortzusetzen“, schreibt Martin Klöckener. Die Rolle der Bischöfe als „Hüter der Tradition“ werde ganz im Sinne des Konzils wieder gestärkt. Zugleich wird ihre Aufgabe unterstrichen, in ihrem Sprengel die Einheit der Gläubigen sicherzustellen, vor allem mit Blick auf erzkonservative und rechte Gruppierungen. In der Regelung sieht Klöckener daher eine „wichtige Neuorientierung“ und Korrektur. Doch muss die Frage erlaubt sein, ob man die Tridentinische Messe überhaupt feiern kann, ohne die Reformen des Zweiten Vatikanums zu verleugnen.

Papst Franziskus wirft allerdings auch einen Blick auf die erneuerte Messform. Er beklagt, dass diese nicht immer gemäß den Vorgaben gefeiert werde, dass Priester also allzu frei Teile abändern, Texte umformulieren. Man mag hierin auch eine Spielart des Klerikalismus erkennen, insofern sich der Priester zum Herren über die Liturgie macht und für sich allein in Anspruch nimmt, den Gottesdienst „richtig“ zu feiern. Natürlich ist das nicht mit dem Klerikalismus jener Priester vergleichbar, die für sich die „Alte Messe“ reklamieren und die Liturgiereform ablehnen – dennoch können solche liturgischen Eigenmächtigkeiten ein Ärgernis sein.

Unter den Anhängern der alten Messform gibt es also vielleicht auch eine Sehnsucht nach geordneter, verlässlicher Liturgie, die nicht einen möglichst kreativen Priester im Zentrum hat. Wenn Franziskus mit Traditionis custodes die Aufsicht der Bischöfe über die Liturgie stärkt, gilt das eben nicht nur für die „Alte Messe“. Vielleicht wäre es auch an der Zeit, sich einmal zu vergegenwärtigen, wie wir unsere „ganz normalen“ Gottesdienste abhalten. Das wäre dann auch kein Blick zurück ins liturgische Museum, sondern in die Zukunft.


Gegenüberstellung: Die Päpste Franziskus und Benedikt XVI. zur „Alten Messe“:

  • FRANZISKUS: „Um die Einheit des Leibes Christi zu verteidigen, bin ich gezwungen, die von meinen Vorgängern gewährte Befugnis zu widerrufen.“ Papst Franziskus beendet die weitgehende Freigabe der Tridentinischen Messe durch Benedikt XVI.
  • BENEDIKT XVI.: „Diese Sorge scheint mir nicht wirklich begründet zu sein.“ Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 zu den Befürchtungen, die Feier der Tridentinischen Messe könne „zu Unruhen oder gar zu Spaltungen in den Gemeinden führen.“
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