Kloster Sankt BlasienEin Tag im Land der Vernunft?

Ein Berliner Aufklärer besucht das Kloster Sankt Blasien – eine situationsbedingt noch nicht eröffnete Ausstellung in Freiburg über die bedeutende Abtei bietet Anlass für einen Umweg ins späte 18. Jahrhundert.

„In einem Gotteshause müsse nichts seyn, was zerstreue …“, so Abt Martin Gerbert zu seinem Gast Friedrich Nicolai: Die ehemalige Klosterkirche in Sankt Blasien.
„In einem Gotteshause müsse nichts seyn, was zerstreue …“, so Abt Martin Gerbert zu seinem Gast Friedrich Nicolai: Die ehemalige Klosterkirche in Sankt Blasien.© Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Michael Eckmann

Beeindruckende Architektur in abgelegener Lage im Südschwarzwald: Das macht auch heute noch den besonderen Reiz des ehemaligen Benediktinerklosters Sankt Blasien aus, dessen Bauten aus dem späten 18. Jahrhundert bis heute in ihren Grundzügen erhalten sind. Den Bauherren dieser Anlage, Abt Martin Gerbert, dabei in den Blick zu nehmen, liegt natürlich nahe. Zu dessen Lebzeiten sah das der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai nicht anders, der auf seiner Reise durch Deutschland, Österreich und die Schweiz im Jahre 1781 unbedingt im Schwarzwaldkloster Station machen wollte, wie er im erst 15 Jahre später erschienenen Reisebericht schrieb: „So viel Merkwürdigkeiten auch das Stift enthält, und obgleich schon allein die Kirche, die schönste in Deutschland, einen viel weitern Umweg verdiente, als ich machte; so war doch in Sankt Blasien für mich die größte Merkwürdigkeit der gelehrte Fürst Martin Gerbert“.

Ein gutes Jahrzehnt zuvor wäre allenfalls Katastrophentourismus ein Anlass gewesen, das Kloster zu besichtigen: 1768 hatte ein verheerender Brand die gesamte Klosteranlage zerstört, auch die aus der Zeit um 1100 stammende, im frühen 18. Jahrhundert barockisierte Klosterkirche. Die Klostergebäude waren höchst aufwendig drei Jahrzehnte zuvor vom Vorarlberger Architekten Johann Michael Beer von Bleichten neu erbaut worden, ihre prächtige Ausstattung (mit Stuckaturen vom später durch die Wieskirche berühmt gewordenen Dominikus Zimmermann) ging bei dem Brand ebenso verloren wie zahlreiche Kunstgegenstände und die reiche Bibliothek; immerhin konnte das Archiv gerettet werden. Die meisten Mönche wurden erst einmal in andere Klöster ausquartiert.

Abt Martin II. Gerbert, 1720 geboren, war vor seiner Wahl zum Abt 1764 als Theologe, Geschichtswissenschaftler und bedeutender Musikhistoriker in Erscheinung getreten. Er stand nach diesem Brandunglück vor einer großen Herausforderung. Für manche Klostervorsteher im baufreudigen 18. Jahrhundert mögen Baufälligkeit und Brandkatastrophen nicht immer ganz ungelegen gekommen sein, schließlich ließen sich so ja großartige Neubauten realisieren. Für Gerbert trat die Katastrophe aber auf jeden Fall zur Unzeit ein: Die Zeiten für Klöster waren schwierig geworden.

In der Barockzeit war Kloster Sankt Blasien der bedeutendste Grundbesitzer im südlichen Schwarzwald zwischen Hochrhein und Freiburg, weitere Besitztümer erstreckten sich bis weit in die Schweiz. Die Abtei stand mit ihren Besitztümern unter der Landeshoheit der Habsburger, sie war Teil von Vorderösterreich. Mit dem Erwerb der Reichsgrafschaft Bonndorf bis 1614 war der Abt auch weltlicher Herrscher über ein reichsunmittelbares, also direkt dem Kaiser unterstelltes Territorium geworden, 1746 wurde er hierfür sogar in den Reichsfürstenstand erhoben. Wirkliche politische Unabhängigkeit war damit aber nicht verbunden: Deshalb wurde die habsburgische Kirchenpolitik unter Kaiserin Maria Theresia, insbesondere aber ab 1780 unter der Alleinregierung Josephs II. mit ihren zahlreichen Einschränkungen für Klöster zu einer ernstlichen Bedrohung. Gleichzeitig wurde auch das geistige Klima in Österreich kritisch gegenüber Klöstern. 1782 erfolgte die Aufhebung kontemplativer Klöster, doch es war klar, dass dann auch die sogenannten Prälatenorden, Augustiner-Chorherren, Prämonstratenser, Benediktiner und Zisterzienser in den Blick genommen würden. Dass ein durch die Brandkatastrophe in seinen Grundfesten erschüttertes Kloster schlecht für die Zukunft gerüstet schien, liegt auf der Hand. Zur Abmilderung der Folgen der josephinischen Klosterreformen, die auch andere Klöster zu spüren bekamen, versuchte Abt Martin Gerbert als Präses des breisgauischen Prälatenstandes mehrmals erfolglos, in Wien Einfluss zu nehmen.

Friedrich Nicolai dürfte die Kirchenpolitik unter Joseph II. mit Sympathie betrachtet haben, war er doch stark von einem preußischen Protestantismus geprägt. Nicolai (1733–1811), bedeutender Verleger, Buchhändler und Schriftsteller, war einer der wichtigsten Protagonisten der Berliner Aufklärung. Seine wohl ambitionierteste Publikationsunternehmung war die „Allgemeine deutsche Bibliothek“ (ab 1765), eine Zeitschrift mit dem Anspruch, „allen in Deutschland neu herauskommenden Büchern“ eine Besprechung zu widmen. Hierfür konnte der sehr gut vernetzte Nicolai viele prominente Autoren als Mitarbeiter gewinnen. Durch die Meinungsfreude und Polemik hier und in anderen Veröffentlichungen gelang es ihm allerdings auch, sich die Feindschaft unzähliger zeitgenössischer Geistesgrößen und ihrer späteren Leser zuzuziehen, wie Steffen Martus in seinem 2015 erschienenen Buch „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert“ so schön zusammenfasst: „Friedrich Nicolai gilt als einer der großen Holzköpfe der Aufklärung, weil er mit Goethe und Schiller in den Xenien-Streit geriet und zugleich den Zorn der Romantiker auf sich zog – von den abschätzigen Urteilen dieses recht seltenen Bündnisses erholt sich in der deutschen Kulturgeschichte niemand.“ Nicolai hatte es sich nämlich sogar mit Goethe verscherzt, vor allem durch eine Parodie des „Werther“. Dessen Rache erfolgt unter Mitarbeit von Schiller, der Nicolai wegen Kritik an seiner Zeitschrift „Die Horen“ gram war, in Form einiger der sogenannten Xenien. Einer dieser 1796 veröffentlichten polemischen Zweizeiler lautet „Nicolai reiset noch immer, noch lang’ wird er reisen/Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg.“

Abt Martin II. Gerbert mit Abtskreuz und Fürstenhut (auf dem Tisch), um 1780
Abt Martin II. Gerbert mit Abtskreuz und Fürstenhut (auf dem Tisch), um 1780© Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Michael Eckmann

Dies spielt auf ein anderes Publikationsprojekt Nicolais an, das ihn schlussendlich nach St. Blasien führte: 1781 unternahm der Schriftsteller eine gut fünfmonatige Reise, die ihn durch Deutschland, Österreich und in die Schweiz führte. Ziele der Reise, die er mit seinem ältesten Sohn unternahm, mögen auch geschäftliche gewesen sein, doch im Wesentlichen standen wohl klassische aufklärerische Ideale im Vordergrund: „Deutschland bestehet aus so vielen großen und kleinen Ländern, in denen alles verschieden ist, Lage, Klima, Verfassung, Physiognomie und Charakter der Einwohner, Religion, Wissenschaften, Künste, Industrie, Sitten. […] Fast niemand hält es der Mühe werth, eine Reise durch Deutschland zum Hauptzwecke zu machen, und unpartheyisch zu beobachten, wie es in Deutschland aussiehet.“ So Nicolai im 1. Band seiner „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781“ in einem einleitenden Text.

Die Publikation dieser Reise erfolgte über einen längeren Zeitraum, der erste Band erschien 1783, der zwölfte und letzte, der den Aufenthalt in Sankt Blasien beinhaltet, erst 1796. Dass die Publikation mit der Abreise von dort nach Schaffhausen endet, sollte dem Kloster keine Sonderstellung einräumen, die restlichen Bände kamen schlichtweg nicht mehr zustande.

Ansicht der Abtei Sankt Blasien um 1790: Blick von Norden, Konventbau links, Abteiflügel rechts der Kirche, Zeichnung, Stift St. Paul im Lavanttal
Ansicht der Abtei Sankt Blasien um 1790: Blick von Norden, Konventbau links, Abteiflügel rechts der Kirche, Zeichnung, Stift St. Paul im Lavanttal© Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Michael Eckmann

Friedrich Nicolai weilte lediglich einen Tag in Sankt Blasien, widmet diesem Aufenthalt aber mehr als 100 Seiten. Seine Reise war aus Zeitgründen effizient geplant und gründlich vorbereitet worden. Die Kapitel zu Sankt Blasien und seiner Kirche beschäftigten den Autor auch nach der Rückkehr intensiv: Informationen und Material erhielt er auf dem Postweg vom Archivar und späteren Abt des Klosters, Mauritius Ribbele, mit dem sich ein interessanter Briefwechsel entspann.

Verleger und Autor Friedrich Nicolai auf einem Porträt von Anton Graff, 1795
Verleger und Autor Friedrich Nicolai auf einem Porträt von Anton Graff, 1795© Foto: akg-images

Genauso bemerkenswert ist der Umstand, dass Friedrich Nicolai aus aufgeklärt protestantischer Perspektive schrieb und den katholischen Süden Deutschlands als rückständig ansah, dieses Kloster und seinen Abt aber unbedingt besuchen wollte. Sein Blick auf den Katholizismus war zuweilen harsch und polemisch, insbesondere in seiner ausführlichen Schilderung von „Religion und Religionsgebräuchen in Wien“. Dabei rieb er sich nicht nur an auch von aufgeklärten katholischen Geistern bekämpften Bräuchen der Wallfahrt und Volksfrömmigkeit, auch Elementares wie den katholischen Gottesdienst schilderte er mit demonstrativem Befremden: „Täglich wird in katholischen Ländern viele tausendmal ein Mehlkuchen vermeintlich in Gott verwandelt. Es ist eine delikate Sache, hierüber zu disputieren.“ Die Geistlichen kommen in Nicolais Betrachtungen nicht gut weg, allerdings „giebt es eine Anzahl rechtschaffener frommer eifriger Leute, denen die Pflichten ihres Standes am Herzen liegen…“ Das Mönchtum, insbesondere der Benediktiner, betrachtete er aufgeschlossener: „Das Mönchswesen an sich, verdient auch näher gekannt zu werden. Ich bin kein Freund davon, und von der katholischen Hierarchie überhaupt; das habe ich bey mehreren Gelegenheiten allzu deutlich geäußert, um es hier zu läugnen. Doch ist meine Gesinnung auch so, dasjenige, was in der wirklichen Welt einmal besteht, als bestehend anzunehmen, und es sodann unparteyisch von allen Seiten zu betrachten“. Unter „unparteiisch“ sollte man allerdings keine heutigen Maßstäbe von Toleranz und Objektivität verstehen. Der Briefpartner Mauritius Ribbele beklagt sich nach Lektüre der bislang erschienenen Reisebeschreibungen regelmäßig bei Nicolai über dessen tendenziöse Sichtweisen – auch im ausgehenden 18. Jahrhundert war das mit der Toleranz ein anstrengendes Geschäft.

Das eigentliche Hauptziel von Nicolais Reise war der bedeutende Abt Martin Gerbert, der, als Nicolais Reisebericht endlich erschien, schon drei Jahre tot war. Schon vor Gerbert war das Kloster ein Hort benediktinischer Gelehrsamkeit geworden. Wichtig war hier vor allem die Geschichtswissenschaft, deren herausragendster Exponent Pater Marquard Herrgott (1694–1762) wurde. Er stellte nicht nur direkte Kontakte zur französischen Benediktinerkongregation der Mauriner in Paris her, die sich in besonderem Maße der Geschichtsforschung widmeten, als Diplomat vertrat er auch die Breisgauer Stände am Kaiserhof über 20 Jahre, die er auch zur Erforschung der Abstammung und Geschichte der Habsburger nutzte. Dieses Werk wurde von Martin Gerbert vollendet, unter dessen Ägide auch die sterblichen Überreste der in Basel und Königsfelden bestatteten frühen Mitglieder der Familie der Habsburger nach Sankt Blasien verbracht wurden: Zielsetzung war wohl, mit der Schaffung eines habsburgischen Gedenkortes das Kloster beim Kaiserhaus in Wien „zukunftssicher“ zu machen. Bei Nicolais Besuch hatte dieses Projekt seine Bedeutung wohl längst eingebüßt. Insgesamt stellte Abt Gerbert für ihn den Idealtypus des aufgeklärten gelehrten Kirchenfürsten dar. Natürlich war das Kloster auch Abonnent der von Nicolai verlegten „Allgemeinen deutschen Bibliothek“.

Ansicht und Grundriss der Kirche von St. Blasien, dazwischen Ansicht vom Panthéon in Paris, Stich von F.C. Krüger aus Nicolais Reisebericht
Ansicht und Grundriss der Kirche von St. Blasien, dazwischen Ansicht vom Panthéon in Paris, Stich von F.C. Krüger aus Nicolais Reisebericht© Foto: bpk

Nicolai traf am 25. Juli 1781 in Sankt Blasien ein; auch wenn es sich um den Festtag des Apostels Jakobus handelte, nahm sich der Abt viel Zeit: „Er empfing uns nicht wie ein Reichsfürst, nicht wie der Abt eines Stifts, sondern wie ein freundlicher und unbefangener Gelehrter…“. Man hörte ein Konzert und besichtigte gemeinsam die noch eingerüstete Klosterkirche, während über musikhistorische Fragen gefachsimpelt wurde. An der Mittagstafel fanden geistreiche Gespräche auch mit anderen Patres statt: „Nach dem Beispiele dieses edlen Abtes hat sich auch sein Stift gebildet. Alle sind gelehrte Leute“. Weitere Programmpunkte bildeten die Besichtigung des Archivs mit dem Archivar und späteren Briefpartner Mauritius Ribbele, dann die Bibliothek, die Münzsammlung und das Mineralienkabinett. Ganz im Geiste der Aufklärung werden verschiedenste Beobachtungen notiert, das Vorhandensein von Blitzableitern, die Wohnung des „Fürsten Abts“ („wohlangelegt, simpel und geschmackvoll möbliert, aber nicht prächtig“) oder die vorbildliche Ausbildung der Geistlichen im Lande. Nur einmal wurde Friedrich Nicolai daran erinnert, es mit einem frommen Geistlichen zu tun zu haben: „Sein Gesicht war offen, und heiter seine Mienen, der Blick seiner Augen aufmerksam und verständig; sein ganzes Wesen unbefangen und freundlich. Nur ein einziges mal erschien unvermuthet in seinem Auge der trübe schwimmende Blick ascetischer klösterlicher Abtödtung, der mich damals an diesem Manne wirklich frappierte. Ob ich gleich vorher aus seinen Schriften sehr wohl wußte, daß er, wie es auch natürlich war, streng an den katholischen Dogmen hing, so würde mir doch ohne diesen Blick … noch unbegreiflicher gewesen seyn, dass dieser Mann … nachher die ecclesia militans voll apokalyptischer Deutungen und harten Aeußerungen wider die Protestanten schreiben konnte.“ Doch bei aller Kritik: „Wo könnte wohl der Mönchsstand vortheilhafter in die Augen fallen als daselbst? Ein Abt, der ein so großer gelehrter, ein wahrer Menschenfreund, und ein angenehmer Gesellschafter war…“

Kuppel der ehemaligen Klosterkirche vor dem Brand von 1874: Ausmalung von Christian Wentzinger und Simon Göser
Kuppel der ehemaligen Klosterkirche vor dem Brand von 1874: Ausmalung von Christian Wentzinger und Simon Göser© Foto: Reproduktion aus Schmieder 1929–

Die Klosteranlage von Sankt Blasien ist heute noch so zu erkennen, wie sie zu Nicolais Zeiten war: „Gleich in der Mitte des Gebäudes [gemeint ist der gesamte Klosterkomplex] fällt die Kirche mit ihrer erhabenen Kuppel und zwey Vorsprüngen [den Türmen] sehr vorteilhaft in die Augen. Auf jeder Seite sieht man eine lange Facciate [Fassade] von 15 Fenstern. Inwendig wird durch das Chor der Kirche das ganze Gebäude in zwey große Theile getheilt.“ An dieser von Nicolai beschriebenen Zweiteilung zeigt sich etwas für barocke Klosterkomplexe Typisches: Der östliche, auf der eine Seite zuvor abgebildeten Zeichnung linke Teil enthält das eigentliche Kloster, also die Räume des Konvents, ihm ist eine barocke Gartenanlage mit Gartenpavillon vorgelagert. Das Baugeviert auf der anderen Seite der Kirche im Westen (rechts im Bild) nimmt die Abtei auf, die Räume des Abtes und die Räume für die weltliche Repräsentation mit entsprechenden Sälen und einem schlossartigen Mittelbau mit prunkvoller Fassade in der Mitte des Westflügels. Wie bei den meisten größeren barocken Klöstern wird die Doppelrolle aus geistlicher (Kloster) und weltlicher Institution (Residenz) sofort augenscheinlich – der Abt war eben nicht nur Klostervorsteher, sondern auch weltlicher Regent und Gerichtsherr seines Territoriums, das unter vorderösterreichischer Landesherrschaft lag.

Umgeben war der Klosterkomplex Sankt Blasiens von Wirtschafts-, Neben- und Wohngebäuden für das weltliche Personal und die Beamten, ein Wirtshaus durfte natürlich nicht fehlen. Etwas war aber anders als heute: „Ein Dorf oder Flecken ist weder dabey noch in der Nähe“ – heute ist Sankt Blasien eine kleine Stadt mit etwa 4000 Einwohnern.

Am intensivsten interessierte sich Friedrich Nicolai für die Klosterkirche. Während die Klosterbauten in wesentlichen Teilen dem Bau vor dem Brand entsprachen, wurde die alte, nach Osten ausgerichtete Pfarrkirche aufgegeben und durch einen spektakulär anderen Neubau ersetzt, der in gebildeten Kreisen schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte: Nicolai ist nicht der Einzige, der ihn drei Jahre vor der Weihe besichtigt und dann darüber geschrieben hat. Mit dem Neubau der Klosterkirche wurden die Architekten Pierre Michel d’Ixnard (1723–1795) und Franz Joseph Salzmann (1715–1786) beauftragt, Letzterer eher für die praktische Bauausführung und d’Ixnard für die künstlerische Planung. Der wohl etwas kapriziöse französische Architekt (Friedrich Nicolai ließ kaum ein gutes Haar an ihm) fiel beim Abt zeitweilig in Ungnade, weshalb die Ausstattung des Kircheninneren wohl vor allem auf den zwischenzeitlich berufenen Mannheimer Hofarchitekten Nicolas de Pigage zurückging.

Friedrich Nicolai schrieb ausführlich über die Klosterkirche, die bei seinem Besuch im Inneren noch eingerüstet war; erst im November 1781 konnte die erste Messe in der Klosterkirche gefeiert werden. Ohnehin selten um eine dezidierte Meinung verlegen, war Nicolai trotz allen prinzipiellen Lobes mit Proportionen und Details der Außenarchitektur alles andere als einverstanden: Ein mit einem derartigen Gebäude beauftragter Baumeister solle sich erinnern, für die Nachwelt zu arbeiten, „und sich daher besonders der edlen Einfalt befleißigen…“. Diese „edle Einfalt“ ist im Zusammenhang mit der „stillen Größe“ ein Schlüsselbegriff des vor allem die griechische Antike nachahmenden Klassizismus im Sinne des Archäologen und Kunsthistorikers Johann Joachim Winckelmanns (1717–1768), der auch Nicolais Kunstauffassung geprägt hat. Nach seitenlangen Exkursen über Architekturdetails mutet seine Selbsteinschätzung „Ich bin zu wenig, um zu Verbesserung eines so großen Wercks Rath geben zu wollen“, etwas absurd an. Ganz anders gefiel ihm das Kircheninnere, eine weiß gehaltene Rotunde, die von einer Kuppel auf zwanzig freistehenden Säulen überspannt wird: „Reine ungestörte Empfindung des Erhabenen erfüllt das Gemüth … Hier ist reine Architektur ohne Verkröpfung, ohne Schnirkel, ohne alle Vergoldung und andere überhäufte oder komplicierte Zierrathen, wodurch sonst fast alle, auch die schönsten, katholischen Kirchen verunstaltet werden“. Man spürt hier förmlich den Kontrast zu zahlreichen reich dekorierten Kirchen des süddeutschen Rokokos, die der preußische Protestant Nicolai auf seiner Reise „ertragen“ haben muss. Für ihn war die Kirche zu St. Blasien „bei weitem das vollkommenste moderne geistliche Gebäude in Deutschland, das ich wenigstens gesehen habe.“

Nicolais Überlegungen zur Kirche von Sankt Blasien beruhen nicht nur auf den Reiseaufzeichnungen, sondern sind weitgehend später am heimischen Schreibpult entstanden. Hierzu ließ er sich auch Pläne der Kirche schicken, die er, eigens nachgestochen, in seinem Buch abdrucken ließ. Besonders faszinierte ihn die Konstruktion der mehrschaligen hölzernen Kuppel, für die sogar ein „architektonischer Freund“ Kostenkalkulationen anstellte, auch die Frage eines brandhemmenden Anstriches wird diskutiert. Für den heutigen Leser interessanter sind aber die architektonischen Vergleiche mit anderen Kuppelbauten, darunter vor allem das römische Pantheon, aber eben auch zeitgenössische Bauten wie S. Geneviève in Paris (das heutige Panthéon) oder die Hedwigskirche in Berlin.

Aus kunsthistorischer Sicht ist die Klosterkirche von Sankt Blasien gar nicht so leicht einzuordnen: Die Kuppelrotunde folgt eindeutig dem römischen Pantheon, das im späten 18. Jahrhundert eine regelrechte Renaissance erlebte. Der langestreckte Chor dagegen spielt mit seiner seitlichen Säulenreihe auf die Schlosskirche von Versailles an. Die Bezüge zur zeitgenössischen Architektur des französischen Klassizismus liegen natürlich auf der Hand. An welchen Bauten sich Abt Gerbert aber orientierte oder wie er die neue Kirche verstanden wissen wollte, bleibt leider verborgen: Seine Studienreisen zwischen 1760 und 1762 führten ihn in viele Städte mit in Frage kommenden Vergleichsbauten, doch äußerte er sich in seinen Reisebeschreibungen fast nur zu Bibliotheken und Archiven, nicht zum Kirchenbau, auch andere Quellen schweigen dazu. Bei der Klosterkirche von Sankt Blasien dürfte es sich um den wohl bedeutendsten Sakralbau des Frühklassizismus in Süddeutschland handeln, allerdings wirkt er heute viel reiner, leerer und damit „klassischer“, als dies ursprünglich der Fall war: Ein Großteil der beweglichen Ausstattung, unter anderem eine Orgel von Silbermann, ist verloren. Durch einen verheerenden Brand 1874 war das ursprüngliche Deckengemälde von Johann Christian Wentzinger vernichtet worden: Im Zentrum die Heilige Dreifaltigkeit, darunter die Aufnahme Mariens in den Himmel und diverse Heilige, auch der heilige Blasius. Ein typischer „barocker Himmel“, kein rationalistischer Anbruch einer neuen Zeit.

Wie Friedrich Nicolais Reisebeschreibung über das Kloster Sankt Blasien dort wahrgenommen wurde, ist leider nicht überliefert. Vielleicht so, wie es der gelehrte Benediktiner Placidus Sprenger 1805 in seiner „Diplomatischen Geschichte der über Benedictiner Abtey Banz…“ aus der Rückschau über Nicolais Bericht zu seinem Kloster berichtet: „Durch diese Reisebeschreibung ward unser Klosterstift, absonderlich im protestantischen Deutschland, mehr als durch gelehrte Zeitungen, bekannt, und viele Gelehrte und Vornehme wurden dadurch gereizt, es mit ihrem Besuche zu ehren und mit eignen Augen zu sehen.“

Weniger gut war es um das weitere Schicksal des Klosters Sankt Blasien bestellt. Im September 1783 erfolgte die prunkvolle Weihe der Klosterkirche, ganz in barocker Tradition mit einer Festoktav, einer über acht Tage gehenden Abfolge von Festpredigten und Feierlichkeiten in Anwesenheit des Fürstbischofs von Konstanz und von Äbten anderer Klöster. 1793 starb Martin Gerbert, sein Nachfolger wurde der erwähnte Mauritius Ribbele. Zwischenzeitlich war klar, dass dem Kloster keine große Zukunft mehr beschieden sein würde, weshalb der neue Abt vorsorglich veranlasste, wertvollen Besitz des Klosters in der Schweiz in Sicherheit zu bringen. Unter seinem Nachfolger, Abt Berthold Rottler, erfolgte dann nach vielen Wirren 1806/07 die Aufhebung des Klosters, das in Besitz des Großherzogtums Baden überging. Rotteler gelang es aber, mit einem Teil des Konvents und vielen Besitztümern nach Österreich zu ziehen, wo letztlich ab 1809 im aufgehobenen Kärntner Stift Sankt Paul im Lavanttal eine neue Bleibe gefunden werden konnte. Dort haben auch die Sammlungen des Klosters eine neue Heimat gefunden, von denen Teile in der Freiburger Ausstellung zu sehen sind.

Dass die verlassene Klosteranlage in Sankt Blasien nach dem Weggang der Mönche in einen Dornröschenschlaf versank, lässt sich leider nicht behaupten, immerhin wurden die Gebäude nicht abgerissen, sondern einer industriellen Nutzung zugeführt. Ein Großbrand 1874 zog die östlichen Teile der Klostergebäude und vor allem die Kirche schwer in Mitleidenschaft – die Wiederherstellung der Kuppelrotunde, die noch heute die Großartigkeit der Architektur nachvollziehbar werden lässt, erfolgte erst 1911–13 mittels einer damals hochmodernen Eisenbetonkonstruktion. Ein neuerlicher Großbrand zog 1977 den Westteil der Klosteranlage (in der seit 1933 bis heute ein Jesuitenkolleg untergebracht ist) schwer in Mitleidenschaft.

„Aber wirklich ist auch kein andere große Kirche so gelegen … in einem einsamen rauhen waldigen Thale.“ Die Fassade der Klosterkirche Sankt Blasien.
„Aber wirklich ist auch kein andere große Kirche so gelegen … in einem einsamen rauhen waldigen Thale.“ Die Fassade der Klosterkirche Sankt Blasien.© Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Michael Eckmann

Vor dem geschilderten Hintergrund ist es höchst erstaunlich, dass sich so viel aus der Sammlung des Klosters Sankt Blasien über die Zeitläufte erhalten hat. Dass die Ausstellung mit vielen dieser Schätze anlässlich des 300. Geburtstages von Abt Martin Gerbert in Freiburg, wenn sie endlich öffnen kann, auch weitere Umwege wert sein wird, steht außer Frage. Bis dahin bietet es sich beispielsweise an, im Lesesessel mit Friedrich Nicolai durch Deutschland zu reisen: Seine Reisebeschreibung ist vollständig im Internet verfügbar.

Die Ausstellung „Der Schatz der Mönche“ im Freiburger Augustinermuseum wird bis zum 19.09.2021 gezeigt werden, der Eröffnungstermin steht noch nicht fest. Neben dem Ausstellungskatalog seien zur Lektüre die immer noch grundlegende Baumonographie von Ludwig Schmieder „Das Benediktinerkloster St. Blasien“ von 1929 empfohlen, und als Summe der kunsthistorischen Forschung seitdem von Hubert Hosch: Süddeutscher Barock, Rokoko und Klassizismus in Vergangenheit und Gegenwart – St. Blasien, Online-Publikation: www.freieskunstforum.de/hosch_2012_barock_rokoko_klassizismus_7_blasien.pdf (2012). Die „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten“ von Friedrich Nicolai, 12 Bände, erschienen 1783–1796, ist unter folgendem Link online verfügbar: urn:nbn:de:gbv:3:1-510708.

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