Die klassische Gemeindepastoral und die Transformationsprozesse in Kirche und GesellschaftEin spannungsreiches Verhältnis

Auch im Bistum Mainz reagiert die Kirche auf die Veränderungsprozesse in der Gesellschaft und innerhalb der Kirche. Der Vorsitzende der Pastoralkommission der DBK, Bischof Peter Kohlgraf, weist mit Blick auf die anstehenden Transformationsprozesse sowohl auf die Bedeutung des „pastoralen Nahraums“ als auch auf die zunehmende Relevanz der Vernetzung von verschiedenen Kirchorten hin.

Fazit

Die aktuellen Entwicklungen und das Ziel der Transformationsprozesse lassen sich unter dem Motto „Nicht nur vergrößern, sondern Kirche anders leben und gestalten“ zusammenfassen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Ortsgemeinden hierbei unverzichtbar bleiben. Darüber hinaus profitieren sie von der Einbindung in ein Netz von anderen Kirchorten, das sie in die Zukunft tragen kann.

In den meisten deutschen Diözesen geschehen pastorale Transformationsprozesse, die auf die sich verändernden Bedingungen der Kirche in der Gesellschaft reagieren. Während einige Bistümer schon vor Jahren damit begonnen haben, stehen andere erst am Beginn dieser Entwicklungen. Als Bischof von Mainz kann ich von Erfahrungen einer Diözese berichten, die sich erst vor wenigen Jahren auf diesen unumgänglichen Weg begeben hat. Einen Weg, den ebenso die evangelischen Landeskirchen aktuell beschreiten. Diese Prozesse entspringen dabei nicht der Vorliebe einzelner Bischöfe, sondern reagieren auf Notwendigkeiten, denen sich die Kirchen nicht entziehen können. Da solche Transformationen immer wieder auf heftige Kritik stoßen, möchte ich zu Beginn deutlich machen: Es geht um eine geistliche und strukturelle Reaktion auf Veränderungen nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft. Große Institutionen befinden sich insgesamt in einer Krise. Die Bindungskräfte nehmen ab, wodurch Menschen sich immer weniger mit den großen „Ideen“ einer Institution identifizieren. Stattdessen suchen sie nach individueller Bestätigung und Unterstützung für ihre Lebensziele. Natürlich spielen in kirchlichen Bereichen die Verärgerung über einen mangelnden Reformwillen und besonders auch der Umgang mit Missbrauch an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen eine entscheidende Rolle. Neben diesen kirchenspezifischen Motiven sind gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie der demographische Wandel ebenso von Bedeutung. Dieser Erkenntnis werden manche Kirchenaustrittstudien meines Erachtens nicht gerecht, indem sie sich zu sehr auf eine binnenkirchliche Perspektive fokussieren.

Gemeindearbeit und Identitätskonflikte: Erfahrungen vor meiner Bischofsweihe

Vor meiner Bischofsweihe war ich ergänzend zu meiner Professur als Pfarrvikar fünf Jahre in einer ländlichen Region des Bistums Mainz tätig. In den unterschiedlichen Gemeinden durfte ich viele engagierte Menschen kennenlernen, die sich sowohl in der kirchlichen als auch in der politischen Gemeinde mit ihren Gaben einbrachten. Regelmäßig habe ich an den Sonntagen Gottesdienste gefeiert, bei denen Teilnehmende nur im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich anwesend waren. Das Durchschnittsalter der Gottesdienstgemeinde lag oft bei über 70 Jahren. Man kann sich leicht vorstellen, wo dies in Zukunft hinführt. Vor den aktuellen Entwicklungen war es üblich, dass ein Pfarrer die Leitung von mehr als einer Gemeinde übernahm. Im Bistum Mainz wurde ihm dabei häufig ein Gemeindereferent oder eine Gemeindereferentin zur Seite gestellt. Eine dauerhafte Präsenz eines Priesters oder einer Seelsorgerin vor Ort war damit nicht gegeben. Zudem herrschte eine pastorale Kleinteiligkeit, die gemeinsame Überlegungen über die Pfarrgruppe hinaus kaum ermöglichte. Auch innerhalb einer Pfarrgruppe, einem Zusammenschluss mehrerer kanonischer Pfarreien, war die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gemeinden keine Selbstverständlichkeit. Die Identifikation vor Ort mit der konkreten Gemeinde war bei engagierten Personen stark ausgeprägt. In meiner Vergangenheit habe ich die Schwierigkeiten bei dem Versuch, ein gemeinsames Gremium für vier Gemeinden zu schaffen, miterlebt. Einige Rätemitglieder betrachteten diesen Versuch der gemeinsamen Beratung und Entscheidung unterschiedlicher Gemeinden als das Ende ihrer eigenen Identifikation mit der Kirche vor Ort.

Erfahrungen und Spannungsfelder innerhalb der Gemeindepastoral

Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist damit skizziert: Zum einen gibt es bei engagierten und regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern eine hohe Identifikation mit der Gemeinde vor Ort, die sich auch mit dem Kirchengebäude verbindet. Sie begegnen Veränderungsprozessen nicht selten mit Trauer, Sorge oder sogar Angst, weil sie um ihre kirchliche Heimat fürchten. Zum anderen erfordert der realistische Blick auf die aktuellen Umstände das Eingeständnis, dass die beschriebene Kleinteiligkeit und das Abwarten keine zukunftsträchtige Perspektive sein können. Vor einigen Jahren haben Studierende der Katholischen Hochschule in Mainz im Rahmen eines Projekts eine nicht repräsentative Befragung in Gemeinden des Bistums Mainz durchgeführt, in der Gemeindemitglieder dazu befragt wurden, wie sie die Gemeindepastoral einschätzten. Sie betonten besonders die Notwendigkeit der Beheimatung in ihrer Gemeinde, die Erfahrung von Gemeinschaft und lebensnahen Gottesdiensten. Längst haben sich die Gemeinden an die Tatsache gewöhnt, nicht mehr „ihren“ Pfarrer vor Ort zu haben. Sie benannten die Qualität der Predigt und die Ermöglichung von Gemeinschaft, die auch in den Gottesdiensten erfahren werden kann. Daneben muss man sich allerdings ehrlich eingestehen, dass andere Menschen diese Gemeinschaft für sich selbst als einengend, zu bürgerlich angepasst und nicht attraktiv erleben können. Diese Menschen werden sich, sollten sie überhaupt Interesse am kirchlichen Leben haben, kirchlich und liturgisch anders orientieren. Dass die Kirche auch einen Anspruch bezüglich der Nachfolge Jesu und der Bedeutung Gottes für den Menschen formuliert, der nicht verharmlost werden darf, spielt im Alltag der Gemeinden und anderer kirchlicher Orte nicht die Rolle, die ihr zukäme. Beheimatung kann ein Gefühl von Gemütlichkeit sein, das manchmal auch problematisch werden kann.

Das Bild der Gemeinde als „Berghütte“

Wenn Fulbert Steffensky von einer „Verhaustierung“ Gottes spricht, wird Gott verfügbar für menschliche Befindlichkeiten gemacht. Bereits vor einigen Jahren warnte der Pastoraltheologe Herbert Haslinger davor, Gemeinden und Kirche wie ein Einfamilienhaus zu gestalten, und bot als alternatives Bild eine Berghütte an. Er stellt die Ortsgemeinde als Berghütte vor, in der die Menschen das bekommen, was sie auf ihrem Glaubensweg brauchen. Dabei kritisiert er fehlende Visionen in den größer werdenden Räumen. Ausufernde Strukturen verhinderten die Nähe zu den Menschen vor Ort. Die Menschen können in der Berghütte solange bleiben, wie sie mögen, eine Bindung zu diesem Ort steht nicht im Fokus. In Gemeinden garantiert der Seelsorger/die Seelsorgerin vor Ort Nähe zu den Menschen, sodass die Ortsgemeinde das anbietet, was der einzelne Mensch braucht. Daher fordert Haslinger die Präsenz einer seelsorgenden Person für eine Gemeinde zwischen 1500 und 5000 Menschen. Gemeint ist hier ausdrücklich hauptamtliches Personal, das Ehrenamt könne die hauptamtliche Begleitung nicht ersetzen, worin ich ihm zustimme. An der Umsetzbarkeit des Bildes der Gemeinden als „Berghütte“ hege ich allerdings meine Zweifel. Ich nehme die erforderliche Flexibilität der Ortsgemeinden nicht flächendeckend wahr, um diesem Anspruch, Nähe und Distanz in Balance zu halten, zu genügen. Gemeinden gestalten nicht selten ihr Leben als Einfamilienhaus, in das Menschen nur hineinkommen, wenn sie „passen“. Ich halte den Vergleich Haslingers für nicht wirklichkeitstauglich, nicht nur wegen des fehlenden hauptamtlichen Personals, das Haslinger voraussetzt. Der Gedanke, dass ein Seelsorger/eine Seelsorgerin für Menschen automatisch die passende Ansprechperson in Fragen des Glaubens und Lebens ist, scheint mir nicht zuzutreffen. Die Pfarrhäuser vor Ort, die es durchaus gibt, sind kaum die Anlaufstellen für Menschen in existenziellen Fragen und Themen. Daher müssen neben der traditionellen Gemeinde andere „Kirchorte“ in den Blick genommen werden, an denen Menschen die Art und Weise von kirchlicher Begleitung suchen oder sich betätigen, wie sie es für sich zu brauchen glauben. Kirchliche Bindung wird dann bewusster gestaltet und gesucht, als es die klassische Gemeinde vor Ort garantieren kann. Auch der Priestermangel oder der Mangel an theologisch und pastoral qualifizierten Hauptamtlichen sind somit nicht die einzigen Gründe für pastorale Veränderungen, die gestaltet werden müssen. Die Prozesse in den Diözesen dürfen nicht als mangelhafte Verwaltung verstanden werden, sondern als Neuorientierung, die sich der Wirklichkeit ehrlich stellt.

Transformationsprozesse im Bistum Mainz

In den im Bistum Mainz anstehenden Veränderungen geht es nicht um eine der Not geschuldete Vergrößerung der Räume, sondern um das Gestalten einer Pastoral, die der Wirklichkeit gerecht wird und eine zukunftsfähige Kirche für die Veränderungen der Zeit gestaltet. Immer wieder wird mit dem Begriff der „XXL-Pfarreien“ das Schreckbild einer neuen pastoralen Wirklichkeit gezeichnet. Damit verbunden ist die Vorstellung einer Kirche, die sich verwaltungsmäßig aufbläst und damit den Kontakt zu den Menschen vor Ort verliert. Im Bistum Mainz haben wir versucht, eine andere Logik zu entwickeln. Gemeinden vor Ort sollen lebendig bleiben, indem sie sich vernetzen und die Ressourcen miteinander teilen. In den neuen Pfarreien, die nach und nach durch den Zusammenschluss der Gemeinden entstehen, soll die Erfahrung einer größeren Glaubensgemeinschaft möglich werden, indem die beschriebene Kleinteiligkeit aufgebrochen wird und Leitungsfunktionen auf größere Teams verteilt werden. Ehrenamtliche werden den Pfarrer und Hauptamtliche nicht ersetzen, aber durch das Einbringen und die Ergänzung ihrer Fähigkeiten haben sie Anteil an der Leitung einer Pfarrei. Sie repräsentieren ihre Gemeinde vor Ort und bringen ihre Ideen ein, wodurch ein Netzwerk aus Gemeinden und anderen kirchlichen Orten entsteht. In größeren hauptamtlichen Pastoralteams werden Menschen sowohl territorial als auch kategorial zugeordnet, so dass klare Ansprechpersonen für die Menschen benannt sind. In den neuen Pfarreien und Pfarrgremien sind nicht nur Ortsgemeinden vertreten, sondern auch Kirchorte wie Kitas, Schulen, Verbände, Klöster, Altenheime, Bildungshäuser usw. Für viele Menschen sind dies Begegnungsorte mit der Kirche, an denen das Evangelium lebendig wird und auch experimentiert werden darf.

Neugestaltung des kirchlichen Lebens

Von Anfang an gab es im Bistum Mainz das Bemühen, Transformationsprozesse als geistliche Wege zu beschreiten und damit die Frage in den Fokus zu rücken, in welchen Formen das Evangelium am besten gelebt und verkündet werden kann. Dabei war der Gedanke leitend, dass „geistliche“ nicht von strukturellen Fragen zu trennen sind. In den Gremien des Bistums ist ein verbindlicher Visionstext entwickelt worden, der die geistlichen Kategorien unter das Leitbild des Teilens stellt: Wir teilen Glauben, Leben, Verantwortung und Ressourcen. Diese Vision verstehen die Gläubigen als verbindlich für Überlegungen in operativen Strukturthemen. Im Letzten geht es nicht nur um Strukturdebatten. Es geht um die Frage von Leitung und Beteiligung aller Getauften, die ihr jeweiliges Charisma einbringen wollen. Es geht um die Frage, welche Ressourcen benötigt werden und welche nicht. Es geht darum, Gemeinden und Kirchorte in die Lebenswelten der Menschen einzubinden und Kirche einladend zu gestalten. Dabei geht es ebenso um die Wahrnehmung der vielfältigen Präsenz der Kirche in verschiedenen Wesensvollzügen. Die Corona-Zeit war entlarvend: Caritas und andere Einrichtungen, die herausragende Arbeit geleistet haben, wurden nicht als Kirchorte wahrgenommen, Kirche wurde hingegen oft auf Liturgie und bischöfliche Verlautbarungen reduziert. Corona hat damit auch Schwächen gemeindlicher Arbeit aufgezeigt, die das Netzwerkdenken bereichern können. Künftig werden wir daran arbeiten müssen, die Vielfalt kirchlichen Lebens herauszustellen und selbstbewusst zu gestalten. Ein dringendes Anliegen bleibt es bei alldem, die innerkirchlichen Konfliktthemen nicht kleinzureden, aber bei allen Debatten nicht den Auftrag zu vergessen, das Evangelium zu verkünden und berührbar zu machen. Hierin ist die Grundlage gegeben, dass Pfarrarbeit nicht nur mit Verwaltungstätigkeiten identifiziert wird. Eine meiner bischöflichen Aufgaben besteht darin, hierbei Hilfestellung zu leisten.

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