Hermeneutische Voraussetzungen und praktische Ideen zur Umsetzung einer liturgischen Sonntagskultur"...dass für alle Sonntag wird"?!

Um eine liturgietheologisch sinnvolle Begründung des Sonntags wird angesichts vielfacher gesellschaftlicher Gegenbewegungen immer wieder gerungen. Oftmals fällt es dabei schwer, den Sonntag noch als den „Tag des Herrn“ für alle gültig herauszustellen. Im Bewusstsein der Genese des Tages und der Forderung nach Anpassung und Aktualisierung bedarf es daher Überlegungen, diesen Tag mit seinem bleibenden Sinngehalt in einer sich ändernden äußeren Wahrnehmung darzustellen. Allgemeine pastorale Umstrukturierungsprozesse können dabei ein hilfreicher Anstoß sein, den Sonntag als „Ur-Feiertag“ (SC 106) in die Mitte aller inhaltlichen Überlegungen zu stellen.

Fazit

Für die Entwicklung einer (liturgischen) Sonntagskultur bedarf es der Beachtung verschiedener Aspekte, die sowohl die theologischen Voraussetzungen als auch die praktisch-pastoralen Umsetzungsmöglichkeiten im Blick haben. Trotz oder gerade wegen der nicht mehr so selbstverständlichen Begehung des Sonntags als „Tag des Herrn“ braucht es heute mehr denn je klare Begründungsmuster und Zieldefinitionen, um den Sonntag weiterhin als „Ur-Feiertag“ (SC 106) herauszustellen.

Pastorale Umstrukturierungsprozesse gibt es derzeit in vielen deutschen Diözesen. In je eigener Art verfolgen alle ein ähnliches Ziel: Die Erneuerung und Vorbereitung der pastoralen Strukturen für eine Kirche der Zukunft. Das Ringen um die inhaltliche Ausgestaltung der neuen Strukturen dauert an und die Ansatzpunkte sind zahlreich. Vielfach unbeachtet bleibt die Frage nach der Bedeutung des Sonntags und der Etablierung einer Sonntagskultur. Aus Sicht der Liturgiewissenschaft ist dies jedoch ein wichtiges Feld, so dass mit verschiedenen Grundannahmen und konkreten Vorschlägen die Gestaltung einer liturgischen Sonntagskultur bedacht werden kann.

Verschiedene Erfahrungen prägen das Bild

Es mag banal wirken, sich in diesem Zusammenhang zunächst einmal aktuelle Zahlen der Gottesdienstbesuche anzusehen. Freilich kann man einwenden, dass der Sonntag mehr ist als nur der Gottesdienst. Dennoch lebt der Sonntag allem voran aus der gemeinsamen Feier des Glaubens in der Eucharistie. Sie ist Zentrum allen christlichen Lebens, denn sie vergegenwärtigt jede Woche neu das Paschamysterium Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi (SC 5). Die Statistiken zeigen, dass 2019 ca. neun Prozent der Katholikinnen und Katholiken einen Sonntagsgottesdienst besuchten. Gemessen am reinen Teilnahmeverhalten scheint dieser Tag also keinen allzu großen Stellenwert (mehr) zu haben. Vielfach treten am Sonntag andere Verpflichtungen und Aktivitäten hervor, etwa das Fußballspiel des Sportvereins oder einfach das Bedürfnis nach Ruhe. Es wäre zu kurz gegriffen, diese Realitäten gegeneinander auszuspielen, denn vielmehr sollte hier die Frage ansetzen, wie es heute möglich ist, in all den Differenzen der Sonntagsgestaltung dennoch die Sinnhaftigkeit und Bedeutung des Tages herauszustellen. Oft wird er als der letzte Tag der Woche bzw. des Wochenendes wahrgenommen, an dem nochmals Kraft für die Arbeitswoche getankt wird. Gerne wird dabei vergessen, dass es sich beim Sonntag um den ersten Tag der Woche handelt. Er ist Beginn, nicht Abschluss. Gleichzeitig unterzieht sich der Sonntag einem gesellschaftlichen Wandel; darauf muss die Kirche reagieren. Der bleibende Sinngehalt des Tages muss festgehalten, gleichzeitig aber die „Zeichen der Zeit“ (GS 4) aufgenommen und gedeutet werden, um so zu erreichen, „dass für alle Sonntag wird“ (GL 103).

Historische Entwicklungslinien des Sonntags

Bereits früh entwickelte sich eine Feier der christlichen Gemeinde, die den ersten Tag der Woche besonders herausstellte und an ihm des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi gedachte. Die Gemeinde versammelte sich und feierte das Herrenmahl. Die Observanz, die in prägender Weise zunächst den Sabbat auszeichnete, erlangte eine immer größere Bedeutung auch für den Herrentag oder den ersten Tag. Spätestens mit der Erhebung des frühen Christentums zur Staatsreligion des römischen Reiches gewann der christliche Sonntag an gesellschaftlicher Bedeutung und konnte sich als Tag der Versammlung auch durch die Arbeitsruhe geschützt betrachten. Die innere Ausgestaltung des Sonntags veränderte sich im Laufe der Kirchengeschichte jedoch beträchtlich, denn die eigentliche Gedächtnisfeier von Leiden, Tod und Auferstehung Christi trat für mehrere Jahrhunderte immer mehr in den Hintergrund. Der Sonntag verlor im liturgischen Kalender an Rang und wurde beinahe von jedem Heiligenfest verdrängt. Sonntage im Jahreskreis gab es kaum mehr und die inhaltliche Verschiebung hin zum Gedächtnis der Dreifaltigkeit gab ihr Übriges. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts und schlussendlich mit dem Zweiten Vatikanum wurde der Sonntag inhaltlich aufgewertet und die theologische Bedeutung als eigenständige Feier innerhalb der Woche trat wieder klarer hervor.

Wöchentliches Ostergedächtnis

Der Urgrund für die liturgische Feier des Sonntags ist das bereits erwähnte Gedächtnis von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Der Sonntag steht somit in einer engen Verbindung zum jährlich stattfindenden Osterfest. Das Jahrespascha (Ostern) wird ergänzt durch das Wochenpascha (Sonntag). Somit strukturiert der
Sonntag als wöchentliches Osterfest die kalendarische Woche und stellt sie mit ihm als Höhepunkt unter ein besonderes Vorzeichen. Er ist nicht der letzte Tag der Woche, der diese mit einem freien Tag abschließt, sondern der erste Tag, der die Woche mit einem Feiertag beginnen lässt und sie somit unter das an ihm gedachte Heil stellt. Neben dem Beginn der Woche ist der Sonntag theologisch gedeutet auch der achte Tag. Er bekommt eine eschatologische Prägung, da er als Tag der Neuschöpfung und der Auferstehung gesehen wird. Somit scheint die Bedeutung des Tages klar: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“. Die Gestaltung des Sonntags gewinnt hier nicht nur ihr inneres Wesen, sondern auch eine erste praktische Konkretisierung und liefert einen Auftrag, dieses Anliegen des Sonntags möglichst frei von anderen Themen zu halten. Die vielfach bekannten Zwecksonntage (Sonntag der Weltkirche, Caritassonntag u. a.), die unterschiedliche Anliegen zur Sprache bringen wollen, stellen sich oftmals problematisch dar, da sie z. B. Schrifttexte des Tages weglassen oder den Fokus der gefeierten Liturgie auf ein ganz spezifisches Thema lenken. Dass all die Anliegen ihre Berechtigung haben, ist selbstverständlich, doch sollte für den Sonntag darauf geachtet werden, dass die Prägung als wöchentliche Osterfeier auch so im Vordergrund steht.

„Freude und Muße“

Besondere Würdigung erfährt der Sonntag im Zweiten Vatikanischen Konzil durch die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium, die ihm mit SC 106 sogar einen eigenen Artikel widmet und ihn als „Ur-Feiertag“ und „Fundament und Kern des liturgischen Jahres“ bezeichnet. Der Artikel mahnt dazu, dass der Sonntag der genuine Versammlungstag der christlichen Gemeinde sein soll, an dem das Wort Gottes gehört und gemeinsam Eucharistie gefeiert wird. Der Bezug auf das Osterfest ist auch hier deutlich spürbar, um „der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen“ (SC 106). Bemerkenswert ist noch eine weitere Aussage der Liturgiekonstitution: Sie fordert nachdrücklich, dass aus dem Gedächtnis des Paschamysteriums für den Sonntag folgen soll, dass er „ein Tag der Freude und Muße werde“ (SC 106). Damit sagt das Konzil für das heutige Verständnis des Sonntags also eine fundamentale Würdigung und Herausstellung des ersten Tages bzw. des Herrentages am Beginn der Woche aus. Es betont aber mit der „Freude und Muße“ auch eine Aussage, die zunächst gar nicht so vermutet worden wäre. Neben der gebotenen Versammlung und liturgischen Feier des Tages soll der Sonntag ganz dezidiert auch einen Mehrwert für den Menschen haben. Es wäre also zu einfach, zu sagen, dass lediglich die Versammlung den Sonntag charakterisiert, denn auch die innere Anteilnahme und bewusste Begehung des Tages werden zum Charakteristikum. Zwar ist die liturgische Versammlung am Sonntag gleichsam Höhepunkt des Gedächtnisses, dennoch ist sie nicht alles und auch die bewusste Gestaltung des Sonntags (z.B. durch Zeit für Freunde und Familie) macht dessen besondere Bedeutung aus. Es scheint hier verwirklicht zu sein, dass der Sonntag als Tag des Herren und als Tag des Menschen zu begehen ist. Diese beiden Pole können auch heute hilfreich sein, die Feier des Sonntags in den größeren Lebensrahmen der Menschen einzuordnen und all den Aktivitäten Raum einzuräumen, die der Freude und der Muße dienen. Die verschiedenen Elemente ergeben deshalb eine Synthese und sind keine Antithese.

Lösungsmöglichkeiten für aktuelle Probleme

Die eingangs erwähnten faktischen Schwierigkeiten, mit denen der Sonntag zu kämpfen hat, können durch die genannten theologischen Implikationen nicht gänzlich aufgehoben werden; kritisch betrachtet können sie noch nicht mal im Ansatz das Problem lösen. Dennoch gilt es heute in dem tiefgreifenden Umbruchsprozess, in dem sich die Kirche vor allem in Deutschland befindet, nach Möglichkeiten zu suchen, kirchliches Leben zukunftsfest zu gestalten und in angemessener Weise theologisch zu begründen. Die Frage nach der geeigneten liturgischen Feier und Begehung des Sonntags muss dabei im Mittelpunkt der Betrachtung liegen. Wer z.B. vor Ort in der Gemeinde oder im pastoralen Raum Verantwortung trägt, hat die Chance, eine konkrete Sonntagskultur zu gestalten und zu etablieren. Die Feier des Sonntags – und ganz konkret die liturgische Feier des Tages – hat sich stetig verändert. Für die heutige Praxis bedeutet das, dass Veränderung und Ringen um die richtige Form notwendig und möglich sind. Ausgehend von der Eucharistiefeier, die für den Sonntag als liturgisches Charakteristikum gelten darf, seien einige Leitideen formuliert: Die wöchentliche Feier des Paschamysteriums sollte möglichst den Mittelpunkt der (liturgischen) Sonntagskultur darstellen und im Idealfall als Feier der ganzen Gemeinde geschehen. Hier sind die Bedürfnisse der Gläubigen vor Ort sensibel wahrzunehmen. Wenn der Sonntag vielfach durch andere Gewohnheiten (Sport, gemeinsames Frühstück etc.) geprägt ist, sollte nicht starr an vorgefertigten und tradierten Uhrzeiten festgehalten werden. Vielfach finden die liturgischen Feiern am Vormittag des Tages zwischen 8 Uhr und 12 Uhr statt. Doch auch andere Uhrzeiten sind für die Feier angemessen und manchmal passen diese besser in den sonntäglichen Tagesablauf bspw. junger Familien. Ein Experiment mit Uhrzeiten scheint möglich, wenngleich auf Dauer eine stets gleichbleibende Uhrzeit an einem festgelegten Ort angestrebt werden sollte, um die Gemeinde nicht schon bei den Rahmenbedingungen zu irritieren. Betont werden sollte auch die Gemeinschaft, die über das eucharistische Zusammenkommen hinaus besteht. Recht einfach scheint dies umsetzbar, wenn es nach der liturgischen Feier auch die Möglichkeit zur Zusammenkunft gibt, z.B. in Form eines Kirchencafés oder Ähnlichem. Gerade unter veränderten pastoralen Grundgegebenheiten ist es von Seiten der in der Pastoral Verantwortlichen entscheidend, den Kontakt zu Gemeindemitgliedern aufrechtzuerhalten und deutlich zu machen, dass die Gemeinschaft nicht beim Verlassen des Gotteshauses endet, sondern über die Woche hinweg weiterbesteht. Verantwortliche vor Ort haben hier vielfältige Möglichkeiten, neben der Eucharistiefeier als Grundkonstante des Tages noch weitere Angebote zu platzieren, um eine Sonntagsfeierkultur innerhalb der Gemeinde oder dem pastoralen Raum zu etablieren.

Der Sonntag als „Quelle“ und „Höhepunkt“

Bei den konkreten Ideen, die hier in aller Kürze skizziert wurden, scheint dennoch eine gemeinsame Basis im Bewusstsein um die Feier des Tages erkennbar: Auch wenn es sich heute vielfach anders darstellt, kann die (liturgische) Feier des Sonntags in Anlehnung an die Texte des Zweiten Vatikanums als „Quelle“ und „Höhepunkt“ des gemeindlichen Lebens (SC 10 und LG 11) bezeichnet werden. Dies soll keine Überhöhung darstellen, jedoch auf die Besonderheit des Tages als wöchentliche Gedächtnisfeier des Osterfestes hinweisen und sie in den Mittelpunkt allen gemeindlichen Handelns stellen. Konkret bedeutet dies für alle, die sich um eine würdige Gestaltung einer (liturgischen) Sonntagskultur bemühen, bewusste Akzente zu setzen, die die Bedeutung des Tages herausstellen, aber auch hinzuhören und zu suchen, was für die Gläubigen vor Ort hilfreich zur Ausgestaltung des Tages ist. Auch über eine Erweiterung der liturgischen Feierformen, etwa im Sinn einer breiteren Rezeption sogenannter Sonntagsvigilfeiern, kann nachgedacht werden. All das geschieht im Bewusstsein, den Sonntag wieder als den „Ur-Feiertag“ (SC 106) der Kirche hervortreten zu lassen, so dass „für alle Sonntag wird“. 

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