Miteinander Vorurteile auflösenDialog mit dem Islam

Die Stimmung in Deutschland ist heute dem Islam gegenüber eher feindselig geprägt. Dazu hat sicher der aggressive Islam beigetragen, wie wir ihn aus den Medien kennengelernt haben. Immer wieder hören wir von Terroranschlägen radikaler Islamisten. Manche Christen meinen, wir müssten uns vor dem Islam schützen und ihn bekämpfen. Doch der Islam ist eine Realität. Und es hat noch nie weitergeholfen, wenn man die Realität leugnet und wenn man einen Dialog verweigert. Der Dialog gerade mit gebildeten Muslimen kann Vorurteile auf beiden Seiten auflösen. Denn solche Vorurteile und Stolpersteine gibt es im Dialog zwischen Christen und Muslimen.

Doch wenn wir die Stolpersteine ehrlich anschauen, können sie auch überschritten werden und es wächst ein neues Verständnis zwischen Islam und Christentum. So habe ich es in meinem Dialogbuch mit dem Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi erfahren. Wenn wir über die gemeinsamen spirituellen Erfahrungen sprechen, dann kommen wir uns näher. Ich möchte nur drei Themen ansprechen, die zwischen Christen und Muslimen sehr viele Vorurteile erzeugen.

Der eine und dreieinige Gott

Für Muslime ist der christliche Glaube an den dreieinen Gott unverständlich. Muslime denken oft, wir Christen würden an drei Götter glauben. Doch auch wir Christen glauben an den einen Gott. Dieser eine Gott zeigt sich uns Menschen gegenüber nur in drei verschiedenen Formen, als der Schöpfer, als der Sohn, der mit uns geht, und als der Heilige Geist, der in uns ist. Auch fromme Muslime, vor allem aus der mystischen Sufischule, sprechen davon, dass Gott in uns atmet. Rumi, der persische Dichter aus dem 12. Jahrhundert, meint, unser Atem sei der göttliche Liebesduft. Auch Muslime unterscheiden also zwischen dem einen Gott und der Art und Weise, wie er an uns und in uns wirkt.
Im Dialog mit dem Islam geht es darum, die Missverständnisse auszuräumen, dass wir Christen an drei Götter glauben. Und es geht darum, dass wir Christen unseren Glauben an den dreieinen Gott klarer darlegen. Für die Kirchenväter hat der dreieine Gott auch zu einem neuen Menschenbild geführt. Auch der Mensch ist wie Gott – so sagt ein lateinischer Kirchenvater – esse (Sein = Vater), vivere (Leben = Sohn) und intelligere (Einsehen, Verstehen = Heiliger Geist).
Auch der Islam hat viele Gottesnamen. Und zugleich ist er überzeugt, dass Gott jenseits aller Namen ist. Darin treffen sich Muslime und Christen. Wir Christen sprechen über Gott in vielen Bildern. Und das schönste und geheimnisvollste Bild ist das Bild der Dreieinigkeit. Aber wir Christen wissen immer auch, dass Gott jenseits aller Bilder ist.

Die Menschwerdung Gottes

Dass Gott Mensch wird, ist für Muslime nicht nachvollziehbar. Das widerspricht ihrem Gottesbild. Im Dialog mit Karimi versuchte ich zu erklären, was wir unter Menschwerdung Gottes und wie wir Jesus als Sohn Gottes verstehen. Sohn Gottes ist für das hebräische Denken ein Ausdruck der Beziehung. Der König ist Gottes Sohn. Und jeder, der sich ganz für Gott öffnet, wird Sohn Gottes genannt. Das können die Muslime verstehen. Als die biblischen Gedanken über Jesus von den griechisch denkenden Kirchenvätern übernommen wurden, da begnügten sich die Griechen nicht mit der bloßen Beziehung. Für die Griechen ist das Sein wichtig. Daher können sie diesen Begriff nur so verstehen, dass Jesus Gottes Sohn ist. Wir Christen halten daran fest, dass Jesus Sohn Gottes ist. Aber was das wirklich bedeutet, können wir letztlich nicht sagen. Denn alle unsere dogmatischen Aussagen legen nicht fest, sondern wollen das Geheimnis Gottes offen halten.
Ein Gedanke, der Karimi half, die Menschwerdung Gottes zu verstehen, ist der Begriff Gottes, den der evangelische Theologe Paul Tillich geprägt hat: „Gott ist das, was uns unbedingt angeht.“ Wenn wir sagen, Jesus sei ein religiös begabter Mensch, dann legen wir ihn auf etwas fest, was wir schon kennen. Und wir stellen uns leicht über Jesus. Wir können entscheiden, was wir von ihm annehmen wollen und wo wir ihn für zeitbedingt halten. Wenn wir aber sagen, dass Jesus Sohn Gottes ist, dann müssen wir uns auf diesen Jesus einlassen. Dann müssen wir auch mit den Worten ringen, die wir auf den ersten Blick nicht verstehen. Wir können sie nicht als zeitbedingt ablehnen.
Als wir über die Erfahrung sprachen, was für uns Christen existentiell bedeutet, was Menschwerdung Gottes heißt, dass Gott zu uns herabsteigt und unser Schicksal mit uns teilt, da spürte Karimi das Faszinierende an dieser Botschaft. Und weil er spürte, was diese Vorstellung in einem Christen bewirkt, war er von dieser Botschaft innerlich berührt. Auch wenn er sie als Muslim immer noch nicht annehmen konnte, so konnte er doch verstehen, was sie für uns Christen bedeutet. Und da war in ihm nicht mehr Ablehnung, sondern Offenheit. Und er versuchte, in der eigenen Tradition nach Bildern zu suchen, die unseren christlichen Vorstellungen von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gleichkommen. Wenn wir über die Erfahrungen sprechen, die solche dogmatischen Aussagen mit uns machen, dann wächst auf einmal Verständnis. Wir vermischen die Religionen nicht miteinander. Aber wir werden offen, die Gedanken des andern zu verstehen und wertzuschätzen.

Die Erlösung durch das Kreuz

Es sind zwei Gedanken, die den Muslimen beim Kreuz Jesu Schwierigkeiten bereiten. Die erste ist, dass Jesus, der doch ein Prophet war, am Kreuz so elend sterben musste. Daher sprechen die Muslime davon, dass Jesus nicht gestorben ist, sondern vom Kreuz gerettet wurde. Der andere Gedanke bezieht sich auf die Erlösung durch das Kreuz. Die Muslime können sich nicht vorstellen, dass Jesus uns durch seinen Tod von unserer Schuld erlösen musste, dass Gott Jesus in den Tod schickte, um uns zu erlösen.
Als ich Karimi gegenüber erzählte, was es mit mir macht, wenn ich an das Kreuz denke, dass ich fasziniert bin von dem Gedanken, dass Jesus mein Leid selbst durchlitten hat und dass darin Gott selbst an meinem Leiden teilhat, da war er von diesem Gedanken sehr berührt. Und er meinte, es sei ein großer Unterschied, über eine dogmatische Lehre zu sprechen oder darüber, was diese Lehre persönlich mit einem Menschen macht. Und er konnte als Muslim seine tiefe innere Berührtheit auch persönlich vor den Menschen ausdrücken, vor denen wir über unser gemeinsames Buch sprachen.
Beim Gedanken an Erlösung denken viele Muslime an die christliche Lehre, dass Jesus sterben musste, damit wir von unserer Schuld erlöst würden. Doch diese Lehre entspricht ja gar nicht dem christlichen Glauben. Ich erklärte Karimi, dass die Bibel viele Bilder kennt, um das zunächst unfassbare Geheimnis des Kreuzes zu verstehen. Bei Johannes ist das Kreuz Ausdruck einer vollendeten Liebe: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,13) Bei Lukas ist das Kreuz ein Schauspiel, das die Zuschauer verwandelt. Wenn die Menschen schauen, wie Jesus am Kreuz selbst seinen Mördern vergibt, dann dürfen wir vertrauen, dass es in uns nichts gibt, was Gott nicht vergibt. Das Kreuz bewirkt nicht die Vergebung. Gott vergibt, weil er Gott ist, weil er barmherzig ist. Aber das Kreuz vermittelt die vergebende Liebe Gottes. Es lässt uns daran glauben, dass Gottes Liebe stärker ist als aller Hass dieser Welt und auch als alle Schuld. Indem ich auf Jesus am Kreuz schaue, kann ich an die Vergebung Gottes glauben.
Hier sind die Schwierigkeiten der Muslime, an die Erlösung zu glauben, eine Herausforderung an uns Christen, unsere Erlösungslehre neu zu überdenken. Wir sollen sie nicht ändern. Aber wir sollen darüber nachdenken, was die christliche Erlösungslehre wirklich aussagt. Und wir dürfen den verschiedenen Bildern trauen, die die Bibel uns über den Tod Jesu am Kreuz überliefert. Wenn wir die biblischen Bilder nicht in eine starre Dogmatik pressen, sondern in ihrer Bildhaftigkeit stehen lassen, dann ist auch hier eine Verständigung mit den Muslimen möglich. Das heißt nicht, dass die Muslime unsere christliche Lehre annehmen. Aber sie können sie verstehen und schätzen.

Perspektiven

Entscheidend ist beim Dialog zwischen Christen und Muslimen, dass wir zuerst einmal genau hinhören, was der andere denkt. Im Zuhören sollen wir nicht gleich daran denken, wie wir die Argumente des anderen entkräften können. Vielmehr sollen wir genau hinhören, wie die Muslime ihr Leben verstehen und ihre Beziehung zu Gott. Wir sollen uns berühren lassen von dem Gedanken der Hingabe, der ja wesentlich ist für den Islam. Der Mensch hat die Aufgabe, sich Gott hinzugeben. Und wir sollen die islamischen Gedanken als Herausforderung sehen, welche Antwort wir als Christen auf das geben, was den Muslimen heilig ist.
Und entscheidend ist, dass wir nicht auf der Ebene des Rechthabens miteinander diskutieren, sondern auf der Erfahrungsebene. Wenn wir über die Erfahrungen sprechen, die wir als Christen und als Muslime mit Gott und mit unserem Glauben machen, dann entsteht ein Verständnis füreinander. Dann spüren wir, dass unsere Erfahrungen sehr nahe beieinanderliegen.
So ist es gerade heute an der Zeit, einen Dialog zwischen gebildeten Muslimen und Christen anzufangen. Wenn gebildete Menschen miteinander sprechen und wenn sie zugleich ihre Glaubenserfahrungen ernst nehmen, dann ist Verständigung möglich. Es gibt dann keine Vermischung der Religionen, sondern Achtung und gegenseitige Befruchtung.

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