Bleibender Grundauftrag und zeitgemäße PerspektivenKatholische Erwachsenenbildung – ein "Fenster zur Kirche"?

Seit mehr als fünf Jahrzehnten erfüllt die katholische Erwachsenenbildung den vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgeleiteten Auftrag, ein „Fenster zur Welt“ zu sein. Die Trägervielfalt ermöglicht zahlreiche Angebote auf Pfarrei-, Dekanats- und Diözesanebene. Bundesweit ist die KEB e.V. – nach den Volkshochschulen – der zweitgrößte Träger von Angeboten der Außerschulischen Bildung. Hat sich der Auftrag, das „Fenster zur Welt“ zu sein, seit dem Konzil verändert? Denn seit vielen Jahren ist eine „Suchbewegung“ hin zum Glauben feststellbar. Müsste die Erwachsenenbildung dann nicht das „Fenster zur Kirche“ sein?

Fazit

Katholische Erwachsenenbildung erfüllt den bleibenden Grundauftrag, mündige Christen zum Handeln in Kirche und Gesellschaft zu befähigen. Deutlich wird in der Praxis mittlerweile, dass Menschen auch ein „Fenster zur Kirche“ suchen, das sie hineinblicken lässt in die Tradition der Kirche und ihre eigenen Fragen nach Spiritualität, Glauben und Bibel aufgreift. Neue Bildungsangebote und -formate dafür zu entwickeln, ist deshalb der zeitgemäße Auftrag der Erwachsenenbildung. 

Ist katholische Erwachsenenbildung ein eigenstandiges Feld der Bildung, wie sie im landlaufigen Sinne verstanden wird – gleichberechtigt neben fruhkindlicher, schulischer, beruflicher und universitarer Bildung? Oder ist sie ein Teil von Kirche, und damit ein Feld der Pastoral, also „Bildungspastoral“? Hat kirchliche Erwachsenenbildung den aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeleiteten Auftrag, ein „Fenster zur Welt“ zu sein, bis heute erfullt? Ab den 1970er Jahren wurden in fast allen deutschen (Erz-) Bistumern eigene Einrichtungen gegrundet, seien es Bildungswerke, Akademien, Bildungshauser oder Familienbildungsstatten. Die Tragerschaft wurde von Bistumern oder Verbanden (z. B. Frauenverbande, KLB oder Kolping) ubernommen. Zusatzlich wurden eigene Vereine fur katholische Erwachsenenbildung eingerichtet (KEB e.V.). In vielen Regionen feiern diese Vereine bereits 50- oder 60jahrige Jubilaen, sei es in Dekanaten und Landkreisen oder auf Diozesan-, Landes- oder Bundesebene. Die uber Jahrzehnte hin aufgebauten Strukturen haben es ermoglicht, aktuelle gesellschaftliche Themen an Erwachsene zu vermitteln, um dem Anspruch gerecht zu werden, „das Fenster zur Welt zu sein“. Die Finanzmittel der rechtlich eingetragenen Vereine (e.V.) setzen sich bis heute aus Teilnehmergebuhren, Zuschussen aus Diozesanhaushalten und Fordermitteln aus staatlichen Weiterbildungsgesetzen zusammen. Die Vereine haben damit eine finanzielle Grundlage, um die jahrlichen Angebote fur unterschiedlichste Zielgruppen zu planen und durchzufuhren. Das erfordert professionelles Handeln, die Ehrenamtlichen werden durch Hauptamtliche unterstutzt, die als Geschaftsfuhrer/ innen oder theologische und padagogische Fachreferent/innen in den Einrichtungen tatig sind. So ist die katholische Erwachsenenbildung – nach den Volkshochschulen (VHS) – der zweitgro.te Trager von Erwachsenenbildung in Deutschland geworden, mit fast 170.000 Veranstaltungen und 2,84 Millionen Teilnehmenden im Jahr 2015. Ein gro.er Erfolg, uber den sich alle freuen durfen, die mitgewirkt haben.

Vom Vortrag zum „Dreiklang“ – Wissen, Erfahrung, Erlebnis

Begonnen hat die Erwachsenenbildung in Pfarreien oder in Dekanaten im Regelfall mit Vortragen. Der Pfarrer, der Kaplan, Ehrenamtliche oder Referent/innen wurden zu einem Thema fur einen Abendvortrag eingeladen. Geworben wurde uber den Pfarrbrief, mit einem Plakat oder im Gottesdienst. Die Glaubigen fuhlten sich angesprochen und kamen, weil sie mehr wissen wollten uber ein Thema. „So war es in der guten alten Zeit“, konnte man ruckblickend sagen. Das Pfarrburo oder die regionalen Bildungswerke ubernahmen das Veranstaltungs- Management und die Abrechnung der Kosten. In Bildungshausern fanden Wochenend-Seminare statt, bereits mit professionell ausgebildeten Fachleuten, die zu theologischen, padagogischen oder politischen Themen referierten und Wissen vermittelten. Dabei durften ab den 1980er Jahren die Methoden der Gruppendynamik oder Gruppenarbeit nicht fehlen, die Vortragende als Erganzung zur Wissensvermittlung eingesetzt haben. Die Verwendung von Dias und (Kurz-)Filmen bereicherten die Methodenvielfalt in den Seminaren. Ein fast romantischer Ruckblick?
Das „Internet-Zeitalter“, die Digitalisierung und die sogenannte „Social Media“ brachten gravierende Veranderungen in der Praxis der Erwachsenenbildung mit sich. Um Wissen zu erwerben, musste man nicht mehr in einen Vortrag gehen. Von zuhause aus kann man alles am PC „googeln“ oder mit eLearning- Programmen und Webinaren an Seminaren teilnehmen. Wissenserwerb alleine ist kein Motiv mehr, eine Bildungsveranstaltung zu besuchen. Aber dennoch: Die Gruppe, in der man gemeinsam uber Themen diskutieren kann, war und ist nach wie vor gefragt. Es wurde deutlich, dass die Teilnehmenden diese Gruppenerfahrung, den „face-to-face- Dialog“ und den Diskurs zu einem Thema sehr schatzen. Und wider Erwarten bestatigt sich gerade in den letzten Jahren: Der „gute alte Vortrag“ ist sehr gefragt, vor allem wenn „VIPs“ geladen sind, seien es bekannte Personen aus Kirche, Gesellschaft, Politik oder Kultur. Dann sind die Sale voll. Weil die Teilnehmenden „live“ und authentisch einer Person des offentlichen Lebens begegnen wollen, mit der man nach einem Vortrag ins Gesprach kommt. Ob es den Erwachsenenpadagogen gefallt oder nicht – dieses neue Format findet Anklang. Bei der Reflexion von gut besuchten Veranstaltungen fallt auf, dass drei Komponenten fur ein erfolgreiches Angebot relevant sind: Wissen, Erfahrung, Erlebnis. Konnen Interessenten diese drei Komponenten bei einer Ausschreibung erkennen, steigt die Motivation zur Teilnahme. Konkret hei.t das: Fachleute vermitteln Wissen zu einem Thema, die Gruppe wird erfahrbar im Gesprach und das Angebot findet 15 in einer dazu passenden Umgebung statt – sei es in einem angemessenen Raum oder in der freien Natur. Das ist der „Dreiklang“ eines Angebotes, den Interessenten suchen und schatzen. Die Bildungsplaner stehen vor der Herausforderung, viele Angebote mit diesem „Dreiklang“ zu konzipieren.

Vom Pfarrsaal zu „anderen Orten“

Eine wichtige Rolle fur diesen „Dreiklang“ spielt der Ort der Veranstaltung. Nicht mehr der nuchterne Pfarrsaal oder der kahle Gruppenraum sind gefragt. Erwunscht ist ein „Ambiente“ zum Wohlfuhlen, wie es zum Beispiel Bildungshauser, Kloster, Museen oder Buchereien bieten. Werden zudem einzelne Angebote beispielsweise an einen besonderen Ort mit gewisser Regelma.igkeit prasentiert, entwickeln sich „Marken- Bildungsangebote“, wie z. B. die „Reisacher Klostergesprache“ (Landkreis Rosenheim) oder die „Furstenrieder Schlossgesprache“ (Munchen). Der ansprechende Ort und die hohe inhaltliche Qualitat des Angebots werden als Einheit erlebt, und die Teilnahme wird deshalb selbstverstandlich. Alleine der „Markenname“ burgt fur Qualitat und Akzeptanz. Wenn das erreicht ist, durfen sich die Verantwortlichen freuen.
Beliebt sind zudem Angebote in Buchereien, wie Autorenlesungen oder Vorstellungen von empfehlenswerten Buchern oder Ratgebern fur Familien und Senioren. Auch Kirchenfuhrungen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, wenn sie theologisches, liturgisches und kunsthistorisches Wissen vermitteln. Deshalb bietet die Erwachsenenbildung in einigen Bistumern seit Jahren erfolgreich Schulungen fur ehrenamtliche Kirchenfuhrer/ -innen an, die in ihren Heimatpfarreien diese Aufgabe ubernehmen, um Interessent/innen die Bedeutung der Kirchen in der Region nahezubringen. Interessante Gesprache und neue Zugange zu Glauben und Kirche werden eroffnet. Der Dreiklang von Wissen, Erfahrung und Erlebnis wird hier deutlich spurbar.

Vom Standard zur Innovation

Die Zielgruppen der Erwachsenenbildung sind vielfaltiger und differenzierter geworden. Die „Sinus- Milieus“ machen das deutlich und motivieren die Bildungsplaner, neben den Standardangeboten in den unterschiedlichen Themenfeldern auch Innovationen zu wagen, also Angebote zu machen, die uber das „Gewohnte“ hinausgehen. Im Erzbistum Munchen und Freising werden seit acht Jahren mit einem Sonderzuschuss sogenannte „Innovative Projekte“ gefordert, die neue Formate entwickeln, um aktuelle Themen fur unterschiedliche Zielgruppen und generationenubergreifend aufzubereiten. Weil es um Innovation geht, durfen die Angebote originell sein, wie z. B. „enkeltauglich leben“ (Traunstein). Sie sollen gelingen, aber sie durfen auch scheitern. Nur so kann man experimentieren, um zukunftsfahige Erwachsenenbildung mit neuen Formaten zu erproben. Erfolgreiche innovative Projekte sind unter www.korbiwiki.de nachzulesen fur alle, die sich experimentell auf diesen Weg begeben wollen.
Gerade zu theologischen Themen gibt es viele interessante und gelungene Innovationen. Das Dialogforum „Gott.neu.denken“ (Stiftung Bildungszentrum Freising) lasst in mehreren Modulen bekannte Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort kommen, die mit den Teilnehmenden uber die Gottesfrage nachdenken. Auch das Angebot „Basiswissen Theologie“ der Akademie Domschule Wurzburg, das auf Anregung der KEB Deutschland besonders fur Ehrenamtliche zusammengestellt wurde, findet seit 2015 hohe Akzeptanz. Neue Formate wie „Bibel im Cafe“, „Bibel-Walking“, „Kalligraphisches Bibelschreiben“ oder „Kirche- Kunst-Spiritualitat“ finden ebenso Interessenten. Das sind Hinweise dafur, dass Menschen wieder ein „Fenster zur Kirche“ suchen, mittels theologischer Angebote, die sie in die Kirche hinein schauen lassen. Denn das kann spannend sein, wenn es um die Bewertung ethischer oder politischer Fragestellungen geht.

Vom „Fenster zur Welt“ zum „Fenster zur Kirche“

Nach dem Konzil wollte man die „Fenster zur Welt“ weit aufmachen, das ist gelungen. Die Erwachsenenbildung hat dazu mit vielen Angeboten in unterschiedlichen Themenfeldern (z. B. Familienbildung, Umweltbildung, kulturelle und politische Bildung) beigetragen. Christen sind dialogfahig geworden im gesellschaftlichen Diskurs. Ehren- und Hauptamtliche aus Raten, Verbanden und Vereinen werden als Gesprachspartner geschatzt, wenn es um relevante Zukunftsfragen geht, bei denen das christliche Gottes- und Menschenbild eine wichtige Rolle spielt. Die Kirche ist in der Welt prasent. Festzustellen ist aber auch eine „Gegenbewegung“. Menschen, bei denen biographisch die Kirche und der Glaube kaum eine Rolle spielte, wollen ein „Fenster zur Kirche“ aufmachen, um das Christentum kennenzulernen. Herausgefordert durch das Mit- oder Nebeneinander von Religionen und Kulturen werden Menschen wieder neugierig auf das, was die katholische Kirche zu sagen hat. Das gro.e Interesse an Bildungsangeboten zur Enzyklika „Laudato si’“ und die hohe Akzeptanz theologischer Erwachsenenbildung sind Belege dafur. Neben den „Crash-Kursen Islam“, die seit Ende 2015 angeboten werden, sind „Crash-Kurse zum Christentum“ wieder gefragt, die mit Titeln wie „Glaube 3x3“, „GlaubensUpdate“ oder „Kraftwerk Glaube“ einladen. Katholische Erwachsenenbildung macht das „Fenster zur Kirche“ auf mit Angeboten, die Glaubenswissen vermitteln, Erfahrungen und Erlebnisse ermoglichen. Dazu zahlen auch Pilgerwanderungen oder geistliche Tage in Klostern.

Vom bleibenden Grundauftrag zu zeitgemäßen Perspektiven

Die „Kommission fur Wissenschaft und Kultur“ der Deutschen Bischofe hat im Juni 2014 eine Handreichung publiziert, die den Grundauftrag bestatigt: „Katholische Erwachsenenbildung hat gleicherma.en Teil am Weltdienst und am Heilsdienst der Kirche.“ Sie ist „Teil der Pastoral, erfullt aber auch Aufgaben im offentlichen Bildungssektor“. Es gilt bei den Angeboten, eine „Weise mundigen Christseins zu vermitteln, die den Glauben weiterentwickelt und die zum Handeln in Kirche und Gesellschaft befahigt“ (Handreichung dbk, S. 11). Perspektivisch sind – neben der theologischen Erwachsenenbildung – die Felder der Personlichkeitsbildung, der intergenerationellen, politischen und interkulturellen Bildung in den Blick zu nehmen. Dabei spielt die Qualitatssicherung eine wichtige Rolle, ebenso die ortsnahe Prasenz und die Vernetzung der Bildungstrager untereinander. Die Vielfalt von Angeboten, Tragern und Einrichtungen und das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen soll auch in Zukunft gewahrleistet sein (vgl. ebd. S. 20ff.). Es geht um „keine uniforme Patentlosung“ fur die katholische Erwachsenenbildung, sondern um die „Einladung zum eigenstandigen, kreativen Weiterdenken vor Ort“ (vgl. ebd. S. 6).
Das Weiterdenken vor Ort lohnt sich, wissend darum, dass regionale Fachstellen bei der Planung von Angeboten der Erwachsenenbildung gerne unterstutzen. Dieser Beitrag mochte Haupt- und Ehrenamtliche motivieren, diese Fachlichkeit anzufordern, die eine gro.e Entlastung fur eine XXL-Pfarrei sein kann, die das „Fenster zur Kirche“ weit offnen will mit zeitgema.en Bildungsangeboten fur alle Glaubenden und Suchenden.   

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