Perspektiven einer ganzheitlichen GesundheitsförderungPsychohygiene in Alten- und Pflegeheimen

Die WHO (World Health Organization) definiert Gesundheit als „einen Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ …, „und ihr Besitz stellt ein Grundrecht für jedes menschliche Wesen dar“. Gesundheit ist demnach nicht nur ein „Fehlen von Krankheit und Unwohlsein“.

Folgt man dieser WHO-Definition, so wird es in absehbarer Zeit wohl niemanden geben, den man als „gesund“ bezeichnen kann. Allerdings sollte bei einer kritischen Beurteilung dieser Definition nicht übersehen werden, dass die ihr zugrundeliegende integrale, holistische Sicht von Gesundheit („körperlich, seelisch und sozial“) im Sinne der Psychosomatik einer Spaltung von Leib und Seele im Gesundheitssystem entgegenwirken kann und muss. Denn noch gilt weitgehend die Feststellung von Thure von Uexküll: „Es gibt eine Medizin für Körper ohne Seelen und eine für Seelen ohne Körper.“ Das führt dazu, dass das Phänomen „Gesundheit“ zum Beispiel schon bei der Ausbildung in pflegerischen oder pädagogischen Berufen häufig entweder vorrangig als körperliche oder seelische oder gar als soziale Gesundheit behandelt wird, je nach persönlicher Neigung und nach dem Vorwissen des Unterrichtenden.
Mitarbeiter in Altenund Pflegeheimen, die sich grundsätzlich auch für die Gesundheit der Senioren mitverantwortlich fühlen sollten, müssen sich deshalb zunächst bewusst machen, dass körperliche, seelisch-geistige und soziale Entfaltungsoder gar Heilungshilfen nur dann wirksam gegeben werden können, wenn der Mensch als Ganzheit, als Leib-Seele-Geist-Einheit begriffen wird. Zum besseren Verständnis dieser Behauptung mögen hier drei Thesen von Liliane Juchli (1985, S. 167f.) helfen, die diese inhaltlich dem Buch „Die sanfte Verschwörung“ von M. Ferguson entnommen hat.
„1. These: Gesundheit und Krankheit entstehen nicht einfach zufällig. Sie stellen aktive Prozesse dar, die aus einer inneren Harmonie oder Disharmonie herrühren und tiefgreifend von unserem Bewußtseinszustand, unserer Fähigkeit oder Unfähigkeit, mit dem Strom der Erfahrung zu fließen, beeinflußt werden.
2. These: Ganzheitliche Gesundheit entsteht aus einer bestimmten Einstellung heraus: dem Akzeptieren der Ungewißheit des Lebens, der Bereitschaft, Verantwortung für Gewohnheiten zu übernehmen, aus einer bestimmten Art und Weise, Streß wahrzunehmen und mit ihm fertig zu werden, aus befriedigenderen menschlichen Beziehungen, aus einem Sinn im Leben.
3. These: Wohlbefinden kann nicht intravenös gespritzt oder durch Rezepte erreicht werden. Es entsteht aus einer Matrix: dem Körper/Geist. Das Wohlbefinden widerspiegelt psychologische und somatische Harmonie. Ein Anatom drückt dies folgendermaßen aus:
,Der Heiler in unserem Inneren ist das weiseste, komplexeste und integrierteste Wesen des Universums.‘“ Das, was Liliane Juchli im Hinblick auf eine Veränderung der uns überkommenen Lebensauffassung in Richtung „Heilen durch Wiederentdecken der Ganzheit“ formuliert, präzisiert E. Schomburg (1975, S. 142) aus psychohygienischer Sicht mit folgenden Aussagen: „In der Erkenntnis, daß unser Leben nur dann gelingt, wenn wir in die Lage gesetzt worden sind, unsere wichtigsten körperlichen und seelischen ,Lebensgrundbedürfnisse‘ angemessen zu befriedigen, scheint mir eine Grundvoraussetzung psychohygienisch fundierter Erziehung zu liegen:
Die wichtigsten seelischen Lebensgrundbedürfnisse sind Liebe
1. Sicherheit
2. Anerkennung, Bestätigung, Erfolgserlebnisse
3. Raum zu freiem schöpferischem Tun
4. Erlebnisse mit Erinnerungswert
5. Selbstachtung.“
Nur wenn diese Grundbedürfnisse weitestgehend im Umgang mit unseren Senioren und ganz besonders mit den Pflegebedürftigen ihre volle Berücksichtigung finden, können wir eine gesundheitsfördernde Lebensbejahung je nach Maßgabe der Kräfte des Einzelnen erreichen. Dass dabei die Belastbarkeit der Senioren nicht überfordert, andererseits das noch vorhandene Leistungsniveau nicht unterfordert werden darf, versteht sich von selbst. Aus soziologischer Sicht kann zudem der Begriff und der Inhalt der „sozialen Unterstützung“ hilfreich sein, von der B. Badura (1981, S. 32f.) schreibt: „Ich verstehe unter sozialer Unterstützung Eigenschaften sozialer Netzwerke, einzelner sozialer Beziehungen und konkreter zwischenmenschlicher Prozesse, die vom einzelnen als wertvoll, hilfreich oder erfreulich empfunden werden […] Fehlt die Möglichkeit zu sozialem Kontakt, zur Erarbeitung oder Bestätigung von Verhaltensorientierung oder zur Bewältigung von negativen Emotionen im Umgang mit anderen Menschen, im Falle sozialer oder emotionaler Isolation, dann wächst auch das Risiko psychischer oder physischer Erkrankungen und vorzeitigen Todes.“
Hier wird dann auch ein bis in die Gegenwart bestehender Dualismus im Verständnis von Psychohygiene transparent, den H. E. Ehrhardt (1975, S. 10 und 265) folgendermaßen erläutert: „Seelische Gesundheit und Psychohygiene im engeren Sinne beziehen sich auf den psychisch Kranken oder hochgradig Abnormen, der der ärztlich-psychiatrischen Hilfen bedarf, um ihn zu heilen, zu bessern oder zu pflegen. Damit befinden wir uns im Zentrum psychiatrischen Handelns. Mit Blick auf Rehabilitation ist hier jede Art der Hilfe und der Fürsorge für den psychisch Kranken oder behinderten Menschen gemeint. Psychohygiene ist in diesem Bereich weitgehend gleichbedeutend mit Sozialpsychiatrie.
Seelische Gesundheit und Psychohygiene im weiteren Sinne meinen und wollen demgegenüber das– nach der erwähnten Definition der Weltgesundheitsorganisation – Optimum körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens für jedermann, konzipiert als Idealnorm, realisiert im Rahmen der individuellen und sozialen Gegebenheiten und Möglichkeiten. Dabei handelt es sich nicht um eine primär und allein ärztlich-psychiatrische, sondern um eine multiprofessionelle Aufgabe; es geht nicht nur, aber auch um Präventiv-Psychiatrie.“
Die Aufgaben der Psychohygiene, die heute eine eigenständige Wissenschaft mit eigenen Forschungszielen, erprobten Forschungsmethoden auf speziellen Forschungsgebieten und spezifischen Grundrichtungen der praktischen Anwendung verkörpert, hat der Londoner Gründungskongress der World Federation of Mental Health in folgender Weise beschrieben: „Geistige Gesundheit bedeutet einen Zustand, der die optimale physische, intellektuelle und emotionelle Entwicklung des Individuums begünstigt, soweit sich diese Entwicklung mit anderen Individuen verträgt. Eine gesunde Gesellschaft ist diejenige, die eine solche Entwicklung ihrer Glieder sichert und zugleich um ihre eigenen Aufwärtsentfaltung unter Toleranz gegenüber anders gestalteten Gesellschaften besorgt ist.“ Oder anders ausgedrückt: Die Lehre vom seelisch-geistigen Gesundheitsschutz zielt heute auf eine optimale Gestaltung des psychischen und sozialen Milieus von der Kindheit bis ins hohe Alter, ja bis zum Tode, durch Förderung der seelischen und geistigen Gesundheit bzw. durch Verhütung seelischer Krankheiten und ihrer körperlichen Folgen. Nach K. Mierke (1967) kann man drei wesentliche Aufgaben der Psychohygiene unterscheiden: präventive Psychohygiene, d. h. prophylaktisch, vorbeugend; restitutive Psychohygiene, d. h. regenerierend, korrigierend; kurative Psychohygiene, d. h. klinisch heilend. Und E. Schomburg (1977, S. 26f.) beschreibt die Aufgaben der Psychohygiene als den Weg, „zu einer relativen Freiheit von Angst, Bedrohung und Haßgefühlen und zu einer positiven Einstellung zur eigenen Person, zu den Mitmenschen und zur Bejahung der Realität zu gelangen.“ Abschließend soll hier eine stichwortartige Zusammenfassung psychohygienischer Maßnahmen und Hilfen für einen humanen Alltag in Altenund Pflegeheimen stehen. Dabei möchte „human“ im Sinne H. von Hentigs (1977, S. 7) verstanden werden, der diesen Begriff einmal folgendermaßen inhaltlich zu beschreiben versuchte: „,Human‘ heißt immer ,menschenwürdig‘, mißt immer an einer Vorstellung davon, wie der Mensch sein soll, und wird konkret faßbar durch sein Gegenteil ,inhuman‘: menschenunwürdig, menschenvernichtend, menschenfeindlich. In der Tat erfahren wir den Sinn des Wortes an der Verletzung von Rechten oder Gütern oder Werten, die oft selber erst in der Erfahrung der Verletzung bewußt werden. Es ist gut, sich das klarzumachen, weil in dem Wort ,human‘ immer mitklingt: da geht es um etwas Zeitloses und für alle Gültiges; man habe also sehr wohl gewußt, was man hätte schützen oder erreichen sollen; und um so weniger verzeihlich ist seine Mißachtung.“
Aus dieser Grundeinstellung ergeben sich aus psychohygienischer Sicht für die Einrichtungen und ihre Mitarbeiter u. a. folgende Aufgaben:

  • Erhalt bzw. Erweiterung der Frustrationstoleranz, d. h. den Senioren/Pflegebedürftigen nicht zu schwere, aber auf keinen Fall unterfordernde Leistungen abzuverlangen, sondern ihnen immer wieder Aufgaben zu stellen, die etwas über dem erreichten Leistungsstand liegen, damit sie sich anstrengen und Erfolgserlebnisse erreichen können.
  • Rhythmisieren des Alltags nach dem biologischen Rhythmus im Wechsel von Spannung und Entspannung. 
  • Schaffung von Erfolgserlebnissen zur Unterbrechung einer Kette von Misserfolgen.
  • Anregen zu einem Hobby, das in besonderem Maße den (noch) vorhandenen eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten entspricht.
  • Tägliches Bemühen um den einzelnen Bewohner im Altenund Pflegeheim mit gesprächsweiser Abklärung exogener oder endogener Ursachen, die zu Versagensoder Frustrationserlebnissen, zu familiärer Deprivation oder gesundheitlichen Störungen führen könnten.
  • Hebung und Stärkung des Selbstwertgefühls.
  • Lockere, fröhliche, repressionsarme Heimatmosphäre.
  • Ermutigung und Lob auch schon bei geringsten Anlässen.
  • Differenzierung menschlichen Verhaltens, z. B. durch Rhythmik, Tanz, Sinnesübungen und andere heilende Bewegungsübungen.
  • Gehemmten Senioren zur Kontaktaufnahme mit anderen Bewohnern helfen.
  • Freie und gebundene Spielmöglichkeiten erschließen.
  • Freundschaften fördern.
  • Seelsorgerliche Gespräche zur Bewältigung von Lebensproblemen im Alter führen.
  • Alle Räume wohnlich gestalten.
  • Förderung von kleineren oder größeren Feiern, Festen, Gemeinschaftsveranstaltungen.
  • Kontaktpflege mit der Außenwelt.
Zusammenfassend soll hier aber noch einmal festgehalten werden, dass eine ganzheitliche Gesundheitsförderung von der Erkenntnis geleitet sein muss, dass es um die Behandlung von Ursachen und nicht von Symptomen geht, dass im Mittelpunkt aller helfenden (heilenden) Bemühungen der Mensch als Persönlichkeit mit seinem Lebensschicksal stehen muss und dass im Sinne einer psychosomatischen Medizin der Einfluss seelischer Vorgänge auf Entstehung und Ablauf von Krankheiten ebenso ernsthafter Beachtung und Erforschung bedarf wie der Einfluss chemischer, physikalischer oder bakterieller Prozesse.
Und hier muss nun ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass alle bisher genannten Aspekte der Psychohygiene auch von einer pastoralen Altenseelsorge mitgetragen sein sollten. Johann Heinrich Pestalozzi prägte einst den Begriff vom „Elend der Lieblosigkeit“. Elend meint jenen Zustand äußerer und innerer Bedrängnis, den auch Verwandte alter Menschen ebenso wahrnehmen sollten wie Mitarbeiter in Altenund Pflegeheimen. Pestalozzi hat die „Liebe“ stets „als den uns Menschen fasslichen Funken vom Licht Gottes“ aufgefasst. Aber er meinte auch: „Liebe ist noch nie anders als durch Liebe geweckt worden.“ Das sollten wir bei allen Bemühungen um die seelische Gesundheit nie vergessen.

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